1. Mai 2020

Bundesobmann Manfred Schuller spricht über Folgen der Corona-Krise in Österreich

Infolge der Corona-Pandemie ist das öffentliche Leben in Österreich zum Erliegen gekommen. Die Bundesregierung verfügte frühzeitig einschneidende Maßnahmen, wie Ausgangsbeschränkungen, Maskenpflicht, das rigorose Vermeiden sozialer Kontakte. Damit wurden auch alle landsmannschaftlichen Aktivitäten im Bundesverband der Siebenbürger Sachsen in Österreich jäh unterbunden, sagt Bundesobmann Manfred Schuller im nachfolgenden Gespräch mit Christian Schoger. Sämtliche Veranstaltungen mussten kurzfristig abgesagt werden. Besonders schmerzlich sei der Gottesdienst-Verzicht: „Noch nie in der Geschichte wurden in Krisenzeiten Kirchen geschlossen. Dies ist äußerst bedenklich und trifft viele unserer Landsleute sehr hart.“ Die Auswirkungen des Infektionsgeschehens belasten Schuller, der seit vier Jahren den Bundesverband führt, merklich; weniger beruflich – der in der Bankenbranche beschäftigte Softwaretechniker und -entwickler kann im Homeoffice arbeiten; vielmehr schmerzen den 57-Jährigen, der mit Gattin Ingrid (die Bundeskulturreferentin wurde kürzlich mit der Kulturmedaille des Landes Oberösterreich in Gold ausgezeichnet; siehe Kulturmedaille des Landes Oberösterreich in Gold für Ingrid Schuller) in Altmünster im Salzkammergut wohnt, die massiven Einschränkungen des privaten Lebens.
Manfred, wie geht es dir und deiner Gattin Ingrid gesundheitlich?

Uns geht es sehr gut, wir haben das Virus nicht bekommen. In unserem Wohnort Altmünster ist bis dato keine einzige Erkrankung bekannt geworden. Wir fügen uns aber auch wie jeder andere den uns auferlegten Einschränkungen. Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie gesund ist.

Wie sehr schränken dich die seit Wochen geltenden strengen Regeln privat und beruflich ein?

Die beruflichen Einschränkungen halten sich sehr in Grenzen. Meine Arbeit mache im Homeoffice und das geht sehr gut. Besprechungen machen wir über Telefonkonferenz. Ingrid ist sowieso zuhause, unsere Frühstückspension ist seit 12. März ohne Gäste, somit fallen nur Instandhaltungsarbeiten an. Ingrid nutzt die Zeit mit Dingen, die sie schon längst machen wollte, doch nie Zeit dazu hatte, und ihr Alltag ist auch in dieser Ausnahmesituation gut ausgefüllt. Keine Termine zu haben und nicht auf Achse zu sein, kannte sie bisher nicht.

Die Beschränkungen der Bundesregierung haben auch uns in die Schranken gewiesen. Wir haben außer über Medien, Handy und PC keinerlei Kontakte zu den Kindern und Enkelkindern. Was für die Lebenserhaltung notwendig ist, kann eingekauft werden, und mehr benötigen wir nicht. Wir haben in den letzten fünf Wochen unser Haus nur sechs oder sieben Mal verlassen, um einzukaufen. Sonst sind wir stets zuhause. Unsere Kinder achten auch darauf, dass wir das Haus nur zum Spazierengehen verlassen, oder eben zum Einkaufen. Da geht die Kontrolle über das Telefon. Gott sei Dank gibt es WhatsApp oder Skypen.

Bisher (Stand 1. Mai) gibt es in Österreich 15 456 positive Testergebnisse. 584 Personen sind landesweit an den Folgen des Corona-Virus verstorben, 12 907 wieder genesen. Sind Todesopfer mit nachgewiesener Covid-19-Erkrankung auch unter Landsleuten zu beklagen?

Soweit mir bekannt ist, sind keine Todesopfer aufgrund der Covid-19 Erkrankung bei unseren Landsleuten zu beklagen. Mir wird aber auch nicht alles gemeldet.

In einer Ausnahmezeit wie dieser kommt vieles zum Erliegen. So musste unser diesjähriger Heimattag in Dinkelsbühl abgesagt werden. Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf das Verbandsleben in Österreich?

Das Verbandsleben, besser gesagt eigentlich das Nachbarschaftsleben, ist total zum Erliegen gekommen. Durch die Einschränkungen der sozialen Kontakte gibt es quasi überhaupt keine Möglichkeit, auch nur ansatzweise das zu ersetzen. Unsere Landsleute sind größtenteils in einem relativ hohen Alter, somit auch der gefährdetste Personenkreis, den es zu schützen gilt.
Seit dem 27. April besteht in Deutschland ...
Seit dem 27. April besteht in Deutschland Maskenpflicht, indes in Österreich bereits seit Anfang April das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken beim Einkaufen sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht ist: Bundesobmann Manfred Schuller in häuslicher Quarantäne, auf dem Balkon seiner Wohnung in Altmünster. Foto: Ingrid Schuller
Welche großen Veranstaltungen und Projekte müssen abgesagt werden?

