9. November 2002

Siebenbürgisch-Sächsische Kulturtage 2002 in Gundelsheim am Neckar eröffnet

Die Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage wurden mit einer niveauvollen Veranstaltung am 2. November in der Deutschmeisterhalle in Gundelsheim am Neckar eröffnet. In seiner Begrüßung stellte der Föderationsvorsitzende und Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, Volker Dürr, fest, dass die Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage 2002 „nicht nur ein Symbol des Zusammenhalts der Siebenbürger Sachsen in ganz Deutschland und ihrer weltweiten Föderation, sondern auch ein Bekenntnis zu gewachsenen Bindungen, zur jahrzehntelangen Partnerschaft zwischen der Stadt Gundelsheim und den dortigen siebenbürgischen Einrichtungen“ seien.
Dem Land Beden-Württemberg, bei der Eröffnungsveranstaltung durch Staatssekretär Heribert Rech vertreten, dankte Volker Dürr für die „Hilfe bei der gelungenen sozialen und kulturellen Integration“ der Siebenbürger Sachsen. Das 1960 in dem ehemaligen Deutschherrenschloss Horneck in Gundelsheim eingerichtete „Heimathaus Siebenbürgen“ habe sich zum kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum der Siebenbürger Sachsen in Deutschland entwickelt. Gerade jetzt, „da seine Existenz durch das Neuordnungskonzept des Beauftragen der Bundesregierung für die Angelegenheit der Kultur und Medien (BKM) in Frage gestellt sei, bedarf es „unserer uneingeschränkten Unterstützung“. Ohne diese Einrichtungen „wäre die kulturelle Identitätserhaltung unserer Landsleute übrigens auch in Siebenbürgen gefährdet“. Wir alle sind aufgerufen, „dem verfrühten Untergang unserer lebendigen Vergangenheit entgegenzuwirken“, betonte Dürr. „Europas große kulturelle Weite und Vielfalt, zu der auch die jahrhundertealte Geschichte und Kultur der Deutschen im Osten und Südosten des Kontinents als organischer Teil der kulturellen Leistungen des gesamten deutschen Volkes gehört, muss bewahrt werden und ausstrahlen. Erst dann wird sich das Kultureuropa am Ende stärker als das politische und wirtschaftliche Europa zeigen“.
Prominenz bei der Eröffnung der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in Gundelsheim am Neckar, von links nach rechts: Karin Servatius-Speck, Lothar Oheim, Volker Dürr, Heribert Rech und Ernst Irtel.
Prominenz bei der Eröffnung der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in Gundelsheim am Neckar, von links nach rechts: Karin Servatius-Speck, Lothar Oheim, Volker Dürr, Heribert Rech und Ernst Irtel.

Heribert Rech, Staatssekretär im Innenministerium und Aussiedlerbeauftragter der baden-württembergischen Landesregierung, übermittelte Grüße von Ministerpräsident Erwin Teufel, der die Schirmherrschaft über die Kulturtage 2002 übernommen hatte. Die Integration, die den Einheimischen sowie Vertriebenen und Aussiedlern in den Nachkriegsjahren in den Städten und Kommunen Deutschlands gelungen sei, bezeichnete Rech als „einzigartig in Europa“.

Die Kulturtage in Gundelsheim seien ein „unübersehbares Zeichen für die Bedeutung der Kultureinrichtungen in Gundelsheim“. Mit Erleichterung habe er vernommen, dass sich die dunkeln Wolken über dem Siebenbürgischen Museum in Gundelsheim zu lichten scheinen. Rech versicherte, dass Baden-Württemberg die Standortposition der Siebenbürger Sachsen weiter vertreten werde. „Wir lassen uns in der Frage nicht auseinander dividieren!“, rief Rech den Anwesenden zu. Auch in materieller Hinsicht sicherte er den Siebenbürger Sachsen Unterstützung zu. Im Haushalt 2002 Baden-Württembergs seien 107 000 Euro für sie vorgesehen, rund ein Zehntel der gesamten institutionellen Fördermittel des Bundeslandes.

Von hoher Aktualität sei die problemlose Eingliederung der Siebenbürger Sachsen, die tolerant, selbstbewusst und auf Ausgleich bedacht und somit als Brückenbauer in Europa prädestiniert seien. „Ihre Kultur ist längst ein Teil unserer Kultur geworden und wird auch ein Teil Europas werden“, betonte der CDU-Politiker. Es sei wichtig, diese Identität an die junge Generation weiterzugeben. Die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen leiste eine identitätsstiftende Arbeit zum Erhalt einer lebendigen Kultur der Siebenbürger Sachsen.

