6. März 2020

Gelebter kategorischer Imperativ: Hommage an Eckart Schlandt zum 80. Geburtstag

Eckart Schlandt hat am 20. Februar sein 80. Lebensjahr erfüllt. Es waren Jahre großer, ja umwälzender Veränderungen; das gewalttätige Erscheinen und der Fall des Kommunismus, die Informatisierung und Globalisierung mit Internet, Computer und Handy. Womöglich ist gar der nächste Besuch im Ausland nicht mehr eine Fahrt, sondern ein Flug vom neuen Flughafen Kronstadt aus, der Stadt seiner Geburt und seines Wirkens. Er hat es erlebt und wahrscheinlich auch erlitten, dass sein menschliches Umfeld nicht nur altersbedingt, sondern schicksalhaft geschrumpft ist bis nahe an die Auslöschung.
Trotz allen Unkenrufen seit 150 Jahren hat sich aber in seiner Heimatstadt ein lebensfähiger Kern siebenbürgisch-deutscher Prägung erhalten, und wenn bereits – laut Statistik – über 5 000 Ausländer sich in Kronstadt niedergelassen haben, darf man die zukünftige Entwicklung mit Optimismus und Interesse erwarten.

Das ist aber bloß der Rahmen, in dem sein Kronstadt lebt, ihn geformt hat und dessen Musikkultur – das darf man sagen – von ihm wesentlich mitgeformt wurde. Aber nicht nur von ihm, der Name Schlandt ist durch Generationen mit der Musikkultur seiner Heimatstadt verbunden. Das mag ihm Verpflichtung und Trost gewesen sein. Und wenn der Name „Kronstadt“ fällt, scheint, damals wie heute, der Begriff „Schwarze Kirche“ auf und das nächste, was man danach hört, ist der Name Schlandt. Es seien im Folgenden nicht die Stationen seines Weges und Werdens im Detail aufgezählt, das müssen musikalisch-fachlich Berufenere tun. Es sei aber ein Blick auf sein Wirken als Glied einer städtischen Gemeinschaft gestattet.

Zuerst erleben Bürger und Touristen als Publikum Eckart Schlandt als Organisten erhebender Stunden in der Schwarzen Kirche, Stunden, in denen man sich in einer oft unfreundlichen, ja feindlichen Umwelt, bestätigt und zu Hause fühlt, in denen er sich als Organisator und Dirigent, mithin als Multiplikator unsagbarer Dinge erwiesen hat. Seine oft mühsame Arbeit im Weinberg des HERRN hat ihm die Dankbarkeit eines langsam wachsenden Stammpublikums eingetragen, das zu jeder Zeit eine volle Kirche sichert. Darüber hinaus wurde er von Kennern seines Wirkens mit Preisen geehrt; Johann-Wenzel-Stamitz-Preis, dem Preis des Verbandes der Interpreten, Choreographen und Musikkritiker Rumäniens, dem Apollonia-Hirscher-Preis des Deutschen Kreisforums, der Honterus-Medaille des Siebenbürgenforums und nicht zuletzt mit der Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Kronstadt. Seine gediegene Interpretation der Orgelmusik hat ihm zahlreiche Einladungen ins In- und Ausland eingebracht und erfreulicherweise ist die Aufzählung offen.
Eckart Schlandt feierte seines 80. Geburtstag in ...
Eckart Schlandt feierte seines 80. Geburtstag in privatem Rahmen in Kronstadt. Foto: Steffen Schlandt
Sein Wirken ist aber nicht nur auf die einsame Arbeit des Organisten beschränkt. Um ihn scharten sich durch die Jahrzehnte wohl hunderte Choristinnen und Choristen in gemeinsamen Kämpfen zuerst um die Erarbeitung vorwiegend von Bachpartituren und dann von Aufführungen in Kirchen, oft auf wackligen Emporen oder in drangvoller Enge, Jahrzehnte getragen von Arbeit und Gelingen und der Dankbarkeit der Zuhörer. Die gemeinsame Arbeit, die taktvolle Leitung und die kollegiale Atmosphäre im Chor, mit dem wesentlichen Beitrag seiner Ehefrau Edith als Helferin und Organisatorin, sind unvergessen. Unvergessen, wie das Bangen um die Zeit der Wende, bis sich herausstellte: Sein Bachchor bleibt erhalten, zwar zeitweilig geschrumpft, aber ungebrochen erhalten. Ja, es entstand sogar ein Jugendbachchor und beide konnte er einem ebenbürtigen Musiker, seinem Sohn, vollwertig übergeben, als er in Rente ging. Es sei allerdings bemerkt, dass dieses keine Rente im üblichen Sinne ist. Gesundheit und Vitalität erlaubten und erlauben weiter ein Organistenprogramm. Damit ist seine Tätigkeit immer noch nur zum Teil umrissen.

