12. April 2012

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Bundesfrauenreferentin Christa Wandschneider: „Wir sind keine Exoten“

Christa Wandschneider, geborene Rieger, kam 1954 in Großpold zur Welt, absolvierte das Brukenthalgymnasium in Hermannstadt und die Sekretärinnen-Schule in Bukarest und wanderte 1980 nach Deutschland aus. Sie arbeitet als Sekretärin in der Dermatologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neben dem Amt als Bundesfrauenreferentin ist sie seit 1990 Vorsitzende der HOG Großpold, seit 1997 Frauenreferentin der Landesgruppe Bayern und seit 2003 Schriftführerin im Vorstand des Sozialwerks der Siebenbürger Sachsen. Die vielen Ehrenämter sind für sie „kein Problem, sondern eine Sache der Organisation“. Wandschneider ist verheiratet, hat zwei Söhne (29 und 24) und lebt in München. Das Gespräch führte Doris Roth.
Du bist seit November 2011 Bundesfrauenreferentin im Verband der Siebenbürger Sachsen. Was bedeutet dieses Amt für Dich?
Eine Herausforderung, verbunden mit Verantwortung. Als mich meine Vorgängerin Enni Janesch fragte, ob ich für das Amt kandidieren wolle, wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich habe mich gedanklich erst später intensiv mit der Thematik beschäftigt.

Welche Veranstaltungen planst du, welche Ziele hast du vor Augen?
Mitte Oktober 2012 wird die nächste Bundesfrauentagung im „Heiligenhof“ in Bad Kissingen mit dem Thema „Herausforderung Pflegebedürftigkeit“ stattfinden. Dabei arbeite ich eng mit Studienleiter Gustav Binder zusammen. Angedacht ist zum Beispiel, dass der Buchautor Johann Lippet vorgestellt wird, der unter anderem ein zum Thema passendes Buch präsentiert. Generell möchte ich einführen, einen Buchautor zu den jeweiligen Tagungsthemen heranzuziehen – eine gute Gelegenheit, wie ich finde, Literatur bekannt zu machen, auf die gegebenenfallls zurückgegriffen werden kann. Themen wie Pflegeversicherung, Pflegebedürftigkeit und Demenz, „Wie sieht die Gesellschaft Pflege“, Hospiz- und Sterbebegleitung etc. sollten behandelt werden.

Offiziell bist du nicht nur für Frauen, sondern auch für Familie und Aussiedlerbetreuung zuständig. Wie wichtig sind diese Bereiche noch?
Die Zahl der Aussiedler ist stark zurückgegangen; das Thema Aussiedlerbetreuung spielt daher nicht mehr so eine große Rolle wie früher. Die ehrenamtliche Arbeit der Frauen, die Aussiedler betreut haben, hat mich immer sehr beeindruckt. Diese Frauen verdienen Respekt und Anerkennung, als Belohnung auch mal eine Frauenreferententagung mit dem Schwerpunkt ihrer Interessen. Zudem sollten wir die jungen Familien nicht aus dem Blickfeld verlieren und ihr Interesse für siebenbürgische und andere Belange wecken.

Christa Wandschneider. Foto: Doris Roth ...Christa Wandschneider. Foto: Doris Roth In den 50er/60er/70er Jahren gab es „Die Seite der Frau“ in der Siebenbürgischen Zeitung, die von der damaligen Frauenreferentin verantwortet wurde und neben den Berichten aus den Frauenkreisen u.a. Kochrezepte, Erziehungstipps und Artikel zu Volkskunst, Handarbeit sowie Trachten- und Brauchtumspflege enthielt. Wie würdest du eine solche Seite heute gestalten?
Mit dem Thema „Kochrezepte, Erziehungstipps“ etc. kann ich mich gut anfreunden; würde aber auch lesenswerte Bücher oder Hinweise auf kulturelle Ereignisse geben. Mich ­persönlich faszinieren Frauenschicksale/Biographien; hier denke ich z.B. an die Frauenrechtlerin Marie Stritt, die aus Siebenbürgen stammt. Ebenso wären spezifische Frauenthemen interessant. Trachten- und Brauchtumspflege sind für Siebenbürger Sachsen immer ein aktuelles Thema, doch sollte es auch gelingen, Jugendliche und Junggebliebene dafür zu interessieren, Tradi­tion und aktuellen Lebenswandel geschickt zu kombinieren.

Stichwort Frauenquote: Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen forderte kürzlich in einem Interview im stern „30 Prozent Frauen in Aufsichtsräten bis 2018“, und eine EU-Kommission berät zurzeit darüber, diese Quote im Herbst per Gesetz festzulegen. Was hältst du von der Frauenquote?
Zum einen sollte unabhängig vom Geschlecht die Leistung für die Vergabe eines Postens zählen, andererseits trägt die Frauenquote zur Entwicklung der Frauenpolitik bei. Jungen weiblichen Talenten werden hier sicherlich gute Chancen geboten. Eine Frauenquote in einigen Bereichen finde ich daher empfehlenswert.

