22. April 2021

„Lebendige Worte“ (XI): Christel Ungar stellt ihren vierten Gedichtband und ihre Beziehung zu Bukarest vor

Christel Ungar, geboren am 19. Juli 1966 in Hermannstadt, studierte Germanistik und Romanistik an der „A. I. Cuza“-Universität in Jassy und war nach Abschluss Deutschlehrerin in Sathmar. Seit Juli 1990 arbeitet sie bei der deutschen Sendung des Rumänischen Fernsehens TVR in Bukarest (zurzeit Mitglied im Verwaltungsrat). Sie veröffentlichte vier Gedichtbände: „So blau / Atât de albastru“ (Global Media, 2001), „Wenn wir jetzt / Dacă acum“ (Honterus, 2011), „Rot / roșu“ (Honterus, 2016) und ,,Du bist mein Kreuz / Tu ești crucea mea“ (Honterus, 2020).
Ich fühle mich geehrt, in der Siebenbürgischen Zeitung zu Wort kommen zu können, eben jetzt in einer Zeit, in der die persönlichen Begegnungen pandemiebedingt etwas in den Hintergrund gerückt sind. Wie viel einem zum Beispiel das jährliche Treffen beim Heimattag in Dinkelsbühl bedeutet, merkt man eben jetzt, wo es einem fehlt. In den Vordergrund gerückt sind jedoch die Medien als Bindeglied zwischen Menschen, Ländern und Kontinenten. So auch die Siebenbürgische Zeitung. Im Folgenden möchte ich Ihnen meinen 2020 erschienenen Gedichtband ,,Du bist mein Kreuz“ kurz vorstellen. Als zusätzlichen Blick hinter den Vorhang können Sie auch mein Essay lesen, aus dem meine besondere Beziehung zu Bukarest, nach Hermannstadt meine zweite Heimat, hervorgeht.

Drei Fragen an Christel Ungar

Ihr vierter Lyrikband „Du bist mein Kreuz“ ist zweisprachig, in deutscher und rumänischer Sprache, vor Kurzem im „Honterus“-Verlag erschienen. Wie kam es zu seiner Entstehung?

Eigentlich ist es immer wieder meine Schwester Beatrice, die darauf besteht, etwas von mir erscheinen zu lassen und dann auch die rumänische Fassung zeichnet, als begnadete Übersetzerin. Das war schon beim ersten Gedichtband „So blau“ so und wird wohl so bleiben. Wir haben zusammen eine Auswahl der Gedichte getroffen, die in den ersten drei Bänden erschienen sind, da wir immer wieder danach befragt worden sind und keine Bände mehr vorlagen. Ich bedanke mich bei der Honterusdruckerei für das Layout, bei Stefan Orth und Katharina Zipser für die Illustrationen und last but not least möchte ich mich an diesem Punkt beim Festivaldirektor und Intendanten des Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheaters Constantin Chriac für seine tiefgreifende und weitschweifende Einleitung bedanken.
Christel Ungar. Foto: Marius Sienerth ...
Christel Ungar. Foto: Marius Sienerth
Der Titel des Gedichtbands lautet „Du bist mein Kreuz“, welcher tiefere Sinn steckt dahinter?

Das Kreuz hat mich eigentlich von Kind auf immer begleitet. Ich habe anfangs Verzicht und Selbstlosigkeit damit verbunden, beides eigentlich sehr feminine Eigenschaften, alsdann Schenken und Verstehen. Jedoch: Es ist nicht die Pflicht und Schuldigkeit eines Dichters, sich zu erklären. Ich möchte meine Leser davor warnen, in die Falle des billigen Symbolismus zu fallen. Es ist das gute Recht eines Dichters, seiner Subjektivität freien Lauf zu lassen und keine Grenzen zu setzen. Es ist wie bei einem Bild oder einem Musikstück – auch wenn man noch so genau erfährt, wann und wie der jeweilige Maler oder Komponist es hat entstehen lassen, versteht man es erst, wenn man es mit seinen eigenen Sinnen aufnimmt.

Viele der Gedichte sind Liebesgedichte. Wer war Ihre Muse und welcher Dichter Inspiration?

Nora Iuga, die Grande Dame der rumänischen Gegenwartsliteratur, spricht in ihrem Vorwort zu meinem dritten Gedichtband „Rot“ in einem feinfühligen Exkurs über die Poesie und den Dichter, von dem primären Instinkt des Dichters, ausschließlich Liebesgedichte zu schreiben. „Liebe und Poesie haben eine gemeinsame Wurzel“, meint Iuga, „und ich bin sicher, dass die Dichter unsere ersten Lehrer in Sachen Poesie und Liebe zugleich gewesen sind.“ Lassen wir es dabei.

Meine Hälfte

Sie kam zuerst
als Zwischenton
einer Kindheitserinnerung
den ich plötzlich
verstand.

Nachher war sie einfach da.
Manchmal tonlos,
so dass ich sie fast vergessen hätte,
dann wieder
als das einzige Konzert
das nur für mich ertönte.

