25. Mai 2013

Zum Tod des Journalisten Walter Drodtloff

So mancher Hörer und Zuschauer der Deutschen Sendung im Rumänischen Rundfunk und Fernsehen wird sich an Walter Drodtloff als einfühlsamen, kompetenten und sprachgewandten Journalisten, Reporter und Moderator noch erinnern. Nun ist er für immer verstummt. Walter Drodtloff verstarb am 30. April im Siebenbürgerheim in Rimsting am Chiemsee im Kreise seiner Familie.
Die Nachricht von seinem unerwarteten Tod hat mich sehr betroffen gemacht. wir kannten uns seit unserer Studienzeit Anfang der 1950er Jahre im Fach Germanistik an der Philologischen Fakultät der I.C. Parhon-Universität in Bukarest. Es waren nicht die schönsten Jahre, die man sich als Student wünschen konnte, denn zu jener Zeit war der Stalinismus in Rumänien noch in seiner Blütezeit. Unbeliebte Unterrichtsfächer wie Marxismus-Leninismus, Dialektischer Materialismus, standen im Stundenplan und die konnten nur mit einem Examen abgeschlossen werden. Außerdem gab es ständig „Erziehungsmaßnahmen“ und sogar Drohungen von der kommunistischen Jugendorganisation (UTM), die die Stimmungslage nicht verbesserten. Walter übte in dieser Hinsicht Gelassenheit. Die Mitgliedschaft in der Jugendorganisation hatte er verweigert und hielt sich an die Devise: „Nicht alles so ernst nehmen!“ Für jede heikle Situation fand er einen guten, meist ironischen Spruch.

Walter Drodtloff wurde am 11. Januar 1931 in Sălişte (Großdorf bei Hermannstadt) geboren, wo die Familie seiner Mutter lebte (als einzige deutsche Familie im Dorf). Nach der Geburt des Sohnes kehrte sie nach Hermannstadt zurück, wo Walter aufwuchs und die Schule besuchte. Mit sieben Jahren verlor er die Mutter. Seine Lieblingstante wurde seine Ziehmutter. Walters Vater, Friedrich Drodtloff, gebürtiger Mediascher, zog bald darauf nach Bukarest. Dort übernahm er als sachkundiger Malermeister mit seinen Gehilfen Sanierungsarbeiten an öffentlichen Gebäuden, alten Schlössern und Herrschaftshäusern. Walter sollte später gelegentlich beim Vater auch Hilfsarbeiten übernehmen, um so seine Studentenkasse aufzubessern. 1941 bis 1948 besuchte er das Brukenthal-Gymnasium, konnte es aber nicht beenden, da es nach der Schulreform von 1948 aufgelöst wurde. Er entschloss sich, als Arbeiter in ein Hermannstädter Bauunternehmen einzutreten, um auf diese Weise seinen sozialen Status zu verbessern, was für die Aufnahmeprüfung in eine Hochschule von Bedeutung sein konnte. Das Gymnasium beendete er im Fernunterricht am Hermannstädter Gheorghe-Lazăr-Lyzeum 1951 mit der Bakkalaureatsprüfung.
Walter Drodtloff (1931-2013) ...
Walter Drodtloff (1931-2013)
Anschließend zog er nach Bukarest und stellte sich zur Aufnahmeprüfung in der Fakultät für Pädagogik und Psychologie der I.C. Parhon-Universität. Er wurde dort Student, kam aber nach einigen Semestern zur Einsicht, dass ihn das Studium der Pädagogik nicht befriedigte, und wechselte im Herbst 1953 zur Philologischen Fakultät und wurde Student der Germanistik. Sein Lieblingsfach war Deutsche Literatur, wobei die Weltliteratur (nach den damaligen Möglichkeiten) auch seine Zuneigung fand.

Während der Studienzeit entdeckte er unter den Kolleginnen unseres Jahrgangs der Germanistik seine große Liebe: Didina Dinca. 1954 heirateten sie und führten seither eine glückliche Ehe. Die Geburt ihrer Tochter Brigitte vervollkommnete ihr Glück.

Mit dem Staatsexamen wurde unsere fünfjährige Studienzeit 1957 beendet und jeder ging fortan seiner Wege. Walter fand gleich eine Anstellung als Methodiker im Friedrich-Schiller-Kulturhaus von Bukarest. Schon ein Jahr später bewarb er sich um eine Stelle in der Redaktion für die Deutsche Sendung bei Radio Bukarest. Er wurde übernommen und war zunächst als Übersetzer und Redakteur in der Auslandsabteilung tätig. Später wechselte er in die Inlandsabteilung, die seinen Vorstellungen von der Arbeit für Rundfunksendungen eher entsprach. Er führte u. a. Interviews mit Personen aus den verschiedensten Bereichen, die etwas Besonderes geleistet hatten, etwas Neues entdeckt, eine neue Methode im Unterricht ausprobiert hatten. Seine Art zu fragen kam gut an, wobei er meist das Persönliche in den Vordergrund stellte, etwa Familienleben, besondere Interessen und Vorlieben und dann natürlich auch die Frage, was sie bzw. ihn bewogen habe, die eine oder andere Neuerung vorzunehmen, einen Zustand zu verändern usw.

