2. November 2026
Die Seele in der „Wurzelheimat“/Tag der Heimat in Augsburg
Der Kreisverband Augsburg des Bundes der Vertriebenen (BdV) feierte den diesjährigen Tag der Heimat am 11. Oktober im Pfarrsaal „Unsere Liebe Frau“ in Augsburg-Lechhausen. Unter dem Motto „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ hatten sich über 200 Teilnehmer der in Augsburg ansässigen Landsmannschaften zu einem Festakt mit kultureller Umrahmung zusammengefunden.

Die Augsburger BdV-Kreisvorsitzende und Stadträtin Dr. Hella Gerber begrüßte die Gäste und Ehrengäste, allen voran den Augsburger Oberbürgermeister Dr. Florian Freund als Schirmherrn der Veranstaltung. Sie überbrachte die Grüße des Bayerischen BdV-Landesvorsitzenden Christian Knauer und hieß den BdV-Bezirksvorsitzenden und Landtagsabgeordneten Andreas Jäckel willkommen. Aus der Lokalpolitik begrüßte sie den für die Landsmannschaften zuständigen Sozialreferenten Martin Schenkelberg, den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Dr. Volker Ullrich sowie Kolleginnen und Kollegen des Augsburger Stadtrats. Die Kreisverbände der Landsmannschaften der Banater Schwaben, der Siebenbürger Sachsen, der Deutschen aus Russland, der Sudetendeutschen waren durch ihre Vorsitzenden, Vorstandsmitglieder oder Trachtenabordnungen vertreten.
In ihrer Ansprache erinnerte die BdV-Kreisvorsitzende daran, dass durch die Ansiedlung der Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und die späteren Aussiedler das kulturelle Leben in Deutschland bereichert wurde. Sie zitierte die Aussage des BdV-Präsidenten Stephan Mayer, dass die Vertriebenen und Aussiedler die „Brückenbauer für Europa“ sind und ihre Geschichte dringend Teil des Geschichtsunterreichts an Schulen werden müsse. In Augsburg seien die Landsmannschaften seit Jahren im Fokus von Stadt und Politik, wofür sie den Vertretern der Politik ausdrücklich dankte. Symbolhaft zeige sich die Wertschätzung beim Empfang der Landsmannschaften. Andererseits seien auch die Landsmannschaften seit Jahren bestrebt, in der Stadtgesellschaft Präsenz zu zeigen, indem sie beim Europatag, beim Plärrerumzug oder anderen Festen öffentlich mitwirkten.
Das Totengedenken wurde mit dem geistlichen Impuls des evangelischen Pfarrers Markus Maiwald und des katholischen Paters Eli gestaltet. Pfarrer Maiwald zitierte Psalm 78 über den Auftrag Gottes, Mitgebrachtes an kommende Generationen weiterzugeben. „Kulturgüter sind Brücken, keine Gräben“, das sei angesichts der Kriegstoten eine Lehre. Derer gedachte man anschließend zu den Klängen der Musikkapelle.
Der Augsburger Oberbürgermeister Dr. Florian Freund lobte das Engagement der Landsmannschaften in Augsburg und bekräftigte, dass die Stadt dies weiterhin pflegen werde. Die Geschichte der Heimatvertriebenen in Augsburg, die damals „nicht mit offenen Armen empfangen worden sind“, wie er aus eigenem familiärem Hintergrund weiß, sei eine Erfolgsgeschichte. Diese Menschen hätten zum Wiederaufbau der Stadt entscheidend beigetragen und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten eingebracht. Ihre Leiderfahrung und die Charta der Heimatvertriebenen seien entscheidend für die europäische Einigung gewesen, ebenso wie die Erkenntnis, dass Vielfalt und Einheit nicht im Widerspruch stehen.
Nach einer Einlage der Siebenbürgischen Tanzgruppe Augsburg, die in zwei Jahren ihr 50-jähriges Bestehen feiern wird, sprach der Festredner Dr. h.c. Bernd Posselt, Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, ehemaliges Mitglied des Europaparlaments und langjähriger Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Er erinnerte an das traurige Jubiläum der Vertreibung der Sudetendeutschen in Viehwaggons im November 1946, also vor genau 80 Jahren. Das sei so lange nach Kriegsende genau genommen eine „ethnische Säuberung mit dem Konzept eines ethnisch homogenen tschechischen Nationalstaats“ gewesen. Grundlage dafür sei der Nationalismus, den Posselt als „Pest des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete. Er zitierte den ungarischen König Stephan, der schon vor 1000 Jahren gesagt habe, die Stärke eines Landes liege in der Vielfalt seiner Menschen und Kulturen. Posselts eigene Familie sei stets geprägt gewesen vom „Klein-Europa der Habsburger Monarchie“. Konsequenz seiner anti-nationalistischen Erziehung sei sein Beitritt zur Paneuropa-Union gewesen, der „ältesten europäischen Einigungsgruppe“. Europa sei für ihn „eine logische Antwort auf Nationalismus“.