Ich schrumpfte
und wuchs im Rhythmus mit ihr
zum Grundton
unserer Melodie.

Nun tönen
wir gemeinsam.

Meine Hälfte
und ich.

Kreuzweg

Ich bin dein
auch wenn du
dich gegen das Kreuz stemmst
ich bin dein
auch wenn sie
mich dafür kreuzigen

ich bin dein
seit sich
unsere Blicke gekreuzt haben
ich bin dein
weil du
mein Kreuz bist.

Erbarmen

Vergib
dem flüchtigen Augenblick
die Tiefe
und dem Flüchtenden
die Flucht.

Hüll sie
in Versprechen;
denn
Flucht ist Fluch genug.

Immer und überall

Engel
sind einsam


jeder will sie,
jeder braucht sie,
jeder ruft sie,

dann und wann.

Wen kümmert es schon
ob sie fliegen können


zwischen dem einen
und anderen
Augenblick?


Pfingsten

Nimmst
du deine Hand
von meiner Schulter
verlern ich
vor lauter Suchen
zu gehen
vor lauter Zweifel
zu atmen.

Entwendest
du mir deine Schulter
werd ich am Wellenrücken
hin- und her gerissen
wie der Meeresschaum
bis ich dann am Ufer
sinnlos zerrinn.

Klagemauer

Unter der wartenden Haut
erklingen die Klaviersaiten
tonlos
während ihre Akkorde
zu sehnenden Händen
werden
die alles nehmen und geben
und immer wieder vergessen
die unzähmbaren Lieder
bei denen du weghörtest.


Jetzt singen nur noch die kahlen
Wände meine Klage gleitet an ihnen ab.

Beschattet

Die Wand de Klosters entlang
streift er zögernd um die Ecke
dein Schatten
Stein um Stein
als wollte er umfassen
die Ahnung meines Schattens,
der sich so sehr bemüht hatte
im Vorbeigleiten
Spuren zu hinterlassen.


Abhängig

Gehst du von mir
hänge ich im Nichts
wie die Fäden
in einem
Hopfenfeld
im Herbst.

Ohne dich

Jeder Augenaufschlag
Der nicht dir gilt,
ist taub,
jedes Aufhorchen,
das nicht deine Stimme hört,
ist stumm,
jedes Sprechen,
das nicht deinen Namen nennt,
ist blind.

Du und ich

Wir brennen
wie zwei Kerzen
am Ende eines Festes
das nicht mehr
stattgefunden hat.

Versteinert

Es war immer
der Stein
der zwischen uns stand
den sie uns nachgeworfen
hätten
der liegen blieb.

Vorsicht

Nimm dich vor Wölfen in acht!
nein, ich werde gegen sie kämpfen.
sie werden mich beißen, ich werde
sie zähmen,

nicht Wolf unter Wölfen
nicht Jäger, noch Wild.

Sie werden dich zerreißen!
Nein, ich fürchte sie nicht!

Sie werden dich hetzen!
Nein, ich bin viel zu unscheinbar.

Sie werden dich lieben!
Nein, ich werde sie lieben,
dann ist es sowieso zu spät
ich lande im Reißwolf.

Luftwurzeln

Aus den Angeln gehoben
nie wieder niedergestellt
auch nicht abgestellt
vielmehr
auf sich selbst gestellt
flattern sie suchend
zwischen
Himmel und Erde.

Können sich nie
und nicht
verwurzeln.

Kraftprobe

Zieh deine Fesseln
nicht
mit jeder
meiner Berührungen
straffer,

entfesselt
schwimmt
es sich besser
auf die
Insel unseres
Ineinander
Wachsens.

Christel Ungar: „Du bist mein Kreuz / Tu es¸ti ...
Christel Ungar: „Du bist mein Kreuz / Tu es¸ti crucea mea“. Ausgewählte Gedichte. Rumänische Fassung Beatrice Ungar, mit einem Vorwort von Constantin Chiriac und Illustrationen von Stefan Orth und Katharina Zipser. 87 Seiten, Honterus Verlag Hermannstadt, 2020, ISBN 978-606-008-048-0.

