29. August 2021

Leserecho: Eine wahre Geschichte

Im letzten Jahr habe ich in der Siebenbürgischen Zeitung häufig Berichte über die Deportation gelesen. Jedes Mal wurden Erinnerungen wachgerufen, die heute noch sehr schmerzhaft sind. Nun habe ich meine eigenen Erlebnisse aufgeschrieben, eine wahre Geschichte. Ich bin Marianne Herbert, geborene Binder, aus Heltau.
Im Lager von Dnepropetrowsk, 1946. Marianne ...
Im Lager von Dnepropetrowsk, 1946. Marianne Herbert links im Bild. Foto: privat
Am 13. Januar 1945 ging es wie ein Lauffeuer durch die Straßen: Alle jungen Leute ab 20 Jahren mussten sich melden. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, mit einem Koffer in der Hand, von Mutterhand gerissen, in einen Viehwaggon verladen und verschleppt. Der lange Zug stand bereit: Waggons mit je einem kleinen Schiebefenster. Zu zweit standen wir in einer langen Reihe, abgezählt für jeden Waggon. Wir waren unterwegs nach Russland. Ra-ta-ta- tam dröhnte es in unseren Ohren, 14 Tage lang. 14 Tage im Viehwaggon eingepfercht bedeutete: 14 Nächte sitzend schlafen, eng aneinandergedrängt, 14 Tage ohne sich zu waschen. Von Zeit zu Zeit Halt auf freiem Feld, um auf Kommando und unter den strengen Blicken der Aufsichtsführenden die Notdurft zu verrichten. Dafür gab es übrigens im Waggon auch einen Eimer, aber auch hier: vor aller Augen! 14 Tage ohne warmes Essen im strengen Winter. Wir aßen das, was wir von unseren Müttern mitbekommen hatten. Nur einmal warf jemand Pastrama in unseren Waggon, trockenes Fleisch.

Irgendwann erschienen russische Buchstaben auf Ortsschildern. Wir waren weit weg von unserer Heimat. Für meine Schwester und mich folgte eine tieftraurige Zeit in Dnepropetrowsk, fünf Jahre, in denen wir hungerten, froren, litten. Wir waren dankbar für jeden Morgen, den wir erlebten, für jeden Tag, den wir überlebten. Nach der Arbeit machte ich aus Abfall kleine Tüchlein. Dafür bekam ich von einer russischen Frau, die am Straßenrand stand, einen Apfel oder eine Placinta, und ich freute mich, diese am Abend mit meiner Schwester zu teilen. Der Zusammenhalt war für uns lebensrettend. Immer wieder wurde uns gesagt: Wenn wir schnell und fleißig arbeiten, fahren wir bald nach Hause, „skoro damoi“. Dieses Versprechen wurde fünf Jahre lang gebrochen. Im Oktober 1949 kam dann der ersehnte Tag. Wir durften endlich nach Hause zu unseren Eltern.

Nun bin ich im hundertsten Lebensjahr und freue mich auf das Hochzeitsfest meiner lieben Enkelin Martina mit ihrem Pascal.

Marianne Herbert, Nordheim

Schlagwörter: Leserecho, Zeitzeugenbericht, Russlanddeportation

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