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28. April 2011

Kulturspiegel

Literatur und nationale Identität

Wer Annemarie Webers Publikation „Rumäniendeutsche? Diskurse zur Gruppenidentität einer Minderheit (1944-1971)“in die Hand nimmt, kann sie nicht nebenbei oder diagonal lesen. Sie erfordert vom Leser volle Konzentration und zeitliche Kontinuität. Bringt man Geduld und Ausdauer auf, so wird man mit hohem Erkenntnisgewinn belohnt. Die vorliegende Arbeit beansprucht im Wissenschaftssystem zu ressortieren. Wissenschaft codiert Wirklichkeit bekanntlich nach „wahr – unwahr“, während das politische Teilsystem dieselbe Wirklichkeit unter Machtkriterien wahrnimmt, also nach Machterhalt oder Machtgewinn fragt und entscheidet. Die kürzlich geführte, heftige Diskussion um Karl Theodor zu Guttenberg belegt das Gesagte. Eine Vermengung beider Teilsysteme bringt Ärger – für Wissenschaft und Politik. mehr...

Kommentare

Artikel wurde 6 mal kommentiert.

  • bankban

    1bankban schrieb am 28.04.2011, 08:44 Uhr (um 08:52 Uhr geändert):
    Eine selten hervorragende, lobenswerte Rezension, die Lust auf das Buch macht. Danke schön. Zugleich schließen sich einige Fragen an: Wann ist ein "Diskurs" "Diskurs"? Ist es ein Diskurs, wenn in den "Kirchlichen Bll.", die ja von max. 2-3 Leuten herausgegeben wurden, dieselben 2-3 Leute ein paar Artikelchen über Identität schreiben? Es geht also um die Frage der Rezipienten. Wer hat diese Artikel schon großartig wahrgenommen, wer wurde von ihnen mental und im Verhalten des Alltags beeinflusst?

    Und diese Frage lässt sich auch von den "Kirchl. Bll." abstrahiert stellen. Denn machen wir uns nichts vor: all diese Texte (und mögen auch paar Leserbriefe darunter sein) können von nicht viel mehr als max. (ich sag mal) 150 Leuten stammen. Die dt. Minderheit bestand aber in den 1950ern aus etwa 300.000 Menschen (oder mehr?). Waren all diese Diskurse daher nicht Luxusveranstaltungen einer kulturellen Elite? Ich bezweifle, dass Bauer Hans in Hatzfeld, dass der Fabrikarbeiter Viktor in Kronstadt oder der Holzfäller Johann in der Maramuresch davon viel mitbekommen hat. Hier erschiene mir also eine Präzisierung vonnöten in die Richtung, dass es hier weniger um die Rumäniendeutschen als solche, sondern um deren kulturelle Elite geht (denn, ich vermute, dass selbst die technische Intelligenz /Ingenieure, Naturwissenschaftler etc./ sich kaum für die erörterten Fragen sich interessierte).

    Interessant finde ich, finally, den Hinweis auf den Text von Csejka ("Eigenständigkeit..."), den ich zwar nicht kenne, dessen Aussage aber in die Richtung zu weisen scheint, dass solche Texte im Gegensatz zur nationalen Homogenisierungspolitik die ethnische und nationale Eigenständigkeit in den Vordergrund stellten. Hieran wird zweierlei deutlich: a) es wird wieder einmal der besonders repressive Charakter des Regimes gegenüber den Minderheiten betont (ein Punkt, den hier im Forum viele leugnen) und b) deutlich wird auch, dass gegenüber diesem Homogenisierungsdruck und Entnationalisierungswillen das wiederholte Festhalten an der ethnisch-nationalen Eigenart einen Akt kulturellen Widerstandes darstellte, weil es den Zielen des Regimes zuwiderlief.
    Es wäre hier interessant, herauszufinden, ob es bei den anderen ethnischen Minderheiten des Landes ähnliche Statements (und "Diskurse") gab oder nicht.
  • harz3

