12. Juni 2022

„Zuhause ist für mich in Siebenbürgen“: Die Deutschen und ihr Siebenbürgen – ein Podiumsgespräch

Wie lebt es sich in Deutschland als Siebenbürger Sachse? Wo findet sich die siebenbürgische Kultur noch heute? Und was bedeutet eigentlich Heimat? Diesen Fragen stellten sich die aus Heltau stammende, in Hamburg lebende Kinderbuchautorin Karin Gündisch, die Landesjugendleiterin der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend (SJD) in Bayern, Nadine Konnerth-Stanila, und die Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, Beatrice Ungar. Das Podiumsgespräch, eine Kooperationsveranstaltung der Münchner Volkshochschule, des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS), des Adalbert Stifter Vereins München und des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, fand am 19. Mai im Adalbert-Stifter-Saal im Sudetendeutschen Haus in München statt. Als Moderator fungierte der Direktor des IKGS, Dr. Florian Kührer-Wielach.
Kulturreferent Dr. Wolfgang Schwarz, der Vertreter des Adalbert Stifter Vereins, begrüßte die rund 60 Besucherinnen und Besucher, bevor Florian Kührer-Wielach das Gespräch mit einer Vorstellungsrunde dreier Repräsentantinnen verschiedener Generationen und Lebenswelten eröffnete. Karin Gündisch berichtete von ihrem Aufwachsen und Leben in Siebenbürgen und den Anfängen ihres Schriftstellens. Eine Besonderheit sei die Mehrsprachigkeit gewesen – je nach Kontext und Gegenüber wurde zwischen Deutsch, Rumänisch, Sächsisch, Ungarisch und sogar Französisch gewechselt. Sie arbeitete als Deutschlehrerin in Bukarest, veröffentlichte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, arbeitete an Lehrbüchern für Deutschlernende mit und wohnt seit 1984 in Deutschland, wo sie als freie Schriftstellerin wirkt.
Die drei Gesprächsgäste (von links nach rechts) ...
Die drei Gesprächsgäste (von links nach rechts) Beatrice Ungar, Nadine Konnerth-Stanila, Karin Gündisch und der Moderator des Abends, Florian Kührer-Wielach. Foto: Leah Weigand
Beatrice Ungar wurde in Hermannstadt geboren. Sie erzählte, wie sie schon in der Kindheit großes Interesse am journalistischen Schreiben entwickelte und bereits in der 11. Klasse begann, ihre ersten Artikel zu schreiben. Auch sie arbeitete zunächst als Lehrerin, kam 1988 zur Hermannstädter Zeitung und ist seit 2005 deren Chefredakteurin.

Nadine Konnerth-Stanila hingegen wurde in Bayern geboren. Siebenbürgen bedeute für sie die Heimat ihrer Eltern und die Geschichte ihrer Vorfahren. Im Laufe ihres Lebens sei das Gefühl der Verbundenheit mit dieser Kultur immer stärker geworden und Siebenbürgen habe sie nun ganz „eingekleidet“. Heute könne sie sich nicht mehr vorstellen, diese „Kleidung“ wieder abzulegen. 2020 wurde sie zur Landesjugendleiterin der SJD Bayern gewählt.

Kührer-Wielach richtete sich anschließend an Karin Gündisch mit einer Frage nach ihrem Buch „Im Land der Schokolade und Bananen“, das 1987 erschien. In vielen Schulen wurde es als Pflichtlektüre gelesen und so wahrscheinlich zu ihrer erfolgreichsten Veröffentlichung. Gündisch beschrieb den Inhalt als eine Geschichte über Einwanderung von einer Mangel- in eine Überflussgesellschaft. Die Thematik werde gerade wieder sehr aktuell – aber eigentlich sei sie das immer gewesen, sagte Gündisch. Sie erzähle die Geschichte bewusst aus der Kinder-Perspektive. Denn Kinder dürften unkonventionelle Fragen stellen und auch Unbequemes ansprechen. Genau das sei bei diesem Thema so entscheidend.

Nadine Konnerth-Stanila erzählte vom Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl, der bekanntlich seit über 70 Jahren jährlich zu Pfingsten stattfindet. Dinkelsbühl sei für Nadine Konnerth-Stanila ein Ort der Begegnung, ein Ort für Kultur, für Tanz und für Trachten. Die Trachten seien für sie von klein auf besonders gewesen: Sie stünden für Verbundenheit und wertvolles Kulturgut.

Anschließend wurde die Frage nach der „eigenen“ Heimat in die Runde gegeben. Gündisch sagte dazu: „Zuhause ist, wo meine Kinder sind, wo ich gebraucht werde – und in Siebenbürgen.“ Kührer-Wielach fragte die Gesprächspartnerinnen auch nach ihrer Rolle als Frau – in Siebenbürgen wie auch in Deutschland. Gündisch erzählte von ihrer Erfahrung, dass die Frauen in Siebenbürgen schon früh mitbestimmt und gearbeitet hätten. Beatrice Ungar berichtete hingegen, dass ihr damals der Wunsch nach einem Theologiestudium in Rumänien verwehrt geblieben sei – einfach weil sie eine Frau war. Im Laufe der Jahre habe sich aber viel verändert und die Rechte der Frau seien nun ein Privileg, wenn man auf viele Gebiete dieser Erde schaue.

Zum Abschluss fragte Kührer-Wielach die Gäste nach ihren Wünschen und Vorstellungen zur Zukunft der Siebenbürger Sachsen. Ungar äußerte sich dankbar, dass es die Hermannstädter Zeitung noch gibt, und hofft, dass diese auch zukünftig weiterbesteht. Konnerth-Stanila wünschte sich ein Wachstum des Vereins, dem sie vorsitzt, und Gündisch antwortet mit einem Appell an die Gesellschaft: „Es wird immer Minderheiten und Mehrheiten geben, und die Minderheiten sind auf die Vernunft einzelner in der Mehrheit angewiesen.“ Damit endete das Podiumsgespräch und die Diskussion wurde für das Publikum geöffnet. Einige persönliche Statements zum Heimatbegriff und der Zukunft der Siebenbürger Gemeinschaft rundeten einen interessanten und abwechslungsreichen Abend ab – ein Abend irgendwo zwischen München und Hermannstadt.

Leah Weigand

Schlagwörter: Podiumsgespräch, München, IKGS, Karin Gündisch, Kührer-Wielach

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Neueste Kommentare

  • 13.06.2022, 19:58 Uhr von vitale: Ist dieser Abend als Podcast "bei Donauwellen" von IKGS bereits veröffentlicht? [weiter]

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