24. März 2021

Zum Gedenken an den Pädagogen Walter Krafft, Gründer des Münchener Musikseminars

In stiller Trauer nimmt das Münchener Musikseminar Abschied von seinem Gründer und geistigen Vater Walter Krafft, einem begnadeten Pianisten, herausragenden Pädagogen, vor allem aber vom Menschen, der eine entscheidende Rolle im Werdegang vieler Musiker spielte.
Walter Krafft am Tag vor seiner Einweisung in die ...
Walter Krafft am Tag vor seiner Einweisung in die Klinik. Foto: Münchner Musikseminar
Heinrich Walter Krafft kam am 23. Juni 1936 in der rumänischen Hauptstadt Bukarest auf die Welt. Seine Mutter Hermine Krafft, die Tochter einer angesehenen siebenbürgischen Familie und eine Frau von herausragender Stärke, wurde in Wien und Berlin musikalisch ausgebildet. Sie war seine erste Musiklehrerin.

Die Musikkarriere des jungen Pianisten startete vielversprechend: Er entwickelte eine intensive Konzerttätigkeit, spielte mit Orchester, und bereits im Alter von 25 Jahren lehrte Walter Krafft am Bukarester Konservatorium. Vielleicht kann die Einmaligkeit seiner musikalischen Ausbildung ein Stück weit damit erklärt werden, dass sie eine Synthese der rumänischen und der deutschen Klavierschule war: In Berlin bekam Hermine Krafft unter anderem Unterricht bei Wilhelm Kempff, einem der angesehensten Pianisten des 20. Jahrhunderts. Und während seines Musikstudiums in Rumänien hatte Walter Krafft Unterricht bei Florica Musicescu, einer markanten Vertreterin der strengen und höchst anspruchsvollen osteuropäischen Klavierschule. Zu ihren Schülern zählen solche Stars wie Dinu Lipatti und Radu Lupu.

Jedoch musste Kraffts steile Musikkarriere unterbrochen werden. Die inzwischen auch offiziell anerkannte rumänische Diktatur der 1960er Jahre wurde immer repressiver, Familie Krafft fiel in Ungnade bei der Securitate, der rumänischen Geheimpolizei. Vielleicht war es die direkte Art Herrn Kraffts, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und seine Meinung immer äußerst direkt zu vertreten, vielleicht gab es andere Gründe – heute kann man darüber nur mutmaßen, aber es folgten Verhöre. Die zwei mussten nachgeben und im Jahr 1966 die Flucht nach Deutschland ergreifen – dem starken Krafft machte dieser Schritt anschließend lange Jahre innerlich zu schaffen, dass er gezwungen war, seine Heimat zu verlassen.

In Deutschland angekommen, fing die Familie bei null an. Walter und Hermine Krafft wurden in einem Auffanglager nahe München aufgenommen. Es gab kaum eine Gelegenheit für Auftritte, deshalb musste der junge Krafft seinen Lebensunterhalt als Musiklehrer bestreiten – wo es nur ging. Sein erstes eigenes Möbelstück – ein Klavier.

1967 gründeten Hermine und Walter Krafft das Münchener Musikseminar, heute eine der ältesten Privatmusikschulen Münchens und ein Teil des Kulturerbes der Stadt. Der 31-jährige Walter musste nicht mehr um sein Leben ringen, so stürzte er sich mit seiner ganzen Wucht in das Musikleben, unterrichtete von 8.00 Uhr in der Früh bis in den späten Abend, organisierte monatliche Hauskonzerte für seine Schüler jeden Alters, vierteljährliche Schülerkonzerte im Sophiensaal, Lenbachhaus und Künstlerhaus, später auch im Gasteig. Einmal im Jahr wurde ein großes Konzert im Herkulessaal der Residenz veranstaltet; die besten Schüler bekamen die Gelegenheit, mit Orchester aufzutreten. Es gab Konzertreisen durch ganz Europa bis nach Russland, aber auch nach Süd- und Mittelamerika sowie Südafrika. 1979 folgte die Gründung des Fördervereins Münchener Musikseminar e.V. Später wurde über den Verein auch ein Plattenlabel gegründet, in dem die Resultate der besten Schüler seiner Musikschule aufgenommen wurden, und zwar solcher, die eine substanzielle Unterstützung ihrer Karriere verdienten. So wurde das Münchener Musikseminar zu einer einmaligen Institution: Keine andere Musikschule bot ihren Schülern Unterstützung von diesem Ausmaß, von dieser Bandbreite.

