23. Juni 2012

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Zwangsevakuierungen im Burzenland vor 60 Jahren

Am 3. Mai 2012 waren es sechzig Jahre seit den Zwangsevakuierungen in Kronstadt und in den sächsischen Gemeinden des Burzenlandes. Für meine Familie war es schon die zweite Evakuierung, denn im Frühjahr 1945, als die Sowjetarmee durch Kronstadt zog, mussten die Sachsen auf der Postwiese ihre Wohnungen innerhalb von drei Stunden für die Russen freigeben. In unserer Wohnung wohnte der sowjetische General und hatte einen Wachposten beim Tor. Nun, am 1. Mai 1952, am Tag der Arbeit, hat man uns klatschen lassen und zwei Tage später kamen die Kommissionen und teilten den Sachsen mit, dass sie ihre Wohnung innerhalb von drei Tagen zu räumen hätten.
Wohin mit allen unseren Sachen, mit den Möbeln einer ehemaligen Vier-Zimmer-Wohnung, mit dem Klavier usw. Außerdem musste man auch herumrennen und die restliche Miete, das Gas, Wasser und den elektrischen Strom zahlen, im Dienst kündigen, die Kinder in der Schule abmelden und durch Beziehungen an einen Eisenbahnwaggon gelangen. Denn wie sich herausstellte, war der Hinausschmiss aus der Wohnung nur der erste Teil der Aktion. Aus einer kurzen Liste rumänischer Kleinstädte außerhalb des Rayons, als da waren Câmpulung-Muscel, Racos, Buzau, Târgu Secuiesc Elisabethstadt u.a., sollten wir uns eine aussuchen, hinziehen und dort Zwangsaufenthalt bekommen. Denn wir wurden zu Klassenfeinden erklärt, nur weil wir Deutsche waren und ein „Opincar“ unsere Wohnung haben wollte. Aber diese „Opincars“ hatten inzwischen richtige Schuhe an und waren unter der neuen kommunistischen Regierung zu „hohen Tieren“ aufgestiegen. Sie waren nun leitende Beamte bei der Securitate, in der Partei, bei der Miliz, Armee und in der Verwaltung. Dazu brauchte man nur eine „gesunde soziale Herkunft“. Evakuierte aus Elisabethstadt schaufeln Schotter ...Evakuierte aus Elisabethstadt schaufeln Schotter aus der Kokel. Man hatte 1950 Kronstadt in Stalinstadt umbenannt und das Land in 16 Regionen unterteilt. Kronstadt wurde Verwaltungssitz der Region Stalin und all die weiter oben genannten hohen Beamten brauchten nun schöne, große und zentral gelegene Wohnungen. Deshalb kam man auf uns Sachsen zu. Allerdings warf man auch Rumänen, Ungarn, Griechen und Juden aus ihren Wohnungen. Die überwiegende Mehrheit waren jedoch Sachsen. Warum man aber auch sächsische Bauern aus allen sächsischen Gemeinden des Burzenlandes aus ihren Höfen hinausgeschmissen hat, verstanden wir nicht. Aber die neuen landwirtschaftlichen Kollektiv- und Staatswirtschaften, die „Kulturheime“ usw. brauchten einen Sitz und deren Direktoren, der „Sektorist“ der Miliz, der Parteisekretär und der neue Bürgermeister eine Wohnung. bzw. ein Büro. Mich hat einmal hier in Deutschland jemand gefragt, warum wir nicht beim Staat gegen diese Zwangsevakuierungen protestiert haben, aber solche Fragen konnte nur jemand aus Westeuropa stellen, der vom Kommunismus keine Ahnung hat. Im Ostblock stellte man keine Fragen.

