23. Februar 2019

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Sachsenheims neuer Bürgermeister Holger Albrich setzt auf Kompetenz und Bürgernähe

Holger Albrich, Sohn siebenbürgisch-sächsischer Eltern, hat als Parteiloser die Bürgermeisterwahl in Sachsenheim gewonnen. Bereits im ersten Wahlgang am 3. Februar setzte er sich mit 54,6 Prozent der Stimmen souverän unter sieben Kandidaten durch. Schon im Wahlkampf überzeugte er durch den intensiven Dialog mit den Bürgern. Neben seiner Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung baut der Jurist als künftiger Bürgermeister vor allem auf Bürgernähe, um die Stadt mit 19.000 Einwohnern nördlich von Stuttgart voranzubringen. Im Interview mit SbZ-Chefredakteur Siegbert Bruss spricht Holger Albrich über seine Wurzeln und seine anspruchsvollen Ziele.
Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem fulminanten Wahlsieg als Bürgermeister der Stadt Sachsenheim. Für Sie erfüllt sich damit ein Lebenstraum. Weshalb war es für Sie so wichtig, dieses Amt zu erreichen?

Gemeinsam mit anderen das Zusammenleben erfolgreich gestalten – dies war der Antrieb für meine Entscheidung vor fast 20 Jahren für die öffentliche Verwaltung und gegen eine Laufbahn als Rechtsanwalt oder in der Wirtschaft. Dies war die richtige Entscheidung; doch hat mir immer gefehlt, die unmittelbare Wirkung meines Handelns zu sehen. Als Bürgermeister kann man vieles gestalten und auf den Weg bringen. Bürgermeister in meiner Heimatstadt Sachsenheim, das ist nun tatsächlich ein wahrgewordener Lebenstraum. Holger Abrich ist neuer Bürgermeister von ...Holger Abrich ist neuer Bürgermeister von Sachsenheim. Foto: Thomas Scherzer Sie sind 1970 in Bietigheim geboren und in Großsachsenheim aufgewachsen. Sie wohnen mit Ihrer Frau und den beiden Söhnen momentan in Ludwigsburg, sind aber durch viele Freundschaften mit Sachsenheim eng verbunden und Vorsitzender des Tennisclubs Großsachsenheim. Wie wichtig ist diese örtliche Verwurzelung und Vernetzung für Sie als künftigen Bürgermeister?

Es war bereits im Wahlkampf ein Vorteil für mich, dass ich mich in Sachsenheim gut auskenne und gut vernetzt bin. Dies hilft mir, Informationen einzusortieren, Probleme zu erkennen und konkrete Handlungsschritte zu erarbeiten. Trotz dieser Verbindungen werde ich als Bürgermeister frei von Einzel- oder Gruppeninteressen handeln, wie ich in meinem Wahlkampf als parteiloser und unabhängiger Bewerber hervorgehoben habe. Man darf auch nicht vergessen, dass ich schon seit fast 30 Jahren nicht mehr in Sachsenheim lebe.

Ihre Eltern stammen aus Agnetheln und Mardisch in Siebenbürgen, seit Ihrer Kindheit laufen Sie begeistert bei den Urzeln in Sachsenheim mit. Was bedeutet für Sie die siebenbürgisch-sächsische Herkunft?

Sie bedeutet für mich zunächst einmal einen Reichtum, und zwar an Erinnerungen und Erfahrungen. Ich spürte schon als kleines Kind, dass es neben meiner Heimatstadt Sachsenheim für meine Familie und mich noch etwas Anderes gab. Ich habe noch intensive Erinnerungen an die Urlaube in Siebenbürgen in den Siebzigern und vor allem, mit einem Freund von hier, im letzten Ceaușescu-Sommer 1989. Außerdem weckte die Erfahrung der Teilung Europas schon sehr früh mein politisches Interesse. Denn schon als Kind spürte ich, dass irgendetwas nicht stimmen kann, wenn ein Staat seine Menschen einsperren muss, damit sie dableiben. Auch für meine Familie ist unser siebenbürgisch-sächsischer Hintergrund bereichernd; meine Söhne sind, seitdem sie laufen können, mit Begeisterung bei den Urzeln dabei und würden am liebsten jeden Urlaub im Pfarrhaus in Mardisch verbringen. Wichtig ist für mich auch die Erfahrung, dass jeder Mensch, egal, wo er herkommt, überall (s)eine Heimat finden kann – so wie wir Siebenbürger Sachsen in Deutschland. Heimat und Brauchtum sind für mich sehr wertvoll, aber nichts „Exklusives“; z.B. gehören zu den Urzeln in Sachsenheim seit langem schon viele Nicht-Siebenbürger, darunter viele Freunde von mir. Wahlsieg am 3. Februar 2019: Holger Albrich mit ...Wahlsieg am 3. Februar 2019: Holger Albrich mit seiner Frau und den beiden Söhnen im Großsachsenheimer Kulturhaus. Foto: Lothar Makkens Seit November 2018 haben Sie sich in einem vorbildlichen Wahlkampf intensiv mit den Bürgern in Sachsenheim ausgetauscht. Welche Erkenntnisse und Erfahrungen haben Sie dabei gewonnen, die Sie nun als Bürgermeister umsetzen können?

