13. Oktober 2001

"Zu spät, Herr Schlattner, zu spät"

Mit sorgenvollem Blick streicht Pfarrer Eginald Schlattner über seinen beigen Kaschmirschal: "Es sind viele Feinde da, und es wird einen Skandal geben." Dass die Lesung für den derzeit meistverkauften siebenbürgischen Romanautor nicht einfach werden würde, war voraussehbar: Unter den Gästen an diesem nasskalten Septemberabend befand sich auch Hans Bergel, der streitbarste jener fünf Schriftsteller, die Schlattner durch seine Aussagen auf dem sogenannten Kronstädter Schriftstellerprozess von 1959 schwer belastet hatte.
Die beiden waren einander seither nicht mehr begegnet. Fast auf den Tag genau sahen sie sich nun, 42 Jahre später, im bayerischen Gauting wieder.
Die von der kleinen, aber feinen Buchhandlung "Kirchheim" in Gauting veranstalteten Lesungen sind längst eine Institution. Auch die Lesung mit dem "wie ein Komet aus den Tiefen Transsylvaniens" (Süddeutsche Zeitung) aufgetauchten Schriftsteller aus dem siebenbürgischen Rothberg schien eine Lesung wie viele andere zu werden – wenn man das angesichts der bedrückenden Nachrichten vom Terrorangriff auf Amerika überhaupt sagen konnte.
'Dieses Buch war als Geste der Versöhnung gedacht': Eginald Schlattner mit seinem neuen Roman in der Gautinger Buchhandlung Kirchheim. Foto: Konrad Klein
'Dieses Buch war als Geste der Versöhnung gedacht': Eginald Schlattner mit seinem neuen Roman in der Gautinger Buchhandlung Kirchheim. Foto: Konrad Klein


Doch bereits die Begrüßungsworte Eginald Schlattners ("Liebe Freunde und Nichtfreunde") ließen ahnen, dass dieser Abend wohl nichts für harmoniebedürftige Literaturliebhaber werden würde. Den Stein ins Rollen brachte eine Wortmeldung von Hans-Joachim Acker, einem ehemaligen Journalisten von Radio Free Europe (Pseudonym: "Mircea Ioanid"). Eginald Schlattner habe während seiner Untersuchungshaft nicht nur fünf Schriftsteller, sondern auch seinen Onkel, den Literatur- und Kunstkritiker Harald Krasser, der Securitate ans Messer geliefert. Warum er denn so lange zu diesen Dingen geschwiegen habe?
Das Buch sei die Antwort, wird dem "lieben Herrn" Acker beschieden. Ja, aber diese Antwort komme zu spät, viel zu spät. Warum er es seit über zehn Jahren abgelehnt habe, ein klärendes Wort zu seinem Verhalten zu sprechen?
Ratlosigkeit, aber auch erste Unmutsäußerungen unter den überwiegend nichtsächsischen Zuhörern. Die beschwichtigenden Worte der Gastgeberin sind noch nicht verklungen, als sich der Schriftsteller Hans Bergel zu Wort meldet. Auch er möchte, nachdem er das Publikum darüber informiert, dass er einer jener fünf Schriftsteller sei, denen "Pastor" Schlattner als Kollaborateur der Securitate eine mehrjährige Gefängnisstrafen eingebrockt habe, erfahren, warum dieser niemals auf seine Gesprächsangebote "zur Gewissensentlastung" eingegangen sei.
Schlattner vermeint, es beim Zitieren eines typisch sächsischen Commonsense-Diktums seiner Großmutter ("Mit gewissen Leuten redet man nicht") bewenden lassen zu können – eines Wortes, das im neuen Roman vor dem Umgang mit "unsächsisch" gearteten Menschen warnt (Rote Handschuhe, S. 9).
Damit hatte er freilich Öl ins Feuer gegossen, denn nun holte Bergel zum Rundumschlag gegen das neue Buch des ehemaligen Freundes aus. Dieser Roman sei nichts anderes als "der trickreiche Selbstrechtfertigungsvesuch eines Verräters", der bis zuletzt kneife. Strenggenommen sei das ganze Buch eine Lüge. Allein schon die Verhörsszenen müsse jemand, der durch die rumänischen Verhörsmühlen gegangen sei, "einfach läppisch" finden.
'Das ganze Buch ist eine Lüge': Hans Bergel (stehend) in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting. Hinten (Dritter von rechts) der Journalist Hans-Joachim Acker. Foto: Konrad Klein
'Das ganze Buch ist eine Lüge'. Hans Bergel (stehend) in der Buchhandlung Kirchheim in Gauting. Hinten (Dritter von rechts) der Journalist Hans-Joachim Acker. Foto: Konrad Klein