Die Idee der Zwangsevakuierungen stammte von Hannah Rabinsohn und Lukacs Lászlo, Regierungsmitglieder, die später Ana Pauker und Vasile Luca hießen. Ana Pauker hatte die Macht und den nötigen Deutschenhass, um all das durchzusetzen, und so waren die Zwangsevakuierungen etwas ganz Legales, denn man verfuhr nach dem Dekret Nr. 239 aus dem Jahr 1952, dessen Text komischerweise nach der Wende 1989 nirgends mehr gefunden wurde. So wie Walter Ulbricht für die spätere DDR in Moskau ausgebildet wurde, so wurde Ana Pauker für Rumänien ausgebildet und im Jahre 1949 schickte man sie nach Bukarest mit dem Auftrag, die Securitate aufzubauen. Das tat sie auch mit dem Ergebnis, dass alle zehn Sektionen dieser Institution von sowjetischen Staatsbürgern geleitet wurden, die allesamt NKWD-Offiziere waren und aus Moskau dirigiert wurden. Die Securitate wurde mit der Zeit die meistgefürchtete Organisation für die rumänische Bevölkerung, war aber für die kommunistische Regierung überlebenswichtig, bis sie 1989 diese vor der politischen Pleite nicht mehr retten konnte.

Wie ging es mit der Evakuierung weiter? Man warf also auch von den Burzenländer Gemeinden Sachsen von ihren Höfen heraus. Wie löst man einen Bauernhof in drei Tagen auf? Aus Heldsdorf wurden beispielsweise 22 Familien evakuiert – alles nur Sachsen – Kaufleute, Mühlenbesitzer, Fabrikanten und Bauernfamilien. Eine Frau schrieb: „Wir hatten in Heldsdorf eine Bauernwirtschaft. Von unseren sechs Kindern waren noch vier in der Schule. Mein Mann wurde 1945 in die Sowjetunion deportiert. In den Jahren 1945-1946 hat man uns den Grund enteignet, das Vieh und alle landwirtschaftlichen Maschinen genommen. Wir mussten das tägliche Brot als Tagelöhner verdienen. Auf unseren Hof und in die Ställe war die Staatsfarm eingezogen. Im Jahre 1948 erhielt ich die Nachricht, dass mein Mann in der Sowjetunion gestorben war. Am 2. Mai 1952 bekamen wir von der Miliz den Befehl, in drei Tagen das Haus zu verlassen.“ Nachdem die Frau versucht hatte, sich erst in Schäßburg und danach in Mediasch niederzulassen, landete sie zuletzt in Elisabethstadt, wo man ihrer Familie einen Hühnerstall als Quartier zuwies. Sie schreibt weiter: „Wir mussten zuerst die Hühner ausquartieren und dann den ärgsten Schmutz beseitigen. Am nächsten Tag strichen wir die Wände mit Kalk und pferchten dann die Sachen hinein. Als erstes kauften wir Mausefallen, denn Mäuse, Ratten und Nacktschnecken waren dort in Massen.“

Eine Kronstädterin aus der Brunnengasse berichtete: „Ich sollte unterschreiben, dass ich die Wohnung freiwillig räume. Ich habe mich geweigert. Und wurde dann auf der Blumenauer Miliz in den Keller gesperrt und handgreiflich bedroht. Weil meine beiden Kinder allein in der Wohnung geblieben waren, habe ich dann unterschrieben.“

Wir waren nach drei Tagen fertig mit dem Packen und der gemietete Streifenwagen stand gerade zum Aufladen der Möbel und des Hausrats vor dem Haus. Da kamen, wie von einem guten Geist geschickt, ein paar Jugendliche und halfen uns aufladen, denn meine Mutter und ich allein hätten das nicht gekonnt. Es waren Honterusschüler und Prof. Franz von Killyen, der Rektor der Honterusschule, hatte sie vom Unterricht befreit, damit sie den vielen Evakuierten in der Stadt helfen konnten. Aber das war ein „Fehler“, denn er half indirekt den Sachsen, die eben zu Klassenfeinden deklariert wurden. Das kostete ihn den Rektorposten und sein Lehrerdeputat. Christof Hannak ...Christof Hannak Unser Zwangsaufenthaltsort sollte Târgu Secuiesc sein. Von Kronstadt bis zu dieser ungarischen Kleinstadt waren es 60 km und die hätte ein Güterzug in zwei Stunden zurückgelegt. Wir brauchten dafür aber zwei Tage, denn in der ersten Nacht manövrierte man unseren Waggon nur am Bahnhof hin und her, damit wir darin nicht schlafen können. Auch in Sepsiszentgyörgy (Sfântu Gheorghe) verbrachten wir einen halben Tag, aber am späten Nachmittag des zweiten Tages kamen wir in Târgu Secuiesc an. Wir mussten gleich abladen, um nicht noch einen Tag für den Waggon zahlen zu müssen. Man wies uns einen Platz an, wo der Staub 10-15 cm hoch lag. Dann fing es an zu regnen. Man kann sich kaum vorstellen, wie durch Einwirkung dieses Meeres von Morast unsere Polstermöbel und die polierten Schränke nachher ausgesehen haben!

