7. Juni 2013

Kontrollwahn und Mut zur Menschlichkeit: Călin Peter Netzers Film "Mutter und Sohn" in deutschen Kinos

Vieles lässt sich Cornelia von ihrem bereits 34-jährigen Sohn Barbu gefallen: Flüche und Schimpfworte, offensichtlichen ins Gesicht geschrienen Hass. Auch die kontinuierlichen Ermahnungen ihres Mannes und ihrer Schwester, den Sohn etwas mehr loszulassen, überhört sie geflissentlich. Dem „Jungen“ muss geholfen werden, ob er will oder nicht. Selbst sein Mobiliar, seine Privatlektüre, seine Lebenspartnerin werden kritisch beäugt, die Putzfrau wird als Spionin missbraucht. Mehr die Mutter und weniger der Sohn kommen im preisgekrönten Film Călin Peter Netzers über gegenseitige Abhängigkeiten vor, jedoch keiner in gutem Lichte.
Der im Kindesalter nach Deutschland umgesiedelte Regisseur Călin Peter Netzer kehrte nach der Revolution von 1989 zum Studium nach Rumänien zurück. Für seinen erst dritten Spielfilm, „Mutter und Sohn” („Poziţia copilului“), wurde er bei der diesjährigen „Berlinale” mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Schon sein erster Film, „Maria”, erhielt internationale Preise. Neben Cristi Puiu oder Cristian Mungiu trägt Netzer zur Etablierung des neuen rumänischen Kinos bei, das das Bild Rumäniens in der europäischen Öffentlichkeit positiv verändert. Es erzeugt Transparenz und deckt schonongslos die Zustände eines unter Streit, Korruption und Armutsauswanderung leidenden Landes auf.

Die messerscharfen sparsamen Dialoge der fast musiklosen Handlung, das scharfkantige Bild der subjektiven Handkamera verleihen dem Film eine Direktheit, die es dem Zuschauer ermöglicht, ins schnörkellose Innenleben der „Mutter”, gespielt von der talentierten Luminiţa Gheorghiu, und der etwas zu stark in den Hintergrund getriebenen Nebenfiguren vorzudringen. Selbst der Sohn, Barbu, wird wenig gezeigt, über seine Handlungen und Motivationen kann der Zuschauer nur rätseln.

Als Barbu einen 14-jährigen Jungen mit dem Auto überfährt, löst der tödliche Unfall in der Mutter ein knallhartes Aktionsschema aus, das darauf abzielt, den Sohn vor möglichst viel Scherereien zu schützen. Die Schuldfrage interessiert sie überhaupt nicht, auch für die Mutter des Opfers hat sie kein Verständnis übrig. Die untersuchenden Ärzte, die Polizisten, die Gutachter werden alle peinlichst gemustert und in ihren Handlungen eingeengt, mittels psychischem Druck, finanzieller oder korrupter Gefälligkeiten. Diese Vorgänge zeichnen mit wenigen Pinselstrichen das Bild einer von Korruption druchtränkten Gesellschaft, die für Wahrheit und Menschlichkeit so gut wie keinen Raum lässt. Die der Oberschicht angehörende Cornelia Kereneş befindet sich am langen Hebel, wenn sie Briefumschläge mit Tausenden Euro verteilt oder weit „oben” angesiedelte Freunde zum Handeln bringt, wenn eine Autopsie beschleunigt, ein Gutachter ersetzt oder eine Zeugenaussage geändert werden soll. Fast sieht man als Zuschauer keine Rettung mehr für dieses undurchdringliche, er- und verkaufte Netz von teuflischen Machenschaften. Und dennoch erfährt der Film zum Ende hin eine menschliche Wendung, die ein letztes Fünkchen Hoffnung erlaubt: für die Mutter, für den Sohn und für das Land.

Der in jeder Hinsicht sehenswerte Film Netzers wertet nicht, er zeichnet peinlichst genau auf. Nach anfänglicher Langatmigkeit mit mitunter auch überflüssigen Langaufnahmen gewinnt er an Tempo. Außergewöhnlich ausdruckstark ist das Spiel von Luminiţa Gheorghiu, die bereits 2005 in Cristi Puius „Der Tod des Herrn Lăzărescu” überzeugte und in der aktuellen Verfilmung von Dan Lungus Roman „Sunt o babă comunistă“ (im Deutschen unter dem Titel „Die rote Babuschka“ erschienen) auch die Hauptrolle spielt. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit zeichnen pointierte Dialoge, Kamera und Nahaufnahmen ein Psychogramm, das auf einen für den Zuschauer einsichtsreichen Kern reduziert ist.

Hilde Ottschofski

Schlagwörter: Film, Rezension, Rumänien, Berlinale

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