20. September 2022

Corona eweejlåchen! Siebenbürgisch-sächsisches Mundartautorentreffen in Schweinfurt

Die Aussicht, sich zu treffen und sächsisch auszutauschen, ein Publikum zum Lachen oder Nachdenken zu bringen – darauf freuen sich die Mundartautoren auch in normalen Zeiten, umso mehr jetzt in der Coronazeit. Dann sprudeln ihre Ideen und es macht doppelt Spaß, diese niederzuschreiben. Wer die Anreise nicht mehr antreten kann, jedoch passende Texte einschickt, findet jemanden zum Vortragen. So geschehen auch am 11. September 2022 in Schweinfurt.
Inmitten der Schweinfurter Trachtengruppe die ...
Inmitten der Schweinfurter Trachtengruppe die Autoren, v.l.n.r. vorne: Malwine Markel, Hanni Markel, Doris Hutter, Elisabeth Kessler, Hilde Juchum; hinten: Helmuth Zink, Misch Kenst, Roland Widmann, daneben Gustav Weber in Tracht, hinten Zweite von rechts: Annemarie Weber, Kreisvorsitzende. Foto: Angelika Meltzer
Aber der Weg zur Geselligkeit führte auch diesmal über ein Seminar, in dem die Autoren feststellen mussten, dass sie immer noch Lernende sind und unsere Vielfalt an Mundarten gar nicht einfach auf einen Nenner zu bringen ist. Da stutzt man gehörig, wenn man merkt, dass das Übersetzen aus dem Deutschen zu vielen Fehlern führt. Sächsisch Denken ist angesagt, wenn man Sächsisch schreibt! Unsere Seminarleiterin Hanni Markel aus Nürnberg führt uns das immer wieder vor Augen, indem sie z.B. Interferenzen mit der deutschen Schriftsprache bei Übertragungen anhand von Beispielen klar macht wie … bä der ganger Frä (bei der jungen Frau) und … än der vedderschter Stuww. Spricht man es nämlich sächsisch denkend aus, kommt es ja passend aus dem Mund. Genau wie kochä Wasser, hochä Fussoien, brään Huulz. Auch manche Wortfolge/Topik im Dialekt ist deutsch umgekehrt: Gäww em et! (Gib es ihm!) Bräng er et glech! Ebenso bei der Verneinung im Dialekt: Net schrua glech! (Weine nicht gleich!) Immer wieder wird von der Hiemetstuww gesprochen. Schreibt man die nicht Stuff? Nein. Hier zeigt uns der Plural, was schlüssig ist: Stuwwen.

Und doch war auch dieses Seminar alles andere als frustrierend! Denn Doris Hutter überraschte in ihrem Vortrag mit Erkenntnissen, die viele Sachsen nicht mehr für möglich halten: Es gibt viele Jugendliche mit sächsischen Wurzeln, die u.a. deshalb nicht Sächsisch sprechen, weil die Eltern es ihnen verwehrt bzw. über sie gelacht haben, wenn sie es versucht haben, und die sich wünschen, dass man in den Kreisgruppen eine Atmosphäre schafft, wo es nicht peinlich ist, Sächsisch zu sprechen. Z.B. bei Seminaren mit Omas oder Opas, die ihnen was Praktisches beibringen und dabei sächsisch sprechen. Wie gut, wenn also auch Kreisvorsitzende sich für Mundartseminare interessieren, um solche Wünsche zu erfahren und umzusetzen! Wie hilfreich für unsere Mundart, wenn wir Autoren kurze Sketche schreiben und sie mit der deutschen Übersetzung an Jugendliche schicken. Oder an die Leitung der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD). Oder gleich ein Kinderbuch schreiben und zeichnen, wie Misch Kenst, der mit seinem zweisprachigen Kinderbuch Tschusch, tschusch, tschusch, ech bän de (ich bin die) Wusch nicht nur den sächsischen Dialekt unter die Kinder bringt, sondern dabei ganz viele Details aus dem Leben der Sachsen im Harbachtal einbindet. Wie wertvoll!

Weitere Schützenhilfe kommt von Radio Siebenbürgen. Erika Stumpp, Agnethlerin, und Helmuth Zink, Großschenker, sind bereit, Sendungen auf Sächsisch zu moderieren, wenn es sinnvoll ist. Zink moderiert den sächsischen Kanal, zunächst einmal pro Monat, und bringt vorrangig Mundartlieder. Er ist auf der Suche nach besonderen Geschichten aus Brauchtum und Kultur, nach Entstehungsgeschichten von Ortsspitznamen und freut sich ganz besonders über lustige Geschichten. Sie dürfen aber nicht zu langatmig sein. Kurz und knackig sollten sie sein!

Viele Vereinsmitglieder haben den Wunsch geäußert, in der Siebenbürgischen Zeitung Online vermehrt Audioaufnahmen in Mundart anzuhören, weil das Lesen der Mundart als schwierig empfunden wird. Deshalb rufen Chefredakteur Siegbert Bruss und die Webmaster unseres Verbandes die Mundartautoren auf, ihre Texte vorzutragen und als Audiodatei aufzunehmen. So können die Mundartgedichte in der SbZ Online künftig nicht nur gelesen, sondern auch gehört werden. Die Mundart-Audiobeiträge können gerne auch über das Radio gesendet werden, wobei wir eng mit Radio Siebenbürgen zusammenarbeiten. Die Aufnahmen können auf dem iPhone oder Smartphone aufgenommen oder als CD geliefert werden. Nebengeräusche sind zu vermeiden, die Texte sollten ansprechend sein und nicht unnötig lang! Ansprechpartner für die Audiodateien ist Hans-Detlev Buchner, E-Mail: hans-detlev[ät]gmx.de.

