23. Juni 2019

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Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen über den Riss, durch den Licht und Liebe dringen

Ein Riss zieht durch die Welt, durch alles, macht uns aber auch zu geistlichen Menschen. Diesen Spannungsbogen hat Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen, Rundfunkbeauftragte der Bayerischen Landeskirche, in ihrer Predigt am Pfingstsonntag, dem 9. Juni 2019, in der evangelischen St. Pauls-Kirche in Dinkelsbühl verdeutlicht. „Trostbedürftige kommen zusammen und erfahren die Geistkraft, die aufrichtet, die der Zerstörung Leben entgegensetzt. Die Geistkraft, die Wärme, Feuer, Licht bringt in den Riss, der durch alles und alle geht.“ Die Predigt wird im Folgenden im Wortlaut wiedergegeben.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen

„Biatgläuck rieft es em Numen des Väuters, des Sohnes uch des hielichen Goistes. Harr, healf es uch für muaren, an dunken der fiur den hiedjichten Däuch.“

Mit einem Gebet aus meiner Kindheit grüße ich Sie und Euch heute, liebe Schwestern und Brüder, und freue mich über die Maßen, mit Ihnen allen diesen Gottesdienst zu feiern! Ein Gebet aus einer vielschichtigen, vielsprachigen Welt, aus der wir alle kommen. Aus einer Welt, in der Evangelische katholische Traditionen wie das Angelusgebet am Abend aufgreifen und verändern, das in diesen westlichen Breitengraden nur Katholischen Gläubigen geläufig ist. Eine Welt, die verschont blieb von Glaubenskriegen zwischen den christlichen Konfessionen, einmalig in Europa. Das Betglockengebet am Abend war für mich als Kind eine buchstäbliche Unterbrechung: Ich spiele mit anderen Kindern auf der Bachgasse in Großscheuern. Und sobald die Abendglocke am Kirchturm läutet, halte ich mitten im Spiel inne, spreche das Gebet und – muss anschließend nach Hause. Der Tag ist zu Ende, Spielzeit zu Ende. Religion als Unterbrechung des Alltags – diese gängige Formel ist für mich mit Leben und Erfahrung gefüllt. Sie ist nicht von gestern, genauso kann der Einzelne das auch heute leben und auch jede Gemeinschaft.

Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen, ...Kirchenrätin Melitta Müller-Hansen, Rundfunkbeauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, in ihrem Büro im Landeskirchenamt. Foto: Christine Hauptkorn

So idyllisch diese Dorfszene aus dem letzten Jahrhundert sich auch anhören mag – es war keine reine Idylle. Im Rückblick kann ich sagen: Es war für mich eher die Erfahrung, dass in aller Zerrissenheit der Welt eine Glocke mir einen anderen Klang, ein anderes Lied, andere Worte zuspielt: Bewahrung, Dank, Hilfe als Seelennahrung.

So füge ich heute diesem alten Gebet eine Liedzeile des kanadischen Sängers Leonhard Cohen hinzu, die mich auch seit langem begleitet. Er sagt: „There is a crack in everything. That’s where the light gets in!“ Da ist ein Riss, ein Riss in allem! Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.

Den Riss in Siebenbürgen früh erlebt

Wir Siebenbürgerinnen und Siebenbürger kommen aus einer Welt, die den Riss früh erleben ließ und erleben lässt. Ja wir kommen aus einer Welt, in der es mindestens so viele Sprachen und Völker gibt, wie die Pfingstgeschichte sie aufzählt, nur haben sie andere Namen: Rumänen und Ruthenen, Griechen und Türken, Serben und Armenier etc. Und Ungarn und Deutsche – sorgfältig sortiert in Banater Schwaben, Sathmarer Schwaben, Siebenbürger Sachsen. Hundert Klänge auf der Straße, hundert Sprachen im Ohr und jede und jeder hatte und hat auch mehrere auf der Zunge. Und doch war es zu meiner Zeit schwer, nicht erwünscht und nicht erlaubt, Freundschaften zu schließen, Ehen zu schließen über die Grenzen hinweg. Im Rückblick sieht es für mich so aus: Wir lebten wie in einer Schachtel, jede Gemeinschaft für sich. Da war eine Angst vor dem Untergang in uns, sollte jemand die Grenzen überschreiten. Minderheitenangst, die wir mit vielen anderen teilen auf dieser Welt. Und diese Angst wuchs in Unermessliche unter dem Druck der Diktatur, die die herrliche Vielfalt uns allen austreiben wollte, als sei sie des Teufels. Wir sind gegangen, andere sind geblieben, auch diesen tiefen Riss teilen wir miteinander. Traumatische Erfahrungen von Abschiednehmen, im Stich lassen, in die Freiheit gehen, sich entfalten können, für manchen auch verbunden mit Erfahrungen von Verrat und Vertrauensverlust.