Wie siehst du die Situation im Verband? In den acht Landesgruppen herrscht immerhin Gleichstand: Es gibt vier weibliche und vier männliche Vorsitzende. Der Bundesvorsitzende ist aber ein Mann, und eine Frau an der Spitze hat es in der Geschichte des Verbandes noch nie gegeben. Ist der Verband noch zu sehr in früheren Rollenmustern verhaftet?
Wir sind in unseren Traditionen und Rollenmus­tern verhaftet. All die ehrenamtliche Tätigkeit in den siebenbürgisch-sächsischen Gremien ist nicht möglich ohne die Arbeit der Frauen, die oft im Hin­tergrund für einen guten Ablauf sorgen. Von da­her: Warum keine Frauenquote? Auch mal mehr Verantwortung für Frauen anstatt Zuarbeit. Ich will den Männern dabei nicht zu nahe treten, jedoch haben Frauen/Mütter bekanntlich die Fähigkeit, pragmatisch mehrere Projekte gleichzeitig zu verfolgen; vielleicht sollte das mehr genutzt werden.
Als Vorsitzende der HOG Großpold habe ich auch gegen Vorurteile ankämpfen müssen. Vom ersten Treffen 1982 an war ich dabei – erst als Frau und Helferin im Hintergrund, später als Vorsitzende der Heimatortsgemeinschaft, eine Rolle, in der ich Verantwortung zu übernehmen lernte und in die ich auch erstmal hineinwachsen musste. Man wächst jedoch bekanntlich an seinen Aufgaben und eine konstruktive Kritik hilft oft mehr, als dauernd auf einer Welle der Sympathie zu schwimmen.

Kannst du dir eine Frau als Verbandsvorsitzende vorstellen?
Natürlich, warum nicht. Ich kann mir eine Frau sehr gut als Verbandsvorsitzende vorstellen, wenn sie die Kompetenz dafür hat.

Was wäre dann anders? Wäre überhaupt etwas anders?
Vielleicht würde sie die Gewichtung ein bisschen verlagern, so dass z.B. ein Frauenreferat einen anderen Stellenwert erreicht. Enni Janesch als ehemalige Bundesfrauenreferentin war nicht von Anfang an automatisch in verschiedenen Gremien dabei und hat für ihre erreichte Position gekämpft. Auch ich persönlich möchte mich einbringen, an Sitzungen teilnehmen, mich informieren und die Aufgaben, die mir übertragen werden, ernst nehmen.

Du hast bereits erwähnt, dass du Vorsitzende der HOG Großpold, einer Landlergemeinde, bist. Beim diesjährigen Heimattag dreht sich die Brauchtumsveranstaltung um die Landler. Erzählst du uns, was geplant ist?
Ursprünglich war ein kurzer Vortrag über die Landler mit Chorbegleitung in kleinem Rahmen angedacht. Mit der Organisation der Brauchtumsveranstaltung sind wir in eine andere Kategorie gerutscht – eine Herausforderung, der wir uns stellen. Alle drei Landlergemeinden (Neppendorf, Großau und Großpold) sollen sich präsentieren – ihren Dialekt, ihre Tracht und ihre Besonderheit darstellen. Wir sind Siebenbürger, darauf lege ich Wert. Wenn uns auch nicht alle Siebenbürger kennen, sind wir keine Exoten, sondern lebten und leben in der siebenbürgischen Gemeinschaft gut miteinander. Den Hauptvortrag der Brauchtumsveranstaltung wird Dr. Irmgard Sedler, eine Landlerexpertin, halten. Sie hat neben dem Kleidungsverhalten und Brauchtum auch den evangelischen Glauben der Landler erforscht, der zu ihrer Verfolgung, Deportation nach Siebenbürgen und vielen tragischen Schicksalen geführt hat.

Am 8. März war Internationaler Frauentag. Hast Du an diesem Tag etwas Besonderes gemacht?
Nichts Besonderes, ich beginne jedoch, mich mit solchen Themen intensiver zu beschäftigen, da der Verband der Siebenbürger Sachsen einen Sitz im Deutschen Frauenrat in Berlin hat. Dieser ist aktiv und bringt sich auf verschiedensten Ebenen deutschland- und europaweit ein. Die zugeschickten Protokolle, Rundbriefe, Aufrufe sind informativ und geben viele Anregungen, in der Frauenarbeit Akzente zu setzen.

Bist du eine Feministin?
Nein, aber eine selbstbewusste Frau, der klar ist, dass wir eine aktive Rolle in unserer Gesellschaft auszufüllen haben, wenn wir etwas bewegen wollen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Interview, Bundesfrauenreferentin, Frauen, Landler

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