26. Juli 2010

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Hans Bergel: „Siebenbürgens repräsentativster Schriftsteller“

Ana Blandiana (*1942), Rumäniens bedeutendste Autorin der Gegenwart, verfasste für die vom rumänischen Schriftstellerverband herausgegebene angesehene Monatszeitschrift Convorbiri Literare (Literarische Gespräche) eine Studie mit dem Titel „Omagiu pentru Hans Bergel“ (Hommage für Hans Bergel). Anhand einiger ins Rumänische übersetzter Titel des am 26. Juli 1925 in Rosenau bei Kronstadt geborenen, bei München lebenden Erzählers, Essayisten und Romanciers beschäftigt sie sich darin vor allem mit Bergel als Schilderer der Vielvölkerlandschaft Siebenbürgen und sieht in ihm den „repräsentativsten Schriftsteller Siebenbürgens insgesamt“. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags veröffentlichen wir im Vorabdruck die deutsche Fassung des Textes.
Hans Bergel lernte ich in Etappen kennen. Die Ereignisse brachten es im Laufe der Zeit mit sich, dass sich mir zuerst sein Name, dann seine Person und schließlich sein Werk zu verschiedenen Zeiten und unter diversen Gesichtspunkten immer komplexer erschlossen. Nur stufenweise er­kannte ich Facetten seines Bildes, das sich mir bis zuletzt in jener Vollständigkeit darstellte, die mich heute zum Schreiben veranlasst.

Zu Beginn war es sogar weniger als ein Name, es war ein Anflug von Verwandtschaft. Ich hörte, dass Erich Bergel – der Dirigent der Philharmonie in der Stadt meiner Kindheit – einen Schriftsteller zum Bruder hat. So viel. Aber der Schriftstellerbruder bereicherte in meinen Augen den Musiker, von dem ich nicht wusste, dass er irgendwann internationalen Ruhm erreichen würde, der mir jedoch die Musik dadurch neu definierte, dass er sie aus den quälenden Stunden des Klavierunterrichtes befreite und in ein Mysterium verwandelte, das die Schöpfung beherrscht. Jene am Ende der Kindheit im Dunkel des Konzertsaals entdeckte Freude blieb mir ein Leben lang erhalten, verbunden mit der Dankbarkeit für den jungen Meister, der auf dramatische Weise vom Dirigentenpult verschwand und im Schweigen der Gefängnisse untertauchte. In der Stadt wurde geflüstert, er sei wegen der Aufführung kirchenmusikalischer Werke (Bach, Händel, Mozart, Haydn) fast gleichzeitig mit seinem Schriftstellerbruder verhaftet worden. Man schrieb das Jahr 1959, das Jahr der großen ­Intellektuellenverfolgungen. Auch mein Vater soll­te bald von neuem verhaftet werden. Hans Bergel, 1998 in Dinkelsbühl.
Foto: Konrad ...Hans Bergel, 1998 in Dinkelsbühl. Foto: Konrad Klein Dies ist meine erste Erinnerung an Hans Bergel, zusammengefügt wie ein Wolkengebilde – mehr aus Gefühlen und geistigen Stimmungen als aus Fakten, jedoch Teil des Nährbodens mei­ner Entwicklung. Begegnen sollte ich ihm Jahrzehnte später bei den Tagungen der Sommerkurse der Gedenkstätte Sighet. Und diesmal war er nicht mehr der Bruder seines Bruders, sondern einer der fünf im berühmten Prozess der Deutschen Schriftstellergruppe zu insgesamt 95 Jahren Verurteilten – fast gleichzeitig kam es zum Verfahren gegen den Philosophen Constantin Noica, in dem 23 herausragende Intellektuelle 268 Jahre Gefängnis erhielten, weil sie verbotene Bücher gelesen und weitergereicht hatten, während die deutschen Schriftsteller (Andreas Birkner, Wolf von Aichelburg, Georg Scherg, Hans Bergel, Harald Siegmund) wegen der Veröffentlichung eigener Bücher an der kommunistischen Zensur vorbei angeklagt worden waren. Im Übrigen stand Hans Bergel, in diesem Prozess wegen des Romans „Fürst und Lautenschläger“ zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, nicht zum ersten Mal vor Gericht. Er hatte schon zwei Verhaftungen hinter sich (1947 in Budapest festgenommen, war er als Landesflüchtling den rumänischen Grenzbehörden übergeben und zu 14 Monaten, 1954 wegen öffentlicher Agitation abermals verurteilt worden). Um diese zwei – sagen wir – juristischen Fixpunkte herum kannte Hans Bergels Leben aber eine im wahren Sinne des Wortes renaissancehafte Vielfalt und Breite der Entfaltung: Er wurde nicht nur zu einem bedeutenden Schriftsteller, er war auch Leistungssportler – Champion als Leichtathlet, Mitglied der Ski-Nationalmannschaft –, er war Nachtwächter, Tagelöhner, Maurer, Journalist, Cellist am Kronstädter Musiktheater, er war überdies aus der Eskorte eines sowjetischen Deportationskommandos bei den Aushebungen der Deutschen ausgebrochen und hatte seine Laufbahn des Unbeugsamen als Verbindungsmann südkarpatischer Partisanengruppen begonnen.

