7. September 2001

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Volker Petri: "Österreichs Siebenbürger Sachsen zwischen Völkern und Zeiten"

Bundesobmann Volker Petri hat in seiner Festrede beim 10. Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Österreich am 1. September eine Standortbestimmung der in der Alpenrepublik lebenden Landsleute vorgenommen. Petri, der hauptberuflich als evangelischer Seelsorger im oberösterreichischen Seewalchen/Rosenau wirkt, ging auf die Geschichte der anfangs schwierigen, danach vorbildlichen Integration der Siebenbürger in das nach dem Krieg neu gewonnene gesellschaftliche Umfeld ein und hinterfragte eingehend ihre sozialpolitische und kulturelle Rolle, namentlich die der jüngeren und jüngsten Generation, im heutigen Österreich. Petris Festansprache wird hier in leicht gekürzter Fassung wiedergegeben.
Bundesobmann Volker Petri bei der Festansprache zum Motto des Heimattages in Wels. Foto: Erhard Graeff
Bundesobmann Volker Petri bei der Festansprache zum Motto des Heimattages in Wels. Foto: Erhard Graeff


Zum zehnten Mal feiern wir unseren Heimattag und zum ersten Mal im neuen Jahrtausend. Dieses Jubiläum nötigt uns zur Standortbestimmung. Nach 800-jähriger Geschichte in Siebenbürgen und nun bald 57 Jahren des Zusammenlebens in Österreich stehen wir an einer wichtigen Wegkreuzung.
Wir sind Österreichs Siebenbürger Sachsen. Aus den einst verschüchterten, von den Strapazen des Trecks und dem Heimatverlust gezeichneten siebenbürgischen Flüchtlingen des Jahres 1944, wurden selbstbewusste österreichische Siebenbürger Sachsen, denen unser Herrgott neue Heimat schenkte.
Die Not der furchtbaren Kriegs- und Nachkriegsjahre führte zu der gewaltsamen geographischen Verschiebung. Aus den für kurze Zeit aus dem Kampfgebiet Evakuierten, wurde ein über hundert Kilometer langer Treck, der nach sechswöchiger Reise und knapp 1000 Kilometern in Österreich Zuflucht fand. Die Großeltern jener Zeit, die 1944 die Grenze Österreichs überschritten, waren als österreichisch-ungarische Staatsbürger vor 1918 geboren worden. Die schmerzhafte Erfahrung von Flucht und Heimatverlust weckte in der damaligen "Ostmark" die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte von 1690-1918.
Die Notunterkünfte in Schulen, auf Bauernhöfen und vor allem in den Erdhütten zeigten deutlich, dass der Aufenthalt in Österreich Provisorium war, eben kriegsbedingte Zwischenstation auf dem Umweg zu der ersehnten Rückkehr der Evakuierten, nach Friedensschluss, in ihre alte, angestammte Heimat.
Mit dem Kriegsende aber wird den siebenbürgischen Flüchtlingen die Staatsbürgerschaft ihres Heimatlandes entzogen, Haus und Hof werden enteignet, in der Heimat wird die Zwangsdeportationen zum Wiederaufbau in die Sowjetunion verordnet. Diese Situation stellte die Flüchtlinge vor eine riesige Herausforderung und musste schrittweise verarbeitet werden. Heimat verlieren bedeutete alle Rückkehrpläne zu vergessen und sich von allen Sehnsüchten lossagen. Bis 1950/52 und bei einigen unserer Landsleute bis zu ihrem Lebensende, sehnte man die Heimkehr herbei. Das Bild der Heimat bekam im Alter himmlische, transzendente Züge.
Aus zunächst 1944 herzlich begrüßten evakuierten Volksgenossen, wurden über Nacht nach Kriegsende Flüchtlinge, Asylanten, Staatenlose, Displaced persons, Rechtlose und ganz auf die Gnade der Besatzungen und Österreichs Angewiesene. Aus tief in der Heimat, in ihren Dörfern und Kirchen verwurzelten und in ihrer Geschichte gefangenen, aber freien stolzen Menschen wurden Parias, Abgestempelte, denen das Odium des Nationalsozialismus wie ein Kainszeichen nachhing. Das typische Nationalbewusstsein der Minderheiten wurde von aussen leicht als nationalistisches angesehen und missverstanden.
Die notvollen Jahre der Nachkriegszeit in dem von Flüchtlingen überfüllten Land machten sie zusätzlich zu Unerwünschten, zur Belastung, der man sich so schnell wie möglich entledigen wollte. Sie engten den knappen Lebensraum ein, und ihre hungrigen Mäuler schmälerten den karg gedeckten Nachkriegstisch. Ihre große Zahl vermehrte das Heer der Arbeitslosen und bedeutete unerwünschte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt .
Anderseits benötigte Österreich dringend auch ihre Hilfe in der fürs Überleben wichtigen Landwirtschaft, später im Baugewerbe beim Aufbau und in den Werkstätten. Erwünscht waren jedoch nur die Jungen, die Gesunden, die Starken. Österreich war nicht gewillt das "Sozialpaket", wie man lieblos die Alten, Kriegswitwen, Waisen und Kranken bezeichnete, zu übernehmen. Diese sollten nach Deutschland weiter ziehen ohne Rücksicht auf Familienbande, Gemeinschaftssinn und Verbundenheit.
Die Not der Jahre ließ die Siebenbürger enger zusammenrücken und verstärkte ihren Zusammenhalt. Die Familien- und Dorfgemeinschaften boten Geborgenheit, ihre kirchliche und politische Vertretung gab ihnen eine gewisse Zuversicht, und in den Gottesdienste mit ihren Flüchtlingspfarrern fanden sie Trost. Selbstverständlich ließen sie sich nicht auseinander reissen, sondern lebten unter dem Motto: "Alle für einen, einer für alle! "
Die mühselige und langwierige Suche nach neuer Heimat begann, da die alte Heimat endgültig verloren war und die Bundesregierung in Wien die Aufnahme ablehnte. Enttäuscht kamen die Verantwortlichen von den erfolglosen, oft auch demütigenden Vorsprachen aus Wien zurück. Als Volksdeutsche waren sie unerwünscht.
Frankreich, Brasilien, Luxemburg, Chile, Venezuela, Paraguay, die USA, Kanada und andere Länder wurden um geschlossene Aufnahme gebeten. Unter verschiedenen Voraussetzungen waren einige dieser Länder dazu bereit, doch keines entsprach ganz den Vorstellungen. Wie sehr die Siebenbürger ihrer Sprache und Kultur verbunden waren, zeigt die Ablehnung des großzügigen französischen Angebotes, sie am Golf von Biskaya geschlossen anzusiedeln. Da man ihnen keine deutschen Schulen zugestand, lehnten sie es trotz ihrer deplorablen Situation ab.
Die kleine Evangelische Kirche Österreichs kam in diesen schweren Zeiten ihrem genuin-christlichen Auftrag nach, nahm sich der verunsicherten und traumatisierten Geschwister an und integrierte sie Schritt für Schritt in ihre Reihen. Die EKÖ setzte sich mit ihrer schwachen Stimme konsequent, aber ohne sichtlichen Erfolg entlang der fast zehn Jahre währenden Wartezeit für die Flüchtlinge ein. Sie gewährte ihnen geistige Herberge, Schutz und Trost.
1952 wird endlich die Arbeitserlaubnis und damit auch die Aufenthaltserlaubnis gewährt, und das oft mühselige und demütigende Warten auf die Arbeitsgenehmigung entfällt. Aber Österreich war noch immer nicht für eine Aufnahme bereit. Weitsichtige Politiker, wie Landeshauptmann Dr. Gleissner gelang es nicht, die Bundesregierung zu einer positiven Entscheidung auch im Interesse Österreichs zu veranlassen. Ungefähr 6 000 ungeduldige und enttäuschte junge Siebenbürger und deren Familien siedelten sich in Kanada und den USA an.
Die dringend für den Wiederaufbau benötigte Kohle in der Bundesrepublik Deutschland und die in der Verfassung verankerte Verantwortung für die Volksdeutschen lässt die siebenbürgischen Verantwortlichen eine schrittweise Aufnahme ihrer Landsleute im Ruhrgebiet aushandeln, rechtliche Gleichstellung wird ihnen zugesagt. 11.000 Meldungen schrecken die österreichische Wirtschaft und Politik auf. Die nach Deutschland gegangenen machen eine wichtige Erfahrung in diesen Jahren: Österreich und seine liebenswerten Menschen waren ihnen vertraut geworden und die dort verbrachte Zeit weckte erste, zarte heimatliche Gefühle. Ein Drittel kehrt nach Österreich zurück und kann mit dem schwer verdienten Geld eigene Heimstätten bauen.
Die Jahre 1954 und 1955 führen zum ersehnten Staatsvertrag: Österreich ist wieder ein freies Land. Freude und Glück, jedoch auch wirtschaftliche Überleguingen, politische Einsicht und humanitäre Verantwortung führen zur Verabschiedung des Kooptionsgesetz für die österreichische Staatsbürgerschaft. So bekennt sich Österreich nun ganz zu seinen Flüchtlingen und macht sie endlich zu den Seinen. Aus Staatenlosen werden rechtlich Gleichgestellte, aus Geduldeten Angenommene und aus verunsicherten zuversichtliche Menschen.
