19. Februar 2019

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Jugendtanzgruppe Heilbronn: Siebenbürgisch-sächsische Kulturvermittlung in Brasilien

Wenn uns jemand im Laufe der letzten zehn Jahre gesagt hätte, dass uns unsere Tanzgruppenkarriere irgendwann mal nach Brasilien bringen würde, hätten wir das als Scherz abgetan, denn keiner von uns, weder Reiner noch ich, hätte sich so eine großartige Erfahrung erträumen lassen.
Wir schreiben den 27. März 2018. An diesem Tag erhielten wir eine Mail aus Brasilien, genauer von Roswitha Ziel, Vorstandsmitglied des AFG Tanz, aus Blumenau. Der AFG Tanz ist ein Verband mit 20 Volkstanzgruppen in Brasiliens Bundesstaat Santa Catarina, die deutsche Tänze lernen und aufführen, aber auch deutsche Trachten vorführen. Beim erneuten Lesen stellten wir fest, dass es sich um eine persönlich an uns gerichtete Anfrage handelte. Wir wurden als Lehrer zu einem Seminar im Januar 2019 nach Blumenau eingeladen, das bereits Volkstanzgrößen aus ganz Deutschland leiten durften. Diese waren unter anderem Stefan Hartmann oder Johannes Frank, die auch im Rahmen der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) an der ein oder anderen sächsischen Veranstaltung teilgenommen haben. Nach dieser Erkenntnis war ich so beflügelt, dass ich antwortete. Weder Reiner noch ich ahnten, dass dies der Beginn einer unvergesslichen Reise werden würde.

Anfangs plagte uns die Angst, ob wir überhaupt an das Können und auch die Erfahrung der Lehrer der Jahre zuvor anknüpfen könnten. Daher antwortete ich mit der direkten Frage, ob sie wirklich uns meinten, da wir maximal zwei Jahre Erfahrung als Tanzgruppenleiter hätten. Dies wurde gleich revidiert und uns wurde mitgeteilt, dass gerade solche Leiter gesucht würden. Wir tauschten auftretende Fragen aus und Roswitha besuchte uns in Deutschland bei einer unserer Proben. Bei dem persönlichen Kontakt konnten wir uns nochmal besser kennenlernen und die letzten Zweifel aus dem Weg schaffen.

Bis zu dem Seminar war noch einiges zu erledigen. Die Tänze mussten noch definiert werden. Um Werbung mit uns zu machen, erstellte Roswitha einen Flyer mit Bildern von uns beiden. Je näher der Abflug rückte, desto nervöser wurden wir. Uns kamen Fragen wie: Welche Art von Teilnehmern haben sich angemeldet? Wie wird es mit dem Sprachproblem sein? Wie ist der Ablauf der Tage? Und vor allem, wie werden ihnen die Tänze gefallen? Als wir uns mit dem Packen auseinandersetzen mussten, hatten wir schon ab und zu den Gedanken, alles abzubrechen. Aber es war zu spät, wir mussten den Ängsten trotzen und uns in Brasilien beweisen. (Außerdem konnten wir trotz all der Zweifel unsere Vorfreude nicht ganz in Zaum halten und wir freuten uns auch auf die kommende Zeit.)

