15. Juni 2004

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Thomas Nägler: Der lange Aufbruch aus Siebenbürgen

Eine Gedenkfeier zum Thema „60 Jahre Evakuierung aus Nordsiebenbürgen und Flucht aus Südsiebenbürgen“ fand am 29. Mai in würdevollem Rahmen in der evangelischen St. Paulskirche in Dinkelsbühl statt. Der Bundesvorsitzende Volker Dürr zeichnete Dekan Herbert Reber mit dem Goldenen Ehrenwappen der Landsmannschaft aus. Der Dinkelsbühler Dekan betonte, es sei ihm stets ein Anliegen gewesen, die Sache der Siebenbürger Sachsen zu unterstützen. In einer geschichtlich fundierten Festrede setzte Pof. Dr. Thomas Nägler anschließend die Evakuierung und Flucht in den größeren historischen Zusammenhang des Exodus der Siebenbürger Sachsen.
Die Feierstunde wurde vom Honterus-Chor Drabenderhöhe und dem Stephan-Ludwig-Roth-Chor Setterich unter der Leitung von Regine Melzer sowie dem jungen Organisten Christian Orben musikalisch umrahmt. Den Historiker Nägler würdigte Dürr mit der Stephan-Ludwig-Roth-Medaille. Nägler habe sich um die Erhaltung, Pflege und Verbreitung der siebenbürgisch-sächsischen Kultur verdient gemacht und einen fachlich kompetenten Beitrag zum Selbstverständnis und zum Zusammenhalt der Siebenbürger Sachsen geleistet, erklärte Dürr. Als Historiker, Autor und Pädagoge habe er „nicht nur Generationen von Wissenschaftlern geprägt, sondern auch die Geschichte der Siebenbürger Sachsen wieder ins Bewusstsein der Forschung gebracht“. Thomas Näglers Vortrag wird im Folgenden im Wortlaut veröffentlicht.

In dieser Stadt, die uns seit Jahrzehnten zum Pfingstfeste als willkommene Gäste empfängt, sprach ich 1990 und 1991 als Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen aus Rumänien und der Siebenbürger Sachsen. Seit der Wende vom Jahre 1989 hat sich in Europa und der Welt viel verändert, und die Zeitgeschichte geht unaufhaltsam weiter.



Der Historiker Prof. Dr. Thomas Nägler während seines Festvortrages in Dinkelsbühl. Foto: Josef Balazs
Der Historiker Prof. Dr. Thomas Nägler während seines Festvortrages in Dinkelsbühl. Foto: Josef Balazs
Die Fortbewegung der Menschen von einem Ort zum andern, oft viele Hürden bis in entlegene Länder bezwingend, war auch für die Siebenbürger Sachsen seit ihrer Entstehung ein besonderes Merkmal ihrer Geschichte. Wohl waren die meisten von ihnen Deutsche, sie nannten sich im 12. bis 13. Jahrhundert Flanderer, Teutonen und Sachsen und wurden erst im Zuge ihrer Ansiedlung zu Siebenbürger Sachsen. Die Entstehung unseres Volkes liegt zwischen der Mitte des 12. Jahrhunderts, als König Geysa II. sie als Gäste nach Ungarn rief, und dem Jahr 1486, als König Mathias Corvinus alle Stühle und Distrikte zur Sächsischen Nationsuniversität vereinigte. Diese blieb bis 1876 das höchste Forum für Verwaltung, Recht und Politik der Sachsen auf Königsboden. Schon im „Goldenen Freibrief“ für die Sachsen der Sieben Stühle im Jahr 1224 hatte König Andreas II. verfügt, dass sie ein Volk sein sollten (unus sit populus). Der Urkunde entnehmen wir nicht nur die Freiheiten und Pflichten unseres Volkes im ungarischen Reichsverband, sondern wir betrachten dieses Privilegium als Grundgesetz der freien Sachsen vom 13. bis 19. Jahrhundert, eine regelrechte Geburtsurkunde.