Ungarische Frauen aus der Stadt hatten von unserem Schicksal gehört und brachten uns Butterbrote auf den Bahnhof. Aber nur am ersten Tag. Monate später erfuhren wir durch Zufall von der Frau, die uns die Butterbrote gebracht hatte, die uns nun auf der Straße erkannte und die Kassiererin beim Kino war, dass man ihr gedroht hatte, ihre Stelle zu verlieren, wenn sie uns noch Butterbrote bringen würde.

Wir bekamen Buletine (Personalausweise), bei denen unter dem Passfoto „D.O.“ (domiciliu obligatoriu = Zwangsaufenthalt) stand und als Zusatz auf einer der Folgeseiten das Dekret 239/1952 eingetragen war. Wir mussten uns fortan zweimal im Monat bei der Miliz melden, durften den Ort im Umkreis von 5 km nicht verlassen, niemand durfte sich in seinem Beruf irgendwo anstellen lassen, Jugendliche durften keine Schule mehr besuchen. Das tägliche Brot durfte man nur als Tagelöhner verdienen. Die Einschränkungen der vom Zwangsaufenthalt Betroffenen waren in anderen Ortschaften ähnlich. Meine Mutter strickte und häkelte gegen Bezahlung. Ich ging morgens und abends mit einem selbst gebastelten Handwagen zum Bahnhof und führte den Reisenden für ein Trinkgeld das Gepäck in die Stadt. Die Frau des Gymnasiallehrers Wachner leistete Schwerstarbeit für Männer in einem Steinbruch, nachdem man ihrem Mann die Rente gestrichen hatte. Ein Schulfreund, der in Covasna evakuiert war, befasste sich mit Kesselflicken. Ein anderer zersägte am Bahnhof Brennholz in Scheite und bekam 4 Lei für ein Raummeter. Für das Verladen des zersägten Brennholzes in Waggons bekam er 9,90 Lei pro Tonne und ein Waggon fasste 10 Tonnen. Eine spätere Abendschulkollegin von mir wurde Schweinehirtin, nachdem sie die Ausbildung als Baufachschülerin wegen der Evakuierung abbrechen musste. Andere arbeiteten in einer Hühnerfarm, in einer Baumschule oder Gärtnerei, beim Torfstechen, Schotter aus der Kokel schaufeln usw. Die Evakuierungen standen in keinem Verhältnis zur Deportation in die Sowjetunion, aber sie waren auch für uns ein schwerer Schicksalsschlag. Man verlor plötzlich die Wohnung, den Arbeitsplatz, das Einkommen, den vertrauten Heimatort, den ganzen Freundes- und Verwandtenkreis, man war verbannt, gedemütigt, eingeschränkt, musste die Schulausbildung abbrechen, durfte keine weitere Schule besuchen und der Komfort sackte ab auf Plumpsklo, Ziehbrunnen, Holzheizung. Meine Brüder studierten zum Zeitpunkt der Evakuierung außerhalb Kronstadts. Wir mussten die offizielle Verbindung zu ihnen sofort abbrechen, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleiden wie wir.

Im März 1954, also nach zwei Jahren Zwangsaufenthalt, kamen die meisten Evakuierten wieder frei. Wir auch. Wir bekamen neue Buletine ohne den D.O.-Stempel. Aus Platzmangel kann ich hier leider nicht beschreiben, was für Folgen die Zwangsevakuierung für mich hatte. Sie waren haarsträubend und typisch für die Zeit. Sie hatten für viele böse Folgen. Auch kam die Evakuierung für manche zu anderem dazu; anschließend an die Deportation in die Sowjetunion, oft auch nach den Enteignungen. Manche mussten nach der Evakuierung noch zwei bis drei Jahre Militärdienst „bei der Schaufel“ oder im Bergwerk machen. Alle mussten aber sehen, wie sie in ihren früheren Wohnort zurückkamen, wie sie wieder einen Arbeitsplatz und eine Wohnung fanden und wie sie die abgebrochene Schulausbildung der Kinder irgendwie zu einem Abschluss brachten.

