13. Juni 2021

Ich will nicht hassen, nur wissen: Eine Siebenbürger Sächsin auf Spurensuche der Russlanddeportation ihrer Mutter

Ich, Wiltrud Wagner, war sechs Monate in Russland und bin danach, am 1. Dezember 1946, in Dessau zur Welt gekommen. Es sind bereits 75 Jahre seit der Deportation vergangen, als die ersten Siebenbürger Sachsen am 15. Januar 1945 anhand der Listen von zu Hause abgeholt wurden, um dann in Sammelorten zu warten. Jeder durfte nur ein Gepäckstück mit Nahrungsmitteln für mehrere Tage und warme Kleidung mitnehmen. Wer Agnetheln, ein kleines Städtchen im Harbachtal, kennt, weiß, dass hier seit November 1898 bis 1969 die Kleinspurbahn mitten durch den Ort fuhr, sowohl Personen als auch Waren transportierte. Meine Mutter, Ilse Hager, deren Haus gleich am Bahnhof war, die einen Sohn mit sechs und eine Tochter mit vier Jahren hatte, musste sofort hier mit ihrem Mann in den Zug steigen. In ihrem Rucksack auch ein Läusekamm, der ihnen und anderen später sehr nützlich wurde. Auf dem Marktplatz standen schon viele Leute, um sich von ihren Lieben zu verabschieden, die aus der Turnhalle kamen und sofort einsteigen mussten. Meine Mutter rief noch schnell aus dem Zugfenster: „Bitte geht zu uns ins Haus auf dem Bahnhof. Die Kinder sind dort ganz alleine.“
In Russland angekommen, erwarteten sie unmögliche Unterkünfte, die oft völlig überfüllt waren, mit Stockpritschen, die manchmal in Schicht benutzt wurden. Öfter fehlte das Fensterglas, und das im Winter, im kalten Russland. Die Verpflegung bestand aus Krautsuppe, Krautsuppe und wieder Krautsuppe. Das Frühstück aus Tee mit Zucker und der ganzen Tagesration Brot. Da hat der Hunger viele Menschen psychisch wie auch körperlich verändert. Das Schlechtdenken im Lager nahm Überhand. Es gibt den Spruch, und der trifft hier besonders zu: „Reiße den Menschen aus seinen Verhältnissen und was er dann noch ist, ist er auch wirklich.“ So sagte einer: „Im Lager erlangten wir die Grenze zwischen Menschen und Tier, wir wurden oft zum Tier.“

Viele Männer traf das Schicksal, oder besser gesagt der rumänische Staat, noch einmal. Nach ihrer Rückkehr mussten sie erneut für drei Jahre zum rumänischen Militär. In Wirklichkeit waren dies Arbeitslagerjahre. Ein Bekannter sagte mir: „Mit 17 musste ich zum deutschen Heer, dann kam ich für fünf Jahre nach Russland. Das ging ja alles, aber dass mich die Rumänen dann noch einmal für drei Jahre in ihr Militär zur Arbeit steckten, das kann ich ihnen nicht verzeihen. Meine ganze Jugend war kaputt.“

Meine Mutter, eine gelernte Krankenschwester, war am 15. Januar 1945 in Agnetheln in den Zug gestiegen, am 14. Februar 1945 in Hanjonkowa angekommen und durfte am 10. September 1946 das Lager in Richtung Dessau verlassen, obwohl sie unbedingt nach Rumänien zu ihrer Familie wollte. Für die Auswahl, wohin jeder gebracht wurde, waren allein die sowjetischen Behörden zuständig. In Frankfurt meldete sie sich nach Waldersee, einem Vorort von Dessau, wo ihr Bruder mit Frau aus Bistritz, ihren zwei Kindern und noch fünf Verwandte in einem kleinen Haus wohnten – und jetzt kam noch meine schwangere Mutter dazu. Sechs Monaten nach meiner Geburt erfuhr sie, dass aus München Transporte nach Siebenbürgen gingen. Sofort machte sie sich auf den Weg, kam aber zu spät. Die letzten waren schon weg. Als Krankenschwester bekam sie sofort Arbeit, sogar unter Sauerbruch (worauf sie sehr stolz war), und ich kam ins Heim. Dann die Nachricht, aus Wien gebe es noch ein paar Züge nach Siebenbürgen. Gleich setzte sie sich in den Zug. Dort angekommen sah sie nur noch die Rücklichter des letzten Zugs. Bald darauf fand sie wieder Arbeit in einem Unfallkrankenhaus und ich kam wieder in ein Heim.
Letztes Foto 1956 vor der Auswanderung von Wien ...
Letztes Foto 1956 vor der Auswanderung von Wien nach ­Agnetheln: Ilse Hager mit Tochter Wiltrud, 9 Jahre alt.
Später bekam sie eine Wohnung und ich mein erstes richtiges Zuhause. Die Schule war eine private Mädchenschule. Nach den Hausarbeiten durften wir auf den Schulhof. Dort stand eine langgezogene Baracke, in der die amerikanischen Pakete mit Kleidern geöffnet, sortiert und versandt wurden Wir bekamen auch solche Pakete, aber auch welche mit Lebensmitteln. Am besten schmeckte mir da die Margarine.

