11. Juli 2010

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88-jähriger Thomas Lutsch veröffentlicht seine Kriegserlebnisse

In den Veröffentlichungen der Siebenbürger Sachsen gibt es wenige Erlebnisberichte von Männern, die in der deutschen Wehrmacht oder der Waffen-SS während des Zweiten Weltkrieges gedient haben und anschließend daran in Gefangenschaft gerieten. Das liegt daran, dass es im kommunistischen Rumänien nicht ratsam war, darüber zu schreiben, ebenso wenig in Deutschland, wo die so genannte politische Korrektheit hauptsächlich negative Urteile fordert. Seine Erlebnisse hat nun der 88-jährige Thomas Lutsch in einem Büchlein veröffentlicht.
Im Vorwort heißt es unter anderen, „auch wenn wir die Schuld der eigenen Nation (am Zweiten Weltkrieg) bekennen, brauchen wir nicht die Schuld der anderen zu verschweigen. Nur mit Wahrhaftigkeit lässt sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen.“ Diesem Prinzip folgend, ordnet der Verfasser seine Erlebnisse in das kriegerische Geschehen ein, gibt dieses aber zum Teil ungenau wider und spannt den Bogen zu weit, wobei er viel zu wenig auf die konkreten Ereignisse eingeht, die sein Schicksal bestimmt haben. Thomas Lutsch wurde im Jahr 1921 in Urwegen geboren, 1942 zum rumänischen Militär einberufen, jedoch 1943 entlassen, um entsprechend dem Abkommen zwischen Rumänien und dem Deutschen Reich in die Waffen-SS einbezogen zu werden. Lutsch meldete sich zwar freiwillig, wie er unterstreicht, weist aber zugleich darauf hin, dass man beachten sollte, dass das mit Einwilligung des rumänischen Staates geschah und dass die sächsischen Männer vor der Wahl standen, entweder als rumänische oder deutsche Soldaten an der „russischen Front“ zu sterben. Siebenbürger Sachsen aus Urwegen nach der ...Siebenbürger Sachsen aus Urwegen nach der Musterung für die rumänische Armee im Jahre 1933. Traditionell wurde das Musterungsdokument an der Kopfbedeckung befestigt. Lutsch blieb zunächst der Fronteinsatz erspart, da er als Musiker dem Musikkorps der SS-Kavalleriedivision in Warschau zugeteilt wurde. Mit der Front kam er erst nach dem 23. August 1944 in Nordsiebenbürgen in Berührung, nachdem Rumänien das Bündnis mit Deutschland gekündigt und ihm den Krieg erklärt hatte. Er erlebte den Rückzug, der zu Einkesselung in Budapest führte. Auf die Erlebnisse im Inferno der ungarischen Hauptstadt geht er besonders ein. Hier geriet er in sowjetische Gefangenschaft, und es erfolgte nun der qualvolle Transport in die Sowjetunion. Er landete in einem Lager im Kaukasus. Für die Gefangenen bedeutete das Unterbringung unter miserablen Bedingungen, schwere Arbeit, schlechte Verpflegung und Hunger sowie für viele den Tod. Lutsch hatte insoweit „Glück“, als er Tischler und Schreiner war und in der Werkstatt des Lagers beschäftigt wurde. So musste er nicht im Steinschacht arbeiten und fertigte durch Schwarzarbeit Möbel für die russischen Offiziere an, wodurch er sich ein Zusatzbrot verdiente. Im Lager gab es ein antifaschistisches Komitee, das durch Vorträge und andere Aktivitäten versuchte, die deutschen Gefangenen für den Kommunismus zu gewinnen und sie immer wieder über die Gräueltaten der Deutschen „aufklärte“.

Im Jahre 1950 wurde Lutsch aus der Gefangenschaft entlassen, in Rumänien jedoch weitere fünf Monate interniert. Zurückgekehrt in die Heimatgemeinde, heirate er im Jahre 1956. Seine Ehegattin hatte ebenfalls die Sowjetunion kennen gelernt. Als 17-jähriges Mädchen war sie, wie alle rumäniendeutschen arbeitsfähigen Frauen und Männer, zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert und erst 1949 entlassen worden. Man kann dem Verfasser zustimmen, wenn er schlussfolgernd schreibt, dass die Folgen des Zweiten Weltkrieges die Deutschen Rumäniens härter als die „Deutschen des Mutterlandes“ getroffen haben. Als Spätaussiedler kam die Familie von Thomas Lutsch nach Deutschland und ließ sich in Unna nieder.

Michael Kroner


Thomas Lutsch: Krieg und Gefangenschaft. Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Gefangenschaft im Kaukasus. Friedrichsborn-Verlag, Unna, 96 Seiten, 18 historische Fotos, 9,80 Euro, ISBN 13: 978-3-938577-09-7. Zu bestellen beim Friedrichsborn-Verlag, Iris Budeus, Weimarer Straße 9, 59425 Unna, Telefon: (0 23 03) 9 47 76 40.

Schlagwörter: Krieg, Biographie

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