25. September 2026

Viktor Kästner: Wä, ich sil net sachsesch riëden?

Heuer jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag Viktor Kästners, eines unserer bekanntesten siebenbürgisch-sächsischen Mundartdichters. Er wurde am 30. Dezember 1826 in Kerz (rum. Cârţa) geboren. Dass hier schon heute daran erinnert wird, geschieht, weil der 26. September seit 2001 durch den Europarat zum Europäischen Tag der Sprachen bestimmt wurde.
Diesem Aufruf zur Besinnung auf das eigene Sprachgut schließt sich neben Radio Siebenbürgen auch unser Verband an. Nun ist das Siebenbürgisch-Sächsische aus sprachkundlicher Sicht bekanntlich ein Dialekt und keine Sprache. Ist der Dialekt jedoch Umgangssprache im Elternhaus und wird zum sprachlichen Fenster, durch welches das Kind erstmals seine Welt erkunden, benennen und begreifen lernt, dann erfüllt der Dialekt die Funktion der sprachlichen Erstentwicklung, wird zur Muttersprache. Kästner verwendet das Bild von der eingesogenen Muttermilch.

Dialekt schenkt und schafft Beheimatung über die Kultur der zwischenmenschlichen Beziehung hinaus. Die umgebende Natur wird zum Resonanzraum, in dem man sich wiederfindet. Gewässer murmeln und Wolken quasseln sächsisch. Da verbindet sich Heimat mit Identität, wird zum Gegenstand von Bekenntnis. Und erfordert Bewahrung in der Bedrohung. In der letzten Strophe des hier abgedruckten Gedichtes gewinnt die so idyllisch erscheinende Welt Kästners für uns aktuelle Bezüge. Nach den Wirren des 1848er Revolutionsjahres und unter dem restaurativen österreichischen Absolutismus wurde die alte sächsische Verfassung aufgehoben und der ehemalige Königsboden zerschlagen. Der Fortbestand der sächsischen Gemeinschaft schien bedroht. Zuversicht schöpft Kästner aus dem unauslöschlichen Fortbestand zweier unzerstörbarer Säulen: Sprache und Glauben: Sächsisch wird man doch noch beten dürfen nach der Väter Brauch.

Zum praktischen Umgang mit unserer (Dialekt-)Muttersprache will die nächste Folge von „Sachsesch riëden uch schrëiwen“ einladen, die im Blick auf den Europäischen Tag der Sprachen vom 26. September in der morgigen Siebenbürgischen Zeitung Online veröffentlicht wird.

Mit sächsischem Gruß Ihr/Euer

Bernddieter Schobel

Viktor Kästner: Wä, ich sil net sachsesch riëden?

Sachsesch (Auszug)


Wä? Ich sil net sachsesch riëden,
sachsesch dinke, sachsesch biëden?
Oh! Dåt ret mir norr e Fåånd!
Sachsesch Mälch hun ich gesijen,
sachsesch huët em mich erzijen;
kutt und fählt mer af den Zåånd!
Sachsesch riëdt meng inij Schatzken,
gitt af sachsesch mer se´ Matzken:
Bän e Sachs äm Sachselåånd!

Alle Quälle, Beech uch Brännen,
alle Fließker sachsesch kännen;
uch den Åålt, e Sälwerbåånd,
hiert em sachsesch beere, ramplen
iwwer Stien uch Fälsen tramplen,
kitt al morwelä geråånt;
uch de Burzen ägeriepelt
vun der Hätzt, hiert, wä se pripelt
sachsesch än dem Burzelåånd!

Wuulke, wä se sich begenen,
wä se trietsche, gäsche, renen,
schlabbre sachsesch ohne Wätz.
Uch der Danner, är Gevatter,
brammt und tuëwt, bååld lokt, bååld matter,
sachsesch durch de Wuulkerätz.
Wä as Spräch – kån em se fassen –
sachsesch trefen, sachsesch passen,
zackt und schlit und zängt der Blätz.

Frå mich, datt ich sachsesch riëden,
als e Sachs frå af kån triëden,
blëiwen´t bäs zem liëzten Hoch.
Hu s´as Ierdnung uch zewäddert,
åse Fråhietsbum entbläddert,
Sprooch und Gluwe blëiwt es doch!
Kennt as åålt gad Reecht zetriëden,
sachsesch widd em doch nooch biëden
terfen no der Väter Broch.



Deutsch

Wie? Ich sollte nicht sächsisch reden,
sächsisch denken, sächsisch beten?
Oh! Das rät mir nur ein Feind!
Sächsische Milch hab ich gesogen,
sächsisch hat man mich erzogen;
kommt und fühlt mir auf den Zahn!
Sächsisch spricht mein liebes Schätzchen,
gibt auf sächsisch mir sein Schmätzchen:
Bin ein Sachs im Sachsenland!

Alle Quellen, Bäche und Brunnen,
alle Bächlein sächsisch können;
auch den Alt (ein Fluss), ein Silberband,
hört man sächsisch brüllen, rumpeln,
über Stein und Felsen trampeln,
kommt murmelnd gerannt;
auch die Burzen (Nebenfluss des Alt) gestört (von Riepler?)
von der Hitze, hört, wie sie plaudert
sächsisch in dem Burzenland!

Wolken, wie sie sich begegnen,
wie sie schütten, gießen, regnen,
quasseln sächsisch ohne (im Sinn von: kein) Witz.
Auch der Donner, ihr Gevatter,
brummt und tobt, bald laut, bald matter,
sächsisch durch den Wilkenspalt.
Wie unsre Sprüche – kann man sie erfassen –
sächsisch treffen, sächsisch passen,
zuckt und schlägt (ein) und zündet der Blitz.


Freu mich, dass ich sächsisch reden,
als ein Sachs frei auf kann treten,
bleib es bis zum letzten Hauch.
Haben sie unsre Ordnung auch zerschmettert,
unsern Freiheitsbaum entblättert,
Sprache und Glaube bleibt uns doch!
Könnt unser altes gutes Recht zertreten,
sächsisch wird man doch noch beten
dürfen nach der Väter Brauch.

Schlagwörter: Viktor Kästner, Mundart

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