12. August 2016

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Bernhard Moestl: "Ich sehe mich als Kronstädter"

Der in Wien geborene Autor, Vortragsredner und Unternehmenscoach Bernhard Moestl (www.bernhardmoestl.com) lebt seit sechs Jahren in Kronstadt. Doch bevor er sich in Siebenbürgen niederließ, führten seine Wege quer durch die Welt. Moestl, Jahrgang 1970, absolvierte eine Ausbildung zum Fotografenmeister, arbeitete im Auftrag internationaler Medien und bereiste den Globus seit den frühen 1990er Jahren auch als Reiseleiter. Zwölf Jahre lebte er in Asien, wo er sich für asiatische Philosophie, Kampfkunst und Leadership begeistern ließ. Diese Themen behandelt er bis heute im Rahmen von Seminaren, Vorträgen sowie in seinen Büchern (u.a. „Shaolin – Du musst nicht kämpfen um zu siegen“, 2008; „13 Siegel der Macht: Von der Kunst der guten Führung“, 2011; „Das Shaolin-Prinzip“, 2015). Warum er gerade in Kronstadt eine neue Heimat gefunden hat und wie er dort lebt, verriet Bernhard Moestl unserer Korrespondentin Christine Chiriac.
Herr Moestl, was hat Sie nach Rumänien gebracht?
Ich kenne Rumänien schon lange, 1988 war ich das erste Mal hier. Es hat mir immer sehr gut gefallen. Irgendwann ist meine damalige Freundin hierher übersiedelt und ich bin ihr gefolgt. Heute sehe ich mich als Kronstädter.

Sie empfehlen den Rumänen, hier zu bleiben statt auszuwandern. In einem Ihrer Artikel heißt es: „Wer es in Rumänien nicht schafft, schafft es auch woanders nicht.“ Was bedeutet das?
Ich habe immer wieder Diskussionen über Bürokratie in Rumänien, aber ich bestehe darauf, dass man sich die Situation auch in anderen Ländern – beispielsweise in Österreich – anschauen muss, bevor man Rumänien kritisiert. Es mag hier manches schwierig sein, aber man hat viel größere Möglichkeiten als anderswo, wenn man sie zu nutzen weiß. Das ist ein Grund, weshalb ich hier lebe. Mein Eindruck ist, überspitzt gesagt, dass in Deutschland und Österreich die Party vorbei ist, während sie hier erst beginnt. Natürlich für diejenigen, die mitmachen wollen. Ich kann es jedem empfehlen, hier zu leben, wenn er nur bereit ist, sich darauf einzulassen. Ich habe es keine Sekunde bereut.

Vor etwa einem Jahr haben Sie die „Braşov Walks“ ins Leben gerufen. Welche Art von Stadttouren bieten Sie an?
Es sind thematische Rundgänge durch Kronstadt, bei denen ich den Touristen meine Stadt zeige. Ich habe rund 25 Jahre Erfahrung als Reiseleiter und weiß, dass sich die Besucher nicht nur für Sehenswürdigkeiten interessieren, sondern herausfinden wollen, wie man hier lebt. Deshalb versuche ich zu zeigen, wie das Leben hier wirklich ist. Außerdem denke ich, dass ich den Besuchern unvoreingenommen und mit einer gewissen Begeisterung nahe bringen kann, warum es hier schön ist. Leider gibt es noch recht wenige Individualreisende hierzulande. Die meisten Touristen kommen in Gruppen, bleiben einen Nachmittag und fahren dann weiter. Um eine Stadt kennenzulernen, braucht man aber länger.

