1. Januar 2004

Prof. Heinz Acker

Professor Heinz Acker verlässt nach 22 Jahren das Dirigentenpult beim Bruchsaler Jugendsinfonieorchester, das er gegründet und all die Jahre allein geleitet hat. Die einzigartige Erfolgsgeschichte, die er im Laufe dieser Jahre mit den badischen Jungmusikern geschrieben hat, wurden sowohl beim Gala-Konzert anlässlich seiner Verabschiedung als auch beim Konzert zum 20-jährigen Jubiläum, im Jahr 2001 - z.B. mit der Schönborn-Ehrenmedaille der Stadt Bruchsal - gewürdigt. Seine Verabschiedung ist auch für uns ein Anlass, das Gespräch mit dem Musiker, Musikpädagogen, Dirigenten, Siebenbürger Sachsen, Wahl-Bruchsaler und Heidelberger Bürger zu suchen. Das Interview führte Margrit Csiky.
Herr Acker, Sie sind einer der wenigen siebenbürgischen Künstler, die sich nach der Umsiedlung nach Deutschland wieder einen Namen gemacht haben und in Bruchsal sogar zu einem gesellschaftlichen Kristallisationspunkt sowie einem "kulturellen Markenzeichen made in Bruchsal" wurden. Was lief bei Ihnen anders als bei den vielen Künstlern, die den Sprung in der neuen Heimat nicht geschafft haben?


Auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen könnte, dass ich 1977 in Bruchsal von Null begonnen habe, stimmt das so nicht. Ich hatte in meinem "ersten Leben" in Hermannstadt schon zwölf Jahre lang als Musikpädagoge, Künstler und Orchesterleiter gearbeitet. Auf diese Erfahrung konnte ich zurückgreifen. Dazu kam, dass in Bruchsal eine ungeheure Aufbruchstimmung herrschte: Die Musikschule bestand bereits seit zehn Jahren und hatte schon viele gut ausgebildete Schüler und drittens wurde auf Landes-, ja sogar auf Bundesebene musikalische Breitenarbeit unterstützt. Die objektiven Bedingungen waren sicherlich förderlich.

Von objektiv gegebenen günstigen Voraussetzungen bis zum ersten Preis beim bundesweiten Orchesterwettbewerb 1996 in Gera ist aber noch ein weiter Weg. Welches ist das Geheimnis Ihrer Erfolge?


Ich habe alles, was ich je angepackt habe, immer mit meiner ganzen Phantasie, Kraft und Energie ausgeführt, auch die Arbeit mit dem Orchester. Das war unbedingt notwendig. Ich konnte mich in der Orchesterarbeit nie auf den Lorbeeren ausruhen, im Gegenteil, ich musste jedes Jahr von neuem beginnen und habe mich immer wieder gewundert, dass es mir scheinbar mühelos gelang, bei stetiger Fluktuation der Orchesterbesetzung die Homogenität des Orchesterklangs wieder herzustellen, ja den Eindruck einer stetigen Steigerung zu erwecken. Ich habe bisher noch nie darüber nachgedacht, warum ich Erfolg hatte, wenn Sie mich aber so direkt fragen, glaube ich, dass ich das ohne Ausdauer und Beharrlichkeit, ohne klare künstlerische Vorstellungen und bedingungslose Hingabe nicht hätte erreichen können. Hinzu kommt die Freude an der Arbeit mit jungen Menschen, deren Begeisterung sich schließlich auch auf das Publikum übertrug. Die strahlenden Augen leistungswilliger junger Leute haben mir die Kraft gegeben, immer wieder von vorne zu beginnen.

Hinzu kommt sicherlich noch Ihre außerordentliche musikalische Begabung. Sie stammen ja aus einer ausgewiesen musikalischen Familie, haben eine sehr gute Ausbildung genossen und kontinuierlich an sich weiter gearbeitet, sonst wäre das alles nicht zu schaffen gewesen.


