23. Juli 2016

Festrede von Dr. Paul Jürgen Porr beim Mediascher Treffen in Dinkelsbühl

Dr. Paul Jürgen Porr, geboren am 2. Februar 1951 in Mediasch, blickt auf eine lange und sehr erfolgreiche Laufbahn als Arzt und Klinikleiter in Klausenburg und Hermannstadt zurück. Als „Mann der ersten Stunde“ im Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien leitete er zunächst das Klausenburger Lokalforum, stand dann 18 Jahre lang an der Spitze des Siebenbürgenforums und wirkt seit 2013 als Nachfolger von Klaus Johannis als Vorsitzender des Landesforums. In seiner Festrede beim Mediascher Treffen am 18. Juni in Dinkelsbühl (siehe Großes Mediascher Treffen in Dinkelsbühl) äußerte er sich optimistisch über die Zukunft der Sachsen, Rumäniens und Europas. Die Sachsen, so Porr, wünschten sich ein Zimmer im gemeinsamen Haus Europa – mit einem Fenster nach Osten und einem nach Westen. Seine Rede wird im Folgenden leicht gekürzt abgedruckt.
Mediasch blickt nächstes Jahr auf eine Geschichte von 750 Jahren zurück – damit können sich nicht allzu viele loben. Als die „Civitas Mediensis“ schon gut organisierte Handwerkerzünfte hatte, gab es z.B. Berlin noch gar nicht. Als es in europäischen Königsreichen in der vorreformatorischen Zeit noch genügend Analphabeten gab, hatte jedes siebenbürgisch-sächsische Dorf einen Pfarrer und vielleicht einen Lehrer dazu und die Kinder konnten alle lesen, schreiben und rechnen. Analphabetentum war praktisch Null. Revolutionär für jene Zeit war vor allem, dass dasselbe auch für die Mädchen galt. Als in Mitteleuropa der 30-jährige Krieg tobte, wurde in Siebenbürgen die Reformation, wenige Jahre nach Luther, ohne einen Tropfen Blut zu vergiessen, durchgeführt. Das, was wir heute als europäisches Gedankengut bezeichnen, d.h. friedliches interethnisches und interkonfessionelles Zusammenleben und das in einigen Gebieten Europas noch Wunschdenken ist, das wurde in Siebenbürgen über die Jahrhunderte gelebt.

Im 15. Jahrhundert hat Conrad Haas die Mehrstufenrakete erfunden – zwar nicht in Mediasch, sondern 55 km weiter südlich. Bedeutend später hat Hermann Oberth in der Mediascher Fliegerschule Versuche durchgeführt, die ihn berechtigterweise zum Vater der Raumschifffahrt gemacht haben. Mediasch hat aber nicht nur auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften einiges zu bieten. Stephan Ludwig Roth hat hier gewirkt. Als Aufklärer und Politiker hat er sich für die Rechte aller in Siebenbürgen lebenden Nationen eingesetzt. Das hat ihn letztendlich auch das Leben gekostet. Beeindruckend ist der Abschiedsbrief an seine Kinder. Es ist der Brief eines Mannes, der mit seinem Gewissen im Reinen ist, der für sein Volk nur das Beste wollte, ohne je etwas Schlechtes für andere Völker gewollt zu haben. Er ließ sich vor dem Exekutionskommando auch nicht die Augen verbinden, so dass der Hauptmann dieses Kommandos nach der Hinrichtung seinen Soldaten sagte: „Lernt von diesem Manne, wie man für sein Vaterland stirbt.“

Es folgten auch düstere Perioden: Nazizeit, Deportation der gesamten arbeitsfähigen deutschen Bevölkerung im Januar 1945 zu schwerster Zwangsarbeit in die UdSSR. Viele kamen dort durch Hunger, Krankheit oder Unfall um ihr Leben, viele kamen, physisch und psychisch für ihr Leben gezeichnet, zurück. Zu Hause herrschte der Sozialismus. Wir haben auch den überlebt, haben den Diktator mitgestürzt, und was dann? Als jeder Zweite von uns im ersten Halbjahr 1990 auf gepackten Koffern saß, haben wir das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien gegründet.

Wie sieht denn nun die Gegenwart aus? Was ist aus uns „Peronern“, wie Schuster Dutz sich über uns Mediascher lustig machte, geworden? Nun, wir leiten die Geschicke unserer Landsleute. Sowohl die Landeskirche als auch das Landesforum sind fest in Mediascher Hand! Was haben wir in diesen Jahren geleistet? Unsere Kirche ist eine Diasporakirche, aber sehr rege. Mehrere Kirchenburgen gehören inzwischen zum Weltkulturerbe, viele wurden renoviert, es wird weiter Gottesdienst gehalten, auch wenn abwechselnd in nahe gelegenen Gemeinden. Unsere Diakonieeinrichtungen sind Modell für andere Religionen in Rumänien.

Das Forum stellt in Hermannstadt zum fünften Male einen deutschen Bürgermeister und zum vierten Mal die Mehrheit im Stadtrat, bei einer deutschen Bevölkerung von unter 2%. Das ist eine Sache fürs Guinessbook! Volker Bouffier, Ministerpräsident von Hessen, der vor zwei Wochen bei uns zu Besuch war, sagte: „Unglaublich, dass ein Verband, der nicht mal Partei ist, solche Erfolge erzielen kann!“ In Mediasch ist nach zwei Mandaten eines deutschen Bürgermeisters zurzeit leider Funkstille von Seiten des Forums.