Die siebenbürgisch-sächsische Nation ist eine Gemeinschaft, wie viele andere, mit ihren besonderen Merkmalen der Sprache, Psyche, Wirtschaft, des sozialen Gefüges und des Brauchtums. Die Sachsen haben aber, wie Georg Eduard Müller im 20. Jahrhundert unterstrich, ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrer Vergangenheit, nämlich ein betontes Geschichtsbewusstsein. Fortschritt ja, aber bitte keine waghalsigen Änderungen, etwa nach englischer Art.

Ich setze her nun meine erste These, die ich meinen historischen Studien entnehme. Mit ihrer Heimat meinten unsere Vorfahren jeweils Ungarn, Österreich oder Rumänien, darunter verstanden sie aber immer Siebenbürgen, die Landesnamen Ungarn, Österreich oder Rumänien sind nur zur Orientierung da. Die Siebenbürger Sachsen waren stets von einer doppelten Loyalität beseelt. Es war dieses die Zugehörigkeit zum jeweiligen Vaterland, ein Begriff, der im 18. und 19. Jahrhundert in den Vordergrund trat, und die Zugehörigkeit zur umfangreicheren, größeren Nation und Kultur der Deutschen. Ich wage es hier zu behaupten, dass gerade diese doppelte Loyalität unseren Bestand fast neun Jahrhunderte lang gesichert hat. Mit den Erfahrungen aus dem Westen in den Osten ziehend, durch den ununterbrochenen Handel nach allen Himmelsrichtungen, die Wanderschaften der Gesellen und die vielen Tausenden Studenten im deutschen Sprachraum, und nicht nur dort, haben wir die Zugehörigkeit zu Deutschland nie aufgegeben.

Meine zweite These besagt, dass alle Generationen Zuzug aus dem Westen erhielten, dass die biologische Erneuerung der zahlenmäßig wenigen Sachsen also gesichert war. Ich meine hier nicht nur die Zuwanderung – ein heute sehr umstrittener Ausdruck in der Bundesrepublik – im 18. Jahrhundert, die vielen Transmigranten während der großen Schwabenwanderung ins Banat, sondern allgemein die vielen, stets nach Siebenbürgen oder nach Osten ziehenden Deutschen und Westeuropäer. Dazu möchte ich nur einige wenige bekannte Namen erwähnen. Wer kennt nicht die Unternehmer der Familie Haller, Markus Pempfflinger, den niederländischen Bildhauer Elias Nicolai, den bedeutenden Hermannstädter Johann Zabanius aus der Slowakei, bekannt als Sachs von Harteneck, Graf der sächsischen Nation, den Frankfurter Buchdrucker Johann Gött in Kronstadt, den Preußen Max Moltke, den Verfasser unseres Siebenbürgen-Liedes, den zu uns gehörenden österreichischen Dichter und Komponisten Wolf von Aichelburg? Vor allem in den Städten siedelten sich viele österreichische Beamte und Unternehmer an. Eine dritte These, die ich hier erwähne, widerspiegelt unsere Geschichte im Schrifttum vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Liest man die Notizen, Chroniken und Tagebücher, von denen die meisten unveröffentlicht sind und auch bleiben werden, so haben fast alle sehr kritische, ja sogar pessimistische Eindrücke über ihre Zeit niedergeschrieben. Dieses bringt zum Ausdruck, dass sich die Sachsen immer bessere Zeiten erwünschten, sei es nun in sozialer, wirtschaftlicher, politischer oder wissenschaftlicher Hinsicht. Es ist anscheinend ein Paradox: Wenn wir in den vielen Geschichtswerken von Johannes Honterus bis zu Konrad Gündisch blättern, erfahren wir, dass unser Volk in allen Bereichen bereit war, besondere Erneuerungen für ihre Nachfahren durchzusetzen, trotz „böser“ Nachrichten aus den Quellen.

