2. Oktober 2026
Festakt zum Tag der Heimat in Berlin: Bundesinnenminister Dobrindt Festredner
Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten und ganz verschiedenen Erfahrungshorizonten versammelten sich am 5. September in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt zum zentralen Festakt des Tags der Heimat des Bundes der Vertriebenen (BdV). Menschen, die Flucht und Vertreibung noch aus eigener Erfahrung kennen, trafen mit jener Generation zusammen, die diese Geschichte nur noch aus den Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kennt. Ein Grund dafür war eine Neuerung im Programmablauf: Neben den Ansprachen und Grußworten war eine Podiumsdiskussion eingefügt worden, die gezielt junge Menschen, aber auch den Blickwinkel der deutschen Minderheiten einbeziehen sollte. „Bekenntnis und Verantwortung: Unser Kulturgut verbindet Europa“ war das Leitwort nicht nur dieser zentralen Veranstaltung, sondern das Motto, unter dem die Arbeit des gesamten Jahres steht.


Doch die Gästeliste zeigte auch, dass der Tag der Heimat nicht allein eine politische Veranstaltung ist. Wichtige Institutionen der Erinnerungs- und Kulturarbeit waren ebenfalls hochrangig vertreten. Für die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen nahm deren Vorsitzender, Staatsminister a.D. Peter Beuth, teil.
Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde durch ihren neuen Direktor Dr. Roland Borchers vertreten, für die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen war deren Vorstandsvorsitzender Dr. Ernst Gierlich nach Berlin gekommen. Auch die Wissenschaft war prominent vertreten. Hörtler begrüßte unter anderem die Historiker Prof. Dr. Manfred Kittel und Dr. Alfred Eisfeld.
Den Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland vertraten der Bundesvorsitzende Rainer Lehni, die stellvertretende Bundesvorsitzende Ingwelde Juchum und der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern, Manfred Binder.
BdV-Präsident Stephan Mayer nahm den Generationenwechsel zum Ausgangspunkt seiner Ansprache. Er erinnerte an einen Gedanken Václav Havels: Nur eine Gesellschaft, die die Wahrheit über ihre eigene Geschichte erkennen und aussprechen dürfe, könne wirklich frei sein. Historische Wahrheit bedeute dabei weder Verschweigen noch Aufrechnen. Man müsse Vertreibung nicht selbst erlebt haben, um sich ihrer Geschichte, der überlieferten Kultur und den daraus erwachsenden Aufgaben verpflichtet zu fühlen. Damit beschrieb Mayer eine Entwicklung, die sich längst in vielen Landsmannschaften beobachten lässt. Immer häufiger übernehmen Menschen Verantwortung, deren Heimat im Osten nicht mehr die eigene Kindheitserfahrung, sondern eine überlieferte Familiengeschichte ist. Mayer verband diesen Gedanken mit einer deutlichen kulturpolitischen Forderung. Der Auftrag des Paragrafen 96 des Bundesvertriebenengesetzes zur Bewahrung des Kulturgutes der Vertreibungsgebiete sei „keine freiwillige freundliche Geste des Staates“, sondern geltendes Recht und damit eine dauerhafte Verpflichtung von Bund und Ländern.
Wie weit Versöhnung inzwischen reichen kann, zeigte für Mayer gerade der Sudetendeutsche Tag dieses Jahres in Brünn. Dass eine zentrale Veranstaltung der Sudetendeutschen in Tschechien stattfinden könne und dort von tschechischen Partnern mitgetragen werde, wäre vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar gewesen. Genau daran knüpfte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt an. Die Arbeit der Vertriebenen sei Teil eines großen europäischen „Versöhnungsprojektes“, sagte er. Europa könne nicht allein aus Institutionen, Verträgen und Binnenmarkt bestehen. Es werde ebenso von Sprache, Kultur, Geschichte, Religion, Architektur und regionalen Traditionen getragen. Damit war der Minister sehr nah am diesjährigen Leitwort des BdV: kulturelles Erbe als Verbindung und nicht als Trennlinie.

