5. November 2026

Inij Kelltjer

Sagen sie zu ihr: „Te huëst inij Kelltjer am Gesicht, wunn te låchst“, kann es sein, dass sie erschrocken den Spiegel hervorholt. Wer denkt auch gleich daran, dass mit Kelltjer kleine Vertiefungen gemeint sind und es sich in diesem Fall also um hübsche Grübchen handelt?
Mit der Überschrift des nebenstehenden Gedichtes „Harwest bä der Lihmkolj“ führt uns Hedwig Kellner nicht nur an einen besonderen Ort, sondern auch zu einem Wort mit sehr weitem Bedeutungsfeld, das im gegenwärtigen Sprachgebrauch aber nur noch selten Verwendung findet: Kolj, in anderen Ortsmundarten Kell o.Ä. Es bedeutet: Grube, Vertiefung, Loch und reicht von im weitesten Sinne Teil des Landschaftsbildes bis zum winzigen Detail bei Handarbeitstechniken.

Wie vielfältig und weitreichend der Gebrauch des Wortes und seiner Zusammensetzungen war, zeigt sich darin, dass ihm im „Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch, fünfter Band, Buchstabe K“, Bukarest, Berlin, 1975, auf den Seiten 81-82 gleich vier Spalten gewidmet sind. Das Stichwort ist allerdings nicht „Kuhle“, wie man vermuten könnte, sondern „Kaule“. Den weitaus größten Teil nehmen dabei die Bezeichnungen von Flurnamen ein, entweder mit erläuternden Beiwörtern wie z.B. än der Kaul oder in Zusammensetzungen wie etwa Lihmkolj. Das Wörterbuch führt allein für Letzteres 106 dokumentierte Beispiele an. Diese Bezeichnungen erinnern wir verständlicherweise nur, wenn wir von der Heimat sprechen. Weitgehend in Vergessenheit geraten sind zudem Fachausdrücke aus dem Bereich kaum noch bekannter Handarbeitstechniken: Was beim Reihmuster der kellnij Staren ist, wissen wohl nur noch Expertinnen und Experten. Nett fand ich beim Lesen des Artikels die siebenbürgisch-sächsische Version des bekannten Sprichwortes „Stille Wasser sind tief“: Det stall Wåsser weest daf Koljen (Das stille Wasser weist auf tiefe Abgründe hin), bezeugt aus Galt. Damit schließen wir das Wörterbuch und wenden uns der Gegenwart zu.

Wenn das Kind im Sand buddelt und kleine Gruben aushebt, wie könnte man im Dialekt das besser beschreiben als mit: Et måcht klie Kelltjer? Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an ein Spiel: Das Kind macht eine Faust und jemand fährt mit dem Finger darüber. Wird ein Knöchel berührt, sagen beide: Haffeltjen, bei der Vertiefung zwischen den Knöcheln: Kelltjen. Das wiederholt man und bei jeder Wiederholung wird schneller gesprochen – bis sich am Schluss die Zunge vergåppelt.

Viel Spaß beim Lesen und Spielen wünscht Ihr/euer

Bernddieter Schobel

Schlagwörter: Mundart, Siebenbürgisch-Sächsisch, Sprache

Bewerten:

10 Bewertungen: +

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.