9. Juli 2026

„Unsere“ Hexen in Dinkelsbühl: Wie die Kunst Siebenbürgen mit deutscher Regionalgeschichte verbinden kann

Als ich am 13. Mai vor dem Publikum stand und fast ausschließlich unbekannte Gesichter vor mir sah, wusste ich: Mein Plan ist aufgegangen. Die Aufgabe, die ich mir als Bundeskulturreferentin des Verbandes gestellte hatte, war nämlich, Menschen zu einer Veranstaltung zu bringen, die sich bei siebenbürgisch-sächsischen Themen erst mal nicht angesprochen fühlen, die uns aber über einen Umweg doch entdecken. Der Umweg war in diesem Fall der Vortrag des Rechtshistorikers Prof. Dr. Markus Hirte, und zu entdecken gab es den Hexenzyklus von Sieglinde Bottesch – und somit ein Kapitel siebenbürgischer Geschichte.
Die Idee ist weder neu noch von mir, da ich es nun aber einmal ausprobiert habe und die Bilder bei uns im Verband aufbewahrt werden, will ich mein Vorgehen erklären und dazu einladen, es mir gleichzutun. Das Phänomen: Hexenverfolgungen gab es in der Frühen Neuzeit in ganz Europa, sie bewegen bis heute die Gemüter und verbinden Siebenbürgen mit zahlreichen Ländern. Denn, ja, auch in Siebenbürgen haben die Scheiterhaufen gebrannt.
Der Blick in die Ausstellung von Sieglinde ...
Der Blick in die Ausstellung von Sieglinde Botteschs Hexenzyklus im Haus der Geschichte in Dinkelsbühl zeigt (von links nach rechts): „Die große Angst“, „Hexe, die den Teufelspakt eingegangen ist“ und „Verdacht der Buhlschaft mit dem Teufel“. Foto: Ute Heiß
Die Ausstellung: Sieglinde Bottesch, 1938 in Hermannstadt geboren, hat im Hexenzyklus ihren inneren Bildern zum Romanfragment „Kleine Hexe kleine Hexe“ von Ricarda Terschak gestalterisch Ausdruck verliehen. In 15 düsteren, teils erschreckenden Monotypien kann man ihr von der Verdächtigung über den Prozess und die Folter bis zum Scheiterhaufen folgen.

Wer sich mit den Hexenverfolgungen in ...
Wer sich mit den Hexenverfolgungen in Siebenbürgen beschäftigen will, kommt an Carl Göllners „Hexenprozesse in Siebenbürgen“ (1971) und Friedrich Müllers „Beiträge zur Geschichte des Hexenglaubens und des Hexenprocesses in Siebenbürgen“ (1854) nicht vorbei. Beide Bücher können im Lesesaal der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim eingesehen werden, die Signaturen lauten F I/30 bzw. H I/63(R)
Der Ort: Der Zyklus wurde bis zum Heimattag einen Monat lang im Haus der Geschichte Dinkelsbühl gezeigt. Das Haus beherbergt in den Kellergewölben eine gut gemachte Ausstellung zur Hexenverfolgung, die das Phänomen beschreibt, einordnet und mit einigen falschen Vorstellungen aufräumt. Somit war ein Anknüpfungspunkt zur Lokalgeschichte gegeben, auf der anderen Seite sorgte diese Dokumentation für die nötige Kontextualisierung und Versachlichung.

Der Vortrag: Als Rahmenprogramm zur Ausstellung war am 13. Mai 2026 Prof. Dr. Markus Hirte, geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber und Honorarprofessor an der Universität Jena, zu Gast. In seinem Vortrag „Hexenwahn und Hexenglaube“ erläuterte er die Entstehung und den Verlauf einer der größten Tragödien der Frühen Neuzeit. Wer das Glück hat, einen renommierten, mitreißenden und ausgezeichnet vortragenden Experten in der Region zu haben, der kompetent zum Thema referieren kann, dem ist das Publikum sicher.

Das Setting hätte nicht besser sein können: Dr. Hirte gab nicht nur allgemein Einblick in die Hexenverfolgungen, sondern sprach immer wieder auch kurz die Situation in Siebenbürgen oder die Aufarbeitung der Hexenverfolgung in der Kunst an. Einige wenige Erwähnungen reichten, um die Region ständig im Hinterkopf zu haben und um das Publikum neugierig auf die Kunstwerke im Nebenraum zu machen. Dass die Gäste nach dem Vortrag fast alle in die Ausstellung gegangen sind, versteht sich von selbst. Dem Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen sei an dieser Stelle für die Förderung aus Mitteln des bayerischen Sozialministeriums herzlich gedankt.

Fazit: Die Erinnerung an die frühneuzeitlichen Hexenverfolgungen sollte wachgehalten werden, auch und insbesondere bei den Siebenbürger Sachsen, die über die Vorgänge in ihrer Herkunftsregion zumeist kaum etwas wissen. Das Thema eignet sich zudem in vielen Regionen Deutschlands ausgezeichnet, um Anschluss an die lokale Geschichte zu finden. Ferner ermöglicht es, Siebenbürgen einmal ohne Trachten, Kulinarik und Kirchenburgen ins Gespräch zu bringen und somit bestenfalls auch neue Zielgruppen anzusprechen. Nicht zuletzt ist der Vortrag eines Experten eine gute Möglichkeit, gemeinsam etwas zu lernen: In interkulturellen Begegnungsformaten – und als solche würde ich unsere kulturellen Veranstaltungen gerne sehen – gibt es zum einen die Möglichkeit voneinander zu lernen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, miteinander zu lernen und sich gemeinsam etwas anzueignen. Ein Fachvortrag, der beide Gruppen (Siebenbürger Sachsen und Nicht-Sachsen) gleichermaßen betrifft, bietet dazu eine gute Gelegenheit.

Praktisches: Sieglinde Botteschs Hexenzyklus besteht aus 15 leichten und doch stabilen Bildtafeln, die jeweils 45 cm breit und 60 cm hoch sind. Hinzu kommt eine weitere Tafel mit einleitendem Text. Jede der 16 Tafeln hat zwei Haken zum Aufhängen, Bilderrahmen sind nicht dabei und auch nicht nötig. Wer die Ausstellung ausleihen möchte, braucht im Prinzip nur Stellwände und Schnüre. Kontakt: Bundeskulturreferentin Dagmar Seck, Mail: kulturreferat[ät]siebenbuerger.de, Telefon: (0 89) 23 66 09-24.

Wenn Sie bei sich vor Ort vergleichbar gute Gegebenheiten vorfinden, wie ich sie oben für Dinkelsbühl bzw. Mittelfranken beschrieben habe, dann trauen Sie sich und leihen Sie sich den Hexenzyklus aus. Und falls Sie mit anderen Themen ähnlich gute Erfahrungen gemacht haben und fertige Konzepte streuen wollen, sagen Sie mir Bescheid! Gerne sammele und verbreite ich Ideen, die dabei helfen, inhaltliche Brücken von Ost nach West zu bauen.

Dagmar Seck

Schlagwörter: Heimattag 2026, Dinkelsbühl, Hexen, Bottesch, Acker

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