12. Juni 2007

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Schulwesen von europäischem Rang

Die Landesgruppe Baden-Württemberg eröffnete am 15. Mai die Ausstellung „Die Schulen der Siebenbürger Sachsen“ im Stuttgarter Rathaus. Zahlreiche Landsleute und auch Nicht-Siebenbürger nahmen an der feierlichen Eröffnung teil. Bis zum 28. Mai zeigte die Landesgruppe nun zum dritten Mal nach 1989 und 1997 Aspekte der siebenbürgisch-sächsischen Kultur im Rathaus Stuttgart.
Die hohe Qualität des siebenbürgischen Schulsystems und die Bedeutung der Bildung für die Identität der Siebenbürger Sachsen hob Achim Laur in seiner Begrüßungsansprache hervor, die er in Vertretung des Oberbürgermeisters Dr. Wolfgang Schuster hielt. Das deutsche Siebenbürgen wäre ohne das enge Netz des Schulwesens unvorstellbar gewesen. Wenn die Siebenbürger Sachsen heute als Deutsche unter Deutschen gelten, sei dies mit Sicherheit zu einem großen Teil dem leistungsfähigen siebenbürgisch-sächsischen Schulwesen zu verdanken.

Alfred Mrass, Vorsitzender der Landesgruppe Baden-Württemberg der siebenbürgischen Landsmannschaft, richtete in seinem Grußwort einen Dank an Ministerialdirigent Herbert Hellstern, Abteilungsleiter im Innenministerium Baden-Württemberg und zuständig für die Aussiedler und Vertriebenen, für die finanzielle Hilfe, ohne die diese Ausstellung nicht möglich gewesen wäre. Mrass dankte Prof. Dr. Walter König, der aus Krankheitsgründen an der Veranstaltung nicht teilnehmen konnte. Ihm verdanken die Siebenbürger Sachsen der Nachkriegsgeneration die meisten Kenntnisse über das siebenbürgisch-sächsische Schulsystem. Seine Anregungen haben eine Vielzahl von Untersuchungen ausgelöst. Mrass begrüßte Verlagsleiter Dr. Axel Dornemann, der in seinem Buch „Auf Schulwegen durch Deutschland“ auch die Beschreibung eines Schulweges zur Honterus-Schule in Kronstadt aufgenommen hat. Und nicht zuletzt gebührte der Dank auch Michael Schneider von der Universität Erlangen/Nürnberg, der die Ausstellungstafeln konzipiert und die Schulgeschichte erstmals in einer öffentlichen Ausstellung thematisiert hatte. Mrass stellte den Erhalt und den Ausbau des siebenbürgisch-sächsischen Schulsystems – neben den Kirchenburgen – als eine der bedeutendsten Leistungen der Siebenbürger Sachsen heraus. Verantwortungsbewusste Lehrer hätten die Kinder stets in siebenbürgisch-sächsischer Tradition erzogen, betonte Mrass.

Gruppenfoto mit Bischof D. Dr. Christoph Klein und Stadtpfarrer Kilian Dörr auf der Treppe des Stadtpfarrhauses: die Gruppe mit zehn Konfirmanden, die am Palmsonntag in Hermannstadt konfirmiert wurden. Im Hintergrund das frisch sanierte Sagstiegentor. Foto: Konrad Klein
Gruppenfoto mit Bischof D. Dr. Christoph Klein und Stadtpfarrer Kilian Dörr auf der Treppe des Stadtpfarrhauses: die Gruppe mit zehn Konfirmanden, die am Palmsonntag in Hermannstadt konfirmiert wurden. Im Hintergrund das frisch sanierte Sagstiegentor. Foto: Konrad Klein

Michael Schneider ging in seinem Vortrag auf die Ausstellung selbst ein. Der Kern der Ausstellung findet sich auf den 56 Holztafeln aus dem Schulmuseum Nürnberg. Diese wurden als Türme und Wandelemente miteinander verbunden. Der erste Turm beschäftigt sich mit der Frage, wer die Siebenbürger Sachsen sind, und zeigt einen Einblick in deren ältere Schulgeschichte. Ein zweiter Bereich zeigt die Blütezeit des Schulwesens in der zweiten Hälfte des 19. sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Siebenbürger Sachsen die Schulen zu einem einheitlichen professionellen Schulwesen zusammengeschlossen haben. Es folgen Themen, die die Schule während Diktaturzeiten zeigen, wie im Nationalsozialismus und Kommunismus. Das Thema „Die Schule im Gepäck“ behandelt die Integration der Siebenbürger Sachsen in Deutschland.

