29. Mai 2005

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Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis 2005 an zwei Musiker

Unwillkürlich ebbte die gedämpfte Unterhaltung im Gotteshaus ab. Kaum hatte Horst Gehann die Sonate für Cembalo (2001) von Dieter Acker zu spielen begonnen. Das Primat der Musik galt auch am Pfingstsonntag in der Sankt-Pauls-Kirche zu Dinkelsbühl bei der Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr mit Prof. Dr. h.c. Dieter Acker und Kirchenmusikdirektor Adolf Hartmut Gärtner zwei Musiker.
Seitens des Kulturpreisgerichts begrüßte Ehrenvorsitzender Dr. Wilhelm Bruckner die Veranstaltungsteilnehmer. Im Anschluss sprach Ehrenbundesobmann Konsulent Dr. Fritz Frank einführende Worte. Alljährlich seit 1968 vergeben die Landmannschaften der Siebenbürger Sachsen in Deutschland und Österreich den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis an Persönlichkeiten, die sich durch ihr Lebenswerk als Siebenbürger Sachsen oder aber um die Belange der Siebenbürger Sachsen verdient gemacht haben. Im Jahr 2005 entschied das Preisgericht, diese höchste Auszeichnung der Siebenbürger Sachsen zu gleichen Teilen Dieter Acker und Adolf Hartmut Gärtner zuzuerkennen. In der Reihe der bisher 53 Preisträger finden sich drei Musiker (Prof. Franz Xaver Dressler/1980, Prof. Dr. h.c. Erich Bergel/1994, Prof. Helmut Sadler/1999). Auf diese Unterrepräsentierung der Musiker wies Gärtner in seiner Danksagung augenzwinkernd hin.

Zwei Preisträger – ein Laudator: Horst Gehann. Diesem war es eine besondere Freude, die Laudatio auf seine beiden verdienten Berufskollegen zu halten, „zeigt das doch, dass die Tradition unseres Stammes in der Wertschätzung der Musik und ihrer Träger nach wie vor ungebrochen ist.“ Gehann wandte sich zunächst dem älteren der beiden Laureaten, Gärtner und seiner Vita zu.

Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreisträger 2005: Kirchenmusikdirektor Adolf Hartmut Gärtner. Foto: Josef Balazs
Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreisträger 2005: Kirchenmusikdirektor Adolf Hartmut Gärtner. Foto: Josef Balazs

Adolf Hartmut Gärtner kam am 3. Juni 1916 in Kronstadt zur Welt und zur Musik. Ersten Klavierunterricht erteilte ihm die Mutter. Parallel zum Besuch des Honterus-Gymnasiums wirkte er in dem von Rudolf Lassel gegründeten und nun von Victor Bickerich geleiteten Schülerkirchenchor mit. Zusätzlich zum Klavierunterricht bei Bickerich lernte er Orgel und am Konservatorium das Cellospiel. Ersten Lorbeer brachte die Schülerolympiade 1932 in Schäßburg (1. Preis in Kammermusik, 2. Preis im Solospiel). Gärtner immatrikulierte sich an der Berliner Hochschule in Kirchen- und Schulmusik und wirkte im Berliner Collegium musicum sowie im Heinrich-Schütz-Kreis mit. Mit den Staatsexamina für das höhere Lehramt im Gepäck sowie als Organist und Chorleiter kehrte Gärtner nach Siebenbürgen zurück. Am Lehrerseminar in Hermannstadt wirkte er in den Folgejahren als Musiklehrer, leitete zudem den Gesangsverein und den Musikverein Hermania.