Die Zwangsevakuierungen fanden ein Jahr nach den Deportationen 1951 aus dem Banat in die Bărăgansteppe statt. Es gab natürlich auch Übergriffe. So wurden auch Personen aus Mühlbach und Mediasch evakuiert. Die meisten Evakuierten landeten in Elisabethstadt. Die Zahlen sind ungenau und unvollständig. Aus Wolkendorf wurden sieben Familien evakuiert, davon fünf sächsische, in Brenndorf waren es etwa 70 Personen, durchwegs Sachsen, aus Heldsdorf wurden 91 Personen evakuiert (alles Sachsen) und aus Neustadt 25 Familien. Unter den Sachsen kam man auf 1500 bis 2000 evakuierte Personen. Mit Rumänen, Ungarn und anderen zusammen sollen es laut neuem Geheimdienst S.R.I. insgesamt 9000 Personen gewesen sein.

Man kann hier nicht alles erzählen, was den Evakuierten so passiert ist, aber ein paar Fälle möchte ich doch erwähnen, die zum Himmel schreien. Jemand trieb mit einem alten Ehepaar Spott und ließ es auf die Liste der zu Evakuierenden mit Zielort Tg. Secuiesc setzen. Das alte Ehepaar hatte kein Geld für ein Transportmittel und so gingen sie die 60 km zu Fuß bis nach Tg. Secuiesc, hinter sich einen Handwagen mit ihren Habseligkeiten ziehend. Am Zielort stellte sich der Irrtum heraus und sie kehrten zu Fuß nach Kronstadt zurück. Ein anderer Fall: Eine junge Kronstädterin hatte geheiratet, besaß aber kurz nach der Evakuierung noch das Buletin ohne den D.O.-Stempel mit dem Mädchennamen und fuhr damit schwarz zu ihrem Mann nach Kronstadt. Sie wurde erwischt, kam schwanger ins Gefängnis, wo sie ihr Kind zur Welt brachte. Ein dritter Fall: Eine Kronstädter Familie, die ihre Wohnung innerhalb von 48 Stunden räumen musste, landete in Elisabethstadt. Kurz nach ihrer Ankunft kam es, vermutlich auf Grund einer Anzeige, zu einer Hausdurchsuchung. Die Miliz fand lediglich zwei leere Brieftaschen, auf denen aber der Name einer reichen Familie in der Verwandtschaft stand, die nach Deutschland ausgereist war. Das war Grund genug, den 55-jährigen Familienvater zu verhaften und an den Donau-Schwarz-Meer-Kanal zu schicken. Dort starb er, aber die Miliz in Elisabethstadt wartete mit der Todesnachricht, um sie der Familie am ersten Weihnachtstag zu überbringen. Ein besonders tragischer Fall war der von Erwin Neustädter, der in einem Gedicht den Kontrast zwischen der Zwangsarbeit der Evakuierten am Feld und den vorbeifahrenden Zügen, in denen Menschen saßen, die in den Urlaub fuhren, geschildert hat. Wegen dieses Gedichtes kam er nach der Evakuierung ins Gefängnis. Die Jahre als Tagelöhner während der Zwangsevakuierung haben bei fast allen wegen der Lücke bei den Dienstjahren noch nach Jahrzehnten zu einer verminderten Rente geführt.

Nach all diesen Schikanen für die nach dem Krieg als vogelfrei erklärten Deutschen in Rumänien ist es kein Wunder, dass fast alle ausgewandert sind. Ja, sogar noch nach der Wende 1989. So waren es noch im Jahr 1990 allein über 100000. Zuletzt blieben von 786 000 Deutschen in Rumänien vor dem Zweiten Weltkrieg heute (2010) nur noch 60000 Deutsche, die in Rumänien leben, wie Erika Steinbach in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Die Macht der Erinnerung“ schreibt.

Christof Hannak

Schlagwörter: Burzenland, Zeitzeugenberichte

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