30. Oktober 2023

„Aufhebung der Schwerkraft“: Hellmut Seilers neuer Gedichtband

Mit dem Titel „Aufhebung der Schwerkraft“ ist in schöner Aufmachung des Noack und Block-Verlags, Berlin und mit Abbildungen von Éva Seiler-Iszlai zu „Variationen auf das Thema Schwerelosigkeit“ der neue Gedichtband des aus Siebenbürgen stammenden Autors Hellmut Seiler erschienen. Der Soziologe Anton Sterbling schreibt in seinem Vorwort, dass dieser Band „das Ergebnis einer entfesselten Produktivität“ ist, der den Leser „verblüfft und entführt“ beim „aufmerksamen und pünktlichen Lesen“.
Der Leser wird amüsiert, berührt und nicht selten erstaunt oder gar verwirrt zurückgelassen, mit dem Gefühl und der Aufgabe, die Wortspiele dieses Dichters als wahre Herausforderung zu betrachten und zu entschlüsseln. Das lyrische Ich schwankt von nostalgischer Erinnerung, Alltagsbeobachtung hin zu philosophischen Betrachtungen, Kunst- und Kulturinterpretationen. Die eigenartige Sammlung seiner Gedichte stammt aus fünf Jahrzehnten mit mehr als 120 Gedichten in abwechselnder konventioneller Lyrik, freien Versen, Prosaminiaturen, die auf Vers, Reim und Strophe verzichten. Nicht wenige tragen den Hinweis „Gedicht in Prosa“, Widmungen oder Anweisungen, Ort- und Datumbezeichnungen im Untertitel. Von Gedichten aus 1972 („Hamlet transsylvanicus 1972“, S. 117) bis in die Gegenwart setzen sich zu einem bunten Bild der Poesie zusammen. In den Poemen finden sich Selbstreflektionen („was du jetzt vor dir siehst nimmt seinen anfang. Es hat nicht mit dir gemein, die erektion der pappeln findet hier nicht statt …“, „take it over“, S. 42), schlichte Erkenntnisse („Ich kannte einmal einen Ziegenmelker.“ in „Caprimulgus europaeus“, S. 54) trotzige Bekenntnisse („da sein oder nicht da sein: / das ist die Frage./ Der Rest/ ist Gerede“ in, „Hamlet transsylvanicus“,1972), fragwürdige Bilder ("Auf der Mondsichel hockt rittlings in großkarierten Pluderhosen … ein fidel fiedelnder Hallodri“ in „März im Schwäbischen Wald“, S. 123) und elegante Zeilenübergänge („Beim Gähnen sei die Hand davor, aber ein Blatt brauchst / du nicht zu nehmen: den Mund lass dir niemals verbieten“, „Mund ist nicht Maul“, S. 38). Doch selbst fragwürdige Verse verfehlen ihre Wirkung nicht, da sie sich auf das Bemühen eines lyrischen Ichs beziehen, das sich gegen gesellschaftliche Normen, gegen Diktatur und Zensur wie poetische Regeln zu konstituieren sucht. Manche Verse berauschen großspurig oder kleinspurig, strahlen vor Banalität, in einer Alltagssprache, die jedoch gerechtfertigt ist durch ein anspruchsvolles Ich, das sich realistisch oder nostalgisch nachdenklich und fragend darstellt, um zu sagen: Die Poesie ist ein tüchtiges Rettungsboot …. Wer glücklich drin sitzt, ist verloren“ („Die rettende Kraft der Poesie“, S. 57).

Seine Gedichte lassen sich einteilen: Gedichte, die auf Reisen entstanden sind („Große Oper“; „Begegnungen im Great Bear Rainforest“ 2019 in Canada; „Der Uhrmacher“ in Temeswar 2019; „Romanian angst“ in Bukarest 2009, „Leuchtkäfer in Camaiore“ in Italien, „Halbe Sonnenbrillen“ in Neapel 2019 u.a.). Eine zweite Kategorie seiner Lyrik ist Freunden, Bekannten, Dichtern oder Unbekannten gewidmet, Menschen, die in sein Leben traten und seine Beobachtungen und Erinnerungen lebensecht prägten. Eine dritte und vielleicht die wichtigste Gruppe seiner Lyrik sind die Texte, die seiner Urheimat Siebenbürgen, der Mutter, dem Vater, dem Großvater oder Freunden gewidmet sind. Genau beobachtend beschreibt oder umschreibt er Zustände, Gegebenheiten, Menschen, Orte und Begegnungen, wie 1978 in dem reimlosen, in freien Versen verfassten Gedicht „take it or leave it“ (S. 42), in dem sein rhetorisches Ich Phänomene seines Alltags als widersprüchlich und fragwürdig beschreibt und sich selbst in Frage stellt. Da es sich wie andere Gedichte auch um eine Lyrik handelt, die unter sozialistischen Lebenswelten entstanden ist, fordert sie die besondere Aufmerksamkeit des Lesers heraus. Auch in anderen lyrischen Texten aus jener Zeit werden sozialistische Realitäten geschildert („Die Quelle“, S. 24, „Das Spiel der anderen“, S. 69), es sind Erinnerungen an eine Zeit, als es Zensur gab und die Securitate die Schreibenden kontrollierte und verfolgte. Nur eine staatlich geduldete Literatur konnte gedeihen. Jedoch haben die Dichter und besonders die der Minderheitenliteratur immer wieder Wege gefunden, diese zu umgehen. Auch seine Zungenbrecher „Habent sua fata literae“ (S. 64) oder „Das O und A“ (S. 56) sind nicht nur zum Schmunzeln da, sondern zum Nachdenken. Manche seiner Verse oder Prosaminiaturen beschreiben Dinge des Alltags, die zeittypisch oder traditionell sind, und alltägliche Benutzungsgegenstände: „Die Schürze“ (S. 35); „Gartenclogs“ (S. 29); „Die Taschenuhr“ (S. 73), „Streichhölzchen“ (S. 41); „Der Schwarm“ (S. 72); „Die Straßenbahn“ (S. 6); „Rauchzeichen“ (S. 39) – sie gehören zum Gesamtspektrum eines Autors, zu dessen Stärken gewiss die Selbstironie gehört. Die gegenwärtige Auswahl der Gedichte, analysierend und selbstreflektierend, sind durchaus spannend zu lesen, auch wenn die poetische Notwendigkeit mancher Verse Fragen aufwirft.

Katharina Kilzer

Hellmut Seiler: „Aufhebung der Schwerkraft“. Lyrik, Edition Noack & Block, Berlin, 2023, 142 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-86813-181-9.

Schlagwörter: Hellmut Seiler, Gedichtband, Buchvorstellung

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