12. Mai 2013

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Wertvolle Zeitdokumente digitalisiert

Bildquellen sind ein zentraler Teil des dokumentarischen Gutes, bieten sie doch konkreten, anschaulichen Einblick in längst vergangene Zeiten. So bildet das Foto-Archiv des Siebenbürgen-Instituts in Gundelsheim einen der kostbarsten Bestände und wird als unverzichtbarer Teil des siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes angesehen. Hier werden Lichtbildaufnahmen seit dem Beginn der Fotografie gesammelt, wobei einerseits der Bestandsumfang im Laufe der Jahrzehnte immer mehr zunimmt, andererseits sich die Trägermedien von Metall und Glas über Papier und verschiedene Filmformen hin zum digitalen Bild wandeln. Bedeutende historische Bestände ab Ende des 19. Jahrhunderts bestehen als Glasplatten, von denen Papierabzüge anzufertigen nicht nur aufwendig und teuer ist, die aber auch durch Bruch und Ablösung der Belichtungsschicht akut gefährdet sind.
So sind im Siebenbürgen-Institut in den vergangenen Jahren mehrere Projekte durchgeführt worden, um die wichtigsten Teilbestände der Glasplattensammlung zu sichern und der Nutzung als Digitalisate zugänglich zu machen. Nach Förderungen durch das Innenministerium des Landes Baden-Württemberg hat zuletzt im Jahr 2012 der Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien ein entsprechendes Projekt übernommen.

Dank dieser Förderung konnten von August bis Dezember 2012 mehr als 1.500 Foto-Glasnegative und -positive digitalisiert und erfasst werden. Insgesamt wurden Bestände von 23 Spendern und Spenderinnen eingescannt, darunter Platten aus so bekannten Ateliers wie dem der Fotografen Emil und Josef Fischer aus Hermannstadt oder demjenigen von Heinrich Gust aus Kronstadt. In einigen Fällen lässt sich nicht mehr nachvollziehen, ob die Spender auch gleichzeitig die Urheber der Bilder waren; daher ist nicht bekannt, ob auch Frauen unter den ­Fotografen waren. Für die Geschichte der Fotografie in Siebenbürgen sind es allemal charakteristische Stücke, die darüber hinaus aussagekräftige Bilder unserer Vergangenheit sind, ein Fundus für Buch- und Aufsatz-Illustrationen, für Forschungen zur Ethnologie oder Architektur der vergangenen Zeiten.

Zu Beginn der 1850er Jahre wurde erstmals Glas als Trägermaterial in der Fotografie verwendet. Die im Siebenbürgen-Institut lagernden Glasnegative sind vermutlich allesamt Gelatinetrockenplatten, die ab den 1880er Jahren in großem Stil industriell produziert wurden: Lichtempfindliches Silberbromid wurde durch eine Gelatine-Emulsion mit der Glasplatte verbunden und war dadurch handhabbar. Der Vorteil gegenüber der davor üblichen Kollodium-Nassplatte war, dass die lichtempfindliche Schicht nicht mehr vor jeder Aufnahme selbst hergestellt und auf das Glas aufgetragen werden musste; die fertig beschichteten Platten konnten vor dem Belichten gelagert und auch besser transportiert werden.

Der überwiegende Teil der Glasträger im Bildarchiv des Instituts sind Schwarz-Weiß-Glasnegative, es gibt jedoch auch schwarz-weiße und kolorierte Glaspositive. Die Plattengrößen variieren von 6 x 9 cm bis 18 x 24 cm.Mitarbeiterinnen des Kinderschutzvereins ...Mitarbeiterinnen des Kinderschutzvereins Hermannstadt und Kinderarzt Dr. Wilhelm Hager (ca. 1933). Glasnegativ von Emil oder Josef Fischer Der Schwerpunkt der Aufnahmen von Emil (1863-1975) und Josef Fischer (1898-1985) liegt auf den gesellschaftlichen Ereignissen in Hermannstadt: Von kirchlichen Feierlichkeiten wie der Amtseinführung von Bischof Glondys über Majalisumzüge und Veranstaltungen der rumänischen „Oastea Domnului“-Partei („Armee des Herrn“), den Sachsentag 1933, Versammlungen der NEDR-Bewegung bis zu sportlichen Ereignissen wie Schauturnen oder Radrennen ist alles zu finden. Auch den Besuch der rumänischen Königin Maria im Jahr 1919 in Hermannstadt hat Emil Fischer festgehalten. Eine ganze Serie von Fotos präsentiert die kleinen Bewohner, die Pflegerinnen und Räume des Waisenhauses des Kinderschutzvereins. Die Negativplatten und Abzüge der Brüder Fischer im Archiv des Siebenbürgen-Instituts sind jedoch nur ein kleiner Teil ihres Bildnachlasses. Der überwiegende Teil befindet sich im Teutsch-Haus sowie im Brukenthal-Museum in Hermannstadt. Die Digitalisierung der Gundelsheimer Fotografien ermöglicht es nun, die Bestände virtuell zusammenzuführen und der Forschung die Möglichkeit zu geben, alle erhaltenen Bilddokumente dieser bedeutenden Künstler für ihre Dokumentationen oder Illustrationen zu nutzen.

