19. Dezember 2001

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Lyrik von Mircea Cartarescu

Vom Glücklichsein handelt das erste Gedicht in diesem ersten in deutscher Übersetzung erschienenen Gedichtband "Selbstportrait in einer Streichholzflamme" von Mircea Cartarescu. Der 1956 in Bukarest geborene Autor debütierte bereits 1978 als Lyriker und wurde zur "unangefochtenen Leifigur seiner Generation".
Im deutschen Sprachraum dürfte Cartarescu vor allem als Autor des von Gerhardt Csejka übersetzten fast unmerklich ins Phantastische hinübergleitenden Bandes „Nostalgia“ bekannt sein. Nun, da der Autor ein Jahr lang Gast des DAAD-Künstlerprogramms ist, erschien in der DAAD-Reihe „Spurensicherung“ eine Auswahl seiner Lyrik, ebenfalls in der Übersetzung von Gerhardt Csejka.
Der „Bericht eines glücklichen Tages“ veranlasst den Dichter dazu, die Welt in Frage zu stellen und nach einer Definition des Glücks zu suchen. Philosophische Meditation und Grübeleien über das menschliche Elend werden der Poesie der banalen alltäglichen Dinge gegenübergestellt, wie etwa den Kunststoffspiralen eines Telefonkabels. Und diese „stupende Einfachheit der Dinge“ stellt die Kondition des Dichters in Frage. „Wieviel Sinn liegt in der fortwährenden ästhetischen Anstrengung, im ständigen Erfinden / im qualvollen Bemühen mit jedem Vers neu zu sein?“ Doch obwohl das Schreiben den Dichter in die Isolation treibt, erwächst der Wunsch, eine neue Poetik zu gestalten, die alles, was früher Poesie war, beiseite lässt und zu einer Unmittelbarkeit der Empfindungen findet „mit einem Gehirn so empfindlich wie die Haut an den Fingerkuppen der Blinden“.
Neben der Prosapoesie der Großstadt gleitet der Autor zum Beispiel in dem Gedicht „Liebe“ in phantastische Welten der schwarzen Regenbögen und des Seifenblasen-Mondes, auf dem die Mutter mit einem spinngewebten Segelschiff landet, um dann im „Motorradgedicht“ einen ähnlich humoristische Duktus zu finden wie im „Spülbeckengedicht“ - eine Parodie auf Eminescus „Abendstern“.
Das Poem „Der Westen“ mit der Anmutung einer pathetisch-verzweifelten Litanei beendet den Gedichtband. Es ist der Aufschrei eines Menschen, der hinter dem Eisernen Vorhang gelebt hat, nun hervortritt und in der Konfrontation mit dem Westen seine frühere Existenz lächerlich und wertlos findet. Aus der behüteten Welt, in der er „100 Jahre lang eingefroren war und gute Poesie gemacht hat“, wechselt das lyrische Ich in die Anonymität, „in der es 1038 Mircea Cartarescus gibt, die 1038 mal besser sind“. In diesem Aufprall der Kulturen erstaunt es allerdings, wieso der Westen so hoch eingeschätzt wird, dass das Gedicht im verzweifelten Aufschrei „Ich kann nicht mehr“ endet.
Mircea Cartarescus Lyrik ist einerseits die der tabakbraunen balkanischen Großstadt, der banalen Industrieprodukte, und andererseits eine Poesie, die sich den großen Fragen nach Glück, Liebe, Zusammengehen der Kulturen stellt. In einer opulenten Sprache geschrieben, schwankt sie manchmal zwischen gewollter Pathetik und ironischer Überzeichnung. Hoffentlich bleibt es nicht bei diesem ersten Gedichtband in deutscher Übersetzung.

Edith Ottschofski


Mircea Cartarescu: Selbstportrait in einer Streichholzflamme. Gedichte. Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Gerhardt Csejka, Berlin: DAAD Berliner Künstlerprogramm, 2001, 72 Seiten, 16,82 DM bzw. 8,60 Euro, ISBN 3-89357-099-3.

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