Die genannten drei Thesen, für die man noch viele Beweise anführen und gewiss auch entgegengesetzte Daten aus der reichhaltigen Geschichte entnehmen kann, bilden den Ausgangspunkt meiner Stellungnahme zum Exodus aus Siebenbürgen. Wenn vor uns also ein ziemlich klares Geschichtsbild liegt, welches sind die Ursachen die zum Aufbruch aus Siebenbürgen führten? Auch hier finden wir nicht nur eine, sondern gleich mehrere Ereignisse, die einem Verbleib in Siebenbürgen nicht mehr förderlich waren. Diese Ursachen der Auswanderung aus Siebenbürgen finden wir in den Ereignissen aus einer Zeit von etwa 200 Jahren (1780-1990).

Der erste Einbruch in das sächsische Eigenleben erfolgte in der Regierungszeit des österreichischen Kaisers Joseph II. (1780–1790). Durch die Aufteilung des sächsischen Königsbodens in Komitate und die Aufhebung einiger Sonderrechte der Sachsen sollte ihre Selbstverwaltung aufgehoben werden. Joseph II. hatte kurz vor seinem Tode seine Reformen widerrufen, die Sachsen kamen mit dem Schrecken davon.

Vor und während der französischen Revolution des Jahres 1789 verbreitete sich auch in Siebenbürgen die Idee der allgemeinen Menschenrechte. Alle Bürger sollten gleich sein, Ungarn, Sachsen, Rumänen, und ihre Sprachen sollten Amtssprachen werden. Die im Jahre 1849 niedergeschlagene ungarische Revolution führte zu abwechselnden österreichischen Herrschaftssystemen, durch die die Autonomie der Sachsen unterbrochen wurde. Infolge der im Jahre 1867 erfolgten Reichsteilung, in eine österreichische und eine ungarische Reichshälfte, kamen die Siebenbürger Sachsen unter die ungarische Zentralregierung, Siebenbürgen hatte keine eigene Verwaltung mehr, die Sächsische Nationsuniversität wurde 1876 aufgelöst. Die Sachsen behielten ihre evangelische eigenständige Kirche und dadurch ihre deutschen Schulen. Sie wurden durch die Magyarisierungsbestrebungen zwar bedrängt, aber ihre zahlreichen Vertreter im Parlament konnten sie mit ihrer gehobenen Wirtschaft emporhalten und sie dachten nicht daran, das Land zu verlassen, denn ihr Besitz wurde nicht angerührt. Laut Gesetz gab es nur eine, die ungarische Nation im Lande. Indem verhältnismäßig viele Sachsen im ungarischen Parlament saßen, da nur besitzende Männer wählen durften, konnten die Sachsen mit der Regierungspartei paktieren und so ihre Stellung in Siebenbürgen behalten.

Nach dem Ersten Weltkrieg, den Österreich-Ungarn an der Seite Deutschlands verloren hatte, kam Siebenbürgen an Rumänien. Die rumänischen Gesetze waren nicht härter als die ungarischen, aber ihre Einhaltung war nicht garantiert. Von territorialer Autonomie war keine Rede mehr, die obersten Beamten in den Kreisen wurden nicht gewählt, sondern von der Regierung ernannt. Den Gewohnheiten der rumänischen Behörden waren die Sachsen allgemein nicht gewachsen. Obwohl auch zwischen den beiden Weltkriegen etliche Siebenbürger nach Amerika auswanderten, stellte sich eine Frage der Massenabwanderung nicht. Die Verfassung des rumänischen Königreichs war bei den Sachsen unbeliebt, wie auch die Wegnahme von sächsischem Grundbesitz nach dem Ersten Weltkrieg. Bei den Sachsen gab es zwar keine großen Grundbesitzer, aber die evangelische Kirche, welcher die sächsischen Schulen gehörten, verlor einen Teil ihrer Bodenflächen, die sie an arme Rumänen, oft aus Nachbargemeinden, abgeben musste. Der versprochene finanzielle Zuschuss an die deutschen Schulen wurde unregelmäßig gezahlt und blieb dann später ganz aus.

