24. Oktober 2021

Die siebenbürgische Heimat der Eltern im Herzen: Georg Fritsch über zehn Jahre Kirchenburgenrettung in Felldorf

Seit einem Jahrzehnt schon engagiert sich Georg Fritsch für den Erhalt der Kirchenburg in Felldorf, dem Heimatort seines Vaters. Das nachfolgende Interview mit dem im oberösterreichischen Wels lebenden Nachkommen von Siebenbürger Sachsen über seine beeindruckenden Felldorf-Aktivitäten führte Hans Reinerth, Vorstandsmitglied des Kulturerbe Kirchenburgen e.V.
Georg Fritsch in der Felldorfer Schule. Foto: ...
Georg Fritsch in der Felldorfer Schule. Foto: privat
Seit zehn Jahren ist Felldorf zu deiner zweiten Heimat geworden. Zwei Jahre Corona-Pause sind nun vorbei und du konntest wieder hinfahren. Wie war dieses Heimkommen für dich?

Was für ein Moment, nach dieser „Zwangspause“, endlich wieder im Auto zu sitzen und nach Siebenbürgen in mein geliebtes Felldorf zu können, um dann die Kirchturmspitze wieder hinter dem Hügel auftauchen zu sehen. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl, wieder die Arbeiten an der Kirchenburg selbst zu sehen, die während meiner Abwesenheit durchgeführt worden sind. Freunde wieder begrüßen zu können, die man nur mehr über Videochat gesehen oder mit ihnen telefoniert hat. Die Luft zu schnuppern, die Stille zu genießen und all das wieder in sich aufzunehmen was man so vermisst hat. Angekommen zu sein und irgendwie gar nicht weg gewesen zu sein. Es ist ein Heimkommen in ein Land, das ich damals nur aus den Erzählungen meiner Eltern kannte. Es ist eine Bindung, durch entstandene Freundschaften, gefundene Verwandtschaft und die Liebe zum Kulturerbe in Siebenbürgen entstanden, die seinesgleichen sucht.

Kannst du bitte kurz dein österreichisches Leben beschreiben und uns einen kleinen Einblick in deine Felldorfer Identität geben?

Geboren wurde ich 1967 in Österreich als Nachkomme der Siebenbürger Sachsen, die bereits 1944 fluchtartig ihre Heimat verlassen mussten. Aufgewachsen bin ich in dem Ort Rosenau/Seewalchen am Attersee, einem Dorf aus lauter Volksdeutschen, hauptsächlich Sachsen aus Süd- und Nordsiebenbürgen. Mein Vater stammte aus Felldorf, Filitelnic, Fületelke, daher der Bezug zu diesem wunderbaren Dorf. Meine Mutter stammt aus Rode (Zagăr), einem schönen Nachbardorf. Als Kind war ich 1974 das erste Mal in Siebenbürgen und bereits damals hat mich diese Heimat meiner Eltern in den Bann gezogen. Heute lebe ich in Wels mit meiner wunderbaren Frau Romy und unserem Sohn Patrick (25) und arbeite als Vertriebsbeauftragter bei der BSH-Siemens.

Dein Einsatz seit zehn Jahren, mit sehr viel Herzblut, begeistert viele Menschen. Welche drei Aktionen empfindest du als deine „emotional wertvollsten Felldorfmomente“?

Es waren die ersten Arbeiten an der Kirchenburganlage! Wenn man über drei Jahre versucht, etwas zu tun und den Fokus auf diese bereits zum Abriss freigegebene Kirchenburg lenkt, aber dennoch nichts passiert, ist es wie ein Wunder, wenn dann endlich Arbeiten beginnen und Notsicherungsmaßnahmen umgesetzt werden. Als Zweites war es das Freilegen und die damit verbundene Neuerscheinung der zugewucherten Kirchenburganlage und vor allem die in den letzten Jahren sanierte Schule, verbunden mit der entstandenen Dorfgemeinschaft in Felldorf, die endlich auch ihr Erbe angenommen hat.

Mit deiner Einstellung hast du fast Berge bewegt, aber das nicht allein. So wie ich dich kenne, könnte ich mir vorstellen, dass du einigen Personen danken möchtest. Welchen drei Mitstreitern zuvorderst?

