7. Dezember 2007

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Hauzenberger über seinen dokumentarischen Portraitfilm

Gerald Igor Hauzenberger ist nichts weniger als ein agent provocateur. In seinem Aufsatz, in dem sich der Regisseur von "Einst süße Heimat" direkt an die Leserinnen und Leser dieser Zeitung wendet, sucht der 39-jährige gebürtige Oberösterreicher bei seinem Publikum Verständnis zu wecken für die Hintergründe, den kulturhistorischen und philosophischen Kontext der Entstehung seines Dokumentarfilms, letztlich auch für seine persönliche innere Motivation zu sensibilisieren.
Geschätzte Leserinnen und Leser der Siebenbürgischen Zeitung. Letztes Wochenende hatte mein Film „Einst süße Heimat - Begegnungen in Transsylvanien“ in Linz Kinopremiere. An vier Tagen organisierte ich Diskussionen mit Historikern, Soziologen und Repräsentanten der Sachsen und Landler in Oberösterreich. Sowohl junge wie auch ältere Menschen haben in diesem Zusammenhang großes Interesse ausgedrückt, Siebenbürgen kennen zu lernen, es bereisen zu wollen. Neben vereinzelten kritischen Stimmen war das Publikum geradezu bewegt und einige Zuseher kamen ein zweites Mal, um den Film und die portraitierten Menschen (ältere Landler und Sachsen) noch einmal zu sehen. Bis Jahresende wird „Einst süße Heimat“ in zwölf europäischen Ländern auf bedeutenden Filmfestivals gezeigt worden sein. Ein großer Erfolg. Sibiu/Hermannstadt und Siebenbürgen sind wieder in vieler Munde. Und die Jugend, die ihre „Heimat“ häufig nur noch bei Kurzbesuchen erlebt, hat einen Film, der neben beliebter Folklore diskursive Anregungen bietet.

Trotzdem – oder gerade deswegen - wurde ich in Österreich und Deutschland manchmal beschimpft. Es scheint, als habe ich an einem Tabu gerührt. „Einst süße Heimat“ zeigt die spezielle Verkettung von „Schuld und Verhängnis“, die eine in Jahrhunderten gewachsene Volksgemeinschaft im 2. Weltkrieg in „Opfer und Täter“ getrennt hat. Können und sollen solche Konflikte überhaupt besprochen werden, - und nach so langer Zeit? Wem nutzt es, noch einmal in die Vergangenheit zu projizieren, ein Eintauchen in eine „Germanissimi Germani-Lebensphilosophie“, die eine Dialektik damaliger Ansichten und Werte an die Oberfläche bringt?

Der Regisseur des kontrovers diskutierten ...Der Regisseur des kontrovers diskutierten Dokumentarfilms "Einst süße Heimat": Gerald Igor Hauzenberger Für viele gelte ich seither als einer, der neben viel Respekt gegenüber den Menschen auch wichtige Geschichtsaufarbeitung leistet und den letzten Zeitzeugen der Kriegsgeneration einen filmischen Raum gibt. Andere hingegen sehen in mir einen Nestbeschmutzer oder sogar einen Horrorfilmregisseur.

Meine persönliche Motivation ist viel tiefenpsychologischer. Für mich war die Arbeit an meinem Dokumentarfilm mehr als ein vorübergehendes Projekt. Es ist sogar zu einem wichtigen Lebensabschnitt für mich geworden, der noch immer andauert und ein tiefes Verlangen nach Forschen, teilnehmender Beobachtung, Wissen und Anteilnahme in mir ausgelöst hat. Die Siebenbürger und ihre komplexe Geschichte haben mich sehr bewegt und dazu bekräftigt, einen zweiten Dokumentarfilm nach 1999 („Eclipsa - N-am ce face“) zu machen. Diesmal war es nicht nur ein heiteres Dorfportrait, sondern auch ein Eintauchen in ein Schuldgefühl meines kulturellen Erbes als deutschsprachiger Österreicher mit teils russischen Wurzeln und sächsischen Verwandten. Es sollte keine Fernsehreportage sein, wie z. B. Günter Czernetzkys „Wunden - Erzählungen aus Transsilvanien“ (1992-94), die aus vielen Perspektiven siebenbürgische Geschichte beschreibt und die kurzen Interviews mit historischem Filmmaterial illustriert. Diese wichtige Arbeit war getan und so machte ich mich daran, nach spannenden Charakteren der Kriegsgeneration zu suchen, um ihnen persönlich in langen Sequenzen ihre subjektive Wehrnehmung, Erinnerung und Sicht der Historie zum Ausdruck zu bringen.