Zu jener Zeit war der Samstag bereits Ruhetag, aber nicht für uns Schulkinder. So durfte ich mir hie und da an diesem Tag von einem Tante-Emma-Laden eine Wurstsemmel ­holen. Aber an einem Tag, als ich das Wechselgeld zurückbrachte, fehlten ein paar Groschen. Sofort schickte mich mein Onkel zurück in das ­Geschäft, um das fehlende Geld zu holen. Meine Mutter: „Lass, ich gebe dir das Geld“. – „Nein, es geht nicht um das Geld, es geht ums Prinzip“. Nun, meine Stadtbahn habe ich verpasst, aber ich habe das Geldzählen gelernt.

In Wien gab es natürlich auch den Siebenbürger Verein. Da traf meine Mutter ihre Kränzchenfreundin, Irmgard, aus Agnetheln mit Tochter. Die war ein Jahr älter als ich. Beide waren nach dem Tod ihres Mannes zu den Schwiegereltern nach Deutschland gekommen, die aber wollten nichts von ihnen wissen, somit waren auch sie in Wien geblieben. Die Dritte im Bund war Hilde aus Heltau. Wir waren fast jeden Sonntag beisammen, im Sommer bei Irmgard im Garten und an kalten Tagen bei uns.

Und dann 1955 das orakelversprechende Silvester. Beim Bleigießen bekam Irmgard ein Schiff, Hilde ein Auto und meine Mutter einen Zug. Alle lachten, aber 1956 ist es allen vergangen. Es wurde zur Wirklichkeit. Irmgard fuhr mit ihrem neuen Mann und Hannelore per Schiff nach Südafrika, da die Engländer Arbeiter suchten und ihnen somit Wohnung und Arbeit gaben. Hilde hatte alles aufgegeben und sollte zu ihrem Verlobten nach Deutschland. Der hatte kurz davor einen Unfall, indem er an der Ampel seinem aus dem Auto springendem Hund nachlief. Dem ging es gut, Herrchen war tot.

Ja, so fuhr ich mit zehn Jahren mit dem Zug nach Siebenbürgen, zur Familie, obwohl das Rumänische Konsulat meine Mutter warnte und ihr sagte, dass sie innerhalb von zwei Jahren alle, Mann und die zwei Kinder in Wien haben werde. Sie hatte bereits unweit unserer jetzigen Wohnung eine Eigentumswohnung angezahlt, die damals gebaut werden sollte. Es war nichts zu machen und mein Sträuben nutzlos. Meine Mutter wollte nach Agnetheln.

In der Nacht kamen wir in Schäßburg bei Verwandten an und wurden erwartet. Mein erster Eindruck: Plötzlich hatte ich schmutzige Schuhe, was bis dato noch nie vorkam. Hier bekamen wir bei einer Tante ein Nachtlager. Ich schlief auf zwei aneinander gebundenen Stühlen. Im großen Wohnzimmer hatten sie sich mit Kästen einen Schlafraum abgetrennt und eingerichtet. Den Rest des Hauses hatte man ihnen genommen. Die Küche war gemeinsam mit einer rumänischen Familie. Die Tante sah immer auf die Uhr: So, jetzt können wir in die Küche zum Frühstück. Fürs Klo, über einem Gang, bekam ich einen großen Schlüssel mit den Worten: „wieder absperren und mir geben“. Ich wollte den Schlüssel schon nicht behalten, fand aber nirgends einen Drücker für die Klospülung. Damals dachte ich: schlimmer kann es jetzt nicht mehr werden. In der ganzen Rumänien-Zeit musste ich nie mehr Wasser im Klo ziehen, alles war mit Freisicht in die Natur.

