17. August 2002

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Schätze der Siebenbürgischen Bibliothek: Reiseführer

Als Bundesinnenminister Otto Schily als Festredner auf dem Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl an seine Reise nach Siebenbürgen erinnerte, verglich er die siebenbürgische Landschaft mit der Toskana, wo er über eine Villa als Zweitwohnsitz verfügt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass künftige Generationen europäischer Bürger in Siebenbürgen finden, was in der Toskana schlichtweg unerschwinglich ist.
Uns, die wir aus Siebenbürgen kommen, war schon immer bewusst, dass wir auf einem besonders schönen Fleckchen Erde gelebt haben und dass für unseren Fortgang politische Faktoren ausschlaggebend waren. Dies hält uns aber nicht davon ab, nach kürzerer oder längerer Abstinenz immer wieder in unser Herkunftsland zurückzukehren. Denn Siebenbürgen bleibt ein Lebensthema, auch wenn sich vieles dort - und bei uns - radikal verändert hat.

Scharenweise tummeln sich in Rumänien Weltenbummler: Holländer, Italiener, Franzosen, Deutsche, Japaner und andere. Siebenbürgen wird zunehmend ein Reiseland, ob für Jugendgruppen oder Individualtouristen, gleichwohl noch der so genannte Nischentourismus in Form von Studienreisen vorherrscht.

Siebenbürgen war aber bereits vor dem Zweiten Weltkrieg und der kommunistischen Zeit ein Reiseland, allerdings verfügte es kaum über touristische Infrastruktur. Und genau dieser Umstand macht damals wie heute den Reiz einer Siebenbürgenreise aus. Wir wissen, dass in den 1920er und 1930er Jahren viele deutsche Gruppen aus der bündischen Jugendbewegung zum Wandern nach Siebenbürgen kamen und besonders an den Begegnungen mit den Sachsen interessiert waren. In der Siebenbürgischen Bibliothek Gundelsheim sind rund sechs laufende Meter an Reiseführern über Siebenbürgen, die Nachbarregionen oder räumlich kleinere Gebieten vorhanden. Nach 1990 erschienen wieder verstärkt Landkarten, Stadtpläne und Reiseführer von Siebenbürgen und Rumänien, hauptsächlich in deutscher, englischer, rumänischer und ungarischer Sprache. In der Zeit des isolationistischen Nationalkommunismus war der internationale Tourismus zum Erliegen gekommen und somit gab es geringen Bedarf an Reiseliteratur. Zudem waren Wander- und Landkarten kaum erhältlich, denn sie gefährdeten angeblich die Landessicherheit. Die Bibliothek erbittet in diesem Zusammenhang Hinweise auf Reiseführer in anderen als den vorhin genannten Sprachen (Französisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch u.a.) bzw. die kostenlose Übereignung dieser Bücher an die Bibliothek. Buchbestellungen im Ausland sind immer noch schwierig und sehr teuer.

Die Bibliothek ist bestrebt, die Reiseführer möglichst vollständig zu haben, denn sie sind vermutlich die meistgelesenen Bücher zur Landesgeschichte. In den Reiseführern kann man beispielsweise überprüfen, ob die Siebenbürger Sachsen gebührend vorkommen oder aus Nachlässigkeit oder Unkenntnis fehlen. Der kundige Leser wird hierbei nicht an allen Reiseführern Gefallen finden. Die Geschichtsfälschungen der zurückliegenden Jahrzehnte werden vielfach unüberprüft übernommen. Es gibt einen zunehmenden Bedarf an guten Reiseführern über Siebenbürgen. Zurzeit ist- zumindest in deutscher Sprache - keiner lieferbar.

Der Klassiker unter den Reiseführern, der Baedeker, behandelte Siebenbürgen zunächst ziemlich knapp im Band Süddeutschland und Österreich einschließlich Ungarn. Der älteste, in Gundelsheim vorhandene Baedeker datiert aus dem Jahr 1880, der jüngste Baedeker (Österreich-Ungarn) aus dem Jahr 1913 (in 29. Auflage erschienen). Es finden sich deutsche und englische Ausgaben. Fast zeitgleich (1881) mit dem Baedeker erschien in Siebenbürgen der erste regionale Reiseführer: Das Reisehandbuch für Siebenbürgen von Eduard Albert Bielz, königlicher Rat Schulinspektor in Pension. Umfasste die erste, bei Joseph Drotleff in Hermannstadt gedruckte Auflage des Reisehandbuches noch knapp 300 Seiten, so hatte die vier Jahre spätere Auflage, die auch in Wien bei Carl Graeser erschien, schon über 400 Seiten. Die dritte Ausgabe dieses Handbuches erschien in Bearbeitung von Emil Sigerus erst 1903. Sigerus war auch der Bearbeiter eines Reisehandbuches für Großrumänien (1925).