Als Erstes wurde der Siebenbürgische Keramikmalkurs vom 20.-22. März auf 9. bis 11. Oktober verschoben, obwohl auch dies fraglich ist. Der Erinnerungstag der Heimatvertriebenen wurde für 2020 gänzlich abgesagt. Der Verband Salzkammergut hätte im Mai das 100-jährige Verbandsfest gefeiert. Da Ingrid maßgeblich im Festausschuss mitgewirkt hat, wäre es auch eine gute Gelegenheit gewesen, beim Trachtenumzug mitzuwirken, bei dem sich die Nachbarschaft Rosenau angemeldet hat. Auch dieses Ereignis, das in St. Wolfgang stattgefunden hätte, wurde auf 2021 verschoben. Zu Ostern wurde das traditionelle siebenbürgische Brauchtum Begießen bzw. Bespritzen nicht durchgeführt bzw. nur virtuell über die Medien. Dafür hatte Ingrid in ihrer Funktion als Brauchtumsreferentin Gelegenheit, diesen Brauch über den ORF im Radio Oberösterreich vorzustellen, wobei sofort ein gutes Feedback von den Zuhörern kam.

Alle Kronenfeste wurden abgesagt. Was erheblich schmerzte, war unsere Entscheidung in der Föderation, den heurigen Kulturaustausch in den USA/Kanada abzusagen und erst 2021 durchzuführen. Der schon etablierte Siebenbürgische Kulturherbst wird vermutlich nur abgespeckt stattfinden. Ob Sommerfeste noch stattfinden können, ist ebenso fraglich. Versammlungen auf allen Ebenen wurden abgesagt. Notwendige Generalversammlun­gen (auch wenn Neuwahlen anstehen) dürfen laut einem Gesetz der Bundesregierung virtuell durchgeführt werden. Dies ist unbedingt notwendig, denn wenn Funktionäre keinen Auftrag mehr aufgrund abgelaufener Vereinsperioden haben, gibt es keinen Zugriff mehr auf die Bankkonten und der Verein ist nicht mehr liquid. Auch einige Tanzwochenenden der Tanzgruppen mussten abgesagt bzw. verschoben werden. Auch kirchliche Veranstaltungen wie Osterfeste bzw. die ganze Passionszeit, aber auch Konfirmationen wurden alle abgesagt.

Mitte März hast du den Landsleuten in Österreich in einem Schreiben Mut zugesprochen. Ich zitiere daraus: „Wir Siebenbürger Sachsen kennen es aus den Geschichten unserer Eltern und Großeltern, was es heißt, zusammen zu stehen und sich gegenseitig zu helfen. Die Nachbarschaften sind auf diesem Prinzip aufgebaut.“ Was folgt daraus für eure landsmannschaftliche Gemeinschaft? Gibt es verbandsseitig konkrete Hilfsangebote?

Noch nie in der Geschichte wurden in Krisenzeiten Kirchen geschlossen. Dies ist äußerst bedenklich und trifft viele unserer Landsleute sehr hart. Das Wort Gottes, das den Generationen vor uns so hilfreich und treu zur Seite stand, das über viele Schmerzen und Verluste hinweghalf, das auch unserer Generation vertraut ist, nicht mehr hören zu können, ist wohl eine Tatsache, die vor uns niemand kannte. Dennoch suchen viele Halt und Hilfe im Wort Gottes. Predigten nicht nur von unseren Pfarrern, sondern auch aus Siebenbürgen werden uns über die Medien zugeschickt und helfen uns über diese Zeit hinweg. Auch die öffentlichen Medien haben aber hier sehr viel getan, um den Gläubigen die Möglichkeit zum Innehalten zu geben, und über das Fernsehen oder Radio Gottesdienste angeboten. Dies geschah in leeren Kirchen mit einer Handvoll Menschen, die die Pfarrer unterstützen, und immer mit dem erforderlichen Abstand.

Unsere Funktionäre der Nachbarschaften melden sich bei den Landsleuten, ob sie Hilfe benötigen und ob sie versorgt sind. Fast alle von ihnen haben Kinder oder sind in einem Pflegeverbund. Ein persönlicher Kontakt ist aufgrund der Einschränkungen und nicht autorisierten Autofahrten nicht erlaubt und somit nicht durchführbar. Unsere Mitglieder werden auch über den Kirchenverbund schriftlich in Form eines Pfarrbriefes kontaktiert, es wird ihnen Trost gespendet und auf eventuelle Hilfsangebote von Organisationen aufmerksam gemacht.

In welchem Rahmen finden derzeit Kommunikation und Austausch statt? Wie reagieren die Landsleute in Österreich auf die Entwicklung des Infektionsgeschehens, was sagen sie?