In der DDR verschwiegen
Einen anderen Erfahrungshintergrund brachte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer in seinem Grußwort ein. Als Görlitzer sprach er über eine Region, in der die frühere deutsche Geschichte Schlesiens buchstäblich auf der anderen Seite der Neiße sichtbar geworden ist. Zugleich erinnerte Kretschmer daran, wie wenig in der DDR über Flucht und Vertreibung gesprochen werden durfte. Für viele Familien begann die offene Beschäftigung mit ihrer Herkunft deshalb erst nach 1989. Nach der Wiedervereinigung, so Kretschmer, sei ein großes Bedürfnis entstanden, endlich über das zu sprechen, was Eltern und Großeltern erlebt hatten. Der BdV habe dabei einen Weg beschritten, der nicht auf Aufrechnung gesetzt habe, sondern auf „erinnern und versöhnen“. Kretschmer verwies auf das Schlesische Museum zu Görlitz und auf die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Solche Institutionen seien keineswegs selbstverständlich gewesen. Um ihre Entstehung sei teilweise jahrzehntelang gerungen worden. Heute gebe es auch in den östlichen Nachbarstaaten Ausstellungen und Museen, die sich offen mit der deutschen Geschichte ihrer Regionen beschäftigten. Als Beispiel nannte Kretschmer das Museum „Unsere Deutschen“ in Aussig. Sein Fazit war eindeutig: „Nicht trotz, sondern weil wir uns unserer Geschichte gestellt haben, ist das alles möglich geworden.“Heimat kann mehr als einen Ort haben
Mit Spannung war auf die neu in den Veranstaltungsablauf eingefügte Podiumsdiskussion gewartet worden. Die Podiumsdiskussion lebte vom Austausch unterschiedlicher Perspektiven und eröffnete neue Blickwinkel auf das Thema. Unter dem Titel „Was uns prägt, was uns verbindet: Kultur, Herkunft und Verantwortung in Europa“ moderierte der Journalist Dr. Reinhard Müller von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Podiumsrunde mit Michael Kretschmer, der Journalistin und Publizistin Ira Peter, der Vorsitzenden der SdJ – Jugend für Mitteleuropa (SdJ: Sudetendeutsche Jugend), Stefanie Kilian, und der Siebenbürger Sachse Benjamin Józsa, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten in der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten.
Benjamin Józsa rückte die deutschen Minderheiten im östlichen Europa ins Blickfeld. Zu oft würden sie lediglich als Empfänger deutscher Kulturförderung wahrgenommen. Dabei seien sie selbst Träger und Produzenten deutscher und europäischer Kultur. Schulen, Verlage, Bibliotheken, Kulturzentren und Vereine halten deutsche Sprache und Traditionen lebendig – teilweise seit Jahrhunderten. Dass aus der deutschen Minderheit Rumäniens mit Herta Müller eine Literaturnobelpreisträgerin und mit Stefan Hell ein Nobelpreisträger für Chemie hervorgegangen sind, nannte Józsa als besonders prominente Beispiele.
Stefanie Kilian brachte schließlich die Perspektive der jungen Generation ein. Wer wolle, dass junge Menschen Erinnerung weitertragen, müsse ihnen auch das notwendige Wissen vermitteln. Genau daran mangele es aber häufig. Sie kritisierte, dass selbst in Bayern die Vertreibung der Sudetendeutschen im Lehrplan bislang nur als Wahlthema behandelt werde. Erinnerung könne nicht eingefordert werden, wenn die dazugehörige Geschichte im Unterricht kaum vorkomme. Damit berührte die Diskussion eine alte, aber immer drängendere Frage der Vertriebenenarbeit: Was geschieht, wenn Familienwissen nicht mehr automatisch weitergegeben wird? Solange Großeltern erzählen können, wird Geschichte am Küchentisch vermittelt. Wenn diese Generation fehlt, gewinnen Schulen, Museen, Gedenkstätten und Medien umso größere Bedeutung.
Ira Peter kritisierte die Darstellung der Russlanddeutschen in der neuen Dauerausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn. Dass eine jahrhundertelange Geschichte von Siedlung, Stalinismus, Deportation, Diskriminierung, Aussiedlung und Integration dort wesentlich mit einem Regal des Lebensmittelhändlers „Mix Markt“ symbolisiert werde, greife aus ihrer Sicht deutlich zu kurz.
In der Gegenwart kam die Diskussion schließlich beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine an. Kretschmer leitete aus der Erfahrung der deutschen Vertriebenen einen universellen Grundsatz ab: Gewaltsame Grenzverschiebungen und Vertreibungen dürften nicht hingenommen werden. Das Völkerrecht sei unteilbar. Damit schloss sich der Kreis. Die Geschichte der deutschen Heimatvertriebenen ist kein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte. Gerade aus der eigenen Erfahrung von Heimatverlust erwächst eine besondere Verpflichtung, auch Vertreibung und Gewalt in der Gegenwart nicht gleichgültig hinzunehmen.
Nach den politischen Reden veränderte sich die Stimmung in der Kirche. Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, nahm in ihrem geistlichen Wort die Geschichte Jakobs auf – eines Menschen, der seine Heimat verlassen muss und unterwegs, in einer Situation der Unsicherheit, von der Himmelsleiter träumt.
Von der Friedrichstadtkirche zur Ewigen Flamme

Die Menschen, die Ostpreußen, Schlesien, Pommern, das Sudetenland, Siebenbürgen, das Banat oder die deutschen Siedlungsgebiete in Russland noch als eigene Heimat erlebt haben, werden weniger. Die Landschaften, Städte, Dialekte, Lieder, Erinnerungen und Geschichten aber verschwinden nicht zwangsläufig mit ihnen. Ob sie bleiben, entscheidet die nächste Generation. Denn: „Aus Bekenntnis erwächst Verantwortung. Aus Verantwortung entsteht Zukunft.“
Markus Patzke
Schlagwörter: BdV, Tag der Heimat, Berlin, Dobrindt, Bernd Fabritius
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