Am 10. Januar ging es nach Frankfurt, wo auf uns ein langer Flug nach Sao Paulo wartete. Nachdem wir unser Handgepäck verstaut und unsere Plätze eingenommen hatten, rollten wir auf die Startbahn. Zwölf Stunden später, nach wenig Schlaf, landeten wir bei Sonnenschein in Sao Paulo auf dem internationalen Flughafen. Da wir vom nationalen Flughafen am anderen Ende der Stadt weiterfliegen sollten, mussten wir mit einem Shuttle der Fluggesellschaft die Stadt durchqueren. Um 13.45 Uhr Ortszeit landeten wir in Navegantes, ca. 50 km von Blumenau entfernt. Roswitha erwartete uns bereits und empfing uns herzlich. Die nächsten beiden Nächte waren wir bei ihr einquartiert, daher fuhren wir vom Flughafen zum tropischen Domizil der Familie Ziel. Auf dem Weg sahen wir so viel Neues und uns wurde einiges über die Landschaft, Kultur und das Leben in Brasilien erzählt. Nachdem wir uns mit den wichtigsten Dingen vertraut gemacht hatten, machten wir es uns in Liegematten gemütlich und ruhten uns für das Abendprogramm aus. Geplant war ein Besuch auf dem Sommerfest, das eine Art brasilianisches Oktoberfest war. Bei Livemusik und Auftritten von Tanzgruppen genossen wir unseren ersten Abend in Brasilien. Am folgenden Tag hatten wir noch Zeit, uns zu akklimatisieren, und so besuchten wir ein Schwimmbad.Gruppenbild aller Teilnehmer von Tanz+Kurs 2019. ...Gruppenbild aller Teilnehmer von Tanz+Kurs 2019. Foto: Werner Plautz Holtrup Am Sonntagvormittag machten wir uns auf nach Timbó. Zum Mittagessen waren wir mit dem Vorsitzenden des AFG Tanz, Rodrigo Volles, verabredet. Anschließend fuhren wir in das „Educational and Cultural Center Rodeo 12“, was eine Art Jugendlager mit Wohnhäusern ist. Hier wohnten wir und alle Teilnehmer während des Seminars. Dort angekommen machten wir uns mit der Umgebung vertraut und nach und nach trafen auch die Teilnehmer ein. Um 18.00 Uhr begann das Programm mit dem ersten Abendessen. Anschließend folgte der Einführungsabend, bei dem man sich besser kennenlernte. Endlich hatten wir die Gelegenheit, mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen.

Um 7.00 Uhr klingelte jeden Tag der Wecker und wir machten uns auf zum Frühstück. Pünktlich um 8.15 Uhr fanden sich die Teilnehmer und wir zur ersten Tanzeinheit im Auditorium ein. Nach knapp zwei Stunden gab es eine kurze Kaffeepause, bevor es entweder mit Franciele oder Cassio weiterging. Die beiden waren weitere Lehrer, die den Teilnehmern Teile des Theaters, aber auch Choreografien zu Folkloreklängen beibrachten. Jede Unterrichtseinheit hatte die gleiche Länge, sodass man um 12.00 Uhr mit dem Programm am Vormittag fertig war. Nach einer langen Mittagspause begann die nächste Tanzeinheit. Um 16.00 Uhr folgte eine erneute Kaffeepause mit einer weiteren Einheit bei Cassio oder Franciele. Gegen 18.00 Uhr trafen sich alle im Speisesaal zum Abendessen. Jeden Abend gab es dann noch einen weiteren Programmpunkt von 20.00 bis 22.00 Uhr.

Am Montag hielten Reiner und ich einen Vortrag über Siebenbürgen. Hierbei erzählten wir über die Geschichte, aber auch viel über Sitten und Bräuche damals und heute, aber auch die Heilbronner Jugendtanzgruppe wurde etwas vorgestellt. Nachdem alle Fragen zu uns geklärt waren, ging es wieder zum gemütlichen Teil über. Am Dienstag besuchte eine Friseurin den Kurs, um den Teilnehmern die Kunst des Haareflechtens beizubringen. Mittwoch wurden die einstudierten Choreografien, bei welchen die Teilnehmer in zwei Gruppen aufgeteilt wurden, präsentiert. Hierbei hatten beide Gruppen die Musik der „Sternpolka“ und der „Polka van Hofstade“. Es war sehr interessant, was erarbeitet und vorgeführt wurde, da keiner der Teilnehmer die „Polka van Hofstade“ je gesehen hatte. Anschließend wurde noch unser Wettbewerbsvideo der Polka gezeigt und jeder war verblüfft, wie die Choreografie davon abgewichen ist. Donnerstag lud man zur Talentshow ein. Jeder durfte, sofern sie oder er wollte, einen Beitrag vorführen. Reiner und ich bereicherten das Programm mit einer Tanzeinlage im Funk-Style. Dies ist eine Tanzart, die bei den Jugendlichen in Brasilien Anklang findet. Aber auch bei dem Posaunen-Quintett waren wir mit von der Partie. Mit Hilfe von Pfeifen wurde die Melodie der „Sternpolka“ a capella vorgeführt. Freitag war ein brasilianischer Grillabend angesagt. Da wir leidenschaftliche Fleischesser sind, beobachteten wir unseren Grillmeister ganz genau bei der Zubereitung des Grillgutes. Bei einem brasilianischen „Churrasco“ (Grill) werden das Fleisch und die Würstchen auf Spieße gesteckt und zubereitet. Auch Knoblauchbrot und Zwiebeln sowie eine Ananas wurden uns serviert.