Sie versuchen in Kürze die wertvolle, verlorene Zeit wettzumachen. Ohne öffentliche Förderung und oft auch ohne Darlehen schaffen sie aus eigenem Vermögen den Aufbau ihrer Häuser, Siedlungen und damit auch der neuen Heimat.
Die folgenden 20-25 Jahre sind von emsiger Bautätigkeit bestimmt. Die großen Lager werden aufgelöst und Baugründe mit eisern Erspartem gekauft. Neue Siedlungen entstehen, in deren Mitte auch die Kirchen gebaut und Friedhöfe angelegt werden. Der siebenbürgische Pionier- und Gemeinschaftsgeist und der sogar die schottische Sparsamkeit übertreffende siebenbürgische Sparsinn bewähren sich. Der Aufbau verlangte Höchstleistung und ganzen Einsatz, hektisch und geschäftig war die Zeit, jedoch von unendlich vielen, kleinen Schritten des Erfolgs und der Heimatfindung gekrönt. Müde und ausgelaugt legte man abends sein Haupt nach arbeitsreichem Tag im eigenen Heim auf den Polster, jedoch unendlich glücklich und dankbar.
Die rechtliche Gleichstellung ermöglicht die freie Organisation in den Vereinen, Nachbarschaften und der Landsmannschaft. Die siebenbürgischen Auftritte bei großen Festen machen sie der österreichischen Bevölkerung vertraut, und sie gehören sehr bald fast selbstverständlich in die österreichische Trachtenlandschaft und Volkskultur. Als österreichischer Staatsbürger erleben sie dankbar ihre Anerkennung und Wertschätzung in Staat und Kirche. Das stärkt das Selbstbewusstsein.
Die hier geborenen Kinder, die geschlossenen Ehen und gelebten Freundschaften machen heimisch. Die zunächst fremde Landschaft wird vertraut, eben zur Heimat. Die Integration geht mit Riesenschritten voran, und in Wirtschaft, Politik, Kirche und Kultur findet man seit diesem Zeitpunkt auch immer wieder Siebenbürger in verantwortlichen Stellungen.
Die Stimme unserer "Alten", die der alten Heimat noch stark verbunden und in patriarchalischer Ordnung beheimatet waren, bestimmen das Zusammenleben in allen Bereichen. Vertraute Lebensordnungen wie Großfamilie, Dorfgemeinschaft aber auch Nachbarschaft helfen in den Notzeiten bei der Integration und schützen vor Assimilation. Nach Öffnung des "Eisernen Vorhangs" folgen die Besuche in der alten Heimat, die ernüchtern und das verklärte Heimatbild realistisch werden lassen. Von den Reisen nach Siebenbürge, kommt man immer bewusster nach Hause, nach Österreich.
Die hier geborenen Kinder wachsen, von jeglichen Ressentiments und zum Teil auch von siebenbürgischer Schwermut befreit, heran. Das starke Gefühl der heimatlichen Verbundenheit ihrer Eltern und besonders Großeltern, ist ihnen fremd und belastet sie nicht mehr. Sie wollen bewusst Österreicher sein und sind es ebenso bewusst, keine "Zugroasten" mehr, keine Fremdlinge und "Tschuschn". Der österreichische Dialekt und die Diktion ist ihnen vertraut, sie fallen nicht mehr wie ihre Eltern durch das typische Siebenbürgerdeutsch und die zunächst fremd anmutenden typisch siebenbürgischen Namen auf. Ihre Lebenshaltung und "Leichtigkeit des Seins" beglückt. Vom Alten kann man erzählen, über Erlebnisse berichten, aber das Gefühl der Heimatbindung ist etwas Persönliches und nicht übertragbar. Mit ihren Augen, Ohren und Herzen erleben sie die Heimat ihrer Eltern anlässlich von Besuchen aus einer eigenen Perspektive. Ihre österreichische Identität ist so stark, so verwurzelt und vordergründig, dass sie die alten Wurzeln, den siebenbürgischen Ursprung wohl sehen aber auch relativieren. Nüchterne Distanz schenkt ihnen eine reellere Einschätzung und macht ihnen ihr Österreich noch wertvoller. Mit der zahlenmäßigen Abnahme der Erlebnisgeneration gehört die Zukunft hier den österreichischen Siebenbürger Sachsen und lebt aus ihrer neuen Perspektive.
Wir, Österreichs Siebenbürger Sachsen, stehen auf der Brücke zwischen dem erlebnisreichen Gestern im friedlichen und reichen Heute und dem unbekannten Morgen. Und wir erkennen uns als Teil dieses wunderbaren Landes und seiner Gesellschaft. Es wird uns jedoch auch die besondere Bindung zu der alten Heimat, ihrer Geschichte und ihren Menschen bewusst.