Sowohl den Kennern geistlicher Orgelmusik als auch in weiten Kreisen Siebenbürgens und darüber hinaus ist er als Musikpädagoge, zeitweilig Fachlehrer einer Orgelklasse an der Musikhochschule in Kronstadt und Bachspezialist bekannt, dem man sich schüchtern nahte und dessen Strenge, Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit gefürchtet waren. Ein Lob war selten zu hören, aber wer vor ihm bestand, durfte sich mit Recht Musiker nennen. Den gleichen Maßstab wie als Lehrer hat er auch an sich gelegt, denn Üben, Üben und noch einmal Üben war sein Alltag von Kindheit an. Die Konstante blieb durch die Jahrzehnte eine ruhige, stetige Pflichterfüllung, das nüchterne, jedem Überschwang abgeneigte Gespür für das Detail und ein gewaltiges tägliches Arbeitspensum. Alles überstrahlt von der Treue zu seiner Vaterstadt.

Es sei auch an seine Lehrer erinnert: zuerst an seinen Vater, Walter Schlandt, den langjährigen Musiklehrer der Honterusschule, den Klaviervirtuosen und Kantor der Schwarzen Kirche, von dem er seinerzeit auch den Dirigentenstab übernommen hatte, dann ab dem 14. Lebensjahr die Fleißjahre an der Orgel beim anspruchsvollen damaligen Kantor der Schwarzen Kirche Viktor Bickerich und schließlich das Konservatorium in Bukarest (1957-62) in der Orgelklasse von Helmut Plattner. Vor der Welt ist Eckart Schlandt möglicherweise am bekanntesten als Organist, als vielseitiger Bachspezialist, der sein Publikum durch seine Musik über den Alltag erhebt und als solcher auch von Fachkollegen geschätzt wird, wie ehrenvolle Preise, zahlreiche Einladungen zu Orgelkonzerten im In- und Ausland, Platten und CD-Einspielungen beweisen.

Von seinem menschlichen Umfeld ist auch anderes bedeutsam: seine unwandelbare Treue und Anhänglichkeit an Kronstadt, sein soziales Engagement als Musikpädagoge und Vortragender, seine profunde Kenntnis der geschriebenen und ungeschriebenen Musikgeschichte dieser Stadt und sein Beharrungsvermögen in turbulenten Zeiten als gelebter kategorischer Imperativ im besten Sinne. Erfreulicherweise ist die Liste seiner Leistungen offen; ein freundliches Schicksal hat ihm eine stabile Gesundheit beschert, einen erwartungsvollen Kenner- und Freundeskreis sowie drei muntere Enkel, die ihn jung erhalten. So motiviert erwarten seine Freunde und Mitbürger, was er sich vielleicht als Vortragender, vielleicht als Schriftsteller und auf jeden Fall aber als Organist, für die kommenden Jahre vorgenommen hat, zu hören und zu sehen, diesmal nicht als berufliches Muss, sondern weil es ihm Spaß und Freude macht!

Dieter Simon



(Nachdruck aus der Hermannstädter Zeitung vom 21. Februar 2020)

Schlagwörter: Musik, Kronstadt, Organist, Pädagoge, Schwarze Kirche

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