Am Samstag starteten wir alle sehr schwer in den letzten Tag des Seminars. Noch etwas müde vom Abend davor, schleppten sich alle in das Auditorium, um noch einmal an den elf Tänzen für die Aufführung abends zu feilen. Hierfür wurden zwei Einheiten angesetzt. Um 20.00 Uhr kam dann die Sternstunde aller Teilnehmer. Reiner und ich mischten uns dazu und somit hatten wir zwölf Paare zusammen, die bei der Aufführung mitmachten. Vorab wurden zwei Gruppen definiert, die abwechselnd die Tänze zeigten. Das Auditorium füllte sich von Minute zu Minute mit den Familien, Freunden oder auch Tanzgruppenkollegen der Teilnehmer. Die Tänze „Kreuzpolka“, „Stolzenburger Masur“ und „Alter Heisa“ wurden nicht aufgeführt, da sie in der „Siebenbürgisch-Sächsischen Tanzfolge“ vorkamen. Diesen Tanz präsentierte jeder am Ende. Begonnen wurde das Programm von Gruppe A mit der „Jungsächsischen“ und dem „Landler aus Großau“. Danach folgte Gruppe B mit dem „Holsteiner Dreitour“ und der „Tupfpolka zu Achten“. Die Gruppe A präsentierte danach die „Schwäbische Tanzfolge“, gefolgt von Gruppe B mit dem „Neppendorfer Landler“ und dem „Nagelschmied“. Die letzten drei Tänze waren dann noch von Gruppe A der „Wolgaster“ und die „Walzquadrille“ sowie von Gruppe B die „Sudetendeutsche Tanzfolge“. Zum Schluss wurden die Zertifikate verteilt. Rodrigo Volles, Reiner und ich hatten die Ehre, diese Zertifikate zu überreichen. Anschließend wurden uns noch Geschenke des AFG Tanz überreicht. Wir revanchierten uns mit einem Trachten- und Geschichtsbuch der Siebenbürger Sachsen. Die Teilnehmer hatten auch ein Geschenk für uns, was uns sehr freute. Wir riefen alle in einen kleinen Nebenraum zusammen, um uns bei ihnen für die schöne und aufregende Woche zu bedanken. Den letzten Abend wollten wir noch mit den Teilnehmern feiern und so machten wir uns auf, um noch auf das Sommerfest zu gehen.

In Rio de Janeiro konnten wir noch sechs Tage Urlaub genießen. Am Abreisetag gab es ein Unwetter in Rio, sodass unsere Maschine nach Sao Paulo erst mit sehr viel Verspätung starten konnte. Am 26. Januar landeten wir mittags wieder in Frankfurt.

Für uns beide war es eine Reise mit vielen neuen Erfahrungen. Wir haben neue Freundschaften geschlossen und viele aufregende Momente erlebt. Wir sind froh, uns dieser Aufgabe gestellt zu haben, und hatten sehr viel Spaß. Wir möchten uns bei dem AFG Tanz, insbesondere bei Roswitha und Stefan, für alles bedanken. Vielen Dank an unsere neuen Amigos, durch die das Seminar und auch unsere Reise unvergessen bleiben werden. Wir freuen uns jetzt schon auf einen Besuch von euch bei uns in Heilbronn. Zu guter Letzt geht auch ein riesiger Dank an unsere Familien, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen. Dies war sicher nicht unsere letzte Reise nach Brasilien.

Patrick Welther

Schlagwörter: Jugendtanzgruppe Heilbronn, Leitung, Tanzseminar, Brasilien, Reise, Brauchtum

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