Wenn solche Perspektiven im Schweinfurter Gemeindehaus St. Kilian mit einem selbstgemachten Mittagessen der Kreisgruppe Schweinfurt – Gochsheim gekrönt werden, wenn herzliche Begrüßungen und hilfsbereite Landsleute das gesellige Beisammensein einläuten, ist für die Mundartautoren der perfekte Rahmen für die öffentliche Lesung geschaffen. Kreisvorsitzende Annemarie Weber hatte die Autoren zur Lesung eingeladen, alle Gäste im gut gefüllten Saal herzlich begrüßt, ihr tüchtiges Team um sich und somit die Veranstaltung organisatorisch und kulinarisch fest im Griff. Darüber hinaus überraschte sie die Gäste mit einem Trachtenaufmarsch und erstmaligen Auftritt von vier Trachtenpaaren mit der Recklich Meed. Das war eine schöne Einleitung für die Lesung der Autoren und bekam viel Applaus. Das Publikum wurde beim folgenden Kulturprogramm auch eingebunden: Begleitet von der aus Nürnberg angereisten Angelika Meltzer an der Gitarre, sang der ganze Saal drei sächsische Lieder. Zwischendurch trugen die Autoren ihre neuesten Texte vor, die als Videoaufnahmen von Angelika Meltzer bald auf der Homepage des Verbandes zu sehen sein werden.

Neu waren aber nicht nur die Texte, sondern auch zwei Autoren! Mit großer Freude begrüßte Doris Hutter erst den Mediascher Roland Widmann, der in Geretsried lebt, und wies auf seine Grafiken hin, mit denen er seine Texte schmückt. Damit wird sein geplanter Gedichtband etwas ganz Besonderes. Sein Debüt bestand aus den sehr aktuellen Texten De Mask, 2020; De Greta Garbo; Det Spueren und wurde sehr herzlich aufgenommen. Ebenso willkommen im Kreis der Mundartautoren ist auch der Durleser Gustav Weber, der in Hofheim bei Schweinfurt lebt und aktiv in der Kreisgruppe wirkt. Er fesselte das Publikum mit seinen Vergleichen Spräochen uch Dialekter; Shakespeare af Såchsesch; Em kun – net alles hun. Schon länger dabei sind Helmuth Zink aus Perkam, er erklärte die Sachsenwelt in Der Siweberjer Sochs; Wä em of de Hosmoken uch Burduzzen kum, Malwine Markel aus Schwabach, die auch unter dem Pseudonym „malwe“ schreibt, las De hiesch Bruetj und sinnierte im Prosatext Wuenn ich sachsesch schreiwe weall, Hilde Juchum aus Rohrenfels bei Neuburg a.d.Donau las mit Et pespert der Wängd passend zur Jahreszeit und erntete mit ihren originellen Beobachtungen Erkuunt; Äm Buëd viele Lacher, ebenso Misch Kenst aus Bremen mit hinterhältigem Humor in Det diplomatesch Henchen; Naujchtgefauehr. Doris Hutter präsentierte einen zu begeisterten Leser der Siebenbürgischen Zeitung in Scherlock Honnes: Wot dinken de Neeber?! und Positiv Virus-Mutant, 2021. Humor aus dem Alltag von Hans Otto Tittes aus Drabenderhöhe Äm Woortzimmer; Hårt Totsåch – hiësch ämschriwwen las Elisabeth Kessler aus Bad Kissingen. Herzlichen Dank für den regen Applaus des Publikums, der uns zeigt, dass Dialekt auch in Schweinfurt gerne gehört wird. Beim anschließenden geselligen Beisammensein konnte noch das Tanzbein geschwungen werden, weil das Duo „Edi und Werner“ den Saal mit Ohrwürmern auf die Tanzfläche lockte, es gab köstliche selbstgebackene Kuchen, „Mici“, gute Laune und weitere ganz unterschiedliche sächsische Mundarten im Saal.

Mein Dank geht ans Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, das diesen schönen Tag über den Landesverband Bayern des Verbandes der Siebenbürger Sachsen und das Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen gefördert hat, an die Kreisgruppe Schweinfurt – Gochsheim, die uns herzlich aufgenommen und begleitet hat. Ich danke Hanni Markel für die vielen wertvollen Hinweise im Seminar und die Korrekturen der Texte im Vorfeld! Ganz besonders danke ich aber den Mundartautoren, die nicht nur ein Herz für unsere Mundart haben, vielen Sachsen ein Stück Heimat wiedergeben und ganz viel Freude verbreiten, sondern auch ständig bemüht sind, unsere Mundarten weiter zu pflegen und für unsere Nachkommen zu dokumentieren.

Doris Hutter

Schlagwörter: Mundartautoren, Treffen, Schweinfurt

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