Ich liebe Musik wirklich über alles und es stimmt auch, dass ich mir ein Familienleben, ja sogar ein gesellschaftliches Leben ohne Musik gar nicht vorstellen kann. Bei den Reichs, von denen ich mütterlicherseits stamme, gab es in jeder Familie mindestens ein Quartett. Und wenn sie zusammenkamen, bildeten sie leicht einen großen Chor, der Freude am spontanen und anspruchsvollen vierstimmigen Chorgesang hatte. Meine Großmutter, die Lehrersfrau Helene Georg (geb. Reich), hatte eine wunderbare Stimme, bei uns gehörte Musik einfach zum Alltag dazu. Was meine Ausbildung betrifft, hatte ich das Glück, auf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten zu treffen: Eines meiner großen Vorbilder war Franz Xaver Dressler. Bei ihm habe ich eine impulsiv und dramatisch gestaltete große Linie kennen gelernt, bei meinem Hochschullehrer Dorin Pop Detailbesessenheit und präzise Kleinarbeit. Eine Verbindung von beidem, gepaart mit der Kenntnis der großen deutschen Orchestertradition beim damaligen Klausenburger Orchesterchef, dem Altmeister A. Ciolan. An Erich Bergel bewunderte ich die Komplexität seiner Dirigentenpersönlichkeit. Dass ich kontinuierlich an mir weiter gearbeitet habe, war für mich ebenfalls selbstverständlich. Ich habe 1978 an der Musikhochschule Mannheim-Heidelberg einen Lehrauftrag für Musiktheorie übernommen, da gehörte das einfach dazu.

Sie haben früher den Wunsch geäußert, wieder einmal mit einem Profi-Orchester zu arbeiten und verstärkt zeitgenössische sinfonische Musik aufzuführen.


Das sehe ich heute anders. Ich glaube, dass ich eine besondere Begabung gerade dafür habe, junge Leute zu begeistern. Ich werte es als Glück, dass ich einen ausbildungsfähigen Klangkörper, nämlich das Jugendsinfonieorchester, nach meinen Vorstellungen formen und so beharrlich arbeiten konnte, bis es meinen Klang-Vorstellungen entsprach. Diese Arbeit des "Orchestererziehers" ist bei den Berufsorchestern eher die Ausnahme geworden. Erstaunlich und beglückend ist ja, dass ich mit Nicht-Profis das Repertoire und eine Klangkultur von professionellem Anspruch weitgehend erreichen konnte, die Genugtuung für Spieler und Dirigent - und wie ich meine auch für das Publikum - aber weitaus größer war.

Welches waren Ihre bisher größten Erfolge?


Das kann ich nicht sagen. Ich habe immer gerade an dem, woran ich gearbeitet habe, den meisten Spaß gehabt und immer bei dem jeweiligen Konzert gedacht: "So gut waren die noch nie!" Aber sicher waren die Erstplatzierung auf Bundesebene beim Orchesterwettbewerb 1996 in Gera oder der Auftritt im "Allerheiligsten" der Musikszene, im Großen Saal der Philharmonie von St. Petersburg, herausragende Momente.

Sie haben mit Ihrer Musik so viel für das Ansehen der Aussiedler im Allgemeinen und der Siebenbürger Sachsen im Besonderen getan. Haben Sie oder Ihre Familie persönlich jemals Schwierigkeiten gehabt, einfach aus dem Grunde, weil Sie aus einem anderen Land kommen? Sie waren tief verwurzelt in Siebenbürgen, in der Musik, der Gesellschaft, der Landschaft. Wie haben Sie die Umsiedlung empfunden?


Ich habe nie das Gefühl gehabt, Nachteile zu haben, weil ich nicht in Deutschland geboren bin. Im Gegenteil. In Musikerkreisen ist man ohnehin anderen Nationen gegenüber sehr aufgeschlossen. Meine Herkunft hat mich immer mit Stolz erfüllt. Den Bruch mit Siebenbürgen habe ich lange Zeit nicht gewollt. Als nach der Flucht meines Bruders Dieter Acker aber der Druck so groß geworden war, dass nur eine Ausreise die Konsequenz sein konnte, habe ich den Neubeginn in Deutschland als neue Chance angenommen. Das Jugendsinfonieorchester war neben meiner Hochschultätigkeit, die ich noch weiter führe, eine einzigartige Konstellation für mich, für nahezu 1 000 Mitspieler im Laufe der Jahre, für Stadt und Land, das wir oft genug vertreten durften. Ich bin glücklich, weil es mir gegeben war, über so viele Jahre eine so erfüllende Arbeit tun zu dürfen. Was bleibt, ist die Erinnerung an unzählige Stunden gemeinsamen Erlebens und Strebens im Banne großer Musik.

Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.

Schlagwörter: Interview, Musik

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