Was müsste im touristischen Angebot hierzulande verbessert werden?
Alles! Ich muss es leider sagen. Das große Problem in Rumänien ist, dass Touristen meistens mit einer schlechten Erwartung hierher reisen. Einige Mängel bestätigen diese Erwartung: Man kommt beispielsweise am Kronstädter Bahnhof an, wo ziemliches Chaos herrscht, es gibt keine professionelle Tourismusinformation, man kann nur umständlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Bran oder Rosenau fahren.
Was die Menschen zudem abschreckt, sind die Preise: Wenn man immer wieder hört, Rumänien sei ein armes Land, und dann plötzlich 80-90 Euro für eine Nacht in einem Drei-Sterne-Hotel zahlen muss, dann wundert man sich. Um all dies zu verbessern, müssten die Rumänen lernen, sich als Dienstleister zu verstehen. Außerdem sollten sie sich auf das besinnen, was das Land besonders macht – und das sind sicherlich in erster Linie nicht die Städte, sondern die Hirten, die Sennhütten, die idyllischen Landschaften, die alten Traditionen, die es sonst auf der Welt nirgendwo gibt. Wenn man aus den Städten herausfährt, kann man immer noch das „alte Rumänien“ entdecken, das ich vor dreißig Jahren kennengelernt habe. Das ist einzigartig. „Viel größere Möglichkeiten als anderswo.“ ...„Viel größere Möglichkeiten als anderswo.“ Bernhard Moestl in seiner Wahlheimatstadt Kronstadt. Foto: privat Haben Sie einen Lieblingsort in Rumänien?
Ich mag unter anderem Deutsch-Weißkirch und Zărnești sehr gerne, ich liebe es, durch diese Orte zu fahren, sie zu entdecken. Viele Rumänen können sich nicht vorstellen, dass all dies so faszinierend ist. Aber meine Gäste bestätigen es immer wieder. Was ich an Rumänien sehr ­inspirierend finde, ist die Vielfalt: Ob die Moldau­klöster oder das Donaudelta, Kronstadt, die alten Wehrburgen oder Bukarest – das ergibt einen wunderbaren Reichtum. Allein die Tatsache, dass man hier muttersprachlich Deutsch spricht, ist einzigartig. Bukarest ist übrigens eine fürchterliche Stadt, aber trotzdem faszinierend.

Was ist hierzulande noch interessant für den Besucher?
Ich kann Ihnen sagen, was mir gefällt. Nachdem ich viel Zeit in Asien verbracht habe, bin ich immer wieder ungern nach Wien zurückgekehrt. Was ich in Asien und eben auch in Rumänien sehr schätze, ist die Lebenseinstellung, das Motto „viaţa are prioritate“ („das Leben hat Vorrang“). Es geht hier darum, dass man Freude hat. Außerhalb der Großstädte habe ich nicht das Gefühl, dass das Geld im Vordergrund steht. Vieles ist hier herrlich unkompliziert, während man in Österreich oder Deutschland oft ein Antragsformular für ein Antragsformular ausfüllen muss. Für mich war es zudem spannend, Rumänisch zu lernen. Die deutsche Sprache ist sehr präzise, während Rumänisch kreativ und flexibel ist, man versteht vieles aus dem Kontext – und so ist auch die Lebensart.
Allerdings ist der Spruch „merge și așa“ („es geht auch so“) hierzulande genauso beliebt. Das ist für einen Ausländer, für einen Österreicher oft enervierend, und wenn ich etwas Verbesserungsfähiges nennen darf, dann wäre es, dass die Rumänen lernen sollten, zu lernen. Das Lernen als Prozess wird hier unterschätzt, aber ich denke, das wird noch kommen. Es ist, wie wenn man einmal bei einem Foto­shooting zuschaut und sich dann sofort für einen Fotografen hält, wobei es anderswo eine langjährige Ausbildung voraussetzt, bis man seine Meisterprüfung besteht. Alles in allem hoffe ich, dass es Rumänien gelingt, noch eine Zeit lang die eigene Identität zu bewahren.

Was kann Rumänien tun, um diese Identität nicht zu verlieren?
Das Wichtigste ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Es gibt keinen Grund, sich zu verstecken und auf seine Identität nicht stolz zu sein. Für mich ist es eigenartig, wenn ich höre, wie bewundernd Rumänen über Österreich und Deutschland denken. Meiner Meinung nach stimmt weder, was die Deutschen über die Rumänen denken, noch umgekehrt.

Hatten Sie Schwierigkeiten, sich in Kronstadt einzuleben?
Nein, es war nichts unbedingt Neues, weil ich bereits viele Jahre im Ausland verbracht habe. Die größte Herausforderung war für mich, dass Dinge nicht funktionieren, wie man es erwarten würde. Man kann sich nicht darauf verlassen, selbst wenn es eine Abmachung gibt.

Wie geht man damit um? Arrangiert man sich damit?
Ich schaue mittlerweile immer doppelt und dreifach nach, ob es wirklich klappt. Dann funktioniert es auch.

Was könnte Rumänien für ausländische Investoren anbieten?
Darauf muss ich mit der Frage antworten: Warum brauchen wir Investoren? Mit so gebildeten Leuten, mit Vorteilen wie beispielsweise niedrige Steuern, niedrige Hürden bei Firmengründungen, ein riesiges Potenzial im Tourismusbereich, brauchen wir uns nicht auf andere zu verlassen.

Sie befassen sich mit asiatischer Philosophie. Was kann man von Asien lernen?
Mein Lieblingsbeispiel ist: Die Europäer fragen sich, ob es geht – die Asiaten fragen sich, wie es geht. Die Lebensart dort ist ruhig, gelassen, in gewisser Weise wie in Rumänien.

Vielen Dank für das Gespräch!

Schlagwörter: Interview, Kronstadt

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