5. November 2026

Hedwig Kellner: Harwest bä der Lihmkolj*

Die „Lihmkolj“ sei eine bekannte Lehmwand am Rande einer Grube bei Reps, erklären Ortskundige. Sie ist der am 18. Oktober 1920 in Reps, Siebenbürgen, geborenen Hedwig Kellner durch den Kontrast der gelb-braunen Steilwand gegenüber üppigem Pflanzenwuchs ringsum lebhaft in Erinnerung geblieben. Die Farbenpracht eines sonnigen Herbsttages hat die seit 1990 in Deutschland lebende 75-Jährige vor Augen, wenn sie Bilder erlebter Schönheit bei gleichzeitigem Wissen ihre Vergänglichkeit wachruft. Und als wolle sie der Vergänglichkeit Bleibendes entgegenstellen, wählt sie für ihr Gedicht eine Form, die mit gleichmäßig fünfhebigen Zeilen und durchgehendem Reimschema Beständigkeit anzeigt. Hedwig Kellner starb am 12. Februar 2018.
Hedwig Kellner

Harwest bä der Lihmkolj*

Af der Wis de Herbstzeitlosen bloahn,
lila Kelch, af schlanke, blasse Stillen*
wäjje sich äm Wisegroan.

Steil erhiëwt sich genzt der Wis en Wuund,
giël uch brem* gestrëift, mät däife Rässen;
Gras uch Wurzeln hehn un ärem Ruund.

Uëwen af der Meoër woße Bim,
schuin än allen Harwestfarwen strohlend,
anj bedekt en dicht Gestroch de Lihm.

Bleatruit Bladder lichten durch’t Gezwech,
Schlihnen farwe sich allmehlich bliu,
rëif wid uch der Hetschempetsch* um Rej.

Zem Arnen* stiht det Kuckerutz berit,
hider strohlt de Sann vum bliuën Hemmel
af Feelder, Wis uch Bäsch äm Harwestklid.
Erfrah dich hotj, oh Mensch, um Sanneschenj!
Wi wiß, wäi bååld de Harweststerm schuin tuëwen?
Driu wid der hodjich Dåģ norr nooch Erännern senj.

September 1995

Worterklärungen:

Lihmkolj = Lehmkuhle, -grube. Näheres zum Wort „-kolj“ in der nebenstehenden Rubrik „Sachsesch riëden uch schrëiwen“
Stillen = (Blüten-)Stängel
brem = braun
Hetschempetsch = Hagebutten
Arnen = (zum) Ernten

Herbstbild

Auf der Wiese Herbstzeitlosen blüh’n,
ihre zarten, schlanken, lila Kelche
wiegen sich im Wind im Wiesengrün.

Hell vom blauen Himmel die Sonne strahlt,
warmes Licht die Erde überflutet,
bunt sind Wiesen, Feld und Wald bemalt.

Golden leuchtet der Strauch am Wiesenrain,
blaue Schlehen hängen an stachligen Zweigen,
rote Hagebutten glänzen im Sonnenschein.

Dürres Maislaub raschelt leis im Wind,
tief neigen sich die schweren Kolben,
ein Zeichen, dass nun erntereif sie sind.

Ich selber kann nur staunend stehn,
kann froh die bunte Pracht betrachten,
oh, herbstliche Welt, wie bist du schön!

Eine Sammlung der Gedichte von Hedwig Kellner mit dem Titel „Besännlich uch hider Gedichter“, gedruckt 2002 in Nürtingen, ist vergriffen. Eine erweiterte Sammlung mit dem gleichen Titel (ISBN 979-8309454747) ist für 17 Euro bei Amazon erhältlich. Link dazu: https://amazn.eu/d/OgatY7It.

Statt der hier sonst üblichen Wort-zu-Wort-Übertragung ins Schriftdeutsche wird diesmal eine deutsche Nachdichtung von Hedwig Kellner aus dem Jahr 2004 beigefügt, in der die Autorin allerdings den lokalen Bezug zur „Lihmkolj“ sowie den Aspekt der Vergänglichkeit ausgeblendet hat.

Bernddieter Schobel

Schlagwörter: Mundart, Gedicht, Reps

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