In Agnetheln erwartete uns am Bahnhof ein langgestrecktes Haus, mit zwei kleinen Zimmern, Küche und Schlafzimmer. In der Agnethler Schule musste ich meine Buntstifte usw. verteidigen; die Jungen liefen in der Pause hinter mir her, zogen mich an den Zöpfen und schrien „Aljoscha“. Dass ich mich wehrte, wurde mir schlecht angekreuzt. Zu Hause bekam ich dann die Schimpfe, ich sei ein Jungenschläger. Dass ich mich so verteidigen musste, musste ich auch erst lernen, denn in Wien, wenn die Kirche Ausflüge organisierte, trugen mir die Jungen den Rucksack.

Die dritte Klasse konnte ich in Wien nicht beenden, dort waren noch zwei Monate Schule. Hier waren nur noch zwei Wochen. In denen habe ich mich etwas gelangweilt, denn in Deutsch und Rechnen war ich bereits weiter, konnte aber kein Wort Rumänisch. So musste ich die Klasse wiederholen und wurde beleidigt, denn es war eine Schande, dass eine Hager sitzen bleibt. In den zwei Wochen Schule wurde ich immer wieder gefragt und mein Wissen geprüft. Was mich wirklich nervte, bis ich in einer Stunde, als wir die Gewichte lernten, gefragt wurde: „Weißt du, was eine Tonne ist?“, worauf ich antwortete: „In Wien gibt es keine Tonnen!“ Ab dann hatte ich Ruh. Endlich etwas, das ich nicht wusste.

Mein Name Wiltrud muss für viele Kinder und Erwachsene schwierig gewesen sein, denn die rumänischen Kinder nannten mich immer nur „proasta aia care a venit din germania“, also: die Dumme, die aus Deutschland kommt. Und bei den Deutschen war ich das Zebra, da ich einen gestreiften Pullover hatte. Nach dem Abitur, als ich beim Arbeitsamt war, sagte man mir: Du wirst nie Arbeit bekommen, denn ihr habt eine große Villa am Bahnhof, und ich muss denjenigen Arbeit geben, die keine Villa haben. Also durfte ich immer nur die Frauen in den vier Monaten, im Mutterurlaub, vertreten. So wartete ich geduldig, bis endlich wieder eine Bürokraft schwanger wurde.

Bei einer Pressereferententagung der Siebenbürgischen Zeitung in München sprach der Filmemacher Günter Czernetzky über seine Fahrten nach Russland. Da war es für mich sofort klar, als Herr Czernetzky zu seiner dritten Fahrt in die Ukraine aufforderte, um ehemalige Lager zu besichtigen, mich und meinen Mann bei ihm anzumelden. Ich war wirklich froh und begab mich ganz in seine Hände. Meine Mutter hat mir kaum etwas über ihre Zeit im Lager erzählt, und wenn doch, nur Bruchstücke, mit denen ich damals als Kind nichts anfangen konnte. Wie ich jetzt feststellte, war sie nicht alleine mit der Auffassung: Russland ist vorbei und alles ist vorüber. Als Kind war es für mich ein einfaches Gespräch, später, als Erwachsene, wollte sie mir nichts mehr erzählen. Dass da dann ein Loch, eine Leere zurückbleibt, das interessierte meine Mutter nicht. Sie hatte einfach, wie so viele, damit abgeschlossen. Dieses Loch versuchte ich nun mit dieser Fahrt nach Russland zu stopfen, die Leere abzuschütteln, indem ich nach Stalino, heute Donetsk, flog.

Wir waren eine Gruppe von zwölf Personen plus unserem Hauptdolmetscher und Reiseleiter Juschin aus Wien, die wir auf dem kleinen Flughafen landeten. Sofort erinnerte ich mich an den Grenzübergang in Rumänien. Jedes Mal Formulare ausfüllen, nur dass sie hier in Russisch waren und wir dieses nicht konnten. Bereits im Flugzeug wurden uns die Papiere übergeben. Als wir die Flugzeugtreppe hinunterstiegen, wurden wir sofort von Soldaten empfangen, die jeden unserer Schritte überwachten. „No, no, no Foto“. Also kein Foto, dann eben filmen. „No, no, no...“, das auch nicht. In einem russischen Museum war eine Angestellte. Als wir uns verabschieden, will sie kein „Dankeschön-Geld“ (Backschisch) annehmen. Plötzlich sagt sie: „Bitte hassen sie uns nicht. Unsere Mütter mussten auch im Bergwerk arbeiten und auch sie haben nur Krautsuppe bekommen.“ Nun, wir wollen nicht hassen. Wir wollen nur wissen.