Ein Reiseführer der Bibliothek fand besondere Aufmerksamkeit: Das Radfahrer Tourenbuch für Siebenbürgen und angrenzende Länder (Ungarn, Bukowina und Rumänien) von Josef Kolbe, 1902 in Hermannstadt bei Krafft gedruckt, über 300 Seiten stark.


Wie Dornröschen, das nach hundertjährigem Schlaf erwachte, könnte es auch diesem Reiseführer gehen. Die Landesgrenzen sind andere; heutzutage ist Siebenbürgen ein Teil Rumäniens und nicht, wie damals, ein Teil Ungarns. 125 Fahrradrouten werden in dem Buch beschrieben, 100 davon in Siebenbürgen, die anderen in den Nachbarprovinzen und -ländern. Es finden sich Haupt- und Nebenrouten - und als ob es damals schon Mountainbikes gegeben hätte - Gebirgswege. Zwar mutet Rad fahren heute in Siebenbürgen etwas exotisch an (gelegentlich ist es auch nicht ungefährlich), doch freilich ist es im Kommen. Der Verfasser Josef Kolbe war "Oberlieutenant" des 50. Infanterie-Regimentes in Fogarasch, ein "zugereister" Fremder. Das Buch richtete sich hauptsächlich an ausländische Radfahrer und Touristen. Es enthält neben landeskundlichen Informationen Allgemeines über das Radfahren, die Geschichte des Fahrrades, Technik, geeignete Kleidung usw. Es folgen Anschriften der Radfahrvereine und deren Aktivitäten. Praktisch gab es um 1900 in jeder siebenbürgischen Stadt und in den Marktflecken mindestens einen Radfahrverein, in Hermannstadt sogar deren vier: Den Bund deutscher Radfahrer (Gau XVI. Siebenbürgen des Bundes der Herrenfahrer-Verbände Österreichs), Die Falken, den Hermannstädter Radfahrer-Klub und den Hermannstädter Bicycle-Klub. Einmal die Woche fand ein Vereinsabend statt, mehrfach gab es "Saalfahren" und Fahrbahnen auf Sportplätzen. In Kronstadt existierte sogar eine Fahrradfabrik (Mooser, Purzengasse 50), die das einzige einheimische Fahrrad "Transsylvania" produzierte. Das Radfahren war weitgehend eine Sache von "Herren" und genoss hohes soziales Prestige. Das "Damenfahren" führte noch eine Randexistenz und wurde mancherorts mit Skepsis und Misstrauen beobachtet. Josef Kolbe, der Verfasser des Tourenbuches, räumt mit allen Vorurteilen gegenüber dem "Damenfahren" auf.

Der Reiseführer enthält genaue Entfernungsangaben, Tipps für die schönste Reisezeit, mehrsprachige Ortsbezeichnungen, Hinweise auf Grenzformalitäten beim Einführen eines eigenen Fahrrades oder bei kleinen Grenzübertritten nach Rumänien, aber auch praktische Verhaltenstipps: "Beim Begegnen von Büffelherden lieber absitzen und das Rad in den Straßengraben legen. Die Büffel werden leicht scheu und rennen dann blitzschnell die betreffenden Objekte an. Zur Seite springen. Schäferhunde in Ruhe lassen. Dieselben sind scharf und bissig. Absitzen. Vom Revolver keinen Gebrauch machen, denn sonst kann man vom Hirten Prügel bekommen, da diese Hunde ihr "Teuerstes" sind. Stets aktuell: "Wegweiser sind Raritäten" und "ein kleines Trinkgeld und ein Fläschchen Schnaps wird erwartet". Auf nach Siebenbürgen!

Gustav Binder


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 13 vom 15. August 2002, Seite 5)

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