In all diesen Jahren wurde trotz der massiven Auswanderung keine einzige deutschsprachige Schule geschlossen. Wider Erwarten ist nicht der Schülermangel, sondern eher Lehrermangel ein Problem. In Klausenburg, Kronstadt, Hermannstadt, Temeswar und Bukarest kann man in deutscher Sprache an Hochschulen studieren. Das ist ganz gewiss ein Modell für Europa.
Festredner Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des ...
Festredner Dr. Paul Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, beim Mediascher Treffen in Dinkelsbühl. Foto: Hansotto Drotloff
Wir sind landesweit weniger als 40 000 Deutsche und so können wir höchstens eine Katalysatorfunktion wahrnehmen. Das soll nicht hochtrabend klingen, im Sinne von „ohne uns geht es nicht“, sondern „es genügen auch kleine Mengen, um etwas in Gang zu bringen“. Und diese Katalysatorenfunktion nehmen wir wahr! Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass der Staatspräsident ein Deutscher sein wird? Wer hätte gedacht, dass uns nächste Woche gleich zwei amtierende Staatspräsidenten – Joachim Gauck und Klaus Johannis – im Hermannstädter Forumssitz besuchen werden? Man muss Altbischof Christoph Klein Recht geben, der sagte: „Sachsen werden nicht gezählt, Sachsen werden gewogen“.

Und wie wird die Zukunft aussehen? Für Mediasch? Für uns Siebenbürger Sachsen? Für Rumänien? Für Europa?

Mediasch ist zurzeit in einem Dornröschenschlaf. Fast die gesamte uns bekannte Industrie ist verschwunden und kaum welche nachgekommen. Mediasch wartet auf Investoren. Das kleinere Mühlbach erfreut sich hingegen bedeutender Investitionen von Daimler. Vor allem wir Mediascher müssen in diesem Sinne Lobby machen, auch über die HG.

Wie wird die Zukunft der Siebenbürger Sachsen aussehen? Die Vielen in Deutschland sind gut organisiert, lesen alle die Siebenbürgische Zeitung und treffen sich nicht nur in Dinkelsbühl. Die Wenigen, die weiter in der Heimat leben, tun eigentlich auch dasselbe. Nachdem es anfangs oft Misstöne zwischen diesen und jenen gab, sind die Beziehungen zwischen unseren Verbänden inzwischen sehr gut und auch auf der Ebene der Heimatsortsgemeinschaften geschieht sehr viel. Aber es gibt ganz bestimmt noch genügend Möglichkeiten der Verbesserung und Vertiefung dieser Zusammenarbeit. Der Gemeinschaftssinn war vielleicht der wichtigste Faktor, der unsere Vorfahren fast 900 Jahre lang als unassimilierten Volksstamm erhalten hat. Der Zusammenhalt der Siebenbürger Sachsen, egal ob sie in Mediasch, Landshut, Vöcklabruck oder in Kitchener leben, muss unsere Gemeinschaft als solche am Leben erhalten. Unsere Landeskirche hat in diesem Sinne einen wichtigen Schritt getan.

Was Rumänien betrifft, bin ich zuversichtlich. Das Image des Landes ist zwar hier in Deutschland z.B. bedeutend schlechter als die Lage. Es wird mit Armut, Rückständigkeit und Korruption gleichgesetzt. Das stimmt auch gewissermassen. Korruptionsbekämpfung wird besonders groß geschrieben. Auch wenn die Macht des Staatspräsidenten bei uns relativ begrenzt ist, bin ich überzeugt, dass Klaus Johannis seine Macht voll ausschöpfen wird. Sehr viel hängt von den Parlamentswahlen im Herbst ab, damit grundlegende Reformen begonnen werden – von Verfassungsänderung über Deszentralisierung bis hin zu Unterricht und Gesundheitswesen.

Wie wird es um Europa bestellt sein? Die Griechenlandkrise ist noch bei weitem nicht überwunden, der Ukrainekonflikt ist vorerst bloß auf Eis gelegt, die Flüchtlingskrise ist auch noch lange nicht am Ende, Brexit steht wahrscheinlich vor der Tür, EU-feindliche Parteien gewinnen in immer mehr Ländern an Gewicht. Europa muss sich besinnen und neu formen. Die Idee der EU-Väter Kalergie, Schumann, Adenauer muss neu überdacht werden. Brüssel muss nicht eine Zentrale für bürokratische Details sein, sondern eine gemeinsame Wirtschafts- und Außenpolitik entwerfen, wenn Europa im globalen Wettbewerb bestehen will. Dazu wird Rumänien sicher seinen Beitrag leisten.

In diesem Europa, das im Inneren grenzfrei bleiben muss, sind wir letztendlich alle Minderheiten. Und ich wiederhole, was ich im Vorjahr hier vor der Schranne gesagt habe: In diesem gemeinsamen Haus Europa wollen wir ein sächsisches Zimmer, mit Fenstern sowohl gegen Osten, als auch gegen Westen.

Schlagwörter: Mediasch, Treffen, Dinkelsbühl, Porr, Festrede

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