Ich habe einen Traum: er heißt Kirchenburgen: Anmerkungen zu einem Treffen der Rückkehrer am Fuße des Königsteins
„Ich habe einen Traum: ich will Kirchenburgen retten!“ verkündete selbstbewusst mein neuer Bekannter, als ich ihn vor fünf Jahren erstmals in Draas traf. Ich hatte von seinem Aufruf in der Runde der Rückkehrer erfahren, die sich einmal im Monat in Hermannstadt trafen. Einige von uns fuhren am Wochenende mit ins Repser Ländchen, wo sich die geschichtsträchtige Draaser Kirchenburg befindet. Damals lernte ich mehrere Rückkehrer kennen, die nicht viel sprachen, aber kräftig arbeiteten, die Kirche reinigten und den mächtigen Burghof entrümpelten. Von ihren Problemen bekam ich damals nicht viel mit.
Ihr Schicksal hat mich von Anfang an interessiert. Da wandert man also quitschfidel aus und merkt nach einiger Zeit, dass einem die Heimat doch mehr am Herzen liegt und kehrt zurück. Einmal im Jahr treffen sich einige von ihnen in der „Villa Hermani“ in Măgura, wo einer von ihnen, der Rückkehrer Hermann Kurmes und seine deutsche Frau Katharina, ihren Traum verwirklicht haben. Sie haben mit viel Mühe ein Gästehaus ersten Ranges aufgebaut und eingerichtet, in einer Umgebung, die traumhaft schön ist. Rechts und links die Gebirgszüge des Königstein und Butschetsch und ringsum die malerische Landschaft eines rumänischen Hirtendorfes. Schon die einmalige Lage hilft einem, die Alltagssorgen zu vergessen und „die Seele baumeln lassen“, wie es in Deutschland so schön heißt. Man kann es also schaffen!
Villa Hermani am Fuße des Königsteins. Foto: Cristian Sencovici
Knapp zwei Dutzend Leute waren vom 12. bis 14. Dezember 2025 beim vierten Treffen des Siebenbürgen-Netzwerks dabei. Sie kamen, gingen und waren so in Gespräche vertieft, dass sie nur schwer persönlich anzusprechen waren. Denn Sorgen haben eigentlich alle Rückkehrer, weil nichts mehr so ist, wie es in Siebenbürgen einmal war. Sie finden nur wenig von der Atmosphäre jener Zeit wieder, als hier noch die Sachsen das Sagen hatten. Auch ihre Einbindung in das Deutsche Forum und die Evangelische Kirche klappt eher selten. Ältere Generationen, mehr auf dem Lande zu Hause, fühlen sich verlassen, weil ihre Bereitschaft, sich einzubringen, oft ins Leere greift, denn ohne Erlaubnis kann man hierzulande nicht mal eine Ziegel ersetzen. Jüngere Leute fühlen sich zum Teil verraten und verlieren sich schön langsam in der Menge. Weder das Forum noch die Kirche unterstützen die Rückkehrer aktiv, um sich ihren Initiativgeist für die Gemeinschaft zunutze zu machen. Neuerdings wandern auch deutsche Familien zu, die sich hierzulande schnell einleben und gut fühlen. Einige von ihnen waren auch in Măgura dabei. Ich hatte beabsichtigt, eine Umfrage unter den Anwesenden zu starten, hatte aber keine Chance. Keiner möchte seine Meinung publik machen, um nicht negativ aufzufallen, denn ihre kritische Ader ist wohlbekannt. Wer eine Zeit lang in einem anderen Milieu gelebt hat, ändert sich dank seiner neuen Erfahrungen.
Das habe ich selbst Anfang der sechziger Jahre erfahren, als ich am Pädagogischen Institut in Bukarest studierte. Die rumänische Lebensweise fand ich komisch, vieles eckte mich an, bis ich entdeckte, dass ich mich eigentlich ganz gut fühlte. Was mich entscheidend weiterbrachte, war ein Kurs für Reiseleiter, denn der rumänische Tourismus sollte internationalisiert werden. So lernte ich vor Ort alle bedeutenden Sehenswürdigkeiten kennen und war begeistert von diesem wunderschönen Land. Mir wurde schon damals klar: Dieses Land verlasse ich nie!