    2 • harz3 schrieb am 28.04.2011, 11:54 Uhr (um 12:04 Uhr geändert):
    Schon diese Rezension verrät, wie hoch interessant das Thema ist. Die Leistung Annemarie Webers wird durch den Satz "Wahrscheinlich aber erwartet ein Soziologe oder Politologe an diesem Punkt zu viel von einer Literaturwissenschaftlerin" nur auf den ersten Blick relativiert und liest man sich alles noch einmal durch, bekommt man als Laie eine Ahnung von der enormen Leistung der Autorin.
    Chapeau für Annemarie Weber und den Rezensenten
    (ist die Namendsgleichheit ein Zufall?)
  • bankban

    3bankban schrieb am 29.04.2011, 22:33 Uhr (um 22:34 Uhr geändert):
    Eine weitere, im Zusammenhang mit der Thematik interessante Frage ist, welchen Stellenwert diese Diskurse über Identität im Gesamtgefüge des kulturellen Lebens bekommen können. Ich meine: ich habe im ersten Beitrag erwähnt, dass sich ja soviele Leute an diesen Diskursen nicht beteiligt haben (können). Diejenigen, die sich daran beteiligt haben, trugen damit auch zum Identitätsbewusstsein und zu dessen Stärkung bei. Doch gab es ja auch den offiziellen Diskurs, der aus allen ethnischen Minderheiten "mitwohnende Nationalitäten" machte. Dieser Wortgebrauch war ja vorherrschend und dominierend. Er trug gewiss nicht zur stärkung, sondern eher zur Schwächung des identitätsbewusstsein bei. Eigentlich müsste man ja auch diese Diskurse untersuchen: welche Ziele hatten sie (Aufgeben der eigenen nationalen Identität?), wer, welche Kreise unterstützten diese Diskurse? Wieviel Prozent einer Zeitschrift musste man für den offiziellen Quatsch reservieren, der ja für das Selbstwertgefühl eher destruktiv und schwächend war? Könnte man die offiziellen, internationalistischen oder kommunistischen Diskurse quantifizieren, dann wäre es evtl. auch möglich, den Stellenwert und die Aussagekraft der im Buch analysierten nationalen Diskurse bestimmten. Oder?
  • seberg

    4seberg schrieb am 29.04.2011, 23:38 Uhr (am 30.04.2011, 00:06 Uhr geändert):
    bankban: Du stellst einen elitäre Diskurs ("identitätsstärkend") einem offiziellen ("identitätsschwächenden") gegenüber. Wenn man davon ausgeht, dass es sich bei einem Diskurs qua Definition (welche immer man nimmt, Habermaß oder Foucault) um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, dem eine gewisse Breitenwirkung inhärrent ist/sein sollte: verliert er dann nicht die Berechtigung überhaupt als solcher bezeichnet zu werden, je elitärer und im kleinen Kreis sich seine Wirkung entfaltet?

    Vor einigen Jahren gabe es hier im Forum mal eine Diskussion über die deutschsprachige Presse im kommnistischen Rumänien, an der sich kurzzeitig auch ein damaliger Zeitungsmacher beteiligte (Johann erinnert sich sicher daran, wer das war). Es wurde damals argumentiert, dass den Zeitungsleser, denen in den Zeitungen der ganze von oben parteipolitisch vorgegebene Wust an offiziellem "Diskurs" präsentiert wurde, mit dem also für die Leser deiner Meinung identitätsschwächende Diskurs (von den Zeitungsleuten wie weit überzeugt oder eben nicht???), eine Art des "Zwischen-den-Zeilen-Lesen" eigen war...oder abverlangt wurde...oder notwendig war, mit Hilfe dessen die Leser, also die Masse der Rezipienten, hinter dem Offizellen auch eine/die "Wahrheit" herauslesen konnten, und damit, um bei diesem Terminus zu bleiben, an einer Art echtem, identitätsstärkenden Diskurs, mehr oder weniger /geeheim/verschwörerisch teilnahmen/teilnehmen konnten.
    Ich fand diese Argumentation damals wie heute eher fragwürdig. Eher schon traf das zu für die Literatur, besonder die Lyrik, die z.B.in der "Neuen Literatur" publiziert wurde. Aber wer las die schon? Wieviel Prozent der Deutschsprachigen?
    Breitenwirkung? Offizieller Diskurs?