Mein Bukarest

Es war der 21. Dezember 1989. Ich war in den Schulferien zu Hause in Hermannstadt. Am Morgen hörte man Rattern von Maschinengewehren ganz in der Nähe. Es hat auch hier begonnen. Ein paar Tage vorher hatten mir Studenten am Bahnhof erzählt, was in Temeswar passiert war. Sie waren etwas verschreckt, aber auch voller Hoffnung, dass es nun richtig losgeht! Ich sagte zu meinem Bruder: Ich geh auf die Straße. Er kam mit. Bis in die späten Abendstunden marschierten wir durch Hermannstadt. Die rosa Fahne, auf der „libertate“ stand, die ein Romajunge stolz vor uns hertrug, wich bald einer richtigen rumänischen Fahne, aus der man das Wappen entfernt hatte. Waren es am Anfang nicht mehr als 100 Leute, die loszogen, so waren es am Abend mehrere Tausende ... și noi suntem români și voi sunteţi români ... Ein unvergessliches Bild ... das allgemeine Knien vor der orthodoxen Kathedrale, jeder hielt ein angezündetes zu einer Fackel gedrehtes Papier in die Höhe und Ion Mircea, der bekannte Dichter, sagte nur: Simţi, Christel, cum trec îngerii peste capetele noastre? Am nächsten Tag sollte dann alles anders kommen. Und dennoch, endlich waren wir frei! Mein Schicksal hat mit der rumänischen ­Revolution begonnen, vor 30 Jahren. Bereits von klein auf hatte ich einen starken Willen, ein gut entwickeltes Freiheitsgefühl und war äußerst selbstständig. Fünfjährig holte ich meine Kolleginnen von zu Hause ab und führte sie in den Kindergarten und zurück, bis ein betrunkener Motorradfahrer direkt in uns hineinraste und einem der Mädchen die Hand brach. Damals erteilte mir meine Großmutter, die Lehrerin Erna Ungar, geborene Dietrich, eine Lektion fürs Leben darüber, was es heißt, eine Aufgabe auf sich zu nehmen und Verantwortung zu übernehmen, wenn man sich anderer annimmt. Das Verantwortungsgefühl sollte mir in vielen Lebenssituationen den richtigen Weg weisen.

Januar 1990. Ein Anruf sollte mich nach Bukarest bringen. Der begnadete Kameramann Florin Orezeanu und seine Frau Ana Maria Pop hatten mich 1984 liebgewonnen bei Dreharbeiten für einen Film über Ricky Dandels Musikband „Solaris“ im Hermannstädter Freilichtmuseum im Auftrag der Deutschen Sendung des Rumänischen Fernsehens, die kurz darauf vom Bildschirm verbannt wurde, zusammen mit vielen anderen Sendungen. Die Sendezeit des rumänischen Fernsehens wurde auf zwei Stunden pro Tag gekürzt.

Gleich nach der Wende, als die beiden Redakteurinnen Ildiko Schaffhauser und Renate Storch die deutsche Sendung wieder ins Leben gerufen haben, waren sie auf der Suche nach Mitarbeitern. Meine erste Reportage bei der deutschen Sendung hatte die rumänische Revolution aus der Sicht der Schüler der deutschen Schule Bukarest zum Thema. Es war, als hätte ich nie etwas anderes gemacht, wobei ich vorher nie daran gedacht hatte, je beim Fernsehen zu arbeiten, obschon mein Vater, der langjährige Buchhandlungsdirektor und Übersetzer Reimar Alfred Ungar von Zeit zu Zeit ein Drehbuch für die deutsche Sendung geliefert hatte. Mit dem Fernsehen verband mich bloß meine Freundschaft zu meinem späteren Ehemann, dem Starsportkommentator Cristian Ţopescu. Aber auch ihm hatte ich nichts von meinen Plänen gesagt. Ich begegnete ihm bei seiner Rückkehr von der Fußballweltmeisterschaft in Italien im Juli 1990 auf den Gängen des Fernsehens. Überrascht fragte er, was ich da tue, und ich entgegnete ganz einfach: Ich arbeite hier. Und das tue ich inzwischen seit 30 Jahren, durch Höhen und Tiefen, mit Blick auf die jeweils nächste Sendung. Sprechen konnte man dann jahrelang darüber mit dem Schriftsteller und Publizisten Hans Liebhardt, der ein wandelndes Lexikon gewesen ist, was die Deutschen in Bukarest betrifft. Zu jedem hatte er eine Anekdote parat, die ihn oder sie im Handumdrehen ins richtige Licht rückte. Er fehlt mir, so wie viele andere der Menschen aus Bukarest, denen ich begegnet bin, die mein Leben auf die eine oder andere Weise geprägt haben und die nicht mehr unter uns sind. Unter ihrer Obhut habe ich geheiratet, meinen Sohn zur Welt gebracht, Sendungen gemacht, Jazz gesungen, Gedichte geschrieben, Konzerte und Theaterstücke besucht, Museen und Galerien abgeklappert, Filme gesehen, an Sportveranstaltungen teilgenommen, Bukarest von einem Ende zum anderen zu Fuß erkundet mit all seinen versteckten Plätzen und Winkeln. Immer noch entdecke ich das eine oder andere Gebäude, erfahre ich eine neue Geschichte des Ortes, tauche ich in die Legenden ein.

Und dennoch: In Bukarest bin ich zu Hause, wenn ich die Glocken der evangelischen Kirche höre, da ich hier vom Pfarrerehepaar Ambrosi sehr herzlich empfangen wurde, als ich mich noch recht unbeholfen in der großen Stadt vorauswagte, aber auch nicht zuletzt weil die Glocken mich jedes Mal an das erinnern, was uns unsere Lehrer seinerzeit im Hermann­städter Einser Lyzeum (so hieß die Brukenthalschule in den 80er Jahren) eingebläut haben: „Der letzte Glockenschlag soll euch in der Klasse treffen.“

Christel Ungar

Schlagwörter: Lebendige Worte, Literatur, Christel Ungar, Journalistin, Lyrik, Bukarest, Gedichtband

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