Laut Schneider stammen die ersten dokumentarischen Hinweise auf siebenbürgische Schulen aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Um 1500 werden schon in 85 Prozent der siebenbürgisch-sächsischen Orte Schulen nachgewiesen. Die damalige Unterrichtssprache war Latein, wie überall in Mitteleuropa. Die Schulen Siebenbürgens unterschieden sich von den anderen durch ihren ausgeprägten kommunalen Charakter: Sie waren nicht nur Einrichtungen der Kirche, sondern auch der Gemeinde. Seit der Reformation im 16. Jahrhundert sind konkretere Informationen zu den Schulen überliefert, was dem Reformator und Buchdrucker Johannes Honterus zu verdanken ist. Nach Friedrich Teutsch ist Honterus für die Siebenbürger das, was für die Deutschen der Reformator Luther und der Schulgründer Melanchthon sind.

Honterus hat die Kronstädter Lateinschule in ein modernes Gymnasium umgewandelt, nach dessen Vorbild alle städtischen Lateinschulen Siebenbürgens umgestaltet worden sind. 1722 wurde die Schulpflicht in Siebenbürgen eingeführt, wobei es sich aber lediglich um eine Proklamation und nicht um die Durchsetzung der Schulpflicht handelte. Im 19. Jahrhundert entstand ein eigenständiges konfessionelles Schulwesen unter dem Dach der evangelischen Kirche. Auf diese Weise entgingen die Siebenbürger Sachsen einer von der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn betriebenen Magyarisierung der Schulen.

Auch wenn es historisch nicht genau belegt ist, sprechen einige Tatsachen für die herausragende Qualität der Siebenbürgischen Schulen, wie zum Beispiel die hohe Zahl an siebenbürgischen Studenten, die in den Universitäten europaweit vertreten waren. Bereits bis zur Reformation konnten 1 019 siebenbürgische Studierende allein an der Universität Wien nachgewiesen werden. Im 16. und 17. Jahrhundert sind etwa 4 500 siebenbürgische Studierende an mitteleuropäischen Universitäten immatrikuliert gewesen. Ein weiteres Argument für die Qualität des Schulwesens ist die Tatsache, dass auch viele Nichtdeutsche an diesen Schulen unterrichtet wurden. Vor allem im 19. Jahrhundert haben viele rumänische Jugendliche, aber auch Ungarn, Juden, Armenier und Griechen die sächsischen Schulen besucht. Die Abschlusszeugnisse dieser Schulen boten die Gewähr, den Anschluss an europäische Standards sowie den Zugang zu europäischen Universitäten zu finden. Prof. Dr. Andrei Marga, langjähriger Direktor der Universität Klausenburg und ehemaliger Kultusminister Rumäniens (1997 – 2000), sagte unlängst, das Schulwesen der Siebenbürger Sachsen sei einzigartig gewesen, und Siebenbürgen habe den Weg zur Zivilisation und Kultur Europas über die siebenbürgisch-sächsische Welt gefunden.

Es gibt auch heute noch ein deutschsprachiges Schulwesen in Siebenbürgen, das in der Tradition des siebenbürgisch-sächsischen Schulwesens steht. Während nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen osteuropäischen Ländern Deutsch als Unterrichtssprache verboten wurde, war in Rumänien die Tradition dieser Schulen nicht zu ignorieren. Die Schulen der Siebenbürger Sachsen an sich sind allerdings Geschichte. Ihre Aktualität besteht heute noch darin, dass die charakteristischen Merkmale dieser Schulen, wie ihre Wertschätzung in der Bevölkerung oder ihre Offenheit und Toleranz, eine große Rolle in der momentanen Bildungsdiskussion spielen.

Die Ausstellung wurde mit vier Tafeln zu den Themen „Hermannstadt – Kulturhauptstadt Europas 2007“, „Siebenbürgen und die Siebenbürger Sachsen“ und „Die Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen – Teil des Weltkulturerbes“ ergänzt. Für die musikalische Umrahmung der Eröffnungsveranstaltung sorgten das Panflötenduo Udo und Ingo Hermann sowie Hans Seiwerth, Lena Gerlich, Juliane Schaumann und Timo Rambaum.

Martin Schnabel

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 9 vom 15. Juni 2007, Seite 16)

Schlagwörter: Kulturspiegel, Schulgeschichte, Baden-Württemberg

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