22. Juni 2024

Leserecho: Was wir zum Erhalt der Mundart tun können

Gedanken zur Podiumsdiskussion in Dinkelsbühl zum Thema Sicherung der Gemeinschaft und der Kulturwerte durch die nächsten Generationen (s. „Tief in unserem Herzen schwingt Siebenbürgen mit“: Podiumsdiskussion in Dinkelsbühl thematisiert „75 Jahre Verband der Siebenbürger Sachsen“)
Bei einem 75. Geburtstag drängen sich natürlich viele Erinnerungen und besonders auch Fragen die Zukunft betreffend auf, vor allem dann, wenn sich die Lebenserwartung des Jubilars in diesem Fall sogar verdoppeln oder verdreifachen könnte. Somit kreisten im Podiumsgespräch am Pfingstmontag in Dinkelsbühl im großen Saal der Schranne auch viele Fragen um die Zukunft des Verbands der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und um die junge Generation, in deren Hände die Verantwortung für den Erhalt des Verbands und unseres Kulturerbes liegen wird. Natalie Bertleff, Bundesjugendleiterin der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD), berichtete über sehr motivierte Jugendliche, die bereit seien, sich von der älteren Generation Wissen anzueignen, sich jedoch mehr Geduld und weniger Kritik von den Senioren wünschten. Eine kreative Kritik wird wohl erlaubt sein. Wir, die ältere Generation sind dafür verantwortlich – ja haben sogar die Bringschuld – dass dieser Übergabeprozess erfolgreich verläuft.

Von dem immateriellen Kulturerbe wurde zum Beispiel der Erhalt der Mundart angesprochen, aber kaum konkrete Anhaltspunkte dargeboten. Dazu hier ein paar praktische Anregungen:


1. Organisation von Workshops und Seminaren zur Vermittlung der Mundart an interessierte Jugendliche

2. Aufbau einer Online-Plattform mit Lernmaterialien und interaktiven Übungen für die Mundart, z. B. nach dem Vorbild aus Kanada oder Luxemburg, wie etwa: https://www.youtube.com/watch?v=8wN76InEVmQ, https://www.youtube.com/c/LuxembourgishwithAnne

3. Einrichtung von regelmäßigen Treffen und Veranstaltungen, bei denen die Mundart gesprochen und gepflegt wird, z.B. bei den Tanzproben, auf den Bällen, Theatergruppen, Singgruppen, Wanderungen, Skifreizeiten

4. Regelmäßige generationsübergreifende Mundart-Seminare auf Kreisgruppen-, Landes- und Bundesebene

5. Aufzeichnung von Mundart-Geschichten, -Gedichten und -Liedern durch Muttersprachler für zukünftige Generationen

6. Einrichtung von Mentorenprogrammen zu verschiedenen Themen, bei denen ältere Muttersprachler ihr Wissen an jüngere weitergeben

7. Organisation von kulturellen Veranstaltungen, bei denen die Mundart im Mittelpunkt steht (Theaterseminare und -aufführungen, Mundartseminare, Liederabende)

8. Schaffung von Partnerschaften mit anderen Mundart-Initiativen und -Vereinen zur Vernetzung und Zusammenarbeit. (z.B. Siebenbürgen, Kanada, USA)

9. Sensibilisierungskampagnen in den Medien und sozialen Netzwerken, um das Bewusstsein für die Bedeutung der Mundart zu stärken und einige Richtlinien der Schreibweise bekanntzumachen

10. Das regelmäßige Verfolgen und Lesen/Singen der monatlich erscheinenden Rubrik in der Siebenbürgischen Zeitung „Hegt wird gesangen“, wo direkt neben dem Mundarttext auch die deutsche Übertragung steht und das entsprechende Lied gesungen, manchmal in verschiedenen Ortsmundarten, online aufgerufen werden kann (z.B. siebenbuerger.de/go/24881A)

Beginnen damit kann jeder in der eigenen Familie und im Freundeskreis, möglichst schon im Kleinkindalter. Aber es ist nie zu spät, kleine Samen in die Herzen der Heranwachsenden zu streuen. Einige keimen schneller, andere langsamer und andere wiederum gar nicht. Aber einen Versuch ist es allemal wert. Ich habe mir als Anhaltspunkte zur Wissensvermittlung und zur Wahrung unserer kulturellen Werte noch einige praktische Vorschläge überlegt:

• Ein Onlineportal zur Geschichte Siebenbürgens

• Museums- und Bibliotheken-Besuche, z.B. Schloss Horneck oder im Internet: https://martin-opitz-bibliothek.de/de

• Besuchen von Heimatstuben (https://ostdeutsche-heimatstuben.de), Sammeln von Literatur oder Kunst- und Gebrauchsgegenständen, Mitarbeit an der Gestaltung von Heimatstuben

• Teilnahme am jährlichen Schülerwettbewerb: Begegnung mit Osteuropa (www.schuelerwettbewerb.eu)

• Referenten einladen, die zu einem geschichtlichen oder kulturellen Thema vortragen oder aus ihren Memoiren lesen

• Talentierte oder interessierte junge Musiker auch an klassische Werke aus Siebenbürgen und dem Banat heranführen: www.suedost-musik.de

• Internetseiten (YouTube, Facebook, Twitter, Instagram) vermehrt mit Themen der Vergangenheit Siebenbürgens, dem friedvollen Miteinander mehrerer Ethnien, Brauchtum, Mundart, …)

• Sammeln von alten Fotos, Handarbeiten, mitgebrachten Gebrauchsgegenständen … aus Haushaltsauflösungen unserer Landsleute

• Organisierte Sommercamps und Kulturreisen nach Siebenbürgen

• Filme mit kulturellem oder historischem Bezug

• Kulturelle Kunstprojekte mit Künstlern aus Siebenbürgen

• Kulturelle Kochkurse (auch online) mit traditionellen Rezepten und deren Ursprung und Bedeutung (generationenübergreifend)

• Trachten-Workshops (generationenübergreifend)

• Förderung kultureller Jugendensembles und -chören (generationenübergreifend)

• Regelmäßige Chorleiterseminare (generationenübergreifend)

• Erstellen von Ausstellungen zu verschiedenen Themen in Zusammenarbeit z.B. mit dem Demokratischen Forum, dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München, am Siebenbürgen-Institut auf Schloss Horneck

• Erstellen von Podcasts nach dem Vorbild von „Erzählenswert“, wo die Enkelin ihre Oma in mehreren Folgen über ihr Leben erzählen lässt (siehe „Podcast der Generationen“)

• Verbandsseitige Anerkennung und Würdigung der jungen Menschen, die sich zur Bewahrung der kulturellen Werte besonders einsetzen

Diese Aufzählung könnte noch ergänzt werden und soll alle Generationen ansprechen und zum Handeln anregen. Die älteren Generationen können all diese Aktivitäten unterstützen, indem sie ihre Erfahrung teilen, als Vorbilder auftreten und die Jugendlichen ermutigen, sich aktiv zu engagieren. Ganze Schlösser und Kirchen kann man haargenau wieder aufbauen, wenn sie einstürzen. Wenn aber eine Sprache, Mundart oder ein Volksstamm einmal verstummt, sind sie für alle Ewigkeiten verschwunden. Nur vereint können wir unsere Gemeinschaft erhalten, den Verband wirksam unterstützen und unsere kulturellen Werte und somit unsere Identität bewahren.

Angelika Meltzer, Fürth, Kulturreferentin des Kreisverbands Nürnberg

Schlagwörter: Heimattag, Podiumsdiskussion, Mundart, Kulturpflege, Jugend

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