17. August 2022

Aus jeder Situation das Beste machen: Erlebnisse aus dem Arbeitslager in Russland von Michael Herberth

Erinnerungen an die Russland-Deportation ab Januar 1945 – welche siebenbürgische Familie kennt sie nicht, die Erzählungen der Eltern oder Großeltern über die Zwangsarbeit, zu der auf Befehl Stalins alle deutschen Männer zwischen 17 und 45 sowie alle deutschen Frauen zwischen 18 und 30 Jahren aus Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, Bulgarien und der Tschechoslowakei herangezogen wurden? Als „Reparationsleistung für die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg“ leisteten sie jahrelang Schwerstarbeit in der damaligen Sowjetunion, zumeist auf dem Gebiet der heutigen Ukraine; nicht wenige Deportierte starben an Hunger, Kälte oder körperlicher Überlastung. Wer aber wieder nach Haus kam, konnte erzählen, seine Erlebnisse vielleicht sogar aufschreiben, und das tat auch Michael Herberth, geboren 1909 in Großprobst­dorf, der fast fünf Jahre in Russland verbrachte.
Seine Enkelin Johanna Schneider hat sich seiner Aufzeichnungen angenommen und ein Buch daraus gemacht. Geboren 1963 in Mediasch, kam sie 1972 mit Eltern und Geschwistern nach Deutschland, ist staatlich anerkannte Erzieherin, Diplom-Kunsttherapeutin und seit 1991 freischaffend künstlerisch tätig. Sie lebt in Weil am Rhein, gibt Malkurse für Kinder und Erwachsene und ist als Dozentin an verschiedenen Volkshochschulen tätig. Als ihre Söhne (geboren 1992 und 1994) zur Welt kamen, begann sie mit dem Schreiben und hat inzwischen über 40 Bilder- und Kinderbücher herausgebracht. Warum jetzt diese thematisch so ganz andere Veröffentlichung? „Im vergangenen Jahr hat mein Vater Michael Herberth von seinem Lebenslauf, den er schon Jahre zuvor geschrieben hatte, einige Bücher für die Familie drucken lassen, zusammen mit dem Lebenslauf, den mein Großvater geschrieben hat und den mein Vater auf Computer übertragen hatte“, schreibt sie der Siebenbürgischen Zeitung. „Mein Vater hat jeweils ein Buch von jedem Lebenslauf im vergangenen Jahr auch an uns geschickt und wir waren beim Lesen sehr berührt von den Aufschrieben. Vor allem haben mich die Aufschriebe von meinem Großvater (ebenfalls Michael Herberth) sehr berührt, da er vieles erlebt und durchgemacht hat und dabei die Gabe hatte, nicht unnötig zu klagen, sondern immer das Beste aus einer Situation zu machen. Da wir diese Haltung beispielhaft finden, entstand die Idee, Auszüge daraus als Buch herauszugeben. Ich habe zu seinen Erzählungen Illustrationen gemacht – freilich nicht in der Stimmung und der Technik, die ich sonst für Bilderbücher verwende.“

Diese Illustrationen muten trotz des ernsten Themas federleicht an, sind kräftige und doch zarte Strichzeichnungen, die sanft koloriert wurden und so zu Michael Herberths Einstellung passen, „immer das Beste aus einer Situation zu machen“. 1940 wird er zum Kriegsdienst eingezogen, dann aber als Landwirt freigestellt und als Traktorbesitzer „für die Heimatfront mobilisiert“. Am 16. Januar 1945 dann der Aufruf zur Zwangsarbeit: Es geht zu Fuß von Großprobstdorf nach Langenthal und weiter nach Blasendorf, dort in den Zug, der mit Stopps in Mediasch, Elisabethstadt, Schäßburg und Kronstadt 14 Tage bis zum Bahnhof von Makiefka fährt, und dann „im dicken Schnee zu Fuß (…) bis ins nächste Dorf, es waren etwa 5 km“. Mit der ungewohnten Situation kommt er zurecht, wobei ihm die titelgebenden, heimlich mitgebrachten Werkzeuge „Holzbohrer, Lochsäge und Beil“ gute Dienste leisten, aber die Arbeit ist schwer und das Essen reicht nie; mit Josef aus Semlin (heute als Zemun ein Stadtteil von Belgrad) im serbischen Banat wagt er am 19. Juli 1945 die Flucht. Nach 29 Tagen „waren wir bis an den Bug gelangt, nicht mehr weit von der rumänischen Grenze“, doch sie werden geschnappt und in ein Internierungslager in Dnjepropetrowsk gebracht. Fingierte Krankheiten sorgen für besseres Essen und ein weicheres Bett, Hoffnung auf einen Krankentransport nach Haus kommt auf, die sich aber nie erfüllt. Eine echte Krankheit inklusive Operation übersteht Michael Herberth auch und wird danach in ein Sanatorium gebracht: „Ich hatte das Vergnügen, 72 Tage hier zu verbringen, es waren solche von den schönsten in Russland.“ Zuletzt arbeitet er beim Hausbau in Dnjepropetrowsk als Zimmermann und pflegt den Gemüsegarten eines älteren Paars aus der Stadt, bis er am 10. Oktober 1949, nach fast fünf Jahren, die Heimreise antreten darf: Mit dem Zug bis Sighet, von dort mit dem LKW nach Baia Mare, dann wieder im Zug in seinen Geburtsort Großprobstdorf, wo er sechs Tage später ankommt. Seine Frau Johanna und die beiden Söhne findet er dort wohlauf vor, aber die Machtverhältnisse haben sich geändert: Die drei arbeiten auf der Staatsfarm, der eigene Hof gehört ihnen nicht mehr. Dennoch ist Michael Herberth voller Tatendrang und sucht sich gleich eine Beschäftigung, um die Familie ernähren zu können: „Ich wollte keinen Tag unnütz herumsitzen.“ Seine Erinnerungen schließen mit den durchaus zuversichtlichen Worten: „So konnte die Arbeit beginnen.“

Man merkt beim Lesen sehr bald, dass „wir seine Aufzeichnungen so belassen haben, wie er sie aufgeschrieben hat“, so die Enkelin und Herausgeberin Johanna Schneider in ihrem Vorwort. Das bewahrt die Authentizität von Michael Herberths Zeitzeugenbericht: eines schmalen, aber eindrücklichen Bandes, den die 13 Zeichnungen zurückhaltend und gerade dadurch angemessen illustrieren.

Doris Roth

Michael Herberth: „Holzbohrer, Lochsäge und Beil“. Erlebnisse aus dem Arbeitslager in Russland. Wirkstatt Verlag, Basel, 2022, 84 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-949299-03-2

Schlagwörter: Russlanddeportation, Erinnerungen, Buch, Illustrationen, Großprobstdorf

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