Wir, Österreichs Siebenbürger Sachsen, stehen auf der Brücke und sehen im Rückblick in die Geschichte des 18. Jahrhunderts, wo österreichischen Landler in Siebenbürgen Heimat fanden und nach dem II. Weltkrieg den Siebenbürger Sachsen hier Heimat geschenkt wurde. Diese Landler sind eine zusätzliche Brücke des gegenseitigen Verständnisses und der Wertschätzung der jeweiligen Identität.
Wir sind Österreichs Siebenbürger Sachsen, und das zeigte beispielhaft auch die Teilnahme der siebenbürgischen Kapelle und Tanzgruppe Traun beim heurigen Oberösterreichball in Wien, wo sie mit unserem Landeshauptmann unser Bundesland repräsentierten. Unsere Tanzgruppen und Musikkapellen treten erfolgreich in vielen Ländern als österreichische Siebenbürgergruppen auf und ernten Anerkennung und Lob. Unser reiches Kulturerbe ist auch österreichisches Erbe und stellt unseres Erachtens einen wertvollen Schatz dar.
Wir, Österreichs Siebenbürger Sachsen, stehen auf der Brücke und erkennen uns als Teil unserer Evangelischen Kirche Österreichs, die wir mitprägen und die uns prägt. Unsere volkskirchliche und hochkirchliche Tradition stellt eine besondere Facette im Bild der Kirche dar, und die von Siebenbürgern initierten und errichteten Kirchenbauten sind unübersehbare, sichtbare Spuren.
Als Österreichs Siebenbürger Sachsen wollen wir Brücke bleiben zu den Siebenbürger Sachsen in der alten Heimat, in Deutschland, Kanada und den USA. Unsere Verantwortung für unser reiches Kulturerbe und für die hilfsbedürftigen Menschen ist uns wichtiges Anliegen. Mit aufmerksamen Augen verfolgen wir die Entwicklung in Rumänien, freuen uns über die neue Freiheit und erheben unsere kritische Stimme, wenn Unrecht geschieht.
Als Österreichs Siebenbürger Sachsen im Herzen Europas angesiedelt und in der gemeinsamen Geschichte der einstigen Donau-Monarchie und der II. Republik beheimatet, wollen wir auch an der Brücke zu einem geeinten Europa mitbauen. Unsere Sprachkenntnisse, Erfahrungen und Freundschaften prädestinieren uns gerade zur Mitarbeit.
Als Österreichs Siebenbürger Sachsen können wir zur Brücke des Verständnisses durch unsere Heimattage werden. Viele Zeitgenossen, denen das Wort Heimat nichts mehr sagt, die über das Geschenk des Friedens nicht Bescheid wissen, können aus unser Geschichte lernen und einen neuen Zugang finden.
Als Österreichs Siebenbürger Sachsen bietet unser lebendiger Familien- und Gemeinsinn eine Alternative zur Individualisierung und Atomisierung unserer Gesellschaft. Unsere Nachbarschaften und Vereine stiften Gemeinschaft und bieten Raum für sinnvolle Begegnung und Freizeitgestaltung.
An unserer Geschichte und unserer Integration in Österreich können führende Politiker lernen, immer wieder auftretende irrationale Ängste abzubauen und neues Verständnis, neue Sensibilität zu wecken.
Wir, Österreichs Siebenbürger Sachsen zwischen Völkern und Zeiten, wollen von dem sicheren Ufer des Vergangenen, Vertrauten und Erfahrenen über die Brücke des Lebens in Gegenwart und Zukunft treten und bitten unsere Kinder und Jugendlichen zu prüfen, was für sie wesentlich und wichtig ist in unserem Erbe, und das dann weiter zu tragen. Wir sind nicht am Ziel, sondern auf dem Weg, und der heutige Tag ist nur ein Meilenstein.
Wir in Österreich haben wohl die längste Erfahrung ausserhalb Siebenbürgens gesammelt und stehen vor der wichtigen Aufgabe, unsere Tradition und Kultur der zweiten und immer mehr auch der dritten Generation ans Herz zu legen. Die heutige Welt ist kein guter Boden für diese Arbeit und dieses Lebensverständnis, da Geschichte, Brauchtum und Gemeinschaft kaum mehr gefragt sind. Deshalb brauchen wir zu diesem schwierigen Unterfangen viel Fingerspitzengefühl, Offenheit und Toleranz. Wir brauchen Verständnis, Unterstützung und vor allem unsere Jugend und Kinder, denn mit ihnen und durch sie erschließt sich die Dimension der Zukunft.

Schlagwörter: Verbandspolitik, Integration

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