Als die Veranstalterin händeringend die Angriffe auf ihren Gast stoppen will, ist es der Intervention Schlattners zu verdanken, dass Bergel weiterreden darf :"Lassen Sie ihn reden, ich habe ihn nicht mehr gesehen seit November 1957." Womit er freilich schon neuen Streitstoff geliefert hatte. Bergel: "Er hat mich zum letzten Mal September ’59 beim Kronstädter Schriftstellerprozess gesehen!"
Empört kam nun Kurtfelix Schlattner, der Bruder des Schriftstellers, dem Angegriffenen zu Hilfe. Er hätte ebenfalls Bergels Briefe gelesen, die in dessen "typisch arroganter Art" geschrieben seien, und er hätte darauf nicht mal geantwortet. Fakt ist freilich, dass Bergel Eginald Schlattner über Dritte nur mündliche Gesprächsangebote zukommen ließ. Lediglich aus Anlass des vom Rumänischen Schriftstellerverband und seinem damaligen Präsidenten Mircea Dinescu veranstalteten Bukarester Symposions von 1992 firmierte er – zusammen mit Harald Siegmund, Georg Scherg und Wolf von Aichelburg – als Mitunterzeichner einer von Siegmund initiierten Postkarte. Diese enthielt eine aufrichtig gemeinte Einladung zur "Aussprache und Versöhnung", der Schlattner jedoch nicht Folge leistete. Er sei, ließ er dem Schriftstellerverband durch seinen Dienstherrn mitteilen, wegen anderweitiger Arbeiten fürs Landeskonsistorium verhindert. Wohl nicht zufällig entstand die Urfassung von Rote Handschuhe in den Jahren nach 1993, jenem Jahr, in dem Peter Motzan und Stefan Sienerth die durch Intervention Mircea Dinescus erlangten Verhörsprotokolle vom Kronstädter Schriftstellerprozess unter dem Titel Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht (15. September 1959 – Kronstadt/Rumänien) veröffentlichten.
Außerdem sei es "absoluter Schwachsinn", wenn Bergel behaupte, er verdanke Eginald Schlattner seine Verurteilung, weil die Verurteilungen bereits vorher festgestanden hätten - zweifellos ein Sachverhalt, dessen Erörterung den Rahmen der Gautinger Lesung gesprengt hätte, der aber auch die Frage aufwarf, ob es sich hier nicht jemand allzu leicht mit der Gewissensberuhigung machte (Elisabeth Axmann meint in diesem Zusammenhang, dass eine solche Sicht der Dinge "einer ehrlichen Aufarbeitung der Vergangenheit abträglich sei" und letztendlich zu einem inakzeptablen "moralischen Relativismus" führen würde. Vgl. Worte als Gefahr und Gefährdung, S. 15.)
Unverständlich auch das zur Entlastung des Bruders gebrachte "Argument", man solle "nicht immer diese 95 Haftjahre", zu denen die fünf Schriftsteller verurteilt worden seien, erwähnen, denn schon "nach kürzester Zeit", nämlich "nach etwa drei Jahren", seien sie entlassen und später auch rehabilitiert worden. Fragt sich, ob es noch Publikumsapplaus gegeben hätte, wenn jemand Gleiches von ehemaligen KZ-Häftlingen gesagt hätte; abgesehen davon, dass Birkner, von Aichelburg und Bergel fünf bzw. sechs Jahre einsaßen.
Vielleicht brachte eine der Befangenheit unverdächtige Binnendeutsche ihr Unbehagen an Eginald Schlattners "Antwort" auf Hans Bergels Frage am besten auf den Punkt: "Diese Antwort wird für mich Ihr Buch, das ich lesen werde, in irgendeiner Form färben oder belasten. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten da anders geantwortet." Der spontane Beifall zeigte, dass sich die klatschfreudigen Zuhörer auch in diesem Punkt einig waren.
Das gab denn auch dem solcherart abgestraften Autor zu denken. Sicher sei ihm das nur entfahren, weil ihn Bergel seit vielen Jahren mit einem geradezu "irrationalen Hass" verfolge: "Ich kann Sie versichern, dass ich mit jedem Zigeunerkind so spreche als ob es der Bischof wäre, allerdings mit dem Bischof spreche ich nicht als ob er ein Zigeunerkind ist." Sein neues Buch sei als "Geste der Versöhnung" gedacht, dieses sei seine Antwort und er sei darin mit radikaler Schonungslosigkeit mit sich ins Gericht gegangen. So schonungslos , dass sogar Sigrid Löffler verwundert gewesen sei, wie sehr der Ich-Erzähler des Romans mit der Person vom biographischen Klappentext übereinstimme. Streng genommen sei, wie Eginald Schlattner einer Fragerin bestätigte, seine ganze nachherige Biographie eine Geste der Wiedergutmachung (Schlattner übt seit 1990 den Beruf eines Gefängnispfarrers im siebenbürgischen Straßburg/Aiud aus.- Anm. K.K.).