Die derzeitige Kommunikation wird größtenteils über Medien ausgeführt. Der überwiegende Teil der Landsleute ist mit der Vorgehensweise der Bundesregierung einverstanden und sieht die Notwendigkeit dieser Maßnahmen. Die Auswirkungen in anderen Ländern sind dramatisch und regen die Menschen zum Nachdenken an, vorsichtig zu sein. Gerne macht das keiner und die Kontakte zu der eigenen Familie, zu den Kindern und Enkelkindern so abrupt abzubrechen, war anfangs nicht das große Thema, aber jetzt nach fünf Wochen ist das schwerer als zu Beginn. Die Angst ist ein wesentlicher Faktor, und die Begegnungen beim Einkaufen oder Spazierengehen haben große Auswirkungen, was die Kommunikation betrifft. Trifft man Menschen im Supermarkt, sieht man nur die Augen, keine Mimik lässt uns erkennen, wie der andere reagiert – so kommt es eher zu wortkargen Zusammentreffen, ja manche grüßen gar nicht mehr und drehen sich ab wie zu Zeiten, als es die Pest gab.

Gesundheitsminister Anschober sprach von einer „Zwischenbilanz der ersten Etappe eines Marathons gegen das Coronavirus“. Es gibt inzwischen erste Lockerungen der Maßnahmen. Erkennst du das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels?

Die weitere Entwicklung auf das Geschehen wird nicht gerade positiv aufgenommen. Auch wenn die Geschäfte kleinweise aufsperren, so ist doch der soziale Kontakt weiterhin nur auf das Wesentliche zu beschränken und das fehlt den Menschen am meisten. Solange die Schulen, vor allem die Pflichtschulen, nicht wieder zur Gänze öffnen, wird es keine Normalität, so wie wir es kennen, geben. Das Tragen von Masken in der Öffentlichkeit und der Mindestabstand von einem Meter ist nicht gerade förderlich, wenn man in ein Gasthaus essen gehen will oder in einem Biergarten sitzt. Ich sehe Licht am Ende des Tunnels, aber die Situation wird sich erst entspannen, wenn es konkrete Medikationen zur Behandlung gibt, vor allem aber eine Schutzimpfung. Bis dahin werden wir uns aber noch gedulden müssen. Die persönlichen Befindlichkeiten hängen mit der wirtschaftlichen oft zusammen. Wer nicht vorgesorgt hat, den trifft es umso härter.

Bundeskanzler Sebastian Kurz findet für seinen Regierungskurs internationale Anerkennung. Viele kluge Köpfe beschäftigt die Frage, wie sich die Gesellschaft durch die Corona-Krise verändern wird. Was sind deine Erwartungen, Befürchtungen, Hoffnungen?

Ja, das ist richtig, unsere Regierung genießt derzeit von über 90 Prozent der ÖsterreicherInnen große Anerkennung. Die Maßnahmen so früh zu setzen, war zwar schmerzlich für die Wirtschaftstreibenden und für die Kleingewerblichen und bringt viele an den Rand des Ruins, aber sie waren notwendig, denn das Menschenleben geht über alles und ist das größte Gut, das wir besitzen. Wären diese Maßnahmen nicht so rigoros getroffen worden, hätte sich die Situation in Österreich anders entwickelt.

Einige wenige klagen zwar darüber und sehen die Maßnahmen als übertrieben und kritisieren Fehler, die ja auch passiert sind, denn wo Menschen arbeiten, passieren ja Fehler. Kein Mensch weiß, wie das alles bezahlt werden soll. Ich denke, dass im Bewusstsein der Österreicher diese Krise sehr wohl noch lange vorhanden sein wird. Abstand halten, vorsichtig sein, mit allem was man angreift, wird noch lange anhalten. Aber eine große Veränderung der Gesellschaft kann ich mir nicht vorstellen. Wenn die Normalität wieder eintrifft und eine gewisse Zeit vergangen ist, wird man sich zwar erinnern, aber unser freies Leben in Europa in einer Wertegemeinschaft wird nicht mehr getrübt sein. Es ist vielleicht noch nie so deutlich wie jetzt sichtbar geworden, welchen Wohlstand wir besitzen, wie dankbar wir der Generation vor uns sein können und wie viel wir uns erarbeitet haben.

Ich danke sehr herzlich für die Gelegenheit, Antworten auf die Fragen zu geben, was uns alle zurzeit bewegt. Ich wünsche all unseren Landsleuten, ja allen Menschen auf dem ganzen Kontinent beste Gesundheit, den Mut, nach vorne zu blicken, auch wenn momentan der Blick getrübt ist. Ich danke weiters allen Menschen, die für unsere Lebenserhaltung sorgen, den Ärztinnen und Ärzten in den Krankenhäusern, allen freiwilligen Helfern, unseren Familien und Freunden, die in dieser nie dagewesenen Situation ihr Bestes geben. Der liebe Gott beschütze alle! „Der Herr half, uch olles gaudet, bleift gesond uch monter!

Danke, Manfred, das wünschen wir uns alle. Viel Kraft, und bleib gesund!

Schlagwörter: Interview, Schuller, Bundesobmann, Österreich, Corona, Nachbarschaften, Salzkammergut, Bundeskkanzler, Kurz, Anschober, Soziales, Gesundheit

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