Der Riss macht uns zu geistlichen Menschen

Ich sage es so gerne – gefragt oder ungefragt – ich komme aus Siebenbürgen! Und damit meine ich nicht nur die geliebte Muttersprache und die Vielsprachigkeit, die warme Herzensfrömmigkeit unserer Dorfkirchen und wunderbaren Kirchenburgen, die Tracht, die Blasmusik, all das, was wir am Heimattag feiern und was uns sprachlos miteinander verbindet! Ich meine auch all diese Erfahrungen, dass ein Riss ist in allem. Auf diesem Fleckchen Erde Siebenbürgen konnte und kann man ihn auf bestimmte Weise erleben, er hat sich in unsere Biografien eingeschrieben.

Und genau das macht uns zu geistlichen Menschen, liebe Gemeinde. Das macht uns trostbedürftig, immer und immer wieder. Das öffnet unsere Herzen und Sinne für etwas, was wir uns nicht geben können. Geistliche Menschen sind Angewiesene, sie haben sich nicht selbst im Griff.

Der Philosoph Jürgen Habermas, ein über viele Jahrzehnte seines Lebens erklärter Agnostiker, hat erst im fortgeschrittenen Alter der Religion einen Sinn eingeräumt. Er hat es am Phänomen Trost festgemacht. Keine Wissenschaft, keine erkenntnistheoretische Methode kann beschreiben, wie er sich einstellt. Die Wirkungen schon, aber nicht den Trost selbst. Er ist eine göttliche Macht, für die der Glaube eine Sprache hat.

„Trostbedürftig sein ist eine menschliche Qualität“

Ein Mensch, der den Riss nicht wahrnimmt oder wahrhaben will, der verdrängt, verleugnet, vielleicht auch alles unter einer dicken Haut aus Nationalstolz verbirgt, kann keinen Trost erfahren. Er bringt sich auch um die Erfahrung, dass er verbunden ist mit den Verwundeten und Heimatlosen dieser Tage. Trostbedürftig sein ist eine menschliche Qualität. Das ist für mich Pfingsten. Trostbedürftige kommen zusammen und erfahren die Geistkraft, die aufrichtet, die der Zerstörung Leben entgegensetzt. Die Geistkraft, die Wärme, Feuer, Licht bringt in den Riss, der durch alles und alle geht.

Wie die Bibel erzählt, ging er auch durch die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger, die mit Jesus unterwegs waren. Und vollends zerbrach, was sie geglaubt und erhofft hatten, als er den qualvollen Tod am Kreuz starb. Sie haben sich verschlossen, die Türen und Fenster ihrer Häuser und ihrer Herzen. Ein durch und durch menschlicher Versuch, das zusammenzuhalten, was auseinander zu brechen und zu zerreißen droht.

Doch es kommt anders. Gott will und macht es anders. Die Apostelgeschichte erzählt es und das Evangelium für Pfingsten auch. Es spricht von Trost und von Liebe – Passagen aus dem Johannesevangelium im 14. Kapitel, aus den Abschiedsreden, die Jesus denen hält, die zu ihm gehören. In der Bibel für gerechte Sprache heißt das so:

Wenn ihr mich liebt, dann werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde Gott bitten und Gott wird euch einen anderen Trost geben, der immer bei euch sein soll: Die Geistkraft der Wahrheit, die die Welt nicht erfassen kann, weil sie sie weder sieht noch erkennt. Ihr kennt sie, denn sie bleibt bei euch und wird in euch sein. Ich lasse euch nicht als Waisen zurück, ich komme zu euch. Noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr, ihr aber seht mich, denn ich lebe und ihr werdet leben. An dem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in Gott bin und ihr in mir seid und ich in euch. …. Ich hinterlasse euch Frieden, ich übergebe euch meinen Frieden. Ich gebe ihn euch nicht, wie die Welt ihn gibt. Seid nicht aufgewühlt und erschrocken und habt keine Angst! (Joh 14, 15-20+27)

Liebe, Trost, Wahrheit, Frieden. Ein Kraftpaket für das Leben in dieser Welt voller Risse. In dieser Welt voller Ängste. Es ist die sanftmütige und barmherzige Antwort Jesu. Er sagt sie jedem Einzelnen, liebe Schwestern und Brüder. Das berührt mich immer wieder. Das Christentum beginnt nicht mit einem großen Wir. Es beginnt mit der persönlichen Beziehung einzelner Menschen zu Jesus. Der Einzelne sucht Trost, braucht eine Wahrheit, die sein Leben trägt, kann lieben und Sinn empfinden. Und doch ist er kein Solitär. Was er erlebt, was er erfährt, strahlt aus auf andere. Und daraus entsteht eine tragfähige Gemeinschaft.