Für seinen persönlichen Einsatz „für die Belange unserer Gemeinschaft“ im Amt des Aussiedlerbeauftragten der Landesregierung überreiche Dürr Heribert Rech das Goldene Ehrenwappen der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen.

Bürgermeister Lothar Oheim sprach sich für den Erhalt der siebenbürgischen Einrichtungen in Gundelsheim aus, die auch in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutsam seien für die Stadt Gundelsheim, die zurzeit rund 7 600 Einwohner zählt.

Einen eindringlichen Appell an die Siebenbürger Sachsen und politischen Verantwortlichen richtete Irmgard Sedler, Vorsitzende des Vereins Siebenbürgisches Museum, in ihrer Festrede. Die meisten kulturellen und sozialen Einrichtungen der Siebenbürger Sachsen entstammen der Zeit nach 1945. „Je rasanter sich die gesellschaftliche Entwicklung vollzieht, desto deutlicher ist das Bedürfnis geworden nach dem Verbindlichen und dem Unverfälschbaren, wie man es in den Verwahrorten des Historischen erwartet.“ Der derzeitige „Museumsboom“ und die neue „Museumsmode“ bergen allerdings die Gefahr, „sich in einem Kampf um die Besucher zu verausgaben“ und den viel komplexeren Auftrag und die Traditionen, aus denen die Museen gewachsen sind, aufs Spiel zu setzen, warnte Sedler. In diesen großen Zusammenhängen seien auch die Probleme zu sehen, mit denen das Siebenbürgische Museum in den letzten Jahren konfrontiert werde und die die „Existenz der in einem halben Jahrhundert gewachsenen Bildungsanstalt bedrohen“.

Das Museum könne heute auf eine 50-jährige Geschichte zurückblicken. 1952 hatte Lore Connerth-Seraphin im Rahmen des „Siebenbürgisch-Deutschen Heimatwerkes“ die ersten volkskundlichen Gegenstände zusammengetragen, um „unsere schöne Heimattracht“ nicht den „Altwarenhändlern und Kostümverleihern“ zu überlassen. 1968 konstituierte sich das „Heimatmuseum der Stadt Gundelsheim und Siebenbürger Heimatmuseum auf Schloss Horneck“, vielfach gefördert von den Siebenbürger Sachsen, unter anderem vom Hilfsverein „Johannes Honterus“. Dieser überließ dem Museum die Räumlichkeiten auf Schloss Horneck unbefristet für einen symbolischen Mietbetrag. Seit 1973 hat das Museum einen eigenen Trägerverein, in dem alle übrigen kulturellen und gesellschaftlichen Einrichtungen der Siebenbürger Sachsen in Verantwortung gebunden sind, seit 1979 steht ihm ein fördernder Freundeskreis zur Seite. Die großzügige Unterstützung durch das Bundesinnenministerium – zuerst im Rahmen eines Aktionsprogrammes für ostdeutsche Kulturarbeit von 1988 bis 1991 und seither durch institutionelle Förderung - haben dem Museum „zu seinem derzeitigen fachlichen und kulturpolitischen Stellenwert in der baden-württembergischen und bundesdeutschen Museumslandschaft verholfen“, betonte Sedler. Angesichts der schwindenden Besucherzahlen drängten die jeweiligen Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien (BKM) jedoch auf eine Verlagerung des Museums. Bei vielen Gesprächen mit Vertretern des Bundesinnenministeriums bzw. des BKM sowie der Länder Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen plädierten die siebenbürgischen Vereine von Anfang an für „ein verantwortliches Abwägen der Standortfrage im Zusammenhang mit dem unabdingbaren Erhalt der Einheit aller in Gundelsheim historisch gewachsenen kulturellen Institutionen“. Eine Besprechung in Bonn, am 23. April 2002 ließ neue Hoffnung aufkeimen, wobei eine gemeinsame Verlagerung der Gundelsheimer Einrichtungen nach Heidelberg in Erwägung gezogen wurde.

„Doch diese Pläne sind nicht zur Umsetzung gekommen“, bedauerte Irmgard Sedler. Die im September 2002 zugesicherte Förderung, die bis Ende 2006 gelten sollte, wurde vom BKM mittlerweile zurückgenommen und bis zum Jahr 2004 begrenzt. Zudem ist die Stelle des Museumsleiters immer noch unbesetzt.