Seine schier unerschöpfliche Energie kam aber nicht nur dem Münchener Musikseminar zugute – Krafft unterrichtete auch in Italien, und vor allem in seinem Heimatland. Nicht nur sein Können und seine Erfahrung gab er an seine Schüler weiter – oft wurden die besten angehenden Musiker auch finanziell von ihm unterstützt, und zwar aus seinen privaten Mitteln.

Krafft forderte von seinen Schülern das Äußerste, manchmal bis zur Unerbittlichkeit. Als Lehrer der „alten Schule“ ließ er bei seinen Schülern nicht nur die rein musikalischen Instruktionen in den Unterricht einfließen, sondern auch Bezüge zur Literatur oder bildenden Kunst. Den Musikexperten, die die Schüler von Krafft hörten, wurde sofort bewusst, wie hervorragend diese ausgebildet waren: eine solide Technik als Basis und, damit zusammenhängend, der differenzierte Vortrag und die musikalisch-interpretatorische Gestaltung eines jeden Stücks.

Damit aber nicht genug. Walter Krafft wurde zur treibenden Kraft bei der Musikforschung für die Erfassung der Biografie sowie des kulturellen Nachlasses von Carl Filtsch, einem siebenbürgischen Wunderkind, dem Schüler von Frédéric Chopin. Kraffts Einsatz haben wir zu verdanken, dass Filtschs wiedergefundene Kompositionen heute zum Programm vieler Konservatorien gehören und durch beste Pianisten vorgetragen werden. Gemeinsam mit Peter Szaunig rief Krafft den internationalen Klavier- und Kompositionswettbewerb für junge Pianisten und Komponisten „Carl Filtsch Festival“ in Hermannstadt ins Leben. Nach dem Enescu-Wettbewerb stieg dieses Festival zum zweitgrößten Klavierwettbewerb in Rumänien auf und findet seit 1995 nun jährlich statt, die Corona-Zeit ausgenommen.

Krafft blieb unermüdlich bis zum letzten Moment. Seine letzte Konzertreihe in Lenggries organisierte er vor sechs Jahren – bereits nach seiner Herzoperation und nach dem anschließenden Schlaganfall, halb gelähmt. Solange er es nur konnte, arbeitete er – ununterbrochen, selbstlos, kompromisslos. Im Alltag selbst recht genügsam, leistete er eine großzügige finanzielle Unterstützung, ebenfalls aus seinen eigenen Mitteln, auch für den Carl-Filtsch Wettbewerb. Tiefgläubiger Christ, lebte er seinen Glauben nicht nur im Herzen, sondern vor allem in Taten. Das schwindende Interesse junger Menschen an klassischer Musik nahm er sehr schwer – und setze alles in Bewegung, um dies zu ändern.

Nach einer langen und schweren Krankheit ist Heinrich Walter Krafft am 17. Februar von uns gegangen. Wir blicken auf sein Leben zurück – es ist durch harte Arbeit voller Hingabe geprägt, es ist ein Leben voller Taten, die das Gegenteil von Halbherzigkeit sind. Den Weg, den Krafft beschritt, beschreiben wohl am besten Worte wie Schaffen, Trotzen, Geben, Lehren, Fordern, Fördern. Er passte sich keinem System an, war immer ein Kämpfer, ein Missionar der Kunst und Musik.

Für einen Christen wie Walter Krafft ist der Tod niemals das Ende, sondern ein lang ersehnts Treffen mit dem Erlöser. Für Walters Schüler bedeutet dieser schmerzliche Verlust zunächst einmal eine tiefe Wunde, eine durch nichts zu füllende Leere. Uns bleibt jedoch die Hoffnung, dass die Saat, die Walter Krafft so großzügig und unermüdlich unter uns brachte, bald reichlich aufgehen wird – und es jetzt schon tut! Wir hoffen, sein Lebenswerk weiter zu bringen, es nicht umkommen zu lassen. Er wird uns zusehen, er schickt uns seinen Segen. Lieber Walter, ruhe in Frieden. Du warst und bleibst uns allen – ein guter Stern.

Förderverein Münchener Musikseminar e.V.

Schlagwörter: Musik, Nachruf, Pädadoge, Mühlbach, München, Carl Filtsch

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