In diesem Sinne - und das ist mir wichtig zu betonen - ist es ein dokumentarischer Portraitfilm geworden, der Einzelschicksale kognitiv greifbar und emotional intensiv spürbar macht. Während der Recherchezeit von 2001 bis 2003 begannen wir mit acht Menschen Interviews zu drehen, von denen mittlerweile leider einige gestoben sind. Dass letztlich nur noch Johann Schuff und Maria Huber mit ihrer beinahe einzigen Bezugsperson zu sehen sind, zeigt, dass wir Tag für Tag wichtige Zeitzeugen verlieren. Schuff ist kein repräsentativer Sachse, aber er ist einer, der das klassische philosophische Problem der Theodizee anspricht und nicht fassen kann, wie die Existenz Gottes bei so viel Grausamkeit, Schmerz und Leiden in der Welt vereinbar sein kann.

Er sucht immer noch nach der EINEN Wahrheit, die ihn und die Menschen erlöst. Ein Erbe der Zeiten, deren große Ideengebäude mittlerweile eingestürzt sind. Die Demokratie, die er bewusst erst nach 1990 erlebt, kann für ihn nur ein verwaschener Horizont zu vieler Meinungen sein. In diesem Sinne ist die gegenwärtige Weltgemeinschaft mit einem veränderten Wertesystem für ihn nicht nachvollziehbar. Er wurde in der harten und nationalistischen Überlebenswelt der Siedler erzogen und kann diesen Paradigmenwechsel nicht nachvollziehen. Schon 1888 schrieb Emilie Gerard in einer der ersten ethnographischen Studien über die Sachsen: „They are more thoroughly Teutonic than the Germans living today in the original fatherland“. In diesem Sinne muss er scheitern und kommt letztlich zur Erkenntnis, dass er alles falsch gemacht hat. Welch ein tragisches Selbsteingeständnis eines Menschen, der in einer Enklave bemüht war, der Tradition zu folgen.

Auch die Landlerin Maria Huber möchte aus dieser glücklosen Welt einfach verschwinden, in der fast alle Frauen nach dem letzten Aufbäumen des Deutschtums in die Sowjetunion deportiert wurden. Welche Frau kann da noch Friedrich Wilhelm Seraphins spätromantischen Anklänge vernehmen: „Ich bin ein Sachs! Ich sags mit Stolz, vom alten, edlen Sachsenstamm! Wo gibt's ein adliger Geschlecht, da keiner Herr und keiner Knecht? Nein, Männer, bieder, deutsch und frei! Mein Sachsenvolk, dir bleib ich treu!“ In diesem Sinne wollte ich eine respektvolle und gleichzeitig kritische Auseinandersetzung aufnehmen und das sehr österreichisch anmutende Phänomen des Verdrängens durchbrechen. Keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern eine vielschichtige Auseinandersetzung mit mentalen Prägungen durch Diktaturen, die Menschen teilweise nicht mehr auflösen können.

Ich möchte mit der zweiten Zeile eines berühmten sächsischen Liedes schließen: „Mir wessen, wat mer schaldig sen, den Diuden uch de Kinden“. Den Toten schulden wir ein respektvolles Andenken, den Kindern jedoch eine einfühlsame und tabulose Aufarbeitung von Geschichte, die die Komplexität der Seinsverhältnisse in totalitären Systemen sichtbar macht. Und glauben Sie mir, als Österreicher weiß ich, wie schwer es ist, Respekt für Land und Leute aufzubringen, wenn vieles im Nebel des Verdrängens stets wieder verschwinden muss.

Gerald Igor Hauzenberger

Schlagwörter: Film, Landler, Vergangenheitsbewältigung

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