6. Februar 2020

Dreibändige Edition der Synodalprotokolle der Landeskirche

Die frühneuzeitlichen Synodalprotokolle der Superintendentur Birthälm, dem Jurisdiktionsgebiet der evangelischen, von Siebenbürger Sachsen dominierten Kirche sind eine herausragende Quelle – über die siebenbürgische Kirchen- und Landesgeschichte hinaus auch für die evangelische Kirchengeschichtsforschung allgemein. Fast singulär ist nämlich im Europa der Frühen Neuzeit eine von lutherischen Geistlichen selbstverwaltete Kirche, die in Kleriker-Synoden rechtssetzende, rechtsprechende, administrative, finanzielle Regelungen traf und auf politische Entscheidungen und Herausforderungen reagierte. Die aussagekräftigen Protokolle dieser Synoden sind weitgehend vollständig überliefert. Nun liegt die gedruckte Edition bei der Honterusdruckerei zum Binden und wird in Kürze als Band III/1-3 des Urkundenbuchs der Evangelischen Landdeskirche veröffentlicht.
Die Edition beruht auf der Überlieferung in sechs einschlägigen frühneuzeitlichen Sammlungen. Die handschriftlichen Textvorlagen lagen bislang in verschiedenen Archiven Siebenbürgens. Die Editions-Arbeiten erfolgten anhand hochaufgelöster Digitalisate. Den Hauptteil der Transkriptionen nahmen an der Universität Szeged unter Leitung von Prof. Dr. Mihály Balász vier junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor. Eine umfangreiche Auswahl dieser überwiegend neulateinischen Texte übersetzte Dr. Annastina Kaffarnik, ihre Übersetzungen mit den einschlägigen Registern sind Inhalt des 3. Teilbandes der insgesamt fast 2000 Druckseiten. Die Historikerin Dr. Edit Szegedi (Babeş-Bolyai-Universität Klausenburg) hat fachlich beraten und für jedes Protokoll die kompakten, äußerst informativen, einleitenden inhaltlichen Zusammenfassungen erstellt.

Digitalisierung, Transkription, Übersetzung und Edition wurden in mehreren Phasen gefördert von der Beauftragten der deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Der Druck erfolgt durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien aus Mitteln des Departements für Interethnische Beziehung der rumänischen Regierung sowie der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien.

Bereits 1922 teilte Friedrich Teutsch in einer Fußnote seiner „Geschichte der evangelischen Kirche in Siebenbürgen“ mit, dass er an einer Publikation der Synodalprotokolle ab 1600 arbeite. Als 2008-2010 der Siebenbürgen-Band der „Evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhundert“ an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften entstand, zeigte sich, dass in den herangezogenen Handschriften auch die Synodalprotokolle der folgenden Zeit überliefert sind.
Ulrich Wien (links) und Martin Armgart in der Uni ...
Ulrich Wien (links) und Martin Armgart in der Uni Koblenz-Landau. Foto: Simone Mitzner

Bedeutung

Die Synodalprotokolle 1601-1752 bieten ein komplexes Bild vornehmlich, aber nicht ausschließlich der sächsischen Gesellschaft. Weil sie nicht nur alle Lutheraner, auch jene, die in den Komitaten als Hörige lebten, umfasste, sondern auch Reformierte (Broos); sie umfasste Gemeinden mit mehreren Sprachen, nämlich Deutsch, Ungarisch, Bulgarisch; sie war offener als die Nationsuniversität, und zwar in zwei Richtungen: nach außen durch Konversion (Synoden 1631, 1672), nach innen durch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs der Hörigen-Söhne.

Die Synodalprotokolle sind für das Bild der siebenbürgischen Gesellschaft der Frühen Neuzeit auch deshalb von einem unschätzbaren Wert, weil die Stimme der sächsischen Hörigen nirgendwo so laut hörbar ist. Die sächsischen Hörigen dulden ihr Leid nicht einfach, und die geistliche Universität nimmt ihre Probleme ernst, selbst wenn die hörigen Bauern sich gegen die Vertreter der Kirche wenden. Der materiellen, sozialen und sittlichen Lage der Gemeinden und Kapitel, dem „demographischen Wandel“ infolge des langen Türkenkrieges (1593-1606) wie auch infolge des polnischen Abenteuers von Georg Rákoczy II. (1657), dem Druck seitens der Fürsten und danach der habsburgischen Verwaltung begegnet die geistliche Synode mit Maßnahmen, die zumindest versuchen, den Anschein von Ordnung in einer Welt der Unordnung zu bieten, die ganz aus den Fugen geraten ist. Vor allem die Protokolle des 17. Jahrhunderts erinnern in ihrer ungeschminkten Darstellung der Lage, in ihrer oft deftigen Sprache an die deutschsprachigen erzählenden Quellen des Barockzeitalters (obwohl sie lateinisch sind). Die Verhandlungen der vielen Eheangelegenheiten bieten ebenfalls ein komplexes Bild, das jeglichen Vereinfachungen widerstrebt. Viele Fälle werden differenziert behandelt, andere schnell abgekanzelt. Scheidungen werden zwar ausgesprochen, aber nur als notwendiges Übel betrachtet, einmal beschlossene Scheidungen hingegen nur ungern neuverhandelt.

Überhaupt ist der Umgang der geistlichen Universität, selbst dann, wenn es um Glaubensfragen ging, differenziert: Die Angeklagten hatten die Möglichkeit zur Verteidigung, die Teilnehmer der Synoden waren selten einer Meinung. Die Verhandlungen sind oft stürmisch, vor allem, wenn es um die Zuständigkeiten der Kapitel und des Superintendenten geht.

Abschluss der langjährigen Arbeiten

Auf Anregung des langjährigen Vorsitzenden des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, Dr. Ulrich A. Wien, wurde das Projekt der Edition der Synodalprotokolle konzipiert und beantragt. Dr. Martin Armgart stellte die entsprechende Überlieferung von 1601 bis 1752 zusammen und legte die Basis für die kritische Edition. Durch die jetzt erarbeitete Edition der Originaltexte wird der Wissenschaft, darüber hinaus mithilfe der Übersetzung auch den landeskundlich breit Interessierten ein Zugang zur bislang weitgehend unbekannten siebenbürgischen Welt des 17. und 18. Jahrhunderts verschafft.

Die Edition steht in einer Reihe bedeutsamer Quelleneditionen zur siebenbürgischen Landeskunde und Kirchengeschichte der letzten Jahre. Bereits 2011-2014 konnten in einem Projekt am Institut für Evangelische Theologie am Campus Landau die mittelalterlichen Urkundentexte (bis zum Jahre 1500) in ein Virtuelles Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen eingestellt und bequem recherchierbar bereitgestellt werden. 2012 erschien als Band 24 ein Siebenbürgen-Band in der renommierten Reihe der „Evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Nun wird diese Serie von Quelleneditionen mit der Herausgabe der Synodalprotokolle der Evangelischen Superintendentur Birthälm (1601-1752) nahtlos fortgesetzt.

Simone Mitzner

Schlagwörter: Wissenschaft, Kirchengeschichte, Evangelische Kirche, Birthälm, Quellen, Editionsprojekt

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