Die Summe dieser biografischen Charakteristika machen Hans Bergel zu einem der markanten Gäste der „Gedenkstätte der Opfer des Kommunismus und des Widerstands“, seine Darle­- gungen in den Sighet-Annalen und in der Reihe „Schule der Erinnerung“ sind wesentliche Beiträge nicht nur zur Geschichte der kommunistischen Unterdrückung in Rumänien, sondern auch zum Verständnis der Geschichte der Sachsen vor diesem Hintergrund. Abgesehen vom geschriebenen, essayistisch artikulierten Wort – in wohlüberlegter Abstimmung zwischen Genau­igkeit und Pathos – ist mir die ungewöhnliche Wirkung des Redners auf das Publikum gegenwärtig. Seine Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte geht über die Vorträge hinaus: Wir verdanken ihm einen Großteil der Dokumente zum Deutschen Schriftstellerprozess, die zu einer Schauwand im Museum gestaltet wurden, sowie die Übersetzung – nebst Ergänzungen zur Leidensgeschichte der Siebenbürger Sachsen – des Buches „Chronologie und Geografie der kommunistischen Unterdrückung in Rumänien“ von Romulus Rusan, eines Kompendiums der Studien im Rahmen der „Bürger-Akademie“.

Und dennoch lernte ich Hans Bergel erst durch die Lektüre seiner Bücher kennen. Diese war mir nur nach Übersetzungen ins Rumänische möglich. Erst als ich die Romane „Wenn die Adler kommen“ und „Der Tanz in Ketten“, als ich die Essays aus „Die Heimkehr des Odysseus“ las, hatte ich das Gefühl, endlich den Menschen vor mir zu haben, den ich wohl seit langem kannte, der jedoch – so ungewöhnlich es klingen mag – hinter dem Schriftsteller zurücktrat, der ihn zu beschreiben imstande ist. Denn ebenso wie jeder echte Schriftsteller spricht auch Hans Bergel in seinen Büchern von sich selbst. Aber in seinem Fall enthält dieses Reflexivpronomen das Schicksal aller zu Siebenbürgern gewordenen Saxones und Siebenbürgens mit den Bergen, den Wäldern, den ­rumänischen Hirten, mit dem „homo transilvanus“ als Vertreter des europäischen Südostens, dieses Teils Europas voller Tragödien und Besessenheiten. Ja es enthält die ganze Welt (die er, einmal im Besitz der Freiheit, aus den Gefängnissen entlassen und in die Bundesrepublik Deutschland emigriert, durchstreifte, entdeckte, über die er meditierte und die er analysierte, von Nordamerika bis Afrika, von Südamerika bis Neuseeland). Ich glaube daher nicht zu übertreiben, wenn ich Hans Bergel als den repräsentativsten Schriftsteller Siebenbürgens insgesamt werte – Siebenbürgens als Landschaft der Begegnung und des Zusammenlebens mehrerer Völkerschaften, Religionen, Traditionen, Mentalitäten, in fruchtbarer Gemeinschaftlichkeit Lebenskraft und -sinn erzeugend. Nichts, was sie ausmacht, ist dem Autor des Buches „Gedenkblatt für eine siebenbürgische Stadt“ fremd, ein wahrhafter Hymnus, emphatisch, feierlich, wenn auch nicht ohne Strenge, liebend, wenn auch nicht ohne Ironie – Kronstadt und dem Burzenland gewidmet.