„Was bleibt, ist die Verantwortung. Dieses Museum ist vor fünfzig Jahren aus einer Tradition siebenbürgisch-sächsischer Kulturgründungen entstanden, die Selbstbestimmung mit Selbstverantwortung, auch in finanzieller Hinsicht, verbindet.“ Am 9. November 2002 soll ein Förderverein des Siebenbürgischen Museums gegründet werden, jeder Einzelne sei nun aufgefordert, für „den Erhalt dieser wertvollen Sammlung von dinglichem Kulturgut siebenbürgischer Prägung in der Bundesrepublik“ beizutragen. „Die wichtige, bewusste kulturpolitische Verantwortung sollte jedoch auch seitens der bisherigen Zuwender weiterhin bestehen bleiben“, erklärte Sedler. „Der Umgang mit einer solch wertvollen Kulturgabe, die ein historisches Spiegelbild zukunftsweisenden europäischen Miteinanders der Völkerschaften ist und die das Brückenbauen nach Osteuropa geistig zu untermauern vermag, bleibt höchste öffentliche Pflicht.“

Brückenfunktion und grenzüberschreitende Kooperation sind wesentliche Anliegen auch des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrates, erklärte der zweite Festredner, Dr. Günther Tontsch, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Siebenbürgischen Bibliothek. Vor 20 Jahren wurde der Kulturrat als Verein von Institutionen, als koordinierende und die Gundelsheimer Einrichtungen verwaltende Institution gegründet. Die Einrichtung sei in ihre Funktion als Träger des „Siebenbürgen-Instituts“ hineingewachsen, das Siebenbürgische Bibliothek mit Archiv und Forschungsstelle, Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde mit seinen zahlreichen Publikationsreihen und nicht zuletzt das „Dokumentationsprojekt siebenbürgisch-sächsischer Kulturgüter“ umfasst. „Dazu gehört in engstem, untrennbarem Ergänzungszusammenhang auch das Siebenbürgische Museum“, betonte Tontsch.

Der Kulturrat nehme eine Brückenfunktion nach Siebenbürgen wahr und arbeite grenzüberschreitend mit über 100 wissenschaftlichen Einrichtungen in Rumänien, gut zwei Dutzend in Ungarn, aber auch mit vielen Einrichtungen im deutschen Sprachraum zusammen. Tontsch erwähnte mehrere Projekte, die in Gundelsheim angestoßen und durchgeführt wurden. Das Größte sei das Projekt zur Dokumentation siebenbürgisch-sächsischer Kulturgüter. Aufgrund dessen wissenschaftlichen Seriosität habe die rumänische Regierung die Ergänzungsvorschläge für die Welterbeliste der UNESCO zu Birthälm – nämlich Kelling, Wurmloch, Keisd, Deutsch-Weißkirch und Tartlau - akzeptiert und Ende 1999 die Eintragung in die Welterbeliste durchgesetzt.

Die Erhaltung der Einheit der in Gundelsheim gewachsenen Einrichtungen sei aus wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Erwägungen heraus besonders wichtig, argumentierte Tontsch. „Der Ergänzungszusammenhang ihrer Aufgaben und ihrer Tätigkeit sollte bei der Frage um Standort und Einheit der gewachsenen Einrichtungen nicht aus dem Blick verloren werden.“ Der Redner äußerte die Hoffnung, dass das zurzeit positiv laufende Verfahren zur Anbindung des Siebenbürgen-Instituts an die Universität Heidelberg „doch noch Bewegung in der Sache bringen“ werde. Den Förderern versicherte Tontsch, „dass jeder Euro Unterstützung eine Investition in die Zukunft ist, dass in den Gundelsheimer Einrichtungen zeitgemäß und wissenschaftlich seriös geforscht und gearbeitet wird, dass wir unsere Brückenfunktion in den deutsch-südosteuropäischen Beziehungen sehr ernst nehmen und den Geist der europäischen Einigung nach unseren Kräften weiter befördern wollen.“

In feierlichem Rahmen wurde Ernst Irtel (85) für seinen selbstlosen Einsatz für die Pflege siebenbürgisch-sächsischer Kultur mit der Stephan-Ludwig-Roth-Medaille der Landsmannschaft ausgezeichnet. In der Verleihungsurkunde heißt es: „Ernst Irtel hat als Pädagoge und Chorleiter Generationen von Lehrern und Musikern geprägt, als Vortragender und Autor weit über die Stätten seines Wirkens hinaus Resonanz gefunden und als Komponist die siebenbürgisch-sächsische bereichert.“

Einen niveauvollen musikalischen Rahmen zur Eröffnungsfeier boten die Siebenbürgerinnen Angela Albert (Klavier) und Jana Kallenberg (Geige). Sie brachten die Suite für Violine und Klavier von Waldemar von Baußnern, das Violinkonzert in e-Moll, Opus 64, von F. Mendelssohn-Bartholdy, die Sonate für Violine & Klavier, Opus 94, von Sergej Prokofiew und die Sonate für Violine & Klavier in A-Dur von César Franck in ausgereifter-wohlklingener Interpretation zu Gehör.

Siegbert Bruss


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