Als Reiseleiterin in Mamaia an der Schwarzmeerküste lernte ich zahlreiche Gäste aus aller Welt kennen und schloss viele Freundschaften, während die lockere Lebensart der Rumänen mich immer mehr anzog, wenn ich mich auch mit Herz und Seele immer als Siebenbürger Sächsin gefühlt habe und noch immer fühle! Mein wichtigstes Erlebnis war 1961 der Bau der Berliner Mauer und die schreckliche Zeit danach. Plötzlich war das deutsche Volk zweigeteilt: Sozialismus gegen Kapitalismus. Ich habe damals nur gebetet, dass die Siebenbürger Sachsen von einer ähnlichen Teilung verschont bleiben. Doch dann kam die Wende!
Inzwischen ist mir klargeworden, dass jeder sein Schicksal selbst bestimmt, es ist sein eigenes Recht. Aber alles hinter sich zu lassen und zu vergessen, was man zurücklässt, habe ich nie verstanden. Unsere einmaligen Kirchenburgen einfach aufgeben? Gleich nach der Wende gab es einige gute Initiativen. So ist es gelungen, rumänische Kinder und deren Eltern für die deutschen Schulen zu gewinnen. Heute beteiligen sich ihre Absolventen aktiv an unserem Kulturleben und nicht nur dort. Die Initiativen, ein Deutsches Forum zu gründen und sogar in die Politik einzusteigen, waren auch bemerkenswerte Unterfangen. Auf Anregung des letzten deutschen Botschafters vor der Wende gab es anfangs sogar eine deutsche Stiftung, die Geld für die Erhaltung der Kirchenburgen spendete. Wäre es möglich, dass sich die Ausgewanderten mit einer bescheidenen Kirchensteuer oder regelmäßigen Spenden am Erhalt der Kirchenburgen beteiligen? Denkbar wäre auch eine Initiative, die den Heimatortsgemeinschaften aufzeigt, wie sie verlassene Schulen oder Pfarrhäuser in Gästehäuser oder Altersheime umwandeln könnten.
In der evangelischen Kirche hat inzwischen ein Generationswechsel stattgefunden. Die Pfarrer stehen vor vielseitigen Herausforderungen und müssen außer der Glaubensverkündigung auch leere Kirchen, Pfarrhäuser und Schulen verwalten. Dafür wurden sie jedoch nicht geschult. Auf gut Glück wurden Gebäude aus dem Kirchenbesitz vermietet oder sogar verkauft, wenn es keine andere Lösung gab. Daher bräuchte es Fachleute und Manager, die sich darum kümmern und sie dabei unterstützen. Und man müsste das menschliche Potential: Rückkehrer, Heimatortsgemeinschaften, rumänische Partner usw. für sich gewinnen und tatsächlich mit ihnen kommunizieren. Ich bin überzeugt, dass durch intelligentes und gemeinsames Handeln Kirchenburgen renoviert, kulturell, touristisch und für Jugendarbeit genutzt werden können und vieles mehr möglich ist.
Seit dem Hinscheiden der alten Generation drohen indes die Kontakte der Sachsen von hüben und drüben sich zu verschlechtern. Mit einigen Ausnahmen, wenn zum Beispiel zähe Sachsen und Sächsinnen den Mut aufbringen, die Eigenständigkeit der Kirchengemeinde einzufordern, wie das neulich in Holzmengen und Großpold gelungen ist. Erwähnen wollen wir vor allem Almen, wo kein Sachse mehr lebt und Caroline Fernolend, die tüchtigste Sächsin hierzulande, auf Wunsch eines Rumänen, die Kirchenburg auf Hochglanz gebracht und dafür sogar den internationalen Europa-Nostra-Preis erhalten hat.
Nach der massiven Auswanderung und mehr als 30-jähriger Trennung sind wir alle anders geworden, und viele Ausgewanderten haben mit Siebenbürgen nichts mehr im Sinn. Kommen einige zurück, werden sie nicht angenommen oder ignoriert, obwohl Not am Mann ist. Bei den großen Sachsentreffen und den Heimattreffen sind recht viele dabei und fühlen sich gut, aber nachher vergessen sie, dass mit einer kleinen Spende keine Dorfkirche gerettet werden kann. Dabei sind es gerade die Kirchenburgen, die nach unserem Verschwinden als einzige noch von unserem Hiersein zeugen. Von uns allen hängt es ab, ob hier nicht bald Ruinen stehen werden.
06.02.2026, 13:24 Uhr von HELLMUT SEILER:
Ein bemerkenswerter Artikel mit etlichen brauchbaren Denkansätzen, die Fördertöpfe der EU sollten ...
[weiter]
Artikel wurde 1 mal kommentiert.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist
nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.