Später kommen Frau Hent (sie sucht das Grab ihres Vaters) und Herr Czernetzky auf einen Friedhof. Sie suchen außerhalb des Friedhofs, das heißt ganz am Rand, den wir vorher gar nicht gesehen hatten. Hier werden sie fündig. Unter Unkraut kann man Hügelchen erahnen und ertasten. In einigen stecken noch Stöcke, die damals die Kreuze ersetzten. Die Stöcke durften nur eine bestimmte Höhe haben, und falls doch ein Kreuz eingeschlagen wurde, durfte auch dieses die Höhe der einheimischen Kreuze nicht überschreiten.

Meine Mutter war am 13. Januar 1945 in den Zug gestiegen und am 14. Februar 1945 hier angekommen. Am 10. September 1946 durfte sie dann das Lager in Richtung Dessau verlassen.

In Hanjonkowa suchten wir das Büro des ehemaligen Lagers und da kommt der ehemalige Direktor. Der kennt sich als einziger auf dem ganzen Gelände aus und kann uns zur damaligen Unterbringung führen. Dann öffnet sich erneut die Türe und herein kommt der technische Direktor. Wir wiederholen alles und fragen nach Unterlagen und Listen aus den Jahren 1945 und 1946, auf denen Ilse Hager, meine Mutter, zu sehen ist, und fragen auch nach einem Natschalnik, Anton Diring, Ein kurzer Anruf und die Archivarin steht im Zimmer. Nein, nein, das kann sie nicht nachsehen, wüssten wir nur, wie groß das Archiv sei. Der technische Direktor zischt sie an. Danach meint sie kleinlaut, sie könne ja nachsehen. Da meine Mutter Krankenschwester war, nimmt sie das Foto mit, um es ihrer Mutter zu zeigen, die zur selben Zeit in dieser Grube gearbeitet hatte.

Neben dem Verwaltungsgebäude das ehemalige Kohlenbergwerk. Heute steht es still, damals war es voller Leben mit Deportierten und einigen russischen Arbeitskräften. Das Hauptportal für LKW ist geschlossen, bewacht von Hunden, bestimmt wie damals auch. Wir gehen durch ein kleines Gebäude, durch eine kleine, enge Tür hinein und wieder durch so eine hinaus. Durch dieses Wächterhäuschen mussten alle Fußgänger, auch wir. Als letzte in der Gruppe konnte ich stehen bleiben und mir fast körperlich vorstellen, wie sie damals in der Früh diesen Raum noch durcheilen, aber abends mit gequältem Schritt verlassen. Dieses unter den wachsamen Blicken der Russen, damit ja kein Schäfchen verloren geht.

In der Nähe ein hohes Förderrad, das früher eine wichtige Rolle spielte. Es holte die Förderwägen aus der Tiefe, die mit Personen, als auch die mit Kohle. Eines Tages war gerade dieser Hauptteil der Anlage kaputt und so musste die erste Schicht für 24 Stunden, das heißt für drei Schichten in der Grube bleiben, aber auch in dieser ganzen Zeit arbeiten.

Da kommt Günter aus einem Seitenweg: „Dort hinten sind noch einige leer stehende Gebäude“. Durch Sträucher und hohes Unkraut bahne ich mir den Weg. Dann stehe ich vor den fensterlosen und kaputten Mauern. Dies muss das ehemalige Verwaltungsgebäude sein und dort links, die niedrigen Baracken, die Duschen und Waschräume. Etwas weiter weg sehe ich Eisenstangen mit Restgitter. Dort war jede Bewegungsfreiheit zu Ende. Die Ruhe und Stille, die mich hier umgibt, bringen mich der Vergangenheit näher. Ein wohltuendes Gefühl ergreift mich. Es ist, als würde sich das Loch in mir etwas füllen. Ich konnte sehen, nachvollziehen und vielleicht auch etwas begreifen, wie es hier einmal war. Man ruft nach mir. Aus ist es mit der Stille und meiner Vorstellungskraft. Schade! Es war so schön.