Doch erscheint diese für eine Landschaft emp­fundene aufwühlende Liebe vor allem als Haupt­thema der außerordentlichen Kindheitserinnerungen mit dem Titel „Wenn die Adler kommen“, in denen dem Verfasser ein überzeugendes, zutiefst suggestives Fresko gelingt – das Leben und die Epoche seiner Eltern und Großeltern. Die Berge, die Wälder, die Wildtiere, die Almen, die Menschen mit ihren Kriegen, Reichtümern, Verhängnissen und Freuden sind mit Gefühlstiefe in einem Siebenbürgen nachgezeichnet und beschworen, das in gleichem Maße dem Traum wie der Geschichte angehört. Die denkwürdigen Porträts der Hirten, Bauern, Richter, rumänischen Mönche, der sächsischen Intellektuellen, Kaufleute, Jäger, der szeklerischen Pferdezüchter, der Wanderzigeuner, der ganzen farbigen und vielnationalen Welt – beherrscht von der mythischen Gestalt des Hirten Gordan (der Schlüsselgestalt des gesamten Werks dieses Schriftstellers) und jener komplexen, faszinierenden wie geheimnisvollen des Großvaters Hardt –, diese Welt lebt vor dem Hintergrund einer überbordenden, von Rätseln erfüllten Natur. Denn mit den Augen des Kindes gesehen, ist die Natur die eigentliche zentrale Gestalt dieses Buches. Ein Autor schrieb es, der in vielerlei Hinsicht mit Sadoveanu zu vergleichen ist: ein ­Sadoveanu freilich mit mehr Kraft, mit einem sensibleren Gespür für Geschichte.

So wie die Natur die Hauptgestalt auf manchen Buchseiten Hans Bergels ist, wird auf anderen die Geschichte zur Hauptgestalt. „Der Tanz in Ketten“ ist bis heute der komplexeste, der subtilste, der kenntnisreichste Roman über den kommunistischen Terror im Rumänien der Jahre 1950. Von den mit außerordentlichen Wesen bewohnten Grüften Jilavas bis hin zu den abgeschirmten Stadtbezirken der Nomenklatura, die sich aus Angst vor dem geknechteten Volk selbst belagerte – all dies ist mit einer Perfektion gestaltet, die nichts hinter den Fieberschleiern des Romangeschehens verwischt erscheinen lässt, sondern alles symbolisch herausarbeitet. Ich sagte, dass ich Hans Bergel kennenlernte, als ich zu seiner Leserin wurde. Die Bekanntschaft erfuhr eine für mich erregende Ergänzung, als ich zu seiner Kollegin wurde. Denn der von mir bewunderte Erzähler und Essayist über­raschte mich mit der Übersetzung Dutzender meiner Gedichte, zunächst ohne jeden Gedanken an eine Veröffentlichung entstanden, aus reiner literarischer Empathie, ehe er sie im Band „Die Versteigerung der Ideen“ zusammenfasste, den wir gemeinsam auf der Leipziger Buchmesse 2010 vorstellten. Die Autorin und der Übersetzer des Buches, moderiert von Georg Aescht, huldigten in der Stadt des ehemaligen östlichen Deutschlands nicht allein der Poesie, sondern auch jenem Südosteuropa, das sie vertreten und in dem sie beide künstlerisch überlebten.

Die Veröffentlichung dieser Zeilen im Jahr des 85. Geburtstags Hans Bergels ist lediglich ein Zufall. Im Übrigen hat das Alter nichts mit ihm zu tun, so wie Normalmaße generell nicht an ihn anzulegen sind. Meine Hommage gilt also nicht der Tatsache, dass er so lange lebt, sie gilt der Leistung seines gelebten Lebens und dem Umstand, darüber geschrieben zu haben, was er lebte – Hans Bergel wurde zum authentischen Sinnbild der Epoche, die er durchmaß und besiegte.

Ana Blandiana

(Aus dem Rumänischen: F. Sch.)

Anmerkung der Redaktion: Der von Ana Blandiana erwähnte Schriftsteller Mihail Sadoveanu (1880-1961) ist „einer der größten rumänischen Erzähler“ (Wilpert) und „einer der bedeutendsten Vertreter der rumänischen Prosa“ (Brockhaus). Im Anhang zum Artikel werden 20 Werke Hans Bergels (Auswahl) aufgelistet, die in rumänischer Sprache veröffentlicht wurden.

Dans în lanţuri (Der Tanz in Ketten; Roman), George Guţu, Braşov/ Kronstadt 1994.

Dansul în lanţuri (Der Tanz in Ketten; Roman), Silvia Irimia, Cluj- Napoca/Klausenburg 1995.