Musikalisches Credo: Den Menschen ganzheitlich ansprechen


Eine Zäsur stellte der Krieg dar mit Gärtners Einberufung zum rumänischen Militär und seiner Kriegsgefangenschaft, aus der er nach München entlassen wurde. In der Isar-Metropole fasste er Wurzeln und entfaltete sein reiches musikpädagogisches Wirken. So wurde er Musiklehrer und Seminarleiter am Theresien-Gymnasium „und baute einen so leistungsfähigen Chor auf, dass dieser bei Aufführungen der Matthäus-Passion von Bach unter so bedeutenden Dirigenten wie Solty, Kempe, Keilberth und Karl Richter herangezogen wurde.“ Wie Horst Gehann weiter ausführte, gründete Gärtner den Paul-Gerhardt-Chor, indes er nebenamtlich bereits die Organisten- und Kantorenstelle an der Evangelischen Paul-Gerhardt-Kirche ausfüllte. Mit bedeutenden Oratorienaufführungen von Schütz bis Strawinsky etablierte sich der Paul-Gerhardt-Chor im kirchenmusikalischen Kalendarium der Landeshauptstadt. Immer wieder lud Gärtner Landsleute als Solisten ein (u.a. Martha Kessler, Helge von Bömches, Anton Schlesak, Eckard Schlandt).

Damit nicht genug, wirkte Gärtner zeitweilig als Musikreferent am Staatsinstitut für Schulpädagogik, führte im Auftrag des „Internationalen Arbeitskreises für Musik“ zahlreiche Sing-, Chor- und Instrumentalwochen durch und fungierte überdies auch als Bundeskulturreferent der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Mit seinem (1997 im Verlag Südostdeutsches Kulturwerk veröffentlichten) Buch Victor Bickerich (1895-1964). Kirchenmusiker und Musikpädagoge in Siebenbürgen leistete Gärtner „einen wichtigen Beitrag zur Musikgeschichte Siebenbürgens“. In Anerkennung seiner vierzigjährigen Chorleitertätigkeit verlieh ihm die Stadt München die Medaille „München leuchtet“. Die Ernennung zum Kirchenmusikdirektor durch den Evangelischen Landeskirchenrat kam hinzu. Und nun der Siebenbürgisch-Sächsische Kulturpreis 2005 für „die im Verlauf von 65 Jahren erbrachten … interpretatorischen und pädagogischen Leistungen“, wodurch er „siebenbürgische Musik und Kultur der bundesdeutschen Öffentlichkeit nahegebracht hat.“ (Urkunde)

In seinen Dank für diese hohe Auszeichnung schloss Gärtner neben dem Kulturpreisgericht und Horst Gehann als Laudator ausdrücklich seinen „verehrten Lehrer Musikdirektor Bickerich“ ein. Wie jener fühle sich auch er selbst einer Musik verpflichtet, „die den Menschen ganzheitlich, nicht nur mit seinem Leib, sondern auch mit seinem Geist und seiner Seele anzusprechen vermag.“

In welch hohem Grad die Musik von Dieter Acker diesem Anspruch gerecht wird, verdeutlichten die für diesen Nachmittag ausgewählten Kompositionen. Mitreißend interpretiert von Götz Teutsch (Violoncello) und Cordelia Höfer (Klavier), entwickelte Ackers Meditation für Violoncello und Klavier (2003) sogartig rhythmisierte Klangbilder. Von durchdringender Intensität dann Ackers Motette: „Ein jegliches hat seine Zeit“ (1997), zu hören als Konzertmitschnitt mit der „Meißner Kantorei“ (Dresden) unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Christfried Brödel. Aus ehernem naturimmanentem Prinzip abgeleitete Erfahrung kristallisiert sich hier im vielfarbigen Widerhall zum „Memento vivere“ („Gedenke des Lebens“), diesseits im sakralen Raum.

