21. April 2020

Über 1000 Siebenbürger Sachsen feiern virtuellen Osterball mit der Band „Kassettophon“

Die Corona-Pandemie trifft viele feier- und tanzfreudige Siebenbürger Sachsen besonders hart. Alle siebenbürgischen Veranstaltungen und Bälle sind bis auf weiteres abgesagt. Als Ersatz flüchten sich viele ins Internet und in die sozialen Medien.
In den siebenbürgischen Gruppen auf Facebook ist zurzeit viel los, es werden Rezepte ausgetauscht, man schwelgt in Erinnerungen, es werden viele Videos und Fotos aus der guten alten coronafreien Zeit herumgereicht, aber auch die Anspannung, die die Corona-Isolation bei manchen freisetzt, ist zu spüren, so wird auch mal heftiger als sonst im Netz gestritten. Es gibt aber durchaus auch viele Siebenbürger Sachsen, die die Krise als Chance betrachten und kreativ mit der Situation umgehen. So haben siebenbürgische Memes zurzeit Hochkonjunktur im Netz, dabei werden Fotos oder kurze Videoschnipsel mit witzigen Aussagen montiert, die oft nur für Siebenbürger Sachsen verständlich sind. Aber es gibt auch Gedichte in Mundart, die die jetzige Situation humoristisch beschreiben und die über WhatsApp und Facebook verbreitet ein großes Publikum finden.

„Bäm Ceaușescu geng‘n mer bespräzen
bäm Virus nea mes‘n mer säzen,
af dem Divan hihsch derhim
miglichst uch noch gunz alin.
Awer Pali kenn‘ mer dränken
äm Corona änzeschränken.
Blewt geseangt uch dinkt derun,
et warden biesser Zeden kun.
Mer schaffen et wä äng zesummen,
und messen eas derbä net schummen.
Den Kommunismus hun mer geschafft,
den Virus nea... dat wer gelacht.“


Auch der selbstgenähte Mundschutz mit siebenbürgischem Motiv darf natürlich in dieser Aufzählung der kreativen Leistungen während der Coronazeit nicht fehlen. Aber vor allem die siebenbürgischen Musiker scheinen die Auftritte vor Publikum zu vermissen, so dass das Netz als Bühne herhalten muss. Zahlreiche Musiker haben in den letzten Tagen Videos mit teils beeindruckenden musikalischen Darbietungen ins Internet hochgeladen und sind mit vielen Likes dafür belohnt worden.

Und wie feiert man als Siebenbürger Sächsin bzw. Sachse eigentlich seinen Geburtstag in dieser Zeit der Kontaktverbote? Vor allem junge Leute setzen sich dazu an den PC, verbinden sich mit Freunden über Videokonferenz-Software und unterhalten sich so miteinander. Auch Agathe Dörr, die Schwester von Hans Jürgen Dörr alias „Jürgen aus Siebenbürgen“, feierte auf diese Weise ihren Geburtstag und schlug anschließend ihrem Bruder vor, doch einen virtuellen Ball übers Internet zu veranstalten. Jürgen war erst skeptisch, aber dann packte ihn der Ehrgeiz dieses technisch nicht einfach umzusetzende Projekt anzugehen.
Auf der Plattform YouTube wurde der virtuelle ...
Auf der Plattform YouTube wurde der virtuelle Osterball gleichzeitig von über tausend Zuschauern verfolgt. Foto: Günther Melzer
Es würde nicht einfach werden, von zu Hause aus sowohl mit seinen Musikkollegen als auch mit dem Publikum eine Verbindung einzugehen, war sich Jürgen aus Siebenbürgen sicher. „Ich wollte aber unbedingt ein gemeinsames Erlebnis daraus machen, also holte ich mir Hilfe“, berichtet er. Mit Daniel Salmen, seinem langjährigen Freund an der Gitarre und Hans-Jürgen Gaber am Bass, mit denen Jürgen aus Siebenbürgen (Gesang und Schlagzeug) die neue Band „Kassettophon“ bildet, war die musikalische Besetzung für den virtuellen Ball schnell gefunden. Für die Technik war der „Professor“ zuständig, wie Jürgen aus Siebenbürgen den technischen Leiter später im Stream nannte. Aber erst mit Hilfe von vielen Freunden und Verwandten bekam man dann auch alle benötigten Materialien, wie beispielsweise Kameras, schnell genug zusammen um das Projekt innerhalb von nur drei Tagen zu realisieren.

