Gerhard Gross erinnert in seinem Buch „Angekettet“ an den Schwarze-Kirche-Prozess in Kronstadt
Unter der Überschrift „Schwarze-Kirche-Prozess“ wurde in Folge 6 dieser Zeitung vom 21. April 2026, Seite 11, das Buch „Angekettet“ von Gerhard Gross angekündet. Nun sind wir im Besitz dieses Buches und möchten es unseren Lesern näher bekannt machen. Der Autor ist einer der wenigen Überlebenden der 20 ungerecht Verurteilten des Schwarze-Kirche-Prozesses 1958. In Kronstadt. Der Herausgeber des Buches ist ein Bekannter des Autors, Roberto Marcacci.
Schon aus dem Vorwort des Herausgebers erfahren wir: „Tatsache ist, dass Menschen durch ein Unrechtregime Jahre ihres Lebens gestohlen wurden oder ihnen das Leben durch ausgeführte Todesurteile genommen wurde. Ich habe in den Gesprächen mit Gerhard Gross keinen Revanchismus gefühlt. Im Gegenteil, er zeigt vielmehr seinen Weg, der ihn durch die Unterwelt der Haft bei der Securitate geführt hat.“
Nun geben wir einige Schilderungen des Autors ab der Verhaftung bis zur Entlassung aus dem Gefängnis wortwörtlich wieder, damit die Leserschaft erfährt, was er in der Zeitspanne von über sechs Jahren durchmachen musste.
„Mein Aufenthalt in der Securitate war eine Zäsur in meinem Leben, aber auch ein großer, schmerzvoller Abschied. Von einem Augenblick zum anderen war ich von der Familie, Freunden, Institutskollegen, Professoren abgeschnitten“. Erst da stellte er fest, dass mehrere seiner Freunde ebenfalls zum Verhör antreten mussten. „Der Prozesstermin am 19. November 1958 war mir nicht bekannt gegeben worden […] Als ich mich im Gerichtssaal, nach elfmonatiger Untersuchungshaft umsah, erblickte ich unter den Angeklagten bekannte, aber auch unbekannte Gesichter“ […]. Es folgt die Auflistung der Mitangeklagten: Dr. Konrad Möckel, Horst Depner, Günter Volkmer, Karl Dendorfer, Teodor Moldovan alias Michael Sponer, Heinz Taute, Günter Melchior und Rainer Szegedi. In anderen Prozessen wurden mit gleicher Begründung noch andere Bekannte verurteilt, wie aus der Urteilliste hervorgeht. Genaueres kann im Buch nachgelesen werden. Weiter berichtet der Autor: „Im Verlauf meines Strafvollzugs war ich in Zuchthäusern, die speziell für sogenannte Hochverräter reserviert waren. […] Unter den Häftlingen, denen ich in Gefängnissen begegnete, gab es Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Konfessionen […] Im Verlauf der Jahre nahm ich Unterricht in Englisch, Französisch, Italienisch, Ungarisch, Lateinisch, Medizin, Naturwissenschaften, Erdkunde, Psychologie, Philosophie, Ästhetik, Rechtskunde, Musikgeschichte, Kunstgeschichte, Religionswissenschaft, Landwirtschaft und lernte zahlreiche Lieder und Gedichte auswendig. […] Im November 1959, vor meinem Transport von Zeiden nach Jilava, machte ich die Erfahrung, wie es sich anfühlt, in Ketten geschlagen zu sein.“
Die nächsten Stationen führten Gerhard Gross in die Gefängnisse von Piteşti, Dej und Gherla. „Am 28. Juli 1964 nahm meine Reise durch die Unterwelt, eine Reise die neben viel Entsetzlichem auch voll reichem, schöpferischem Leben war – ihr Ende. Ich wurde in Gherla entlassen […] Meine Entlassung erlebte ich als endgültigen Abschied. Es war ein Abschied von vielen Menschen, die mir unter den schweren Lebensbedingungen hinter Gefängnismauern sehr nahegekommen waren. Ich verließ einen Erfahrungsraum, den ich in dieser Intensität wohl nie mehr im Leben begegnen würde […] Vor allem aber freue ich mich auf das Wiedersehen mit meiner Familie, meinen Freunden und auf die Welt, die ich vor mehr als sechseinhalb Jahren unversehens verlassen musste“.
Es sind in diesem Buch von Gerhard Gross sehr viele Einzelheiten zu erfahren, die es lohnt, sie zu erfahren, wie zum Beispiel die unmenschlichen Haftbedingungen mit vielen Entbehrungen, aber auch das Miteinander mit ganz unterschiedlichen Charakteren. Rückblickend schreibt er: „Kaum einer der Leidensgenossen, denen ich hinter Kerkermauern begegnete, hat jemals die Taten vollbracht, wegen denen er beschuldigt, verurteilt und schließlich eingekerkert wurde. Alle waren, wie auch unsere Gruppe um Stadtpfarrer Möckel, beliebig ausgewählte Figuren, die von den Machthabern nach Gutdünken wegen ihrer Gesinnung, oder wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer politischen, sozialen, kulturellen oder religiösen Elite zu einem Mosaik verbunden worden waren, die in ihr politisches Kalkül gerade passte.“
2010 hielt Gerhard Gross einen bemerkenswerten Vortrag in Bad Kissingen, dessen Inhalt ebenfalls in seinem Buch zu lesen ist. Im Nachwort ist noch mehr Privates aus seinem Leben zu erfahren.
Ortwin Götz
Gerhard Gross: „Angekettet“. Der Schwarze-Kirche-Prozess. Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Roberto Marcacci. epubli Verlag, Berlin, 2026, 200 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-565-16498-1
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