Întoarcerea lui Ulise (Die Rückkehr des Odysseus; acht Essays), Mariana V. Lăzărescu, Braşov/Kronstadt 1995.

Reîntălnirea cu o poezie. Radu Gyr şi melancolia Europei sudestice (Wiederbegegnung mit einem Gedicht. Radu Gyr und die heroische Melancholie Südosteuropas; Essay und Gedichte), Andrea Bujar, in: Gazeta Transilvaniei, 11/12 septembrie 1995, Braşov/Kronstadt 1995.

Mai multe popoare adunate sub mărul Gravensteiner ... (Das Gartenfest der vielen Völker unter dem Gravensteiner …; Romanfragment), George Guţu, in: Lettre Internationale, editia română/primăvara 1997, Bucureşti/Bukarest 1997.

Când vin vulturii (Wenn die Adler kommen; Roman), George Guţu, Bucureşti/Bukarest 1998.

Manfred Winkler (Manfred Winkler; Essay), Mariana V. Lăzărescu, in: Gazeta de Transilvania, 16/17 mai 1998, Braşov/ Kronstadt 1998. - Auch in: Astra. Revista Asociaţiunii Transilvane, 1/1998, Braşov/Kronstadt 1989.

Recurs la romanitatea în opera unui neamţ (Gedanken über die Rumänität in den Texten eines Deutschen; Essay), George Guţu, in: Transilvania, Sibiu/Hermannstadt 2004.- Auch in: Hans Bergel - Minderheitendasein, Schriftstellerexistenz und politische Systeme. Von Elisabeth Martschini, Bucureşti/ Bukarest 2005.

Foaie de suflet pentru un oraş transilvan (Gedenkblatt für eine Siebenbürgenstadt; neun Essays), Studentengruppe der Universität „Transilvania“ Kronstadt unter der Anleitung von Mariana V. Lăzărescu, Braşov/Kronstadt 2005.

Deşertul Namibiei, Sfinxul, Cântecul pustei, Memento (Namibische Wüste, Sphinx, Pußtalied, Memento; Gedichte), Nicholas Catanoy, in: Poesis, iunie/iulie 2005, Satu Mare/Sathmar 2005.

Menuetul Reginei (Das Menuett der Königin; Erzählung), Mariana Săsărman, in: Apoziţia 2006, München 2006.

Întoarcerea lui Ulise (Die Rückkehr des Odysseus, Erzählung), Mariana Săsărman, in: Apoziţia 2007, München 2007.

Reflecţii asupra teoriei culturii lui Friedrich Schiller (Versuch über Friedrich Schillers Theorie der Kultur; Studie), Mariana V. Lăzărescu, in: Revista 22, 11/17 und 18/24 septembrie 2007, Bucureşti/Bukarest 2007.

Absurdul ca. normalitate. Între brun şi roşu (Das Absurde als Normalität. Zwischen Braun und Rot; Vortrag), Mariana V. Lăzărescu, in: Şcoala memoriei 2007, Bucureşti/Bukarest 2008.

Negru Vodă (Der Schwarze Fürst; Erzählung), Mariana Săsărman, in: Apoziţia 2008, München 2008.

Ruptura istorică. Motivele emigrării populaţiei germane din România (Der historische Bruch. Gründe der Auswanderung der deutschen Bevölkerung aus Rumänien; Vortrag), Raluca Rădulescu, in: Şcoala Memoriei 2008, Bucureşti/Bukarest 2008.

Lotul Scriitorilor Germani. Braşov 1959 (Die Deutsche Schriftstellergruppe. Kronstadt 1959; Vortrag), Mariana V. Lăzărescu, in: Şcoala Memoriei 2007, Bucureşti/Bukarest 2008

Trilogia despărţirii: Braşov, Divanul Răsăritului cu Apusul, Stepă la Marea Neagră (Trilogie des Abschieds: Kronstadt, Ost-West-Diwan, Steppe am Schwarzen Meer; Gedichtezyklus), Mariana Săsărman, in: Apoziţia 2010, München 2010.

Etape ale unei încercäri de apropiere. Consideraţii cu privire la poezia Anei Blandiana (Stationen einer persönlichen Annäherung. Über die Lyrikerin Ana Blandiana; Studie), George Guţu, in: Convorbiri Literare, April 2009, Nr. 4, Bucureşti/ Bukarest 2009.

Violeta (Violeta; Erzählung), Mariana Săsărman, in 2010; München 2010. U.a.

Schlagwörter: Kultur, Literatur, Bergel

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