„Ausdruck lebens- und liebenswerter humaner Gesinnung“


Der am 3. November 1940 in Hermannstadt geborene Dieter Acker wuchs bei seinen Großeltern auf. Der Vater war in Stalingrad gefallen, die Mutter zur Zwangsarbeit nach Russland verschleppt worden. Früh fand er in Franz Xaver Dressler als Lehrer und Leiter des Hermannstädter Bach-Chores die ihn prägende Musikerpersönlichkeit. In mehrjährigem Unterricht (Klavier, Orgel, Musiktheorie) bereitete Dressler seinen außergewöhnlich begabten Schüler auf das Studium an der Klausenburger Musikhochschule vor. Nach Abschluss seines Studiums folgt eine Assistententätigkeit an der Musikhochschule und sein erster internationaler Erfolg mit dem Kompositionspreis des „Prager Frühling“ (1966). Acker übersiedelt drei Jahre später in die Bundesrepublik, arbeitet zunächst als Musiklehrer an Wuppertaler Gymnasien und als Dozent am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf. 1972 ereilt ihn der Ruf an die Münchner Musikhochschule, wo er 1976 als Nachfolger Harald Genzmers zum Professor für Komposition ernannt wird. In seiner über drei Jahrzehnte währenden Lehrtätigkeit an der Münchner Musikhochschule war Acker unzähligen jungen Musikern ein Wegweiser. Als erster deutscher Gastprofessor, unterstrich Horst Gehann in seiner Laudatio, wurde der Musikpädagoge 1985 an die Musikhochschule in Peking gerufen.

Prof. Dr. h.c. Dieter Acker bei seiner Danksagung in der Sankt-Pauls-Kirche. Foto: Christian Schoger
Prof. Dr. h.c. Dieter Acker bei seiner Danksagung in der Sankt-Pauls-Kirche. Foto: Christian Schoger

Umfangreich ist das Oeuvre des Tonkünstlers. Rund 200 Kompositionen tragen seinen Namen (Orchesterliteratur, Kammermusik, Werke für Soloinstrumente, Chormusik, solistische Vokalmusik, auch ein Operneinakter). Mehrfach wurde der Siebenbürger Sachse mit internationalen Kompositionspreisen ausgezeichnet: u.a. Johann-Wenzel-Stamitz-Preis Stuttgart (1971), Marler Kompositionspreis (1971), Internationaler Kompositionspreis „Stroud-Festival“ (1973), Hitzacker-Preis (1974), Prix „Henriette Renié“ der Académie des Beaux Arts, Paris (1988), Stamitz-Preis, Mannheim (1990),FUKUI Prix de Musique, Japan (1995). Die Klausenburger Musikakademie verlieh ihm im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde. Bis heute ist Dieter Acker als renommierter Juror bei internationalen Kompositions-Wettbewerben präsent.

Über Ackers Musik schrieb Horst Leuchtmann, den Gehann in seiner Laudatio zitierte: „ … sie ist melodiös, sensibel, von feiner Struktur und doch von intensiver Wirkung, der verhaltenen Stille, des Lyrischen ebenso mächtig wie der großen Steigerung, des Ekstatischen. Ihre Eindringlichkeit berührt und überträgt sich unmittelbar.“ – Horst Gehann beurteilt diese Kompositionskunst so: „Es gelingt Acker, traditionelle Praktiken und moderne Ausdrucksmittel zu einer Synthese, einer Einheit zusammen zu schmelzen. So ersteht vor dem zeitgenössischen Hörer eine musikalische Perspektive für unsere Zeit, mit der er sich identifizieren kann, weil sie Ausdruck lebens- und liebenswerter humaner Gesinnung ist. Deshalb war die Jury gut beraten, den diesjährigen Kulturpreis zuzuerkennen.“

Dieter Acker dankte den Juroren des Kulturpreisgerichts für diese hohe Auszeichnung, die ihn überrascht habe, da er in nunmehr 36 Jahren seiner musikprofessionellen Tätigkeit in Deutschland doch „so gut wie keine Berührungspunkte mit meinen siebenbürgischen Landsleuten hatte“. Er wisse diese Ehrung zu schätzen, gerade im Hinblick auf die Reihe der Preisträger mit Hermann Oberth und vor allem „meinem verehrten Lehrer Franz Xaver Dressler“. – „Ein jegliches hat seine Zeit“.

Christian Schoger


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