29. April 2024

Identität und Zugehörigkeit: „Wir sind hier für die Stille“ von Dorothee Riese

Judith, Iudita, Iuţi, Iutca – das Mädchen, das Anfang der 1990er Jahre mit seinen Eltern von Deutschland nach Rumänien auswandert, hat viele Namen, ebenso wie das Dorf am Ende zweier Landstraßen in Siebenbürgen, in dem die Familie sich niederlässt: Sarmizegetusa, Valihta, Waldlichten. Der mehrsprachige Ortsname spiegelt die wechselvolle Geschichte der Region so, wie sich an Judiths ebenfalls mehrsprachigen Namen ihre Entwicklung, ihre Identitätsfindung ablesen lässt, von der Dorothee Rieses autobiografisch gefärbter Roman „Wir sind hier für die Stille“ erzählt. Wer bin ich und wo gehöre ich hin? Wer ist Freund und wer ist Feind? Wem kann ich trauen und vor wem laufe ich besser davon?
Programmatisch ist der Satz, den der siebenbürgisch-sächsische Pfarrer zu Judiths Vater sagt: „Kurt, in diesem Land muss jeder seinen Platz haben, das musst du begreifen“. Judiths Eltern Kurt und Anna begegnen allen Dorfbewohnern unbefangen und vorurteilsfrei: Roma, Ungarn, Rumänen oder Siebenbürger Sachsen, jeder verdient Aufmerksamkeit und Respekt. Dass sie, weil sie aus dem Westen kommen, als reich angesehen, darum regelmäßig um Lebensmittel gebeten und sogar im eigenen Haus bestohlen werden, erschüttert sie kaum („Wir sind hier für die Stille, nicht für das Brot.“), ebenso wenig wie die ungeschriebenen Gesetze, die den Umgang miteinander regeln. Judith aber erspürt mit feinen Sensoren und kindlicher Unbefangenheit die Dynamik im Dorfgefüge und sucht ihren Platz, ringt geradezu darum, ihn zu finden – nur wo? In welcher Sprache, bei welcher Volksgruppe?

Findet sie ihn bei der alten Lizitanti, der Nachbarin, die ihrer Familie den Schlüssel für das rosa Haus mit der Nummer 26 überreicht? „Lizitanti war sehr schwarz, sie trug einen schwarzen Rock, eine schwarze Schürze und unter dem Hut auch ein schwarzes Kopftuch. Aber die Ärmel ihrer Bluse waren weiß. Lizitanti hatte hellblaue Augen, die sahen alles. Und sie sprach auch so eine Sprache. Das war Deutsch, aber es pikste, rollte und stach.“ Oder ist Judiths Platz im kleinen Haus „aus rauhem Beton“ bei dem „Mädchen mit der Ziege“, Irina, mit der sie sich nach anfänglichen Schwierigkeiten anfreundet und die von Lizitanti „Verrotzte“ und „schwarzer Teufel“ genannt wird? Fühlt sie sich Blanca, der Tochter des „Staatsfarmlers“ Costache, zugehörig, dieser Blanca, die „Schneewittchenhaare und Schneewittchenhaut“ und ein Barbiehaus hat und bei deren Geburtstagsfeier im neu gefliesten Wohnzimmer „Kuchenstücke mit grüner und blauer Creme, mit Kokosverzierung und Streuseln“ und Limonade in Zweiliterflaschen zu englischer Popmusik gereicht werden? Oder hat sie einen Platz bei George, dem Enkel des Schäfers, und seiner Familie, in deren Garten „ein prächtiger Nussbaum“ steht, mit dem sie Reisig sammelt, „Brot in Sonnenblumenöl“ tunkt und wo sie wie George „Mamas Küken“ genannt wird? „Weiße Spitzen umrandeten die braunen Vierecke und roten Blüten der Plastiktischdecke. In den Vierecken putzten sich Fliegen Vorderbeine und Flügel.“

