2. Februar 2009

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Heimatverbundener Forscher: Hermann Albrich gestorben

Mit Hermann Albrich hat die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft am 15. Dezember 2008 in Augsburg nicht nur eines ihrer Aushängeschilder verloren – einen Erfinder und Forscher, der über Deutschland hinaus bekannt und geschätzt war, einen in Jahrhunderte währender Familientradition stehenden Lehrer und hoch geachteten Professor der Technischen Fachhochschule München –, sondern auch einen Menschen, der stets liebe- und humorvoll seiner Heimat verbunden geblieben ist.
Hermann Albrich wurde am 3. Dezember 1918 in Hermannstadt in einer Lehrerfamilie geboren, zu der zwischen 1810 und 1839 ein „Professor der Rechte“ und zwischen 1892 und 1922 mit Carl Albrich sen. und jun. zwei Direktoren des Brukenthalgymnasiums gehört haben. Natürlich besuchte auch Hermann diese herausragende Unterrichtsanstalt, die ihn geprägt hat und der er sein Lebtag verbunden geblieben ist. Einige seiner zahlreichen Anekdoten aus dem Schulleben der 1930er Jahre sind in der Festschrift zum 625-ährigen Bestehen dieser Einrichtung zu lesen, andere in älteren Jahrgängen des Hermannstädter Heimatboten. Seine Beiträge in den siebenbürgisch-sächsischen Publikationen waren immer anregend, nicht mit belehrend erhobenem Zeigefinger, sondern in unterhaltsam-informierender Weise leserfreundlich dargebracht.

Dass ihn diese lebensbejahende Art bis zuletzt kennzeichnen sollte, war nicht selbstverständlich, wurde doch sein Besuch der Technischen Hochschule in München durch den Wehrdienst im rumänischen, später im deutschen Heer und durch anschließende Kriegsgefangenschaft unterbrochen, durch schreckliche Zeiten, die einen jungen Mann hätten zermürben können. Er setzte das Studium nach der Rückkehr fort und begann dann eine beeindruckende Karriere als Hochschullehrer und Ingenieur der Klimatechnik in München. Zunächst wurde er wissenschaftlicher Assistent an der TH München, danach mit einem eigenen Ingenieursbüro selbständig. Anschließend beschäftigte er sich in einem großen Nahrungsmittelbetrieb mit der Entwicklung von Trocknungsanlagen. 1960 wurde er an das Münchener Polytechnikum berufen, das damals den Namen jenes Oskar von Miller trug, der mit Dr. Carl Wolff und mit dem Physiker Dr. h.c. Carl Albrich, dem Großvater Hermanns, die Elektrifizierung Siebenbürgens begonnen hatte. 1967 wurde ihm die Leitung der Abteilung Heizungs- und Klimatechnik, Wasserversorgung und Gastechnik übertragen, 1968 folgte die Beförderung zum Baudirektor.

Professor Hermann Albrich. Foto: Konrad Klein ...Professor Hermann Albrich. Foto: Konrad KleinAls das Polytechnikum 1971 zur Fachhochschule München umgewandelt wurde, vertraute man ihm als erstem Dekan die Leitung des Fachbereichs Versorgungstechnik an. In dieser Zeit initiierte er auch den Verband der Ingenieure der Versorgungstechnik IDV, die nun deutschlandweit zusammenarbeiten und ihre Interessen vertreten konnten. Seine Lehrgebiete waren unter anderem Strömungsmaschinen und Klimatechnik; es wird berichtet, er sei ein ausgezeichneter Lehrer gewesen, der geduldig komplizierte Sachverhalte mit bildhaften Beispielen zu erklären vermochte. Einer seiner Schüler schrieb in einem Kondolenzschreiben, er habe „ihn immer für sein souveränes Fachwissen, gepaart mit großer Erfahrung und einem warmherzigen Wesen, bewundert“. Albrich legte auch den Grundstein des erfolgreichen Labors für Fluidmechanik der FH. Zahlreiche Fachbeiträge und –vorträge machten ihn weit über München hinaus bekannt. Hermann Albrich ist Mitautor des dreibändigen Lehrbuchs für Klimatechnik, das der von ihm initiierte Arbeitskreis der Hochschullehrer seines Faches herausgegeben hat. Die „Albrich-Zahl“ ermöglicht die Berechnung des Erneuerungsgrades der Luft, indem der Zuluft- mit dem Raumluftanteil in Relation gesetzt wird. Das ist angesichts der stärkeren Isolierung der heutigen Gebäude sehr wichtig, da der Luftaustausch geringer ist und die Schadstoffe durch Schimmelbildung in den Innenräumen zunehmen können. Das von ihm 1986 mit begründete Institut für Biotechnik entwickelt auch auf dieser Basis verbesserte Klimaanlagen und Luftbefeuchter. Zwar wurde er 1983 offiziell in den Ruhestand verabschiedet, er blieb aber als Berater bis 2004 (als er 86 wurde!) „am Ball“, hoch geehrt von den Kollegen und den von ihm geförderten jüngeren Forschern und Entwicklern. 1993 erhielt er die Goldene Ehrennadel der Fachhochschule Regenstauf, 1998 wurde er zum Ehrenvorsitzenden „seines“ Biotechnik-Instituts.

Für seine Kinder war er ein guter, fördernder, belehrender Vater, der sie nicht nur für die Natur und die Physik begeisterte (sie z. B. mit sämtlichen einheimischen Pilzarten bekannt machte), sondern auch das Interesse an der Geschichte allgemein und der siebenbürgischen Heimat im Besonderen wach hielt. Erinnerung, meinte er, sei das einzig Wichtige, was ein Mensch hinterlassen kann, Erinnerung in Geschichten, Bildern, Dokumenten, Anekdoten und Menschen welche diese weitergeben. In Heft 6 der „Kleinen Hermannstädter Reihe“ (Heilbronn 1999) kann man solche „Erinnerungen an die Wochenend- und Ferienorte der Hermannstädter“ nachlesen und versteht dann, was er gemeint hat. Hermann Albrich bleibt eine gute Erinnerung, als erfolgreicher Ingenieur und als angenehmer, heimatverbundener Mensch.

Konrad Gündisch

Schlagwörter: Wissenschaft, Nachruf

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