Der Geist der Liebe und der Wahrheit als Gegenprogramm zu geschlossenen Türen

So zeigt sich das menschenfreundliche Gesicht des Christentums. Der Geist der Liebe und der Wahrheit. Es ist immer schon ein Gegenprogramm zu geschlossenen Türen und Fenstern, zu Mauern und Abschottungsprogrammen. Im Kleinen wie im Großen.

„Jesu Menschlichkeit war tief und reich genug, um auch in den Verachteten seiner Zeit Beziehungen zu stiften zu dem Gemeinsamen, Unzerstörbaren, worauf die Zukunft gebaut werden muss.“ So beschreibt Dag Hammarskjöld das Wirken Jesu, er war Generalsekretär der UNO in den 1950er Jahren (in: „Zeichen am Weg“, S. 68, Droemersche Verlagsanstalt, München 1965).

Mein ältester Sohn, 22 Jahre alt, auf der Suche nach einer Form von Spiritualität, die er leben kann, formulierte es am Karfreitag für sich so: Vielleicht ist das Christentum die Antwort darauf, wie man seine eigene Verwundbarkeit annehmen und den verwundbaren Anderen beistehen kann.

Es sind alte Glaubenssätze in neuer Sprache. Wir kennen sie auch aus Siebenbürgen. Ich bin sicher, sie sind ein Baustein in unserer Geschichte, der Religionskriege verhinderte und der Gemeinschaften zusammenhielt und – Ihr Lieben – bis heute zusammenhält über alle Entfernungen und Gräben hinweg. Diese Glaubenssätze bleiben lebendig, solange sie in unseren Herzen lebendig sind und solange wir sie glaubhaft weitergeben. Sie sind ein unverzichtbarer, kostbarer Beitrag heute zum Frieden in Europa, zum Frieden in Rumänien und in dieser Welt. Zum Frieden in unseren Beziehungen. Zum Frieden mit mir selbst.

Man versteht besser, was man an dem sanftmütigen Weg Jesu hat, wenn man sich das Gegenteil vor Augen führt. Die Freund-Feind-Religion mit ihrer zerstörerischen Kraft. Sie teilt die Welt ein in Freunde und Feinde, da gibt es das Reich des Bösen, die Achse des Bösen, die man bekämpfen muss. Hier ist man interessiert an der Größe von Völkern und Nationen, an Weltherrschaft. Die Freund-Feind-Religion lebt vom Faustrecht des Stärkeren. Abtrünnige werden bestraft, Andersgläubige auch. Ein Geist, der auf Trennung setzt und nicht auf Frieden, Begegnung und Integration. Wir wissen, er kann auch Familien zerstören und Dorfgemeinschaften.

Der Weg Jesu setzt auf die Verwundbarkeit. Der Riss ist da, gehört zum Leben. Und da kann das Licht hineinscheinen.

Leonard Cohens „Anthem“

Als der kanadische Songwriter Leonard Cohen sein Lied „Anthem“ schrieb, war es das Jahr 1989. Vor 30 Jahren, als die Berliner Mauer fiel, das Ceaușescu-Regime gestürzt wurde und in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni die chinesischen Machthaber alle Welt in Schrecken erstarren ließ – unter Panzer und Feuer wurden 10.000 Menschen ermordet und ganz Osteuropa erstarrte unter der Angst, es könnte jetzt so weiter gehen mit der Zerstörung. In einem Interview hat Leonard Cohen später über dieses Lied gesagt:

„Diese Welt ist nicht der Ort, an dem Du Dinge zur Perfektion, zur Vollkommenheit bringen kannst – weder in deiner Ehe, noch in deiner Arbeit, noch in irgendwas, auch nicht in deiner Liebe zu Gott, zu deiner Familie oder zu deinem Land. Da bleibt ein Riss, der durch alle und alles geht. Genau da ist der Spalt, da das Licht hinein scheint, da passiert Auferstehung, Umkehr, Reue, Neuanfang.“

In seinem Liedtext heißt das so:

„Die Vögel sangen
im Morgengrauen
Fang nochmal an
hörte ich sie krächzen.
Verweile nicht bei dem,
was vergangen ist
oder noch kommen wird

Ja, die Kriege werden
weiter gehen.
Die heilige Friedenstaube
wird wieder eingefangen,
gekauft und verkauft
und wieder gekauft werden.
Sie wird nie frei sein.

Läute die Glocken, die noch klingen.
Vergiss deine perfekten, geistlosen Gaben.
Da ist ein Riss, ein Riss in allem.
Das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.“

Im Sinne des Pfingstevangeliums könnte man hinzufügen: Da passiert Trost und da zeigt sich die Wahrheit, das Unzerstörbare, worauf die Zukunft gebaut werden muss.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen



Leonard Cohens "Anthem" auf YouTube

Schlagwörter: Heimattag 2019, Gottesdienst, Predigt, Müller-Hansen

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