„Logisch“ sei auch seine eigene Zugehörigkeit zu Böhmen, obwohl er dort selbst nicht mehr geboren wurde. Ein Teil seiner Seele sei immer in seiner „Wurzelheimat“ und wirke dort weiter, denn Identität und Kultur seien nicht nur durch den Geburtsort gegeben. Grundlage für sein Engagement in der Landsmannschaft sei deshalb niemals das Rachegefühl gewesen, sondern das Bestreben, dem Nationalismus entgegenzutreten. Der Sudetendeutsche Tag 2026 in Brünn sei angesichts einer derzeit extrem nationalistischen Regierung in Prag ein großes Wagnis gewesen, habe aber auch großen Applaus von Seiten der Bevölkerung bekommen. Die Überwindung des Nationalismus sei „ein Wunder der Nachkriegszeit“, doch ebenso wie die demokratische Grundordnung immer wieder existenziell gefährdet. „Wir als Landsmannschaften mit Brückenfunktion haben die historische Aufgabe, gegen jeden Nationalismus zu kämpfen, um den Frieden in Europa zu sichern“, zeigte er sich überzeugt.
Nachdem der Siebenbürger Chor Augsburg unter der Leitung von Elfriede Ungar die Zuschauer mit zwei Liedern erfreut hatte, wurden Ehrungen vorgenommen. Der BdV-Bezirksvorsitzende Andreas Jäckel stellte seine Schriftführerin im Bezirksvorstand Ute Bako vor, die das Silberne Ehrenwappen des BdV erhielt. Die Siebenbürger Sächsin stammt aus Schaas (neben Schäßburg) und ist seit 1996 im Augsburger Kreisverband der Siebenbürger Sachsen aktiv. Seit zwei Jahren leitet sie die Theatergruppe, der sie bereits seit 30 Jahren angehört. Auch in der Tanzgruppe war sie seit vielen Jahren aktiv, kümmerte sich hier vor allem um die Nachwuchsarbeit. Sie wirkt in der Landsmannschaft, aber auch im Kreis- und Bezirksverband des BdV bei allen wichtigen Veranstaltungen aktiv mit. Überregional engagierte sie sich auch in der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD). In ihrer Dankesrede zeigte die Geehrte den Zuschauern eine Holz-Klammer, auf der das siebenbürgische Wappen zu sehen ist und die sie an ihrer Kleidung trägt. Dort steht: „Siebenbürgen – mehr sog i net“. Diese paar Worte seien die Quintessenz für ihr Engagement, aber auch ein gutes Mittel, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. „Ich werde weitermachen“, versprach sie.
Die Silberne Ehrennadel des BdV erhielt der Leiter der Musikkapelle der Banater Schwaben Augsburg Gerhard Hipp. Hella Gerber würdigte ihren Nitzkydorfer Landsmann, der in Familientradition früh zum Bassflügelhorn kam. Seine Leidenschaft gehörte aber auch dem Fußball. Er wirkte als Fußball-Jugendtrainer und schloss sich sehr früh der Musikkapelle der Banater Schwaben Augsburg an, deren Leitung er im Jahr 2023 von Werner Zippel übernahm.
In seinem Schlusswort dankte der BdV-Bezirksvorsitzende Andreas Jäckel allen Ehrenamtlichen, die durch ihr Engagement das Kulturgut der Vertreibungsgebiete „sichtbar machen“. Er dankte auch dem Festredner für den passenden Begriff „Wurzelheimat“, der für rund 70 000 Menschen im Bezirks-BdV zutreffe. Danach verabschiedete der Chor „Heimatmelodie“ der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland unter der Leitung von Nelly Retunskaja die zahlreichen Teilnehmer. Nach dem Auszug der Fahnen gab es noch Gelegenheit zum geselligen Ausklang.
Halrun Reinholz (Banater Post)
Schlagwörter: BdV, Augsburg, Tag der Heimat
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