Ein Interview, das Walter besonders am Herzen lag, führte er mit einem der bekanntesten siebenbürgisch-sächsischen Maler, dem Hermannstädter Hans Hermann. Beide waren erfreut, dass es zustande gekommen war, denn sie kannten sich seit Walters Gymnasialzeit, als Hermann sein Zeichenlehrer war. Es war ein sehr persönliches Gespräch (das übrigens noch im Archiv des Rumänischen Fernsehens zu finden ist), an dessen Ende der Maler seinem ehemaligen Schüler zwei Bilder schenkte.

Ein Erlebnis besonderer Art war für Walter ein Interview, das er mit einer international bekannten Persönlichkeit führen konnte: Udo Jürgens. Der berühmte Sänger hatte in Bukarest Konzerte gegeben und sich in einer Pause mit Walter zu einem Gespräch verabredet. Es war übrigens das erste Interview, das Udo Jürgens in einem Ostblockstaat gegeben hatte, und Walter stellte dem großen Sänger viele persönliche Fragen.

In der Sommerzeit war Walter oft an der Schwarzmeer-Küste, wo er als Reporter für Radio Vacanta im Einsatz war. Diese Feriensendung war sehr beliebt, es gab sie auch in deutscher Sprache, und wurde von Urlaubern aus der damaligen DDR gerne gehört. Walter hat mit einigen von ihnen Interviews geführt und dabei ihre musikalischen Wünsche erfüllt. Dabei konnte er einen Trick anwenden und etwas „westliche“ Musik auflegen. Zwischendurch verfasste Walter auch Kurztexte für die Karikaturserie des berühmten Helmut Lehrer in der Zeitung Neuer Weg, deren ironischer Zug ihre Wirkung bei den Lesern nicht verfehlte.

Bei der Einführung der Deutschen Sendung ins Rumänische Fernsehen im Jahr 1969 war Walter Drodtloff einer der ersten Redakteure, Fernsehreporter und Moderatoren, somit ein Mitgestalter der ersten Stunden. Hauptthemen, die in seinen Bereich fielen, waren Schulen, Kulturveranstaltungen, Theatervorstellungen, Jubiläumsfeiern usw. Mit Kameraleuten machte er sich immer wieder auf den Weg durch Siebenbürgen, stellte Reportagen her, führte Interviews, besuchte Ferienlager und Konzerte von Schülern. Aufgrund seiner Verdienste wurde Walter 1974 zum Hauptredakteur befördert, eine Stelle, die er bis 1981 einnahm. Wegen des Antrags auf Ausreise aus Rumänien wurde er in die Verwaltung versetzt und schließlich fristlos entlassen.

1983 konnte er mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Hier fand er in Ulm ein neues Zuhause und eine Stelle als Journalist bei der Südwestpresse, die er zwischen 1984 und 1993 bekleidete. Zu Beginn gehörte er der Kulturabteilung an, bis zu dem Zeitpunkt, als seine Besprechung einer Theaterpremiere erschien, die er fachgerecht, aber heftig kritisiert hatte. Leider war der Regisseur des Stückes ein Medienliebling und diese Kritik „unangemessen“. Das war eine Ernüchterung für Walter, denn er musste feststellen, dass die Pressefreiheit auch in der Bundesrepublik in bestimmten Fällen relativ war. Danach wurde er auf verantwortlichen Posten in die Lokalredaktion von Langenau, später Göppingen versetzt. Mit Eintritt ins Rentneralter begann seine schönste Zeit in der neuen Heimat. Vor allem genoss er es, Großvater zweier Enkelinnen zu sein. Daneben widmete er sich mit großer Begeisterung seinen Hobbys: Fotografie und Schreinerei.

Vor fünf Jahren erkrankte Walter an Demenz. Als der Erkrankte intensivere Pflege benötigte, zog das Ehepaar nach Rimsting am Chiemsee, ins Siebenbürgerheim. Mitte April bekam er einen Infekt, der kurze Zeit später eine unheilbare Lungenentzündung auslöste. Der geschwächte Körper konnte das nicht verkraften. Möge der Heimgegangene nun seine ewige Ruhe finden.

Heinrich Mantsch

Schlagwörter: Nachruf, Journalist

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