Nachdem erste Tests positiv verliefen, wurde der virtuelle Osterball dann im Netz und per WhatsApp für den Ostersonntagabend angekündigt. Man entschied sich für die Plattform YouTube, wo der Livestream ab 19.00 Uhr übertragen werden sollte. Neben dem Videofenster bietet YouTube bei Livestreams auch ein Chatfenster an, wo die Zuschauer sich miteinander und mit den Musikern unterhalten können. Schon vor 19.00 Uhr waren am Ostersonntag viele interessierte Leute auf dem YouTube-Profil von Jürgen aus Siebenbürgen und erwarteten gespannt den ersten virtuellen Osterball. Der Chat war schon vorher freigeschaltet und die ersten Siebenbürger Sachsen unterhielten sich bereits, als es dann kurz nach 19.00 Uhr endlich losging und schon beim Beginn des virtuellen Balles über 500 Leute von überall auf der Welt mit dabei waren.

Für diesen speziellen Ball in dieser speziellen Zeit hatte sich die Band auch ein spezielles Programm überlegt: Mit thematisch passenden Liedern („Wann liegen wir uns wieder in den Armen, Barbara“ oder „Irgendwann, irgendwo, irgendwie seh‘n wir uns wieder“) wurde das Musikprogramm ausgeschmückt. Aber auch auf Wünsche, die im Chat geäußert wurden, gingen die Musiker ein. Der erste Wunsch, der erfüllt werden musste, war, wie nicht anders zu erwarten, „Braungebrannte Haut“, ein Lied von Nik P., das auf allen Bällen der Siebenbürger Sachsen schon seit vielen Jahren immer wieder für gute Stimmung sorgt. Die Musiker waren gut drauf, die Technik funktionierte, der Sound war sehr gut und so übertrug sich die gute Stimmung der Band schnell auch auf die Leute, die vor ihren Geräten mit dabei waren. Es wurde auf Balkonen, in Gärten und in Wohnzimmern getanzt, wie man im Chat lesen konnte. Ein Zuschauer drehte vor lauter Begeisterung die Musik zudem derart laut auf, dass auch die Nachbarschaft mithören musste. „Aber das ist mir egal“, wie er den anderen Zuschauern über den Chat mitteilte.

Nach einer Stunde verfolgten bereits 1.165 Leute den Livestream, als plötzlich Bild und Ton weg waren. Was war passiert? Die umfangreiche Technik, welche im Hintergrund vom „Professor“ gesteuert wurde und welche das Signal live ins Netz übertrug, war zusammengebrochen. „Das Kassettophon hat sich verspult“, schrieb ein Freund Jürgen per WhatsApp. „Der Professor blieb zum Glück seelenruhig und brachte uns nach nur fünf Minuten zurück ins Netz. Live ist eben live und da kann sowas schon mal passieren“, meinte Jürgen aus Siebenbürgen später. Die Zuschauerzahl stieg nach der unfreiwilligen Pause dann schnell wieder auf über 1.000 an und die Freude war bei den Zuschauern groß, dass die Band die geplante Dauer des Streams von eineinhalb auf zwei Stunden erhöhte. So kam dann bei vielen Zuschauern richtiges Ballfeeling auf. „So macht Corona Spaß“ oder auch „Mein erster Ball in Jogginghose“, lauteten einige der Kommentare im Chat. Link zum VideoVideo vom Osterball-Livestream der Band Kassettophon (Jürgen aus Siebenbürgen, Gesang und Schlagzeug; Daniel Salmen, Gitarre und Gesang; Hans-Jürgen Gaber, Bass und Gesang) Als Zugabe spielte die Band ein Lied des Patenonkels von Jürgen aus Siebenbürgen, Kurt Schoger, der als Komponist schon für viele Schlagerstars Lieder getextet und komponiert hat. Ein ganz neues Lied von ihm heißt „Überall Musik“ (siehe YouTube), darin thematisiert er die Ausnahmesituation, in der wir gerade leben. In der Videobeschreibung heißt es dazu: „Ja, es ist schlimm und noch lange nicht vorbei. Aber es gibt auch etwas Schönes, etwas was vereint, zusammenschweißt und uns Menschen wieder verbindet. Es ist die gegenseitige Hilfe, Rücksicht, Verständnis, aber vor allem die Musik.“

Und dem virtuellen Osterball ist genau das gelungen: Er hat über tausend Siebenbürger mit Musik vereint. Wer den Ball verpasst hat, kann sich hier die Aufzeichnung ansehen: https://youtu.be/NLqZRHN-9cY. Am Ende waren sich alle im Chat einig, dass das eine gelungene Aktion war, die unbedingt nach einer Wiederholung schreit. Ein Chatter meinte zum Schluss noch: „Einen Vorteil hat ja so ein digitaler Osterball, man muss nach dem Ball nicht noch nach Hause fahren.“

Günther Melzer

Schlagwörter: Internet, Corona, Musikband, Osterball, Jürgen aus Siebenbürgen

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