Um 1930, während der Weltwirtschaftskrise, machte sich auch bei den Sachsen eine Bewegung von Unzufriedenen breit. Ein betonter Nationalismus erfasste fast gleichermaßen die europäischen Völker. Die Sachsen entfernten sich von den rumänischen Untrieben und näherten sich immer mehr den nationalsozialistischen Ideen, die aus dem Deutschen Reich nach Siebenbürgen gelangten. Infolge des Wiener Schiedsspruches gelangte Nordsiebenbürgen an Ungarn. Dadurch wurden die Sachsen des Nösner und Reener Ländchens von jenen Südsiebenbürgens getrennt. Ungarn und Rumänien verhandelten mit Hitlerdeutschland über die Rechte der deutschen Minderheit. Stellt man einen Vergleich an, so ergibt sich, dass die Deutschen in Rumänien umfangreichere Rechte als jene in Ungarn erhielten. Die „Deutsche Volksgruppe in Rumänien“ waltete hier nach eigenem Gutdünken, Siebenbürger Sachsen zogen zur Ausbildung nach Deutschland, viele von ihnen wurden als Freiwillige in die deutschen Heeresverbände aufgenommen.

Die am 1. Dezember 1918 auf der rumänischen Volksversammlung von Karlsburg angenommene Erklärung, die zur Vereinigung Siebenbürgens mit dem Altreich geführt hatte, wurde zum Teil von der sächsischen Presse, vor allem aber vom „Volksprogramm“ 1933 kritisiert und durch die Annäherung Rumäniens an die Achsenmächte bezüglich der deutschen Minderheit im Lande auch angewandt. In dem erwähnten Programm heißt es aber auch: „Wir bekennen uns zur Einheit aller Deutschen der Welt, mit denen wir ein einziges Volk bilden“. Zugleich wird auch ausgesprochen, dass sich die Sachsen zu allen Deutschen Rumäniens bekennen. Dadurch wurde die doppelte Loyalität, die ich einleitend erwähnt habe, erneut bekräftigt.

Nach andauernden Umgruppierungen der deutschen politischen Kreise in Rumänien wurde am 9. November 1940 in Mediasch die „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei der Deutschen Volksgruppe in Rumänien“ gegründet, deren Führung Andreas Schmidt anvertraut wurde. Mit diesem Datum hört die eigene sächsische Politik auf, die jahrhundertelang den Bestand des eigenen Volkstums gesichert hatte. Die Sachsen wurden zu Objekten der Weltgeschichte, der Spielraum des Einzelnen war gering.

In den Jahren 1940 bis 1944 verfügten die deutschen und die rumänische Regierung über die Siebenbürger Sachsen und viele andere Völkerschaften. Ich brauche hier die Ereignisse nicht mehr aufzurollen. Sie alle wissen, was geschehen ist. Während des Rückzugs aus der Sowjetunion mussten Deutsche wie Rumänen über ihre Zukunft mehr denn je nachdenken. 1943 übernahm Deutschland den Großteil der im rumänischen Heer kämpfenden Sachsen. Im Juli 1944 misslang das Attentat auf Hitler in Ostpreußen, während sich die Ostfront der rumänischen Grenze näherte. Im Laufe eines Jahres sollte das Schicksal Europas für Jahrzehnte besiegelt werden, die Siebenbürger Sachsen hatten nirgends eine schützende Hand.