Ich muss zurück und steige über die Gleise. Eines davon führt an mir vorbei, vorbei an den Gebäuden, vorbei ins Ungewisse. Ich sehe ihm nach, wie es hinter einer Biegung verschwindet und bestimmt bald das Gelände verlässt, hinter bewachten Toren, in die Freiheit führt, das aber keiner benutzen durfte.

Wieder durchs Wärterhäuschen. Dieses Mal auf dem Weg zu den fünf Steinhäusern, die aus besonderem Stein gebaut sind, früher die Lagerunterkunft für 1904 Deportierte, davon 974 Frauen und 930 Männer. Im Erdgeschoss 320 Schlafplätze. Dennoch war es ein Vorzeigelager und hatte sogar einem Club. Kam eine Kommission, das Rote Kreuz usw., wurden sie hierhergebracht. Um dieses ganze Gelände waren zwei Reihen Stacheldrahtzäune von je 2,80 m Höhe und innen noch eine Reihe von einem Meter Höhe, ebenfalls mit Stacheldraht „verziert“. Zwischen diesen drei Reihen gab es je eine Sandzone.

Außerhalb der Zäune gab es noch acht Türme für die Wachposten. Zwischen den Häusern ein größerer Platz und man erzählte uns: Sehen sie dort den Platz (jetzt mit Unkraut bedeckt.), dort war der Tanzplatz mit den Bänken. Den Baum dort haben die Deutschen gepflanzt, eine Schwarzbuche. Sie hatten sogar Blumen“. Für die 22 hier geborenen Kindern hatten die Männer ein Karussell gebaut. Hier habe ich Leute kennen gelernt, die sehr herzlich, aufgeschlossen, entgegenkommend und freundlich waren. Bis auf einige Ausnahmen. Diese aber können mein Denken nicht beeinträchtigen. „Bitte habt keinen Hass auf uns, uns ging es auch nicht besser.“ Nein, ich habe keinen Hass, sondern bin froh, dass ich viele meiner Vorurteile in der Ukraine zurücklassen konnte. Ich konnte etwas von meiner Leere dalassen und mein Loch füllen mit vielen neuen Eindrücken, und Erinnerungen.

Im Januar 1975 lernte ich Deutschland anders kennen. In Nürnberg, im „Politischen Zimmer“, wurde ich sofort als „Spionin“ beschimpft, mir wurde der Pass genommen und ein halbes Jahr ohne deutsche Papiere gelassen. Auch danach bekam ich keine Begünstigungen für Spätaussiedler, denn sechs Monate alt bin ich mit meiner Mutter aus der Ostzone in die Westzone, nach München und Wien gekommen, dann mit zehn Jahren aus dem Westen in den Osten, nach Agnetheln, und verheiratet mit meiner Familie wieder in den Westen gefahren. Eine bessere Spionageschule konnte ich nicht bekommen.

Bei einer Tagung in Bad Kissingen mit dem Thema „Die Russlanddeportation der Rumäniendeutschen“ sprachen auch Zeitzeugen. Dabei stellte ich fest, dass für die Älteren mit Familien diese Zeit viel schlimmer und schlechter zu ertragen war, während die ganz Jungen es leichter überstanden. Für viele wurden diese Jahre zur praktischen Lebensschule, wie für Herrn Mosberger: „Ich habe was fürs Leben gelernt. Hatte es gut, bin wieder heim.“ – Frau Göbbel meinte: „Jetzt möchte ich diese Zeit nicht mehr missen. Habe viel über die Menschen gelernt, habe dort meine beste Freundin gefunden und habe gelernt, dankbar für jede Kleinigkeit zu sein.“ Frau Kramer: „Es war eine gute Lebensschule. Habe gelernt, Menschen zu helfen, und denen, die mir helfen, Danke zu sagen.“ Sollten wir uns nicht auch davon ein Beispiel nehmen? Aber Gott bewahre uns und unsere Nachkommen davor, diese Art von Lebensschule zu durchleben, in der Krieg, Hass, Tod und Vertreibung der Nährboden sind.

Wiltrud Wagner, Geretsried, April 2021

Schlagwörter: Zeitzeugenbericht, Russlanddeportation, Wagner, Agnetheln, Wien, Geretsried

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  • 16.06.2021, 12:59 Uhr von Johann Kremer: liebe Wiltrud, vielen lieben Dank für Deinen lebendigen, aufschlussreichen Bericht. Er kann und ... [weiter]

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