Vor allem, über die einzelnen Themen hinaus, dass man den Menschen zuhören sollte, dass „Bürgernähe“ und „Augenhöhe“ nicht nur Lippenbekenntnisse sein dürfen. Wir bekommen die besten Ergebnisse, wenn wir den Sachverstand vor Ort nutzen und die betroffenen Interessen sorgfältig abwägen. Deshalb möchte ich die Bürgerinnen und Bürger möglichst früh und vollständig über Entwicklungen und Planungen informieren und einen offenen Dialog führen. Dazu spüre ich von Seiten der Bürgerschaft ein Bedürfnis und eine große Bereitschaft. Ich möchte den Schwung, die Anregungen und Ideen aus den letzten Wochen und die Freude am Gespräch und der Diskussion mit in meine Amtszeit nehmen.

Als Volljurist sind Sie seit 2000 in der öffentlichen Verwaltung tätig, u.a. waren Sie viereinhalb Jahre bei der Europäischen Kommission im Bereich der Medien und des Jugendmedienschutzes aktiv, seit sechseinhalb Jahren arbeiten Sie im Ministerium für Soziales und Integration in Stuttgart. Wie können Sie diese beruflichen Kompetenzen als Chef des Rathauses in Sachsenheim nutzen?

Meine vielfältigen fachlichen und beruflichen Qualifikationen werden mir helfen, die komplexen Aufgaben als Leiter der Stadtverwaltung zu erfüllen. Als erfahrener Verwaltungsjurist kenne ich den Handlungsrahmen der Stadt. Mindestens genauso wichtig wie seine fachlichen Kompetenzen ist es aber für einen Bürgermeister, dass er auf andere Menschen zugehen und sie zusammenführen kann. Nicht zuletzt bei meiner Tätigkeit bei der Europäischen Kommission in Brüssel habe ich gesehen, wie es bei allen Unterschieden gelingen kann, dass alle an einem Strang ziehen. Gespannt wird die Auszählung der Wahlergebnisse ...Gespannt wird die Auszählung der Wahlergebnisse verfolgt, links im Bild Bürgermeister Horst Fiedler, der nach 16 Jahren nicht mehr zur Wahl antrat. Foto: Lothar Makkens Welches sind die drängenden Probleme der Stadt, welche Ziele setzen Sie sich für Ihre achtjährige Amtszeit als Bürgermeister von Sachsenheim?

Die Haushaltslage der Stadt ist bestimmt durch eine Reihe von erforderlichen Erhaltungsinvestitionen für die nächsten Jahre, die gegenwärtig keinen Spielraum für neue Vorhaben lassen. Deshalb müssen wir schauen, wie wir mittel- und langfristig zu mehr Einnahmen kommen. Dazu strebe ich eine aktive Wirtschafts- und Standortpolitk an. Im Auge habe ich dabei vor allem Unternehmen, die auf wenig Fläche und mit möglichst geringen Verkehrs- und Umweltbelastungen Gewerbesteuer einbringen. Dies spricht für digitale Dienstleistungen. Dafür müssen wir aber schneller als bisher an der digitalen Infrastruktur arbeiten.

Das Sachsenheimer Stadtbild muss attraktiver werden, insbesondere die Großsachsenheimer Innenstadt, mit mehr Möglichkeiten zum Einkaufen, Ausgehen oder einfach zum Verweilen. Dazu möchte ich gemeinsam mit allen Beteiligten – Anwohnern, Eigentümern, Pächtern, Gewerbetreibenden und potenziellen Investoren – und der Bürgerschaft ein konkretes Konzept zur Stadtentwicklung erarbeiten – und dieses alsbald umsetzen!

In Sachsenheim wird wie überall im Großraum Stuttgart – vor allem bezahlbarer – Wohnraum benötigt. Wir müssen uns gemeinsam Gedanken machen, wo und vor allem wie die Stadt wachsen kann, wie wir dabei die bestehende Infrastruktur, d.h. Verkehrswege, ÖPNV, Radwegenetz, Kinderbetreuung und Schulen nutzen können und wo und wie wir sie – unter Schonung unserer Ressourcen und Natur – erweitern müssen. Auch hier strebe ich eine aktive Bürgerbeteiligung an.

Zu guter Letzt hat Sachsenheim, wie viele andere Städte, ein drängendes Verkehrsproblem. Ich möchte mit der Bürgerschaft ein tragfähiges umfassendes Verkehrswegekonzept entwickeln, das den wachsenden Bedarf an Straßenwegen abbildet, aber auch den Öffentlichen Personennahverkehr und Radwege einbezieht – und dieses gegenüber den zuständigen Stellen aktiv vertreten.

Besten Dank für das Interview und viel Erfolg mit Ihren anspruchsvollen Vorhaben!

Schlagwörter: Politik, Kommunalwahlen, Sachsenheim, Bürgermeister, Agnetheln, Mardisch

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