    Ich meine, dass sich die "deutsche Identität" der "Rumäniendeutschen" im Laufe der Jahre nach dem Krieg auf noch ganze andere Art erhalten, bzw. auch noch verstärkt hat: auf einer viel breiteren, dafür aber auch viel persönlich-privateren Art, mit Hilfe kulturell-traditioneller Gepflogenheiten und Überlieferungen, an die man sich um so mehr klammerte, je feindlicher und bedrohlicher das "Offizielle" wurde. Es könnte sein, dass damals geschriebene Literatur und sonstige Publikationen in ihrer Bedeutung für die Identitätsrhaltung der großen Masse der Rumäniendeutschen eher überschätzt werden.
  • bankban

    5bankban schrieb am 30.04.2011, 07:41 Uhr:
    Seberg: ich wollte und will die Bedeutung der Presse insgesamt nicht kritisieren, obwohl ich ja weiss, wieviel Müll drinstand. Dennoch denke ich, dass es wichtig war, ein deutschsprachiges Pressewesen zu haben. Nur wäre es eben interessant, diese verschiedenen Diskurse hierarchisieren, einordnen, qualitativ wie quantitativ bestimmen zu können. (Vll. soll der Hinweis des Rezensenten am Ende hin, warum die Autorin nicht wissenssoziologisch vorgegangen ist, auf Ähnliches hindeuten, nämlich auf die Beziehung, das Unterordnung- oder Herrschaftsverhältnis zwischen den Diskursen).
  • harz3

    6 • harz3 schrieb am 30.04.2011, 17:35 Uhr (um 17:36 Uhr geändert):
    Seberg: "Es könnte sein, dass damals geschriebene Literatur und sonstige Publikationen in ihrer Bedeutung für die Identitätsrhaltung der großen Masse der Rumäniendeutschen eher überschätzt werden."

    Richtig, das sehe ich auch so.
    Die breiten Massen wussten, dass die ersten Seiten der deutschen Tageszeitung zu ignorieren waren. Die für die Leser interessanten Seiten blieben im Regionalen stecken.
    "Die neue Literatur" wurde von der jüngeren Generation wahrgenommen; in den Köpfen der Älteren steckten andere Kriterien und die waren denen der breiten Masse ähnlich: "Wir sind Deutsche"

    Die regionalen Zeitungen hatten in viel größerem Umfang identitätsstiftende Funktionen - und das war dann die Rückbesinnung auf das Schwäbische, Sächsische (Hermannstädter oder Burzenländer), aber auch durch das Prisma des "Deutschen" und nicht "Rumäniendeutschen."
    Ich erinnere mich noch sehr gut an die Aufregung an unserer Schule, als wir Unterschriften sammelten, um gegen die Einführung der rumänischen Ortsbezeichnungen in der deutschen Presse zu protestieren ... natürlich erfolglos. Ich habe auch nie etwas gehört, wo diese Liste gelandet ist.

    Die Rezeption der deutschen Literatur aus Rumänien als "Rumäniendeutsche Literatur" war in der DDR viel größer.
    Erst im Schul- und Hochschulalltag setzte sich dieser Sprachgebrauch im Literaturunterricht in den Schulen und Hochschulen in Rumänien durch - immer nach dem Motto "Wir sind nicht glücklich mit ihm, aber wir finden keinen anderen."
    Oder: "Besser Rumäniendeutsch" als "Volksdeutsch"

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