Und so war’s am Ende fast wie beim Literarischen Quartett: der Vorhang zu und alle Fragen offen. Hans Bergel freilich, der Überraschungsgast des Abends, hatte die Buchhandlung schon vorher verlassen.
Noch hat sich der Sturm im sächsischen Wasserglas nicht gelegt, im Gegenteil. Die beiden letzten Ausgaben der Neuen Kronstädter Zeitung beispielsweise bringen unter anderem einen offenen Brief und kritisch-süffissante Anmerkungen zweier "Unversöhnter": Harald Siegmund und Georg Scherg. Doch nicht nur Herr "Schönmund" und Herr "Schräg" sind verbittert über ihr literarisches Fortleben in Schlattners neuem Roman, der nichts anderes als "tendenziöse Kolportage" (Scherg) sei. Auch bei weiteren real existierenden Handlungsträgern mit zur Kenntlichkeit verfremdetem Namen und den ihnen angedichteten Dingen macht sich Wut und Enttäuschung breit. Sie empfinden es – im Unterschied zum bundesdeutschen Leser, der die deftigen Hardcore-Szenen des Romans unvorbelastet und ohne Nebenwirkungen goutieren kann – als Hohn, in diesem Buch die lang erwartete Geste der Versöhnung zu sehen. Da hilft auch die wohltuend differenzierte Berichterstattung der "kleinen" und der "großen SZ", der Siebenbürgischen und der Süddeutschen Zeitung, nicht hinweg.
In einer sehr persönlich gehaltenen Hommage Eginald Schlattners an seinen Freund, den Bischof Christoph Klein, befindet sich eine merkwürdige Stelle. Nachdem Schlattner sich ihm 1964 während eines langen nächtlichen Beichtgesprächs "als erstem und einzigem" eröffnete, sprach ihn dieser kraft seines Amtes – Klein hatte gerade als frischgebackener Prediger in Hermannstadt begonnen – zwar nicht frei von seiner Schuld am Verrat der "Nahen und Gefährten", aber sagte ihm, dass Gott ihm selbst vergeben werde. Wann denn das sei? Wenn die Zeit dafür reif und er genügend geläutert sei. Woran er das erkennen würde? "(Wenn) du spürst, dass du nicht mehr der Gefangene deiner Vergangenheit bist und dich niemand mehr auf das Gewesene festnageln kann" (zitiert nach Zugänge, Heft 25, Dezember 2000).
Ist Versöhnung möglich? Danach sieht es seit Erscheinen der Roten Handschuhe nicht aus. Zu tief sitzen die Verletzungen, etwa beim wiedergefundenen und jetzt endgültig verlorenen Freund Harald Siegmund. Schlattner: "Hoffentlich sehen wir uns mal wieder in diesem Leben." "Nein, hoffentlich nicht." Es war das letzte Telefongespräch, das die beiden miteinander geführt haben. Seine Gedanken zum Buch und zu seinem Verfasser wird Pfarrer Siegmund auf einem Vortrag in Stuttgart am 30. November referieren. Wer Eginald Schlattner live erleben möchte, muss sich beeilen: am 10. Oktober liest er in Berlin, danach nochmals in der Schweiz (15.10. St. Gallen, 19.10. Riehen).

Konrad Klein


Anmerkung: Den Zitaten von der Gautinger Lesung liegt ein Tonbandmitschnitt zugrunde.
(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 16 vom 15. Oktober 2001, Seite 5)

Weitere Links zu Schlattners Roman "Rote Handschuhe":

Zu Eginald Schlattners Roman "Rote Handschuhe", SbZ-Online, 3. September 2001

Eginald Schlattner und der Roman eines gelebten Verrats, Süddeutsche Zeitung, 24. September 2001

Wie Schlattner als Romandebütant kometenartig aus den Tiefen Transsylvaniens auftauchte, Süddeutsche Zeitung, 15. September 2001

Eginald Schlattner las aus Roman "Rote Handschuhe", Gießener Anzeiger, 15. September 2001
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Neueste Kommentare

  • 25.04.2009, 11:29 Uhr von UweLammla: Sehr bedauerlich, daß Wolf von Aichelburg diese Romane nicht mehr erlebt. Er war der einzige ... [weiter]

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