Die wichtigsten Motive der Glasnegative von Heinrich Gust (1887-1969), Kronstadt, sind sicher die Innen- und Außenaufnahmen der ehemaligen „Hess“-Süßwarenfabrik in Kronstadt. In gestochen scharfen Bildern sieht man Frauen und Männer bei der Arbeit an glänzenden, wuchtigen Maschinen oder beim Befüllen der Schachteln von Hand. Andere Fotografien zeigen u.a. repräsentative Wohnbauten und Kronstädter Wahrzeichen wie das Katharinentor.

Fotografien von Oskar Netoliczka, Josef Glatzl und Adolf Höhr


Die wichtigsten Plattenbestände, die 2012 digitalisiert wurden, sind neben den oben genannten die des Kronstädter Fotografen Oskar Netoliczka sowie der Amateurfotografen Josef Glatzl und Adolf Carl Höhr. Die meisten Fotografien stammen aus den 1920er und 1930er Jahren; einzelne Aufnahmen wurden in den 1940er Jahren erstellt. Der Großteil von Adolf Höhrs Lichtbildern ist um 1910 entstanden.Maisschälen in Siebenbürgen (ca. 1902). Das ...Maisschälen in Siebenbürgen (ca. 1902). Das kolorierte Glasdia von Adolf Höhr, gespendet von Dr. Gerhard Schullerus, gehört zu den über 1 500 Fotos, die in Gundelsheim digitalisiert wurden. Eine ansehnliche Reihe sehr guter Lichtbilder von Kirchenburgen und Stadtkirchen stammt von Oskar Netoliczka (1897-1970). Der 2011 verstorbene Kronstädter Günther Volkmer überließ dem Bildarchiv u.a. eine Serie von Platten, die ebenfalls von Oskar Netoliczka belichtet wurden. Diese Sammlung enthält vor allem qualitativ gute und sehr ästhetische Aufnahmen aus den Karpaten. Besonders reizvoll sind hier die Winterbilder mit ihren scharfen Kontrasten.

Von Gertrud Dück erwarb das Institut den Bildnachlass von Josef Glatzl. Der gebürtige Österreicher, in der Zwischenkriegszeit in Kronstadt lebend, erkundete mit Motorrad und Kamera große Teile Siebenbürgens. Ihm gelangen ebenfalls gute Aufnahmen vieler Kirchenburgen.

Von Adolf Höhr (1869-1916), Mathematik- und Physiklehrer am Schäßburger Bischof-Teutsch-Gymnasium, stammen unsere vermutlich ältesten Glasnegative und kolorierten Dias. Etliche Bilder zeigen Alt-Schäßburger Straßenzüge und -gebäude; öfter noch hat Höhr in den 1900er Jahren seine Familie und sein Sommerhaus mit Garten aufgenommen. Er fotografierte auch auf zwei Schulreisen, die er nach Budapest, Italien und Kroatien sowie in den Westen Rumäniens unternahm; unter anderem zu den Basaltfelsen von Detunata.

Aus der Höhr-Sammlung stammt auch unsere bisher einzige Aufnahme vom Maisschälen in Siebenbürgen – für ein Gebiet, in dem seit Generation Mais zu den Grundnahrungsmitteln gehört, ein wichtiges Dokument.Croquet-Spiel in den 1930er Jahren, Glasnegativ ...Croquet-Spiel in den 1930er Jahren, Glasnegativ eines unbekannten Fotografen. Unter den Glasnegativen, die Pfarrer Dr. Christian Weiss dem Institut überließ, ist eine weitere Rarität: Es zeigt ein Croquet-Spiel auf einem siebenbürgischen Dorf, vermutlich in den 1930er Jahren. Die Platte war bei der Übergabe bereits in kleine Teile zerbrochen, sodass durch die Digitalisierung die wertvolle Bildinformation gesichert werden konnte. Weitere Hinweise zu den beiden hier gezeigten Fotos nehmen wir gerne entgegen.

Auf der Homepage des Siebenbürgen-Instituts (www.siebenbuergen-institut.de) wird in Kürze eine Auswahl der digitalisierten Plattenbestände präsentiert. Die Bilddateien können gegen eine Gebühr erworben werden.

Im Foto-Archiv des Siebenbürgen-Instituts werden natürlich auch weiterhin fotografische Zeugnisse jeder Art gesammelt, ob als Einzelaufnahme, Fotoalbum oder Diasammlung. Bitte denken Sie daran und senden Sie Fotografie-Spenden, zumal ältere, möglichst mit Angaben von Inhalt (Ort, Personennamen), Jahr und Fotograf an das Siebenbürgen-Institut, Schloss Horneck, 74831 Gundelsheim/Neckar.

Jutta Fabritius

Schlagwörter: Fotografie, Digitalisierung, Siebenbürgen-Institut, Gundelsheim

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