Einen neuen Platz bietet die Schule, in die Judith ungefähr ein Jahr nach ihrer Ankunft im Dorf kommt. Dass sie die rumänische Klasse besuchen muss, weil es keine deutsche mehr gibt, bereitet ihr keine allzu großen Schwierigkeiten, denn Rumänisch hat sie inzwischen gelernt, und bei den Schreibübungen ist sie so eifrig, dass ihre Lehrerin, die „Frau Ingenieur“, sie „mein schnelles Autochen“ nennt. Das Lernen in der fremden Sprache fällt ihr so leicht, dass am Ende des Schuljahres eine „Zehnerreihe in ihrem Notenheft“ und sie als Klassenbeste „mit einem Blumenkranz auf der Bühne“ steht. Gehört sie nun dazu? „Sicher war sich Judith nicht, ob sie eine rechtmäßige Dorfbewohnerin war. Sie war die beste Rumänischschülerin, die das Dorf je gesehen hatte, das wiederholte Doamna Ingenieur fast täglich. (…) Judith kannte jeden Stein im Dorf (…) Ja, sie war gut und gerecht. Aber das reichte nicht aus. Sie hatte zum Beispiel keine Tracht für den Volkstanz. (…) Nicht mal Sonnenblumenkerne knacken konnte sie richtig.“

Die Zweifel an ihrer Zugehörigkeit verstärken sich, als die Heranwachsende körperliche und geistige Veränderungen an sich bemerkt, ihre Sexualität entdeckt und schließlich ihre erste Periode bekommt – da besucht sie das Dorf nur noch am Wochenende und in den Ferien, weil sie im deutschen Internat in der nahen Kreisstadt ist. Hier firmiert sie unter ihrem amtlichen Namen „Schiller, Judith, Zimmer Nr. 9“ – so steht es „im großen Buch“ der „Frau Pädagogin“ –, trifft Blanca wieder und wird auf Vorschlag der „Päda“ einstimmig gewählt zur „Zimmerchefin. Auf Deutsch hätte sie Zimmersprecherin geheißen, aber Chefin war genauer, denn sie musste entscheiden und dirigieren“. Eine Sonderstellung und wieder ein neuer Platz, den sie, nachdem sie ihn sprachlich eingeordnet hat, ausfüllen muss, während ihr die Bezugspersonen im Dorf, besonders Irina, entgleiten, weil sich für sie die eigene kleine Welt anders und ohne Judith weiterdreht.

Ein Mädchen an einem fremden Ort mit (mindestens) einer fremden Sprache und dazu auch noch die Pubertät – Dorothee Riese fächert in ihrem Debütroman Judiths Geschichte von Selbstfindung und Erwachsenwerden mit der Dorfgeschichte als Schablone in immer feineren Verästelungen auf. Die Autorin ist selbst als deutsches Kind in Rumänien aufgewachsen und erklärt in einem Interview mit ihrem Verlag: „Ausgangspunkt für das Buch waren meine Erinnerungen an diese Zeit und die für mich als junge Erwachsene drängende Frage, warum ich dieses Dorf und dieses Land wieder verlassen habe, warum meine Zugehörigkeit zu diesem Dorf so flüchtig war. Ich habe mit Erinnerungsfragmenten angefangen und dann versucht, das herauszuarbeiten, was mir an ihnen wesentlich erschien.“ Das ist manchmal grausam (wie Kinder in ihrer gnadenlosen Ehrlichkeit und das Leben eben sein können), es ist poetisch, wenn auf die rumänische Volksballade Mioriţa, die einer Folie gleich über dem Text liegt, immer wieder Bezug genommen wird, und es ist ein Eintauchen in die rumänische Sprache, die Judith zu durchdringen versucht, indem sie in einem dicken Heft „Wörter und Redewendungen und alles, was sie darüber in Erfahrung bringen konnte“ sammelt. Dazu sagt Riese ebenfalls im genannten Interview: „Der Ort meines Sprechen- und Schreibenlernens waren das siebenbürgische Dorf, die rumänische Schule, die postsozialistische Kleinstadt. Daher musste ich dort nach der Sprache suchen.“ Diese Suche ihrer Hauptfigur Judith durchzieht den gesamten Roman, der das Fragmentarische nicht vollständig abgelegt hat, aber doch in einer Art Ankunft gipfelt.

Am Ende wird Judith gefragt: „Und wer bist du?“. Und da weiß sie: „,Iuţi‘, sagte sie zögernd, und dann (…), noch mal, etwas sicherer: ,Ich bin Iuţi‘.“

Doris Roth

Dorothee Riese: „Wir sind hier für die Stille“. Roman. Berlin Verlag, Berlin/München, 2024, 240 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-8270-1493-1.

Schlagwörter: Literatur, Roman, Buchbesprechung

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