Mein Dank gilt meinem Freund Lóránd Kiss, Restaurator /Imago Picta SRL / Arcus -Verein und Partner unseres gemeinsamen Projekts. Lori hat sich als Erster nach dem Erstkontakt 2009 mit der damaligen Leitstelle Kirchenburgen (Stiftung Kirchenburgen) gemeldet, um ein gemeinsames Konzept zum Erhalt der kompletten Anlage mit mir auszuarbeiten. Ohne seine Bereitschaft, sich dieser großen Herausforderung anzunehmen, hätte es sicherlich nicht so geklappt! Die daraus resultierende Partnerschaft ist zu einer starken Freundschaft im Team geworden. Dann natürlich die gute Seele von Felldorf, mein Freund Alexandru Filip (Koki), der, wie sich sogar herausstellte, mein Cousin dritten Grades ist. Ohne seinen unermüdlichen Einsatz in fast allen Arbeiten vor Ort, würde das Erscheinungsbild der Kirchenburganlage heute ganz anders aussehen. Er hat so viele Räume wieder zum Leben erweckt und hat ein gutes Auge für Details. Und unser Burghüter Elek Jakab und sein lieber Vater Elek, die sich mit viel Liebe der kompletten Anlage annehmen und die vielen Grasflächen um die Kirchenburg, Pfarrhaus und Schule pflegen sowie viele andere Aufgaben mit Aufopferung übernommen haben. Dank Elek entwickelte sich auch eine Dorfgemeinschaft in Felldorf, die nun unterstützend anpackt, wenn Not am Mann ist.

Wir gehören beide zu den Gründungsmitgliedern von Kulturerbe Kirchenburgen e.V. Inzwischen sind wir fast schon ein europäischer Verein. Welches sind die Gründe, dass sich auch viele Nichtsachsen für unsere Kirchenburgen interessieren?

Es sind die Medien der heutigen Zeit, die uns eine neue Möglichkeit bieten, das kulturelle Erbe Siebenbürgens in den Fokus zu stellen. Mir ist es immer ein Anliegen gewesen, auch andere zu motivieren, um Verlorenes und Aufgegebenes wieder zu erwecken.
Lori meinte damals, es sei wichtig, ein leeres Schneckenhaus wieder mit Leben zu erfüllen! Das Interesse an unserer Kirchenburgenlandschaft für Personen, die nicht in Siebenbürgen geboren sind, steigt und das ist mehr als erfreulich. Auch ich bin ja in Österreich geboren. Einerseits ist es die noch bestehende Faszination dieser wunderbaren Kulturdenkmäler, andererseits üben die Dörfer und Kirchenburgen mit ihrer Einzigartigkeit eine einzigartige Anziehung aus. Es ist wunderbar, wenn Einzelpersonen oder Gruppen sich einer Kirchenburg oder einem anderen Kulturerbe annehmen, um es zu erhalten. Grandiose Beispiele gibt es nun immer mehr und ich hoffe, dass es noch mehr Mitstreiter aus allen Herren Länder und Kulturen für den Erhalt und für das Erbe in Siebenbürgen geben wird. „Gemeinsam anstelle einsam“ ist mein Motto!

In den zehn Jahren Felldorf hast du einiges erlebt. Welche Erfahrungen sollten wir, als Verein Kulturerbe Kirchenburgen e.V., in unsere zukünftige Arbeit mit aufnehmen?

Zuerst einmal sich der großen Herausforderung bewusst zu sein, was man da eigentlich auf sich nimmt und was da auf einen zukommen kann. Sich nicht demotivieren oder herabziehen lassen. Ehrgeiz entwickeln und andere dadurch auch motivieren, etwas an ihrem Kulturerbe zu tun. Wichtigster Punkt ist es, eine Bindung zum Dorf aufzubauen und die Dorfbevölkerung einzubeziehen. Nur die Menschen vor Ort können das erhalten, was wir von einer gewissen Entfernung aus versuchen, zu bewahren. Ohne eine Art von neuer Gemeinschaft, die es ja bereits immer in Siebenbürgen gegeben hat, kann es nicht mehr funktionieren. Ich hatte und habe Glück. Wenn es möglich wäre, würde ich dieses Glück gerne an alle weitergeben, die sich für unser Kulturerbe einsetzen.

Wenn wir beide gesundheitliches Glück haben, könnten wir als Jungrentner anlässlich deines 25-jährigen Felldorfjubiläums bei einem Gläschen Wein in Felldorf oder Meschen sitzen. Welche drei Wünsche möchtest du deinem Felldorf bis dann auf jeden Fall erfüllen?

Das Dorf und seine Umgebung sowie die Bevölkerung, die dort wohnt, noch mehr in den Fokus zu stellen, um eine gewisse Infrastruktur, auch für den Tourismus zu bekommen. Das Restaurationszentrum als Lehrwerkstätte mit meinem Partner Lóránd Kiss in Felldorf weiter auszubauen, um „Lehrlinge aus dem Dorf“ mit einzubeziehen und sie auszubilden. Vielleicht es doch zu schaffen, die Ziegelerzeugung, von der einst Felldorf lebte, wieder wirtschaftlich zu aktivieren.
Vielleicht finde ich noch einen Gönner, um diese Wünsche auch bis dorthin umsetzen zu können. Na dann schon mal Prost! ... auf weitere erfolgreiche Jahre.

Erstmal danke für deine offenen Worte, und ich freu mich auf spannende Kirchenburgenmomente, hoffentlich auch in Siebenbürgen.

Schlagwörter: Kultur, Kirchenrenovierung, Felldorf, Kulturerbe

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