Nachdem sich Rumänien am 23. August 1944 auf Seite der Alliierten, d.h. der Sowjetunion, begeben hatte, blieb selbst den Rumänen nur eine geringe Hoffnung auf eine selbstständige Zukunft. Die Front überrollte Rumänien und damit auch Siebenbürgen. Die sächsischen Soldaten und Offiziere blieben bis Kriegsende im deutschen Heer, ein kleiner Teil, meist junge Rekruten, wurde von den Rumänen in Nordsiebenbürgen gegen Deutsche und Ungarn eingesetzt. Die deutsche Volksgruppe wurde verboten, alles, was die Sachsen an Rechten noch hatten, wurde verboten.

Die Sachsen aus der Bistritzer und Reener Gegend wurden noch vor dem Eindringen der Roten Armee und der rumänischen Kampfverbänden angehalten, das nun feindliche Land zu verlassen. In langen Trecks zogen die Sachsen aus Nordsiebenbürgen Richtung Österreich. Dort, wie auch im südlichen Deutschland, war die Not schon so weit gestiegen, dass man sich auf Flüchtlinge aus dem Osten nicht freuen konnte. Nur ein Teil von ihnen kehrte zurück, um das Schicksal mit den im Lande verbliebenen Sachsen zu teilen.

Der rumänischen Übergangsregierung gelang es, die im Lande verbliebenen Deutschen zu behalten, während die deutschen Siedlergruppen aus allen anderen Staaten Mittel- und Osteuropas vertrieben werden. Der Rückschlag kam im Januar 1945 als alle arbeitsfähigen Deutschen Rumäniens in die Sowjetunion verschleppt wurden. Von den sowjetischen Absichten wussten der König, wie auch einige Politiker Rumäniens. Sie waren nicht in der Lage die Verschleppung zu verhindern. Während der König und der Premierminister General Rădescu dagegen protestierte, betrachtete der britische Premier Winston Churchill die Einziehung von Arbeitskräften deutscher Herkunft aus Osteuropa als ein Recht der Russen. Auch bezüglich der Vertreibung der Deutschen aus Rumänien waren die Politiker der verschiedenen Parteien geteilter Meinung. Sogar Kommunisten waren für ihren Verbleib in Rumänien, während der Verbündete der Sachsen, der Nationalzaranist Iuliu Maniu, sich zugunsten einer Aussiedlung äußerte.

Es ist allen bekannt, dass die Sachsen 1945 sämtlichen Boden, dann ihre Häuser, 1948 auch Fabriken, Werkstätten und Banken verloren haben. Nach dem Frontwechsel vom August 1944 wurden allen Deutschen aus Rumänien, die sich im Westen, d.h. hauptsächlich an der Front befanden, das rumänische Staatsbürgerrecht aberkannt. Hans Otto Roth hatte im September 1944 die Sachsen aufgerufen, sich ruhig zu verhalten und im Lande zu bleiben.

Nachdem im Januar 1945 die Deportation stattgefunden hatte, lebten die Sachsen mehrheitlich zwar noch in Siebenbürgen, viele waren aber in Deutschland, der Ukraine oder sonstwo verstreut. Von etwa 250 000 Deutschen in Siebenbürgen im Jahre 1941, lebten hier 1948 nur noch 157 000 Personen, also fast 100 000 weniger. Nach Kriegsende standen fast alle Sachsen vor dem Trümmerhaufen, den sie größtenteils nicht selbst verschuldet hatten.

Der Wunsch, die Familie als Hort des menschlichen Daseins wieder zusammen zu haben, war ursprünglich nicht von der besseren materiellen Lage in dem zerschlagenen Deutschen Reich bestimmt. Man sehnte sich nach einer Vorkriegslage, die wegen der Rechtlosigkeit der Sachsen auch früher wohlgesinnte Bürger Rumäniens entfremdete.

Den Siebenbürger Sachsen und anderen deutschen Siedlergruppen warf man gelegentlich vor, um jeden Preis in das aufstrebende Westdeutschland gelangen zu wollen. Trotz einigen Erleichterungen für die Deutschen Rumäniens nach 1950 haftete den Sachsen das Beiwort als Mitläufer Nazi-Deutschlands an. Durch seinen Fleiß hielt sich unser Volk über Wasser. Nach und nach wanderten immer mehr Sachsen in die Bundesrepublik aus. , 1978 handelten Nicolae Ceauşescu und Helmut Schmidt Pro-Kopf-Preise aus, die die Verwandten im Voraus zahlen mussten, um auswandern zu können. Über Schikanen möchte ich hier ebenso wenig sprechen wie über die Entschuldigungen rumänischer Staatsführer über begangene Fehler, die ich hoch einschätze.

Betrachte ich die Geschichtsschreibung, zu deren Zunft ich mich zähle, so wurde dem Exodus der Siebenbürger Sachsen die richtige Einschätzung noch nicht vergönnt. In den rumänischen Traktaten wird vergessen zu erwähnen, dass Rumänien mit Deutschland Partner war und dass die Deutschen das Erdöl und andere Rohstoffe von 1938 bis 1944 nach internationalen Preisen bezahlt hat. Die Behauptung, Rumänien sei durch das Dritte Reich ausgebeutet worden, können die in den Archiven liegenden Quittungen widerlegen.

Indem 90% des sächsischen Besitzes zwischen 1945 und 1948 verloren gingen und fast die Hälfte der Sachsen umgekommen bzw. sich außerhalb des Landes befanden, können wir nun nach 60 Jahren ein Fazit unserer Überlegungen ziehen. Der einst mit Deutschland verbündete Staat Rumänien hat seine Bürger deutscher Zunge aufgegeben. Dass die Hauptursache in dem sowjetischen System des Bolschewismus lag, ist erwiesen. Das von den Rumänen angenommene Prinzip der kommunistischen Zukunft entbindet sie jedoch nicht der Verantwortung gegenüber den verstoßenen Sachsen.

In meinem Vortrag, den ich nicht durch Statistiken oder Grübeleien unterbauen wollte, fehlt die Antwort auf die Frage, warum der Exodus stattgefunden hat oder notwendig war. Es sind im Wesentlichen folgende Gründe, die ich hier anführen will, und zwar:

1. Der Entzug der materiellen und rechtlichen Basis als Existenz für die Generation der Nachkriegszeit;

2. Der große Verlust an Menschenleben, der nicht mehr aufzuhalten war;

3. Der Schwund der doppelten Loyalität, die in den Weltereignissen unterging;

4. Das Angstgefühl, die Vereinsamung und der kollektive Wunsch nach der Wende von 1989, sich geborgen zu fühlen;

5. Das Misstrauen über die nach 1990 versprochenen Rechte der Minderheiten in Rumänien.

Was wird nun in einer erweiterten europäischen Gemeinschaft geschehen, zu der in Zukunft auch Rumänien gehören wird?

Das neue Rumänien ist bestrebt, internationale Gesetz einzuhalten, wird sich aber nach meiner Erfahrung der Jahre 1990-1992 keineswegs bemühen, Einzelrechte oder Vorrechte für die Minderheiten zu garantieren. Es wird ein Eintopf auf den Tisch gestellt, den die Europäische Gemeinschaft annehmen wird, es wird sich aber keineswegs darum bemühen, den intimen Einzelwünschen von kleinen ethnischen Gruppen nachzugeben. Die frühere Sphäre die wir einst hatten, ohne andersnationale Bürger zu beeinträchtigen, ist dahin. Durch die Gleichstellung der kleinen Minderheiten mit dem Staatsvolk ist deren Zukunft noch nicht gesichert. Die Siebenbürger konnten sich auf ihren Schutz durch den Staat stützen; als dieser Schutz verschwand, haben sie ihre Loyalität jedoch größtenteils aufgegeben.
Mir wälle bleiwen, wat mer sen. So Gott uns hilft.

Prof. Dr. Thomas Nägler

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