28. April 2014

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Mitteleuropäischer Germanistenkongress in Erfurt: Wie kamen „rumäniendeutsche“ Texte über die Grenze?

Durch die Insellage der deutschen Literatur aus Rumänien gehören Grenze und Grenzüberschreitung zu ihren zentralen Erfahrungen. Diese wurden im Laufe der Zeit in unterschiedlichen Konstellationen ausgelebt: Vor hundert Jahren konnte man von deutsch Schreibenden an der Peripherie der Donaumonarchie sprechen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in verschiedenen Nationalstaaten wiederfanden. Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte neben dem Verlust der literarischen Landschaft der Bukowina zusätzliche Grenzen, Mauern, die staatliche Kontrollbehörden zur Steuerung und zum zweckdienlichen Einsatz von Literatur hochzogen. Die rumäniendeutsche Literatur überlebte zwar einige Jahrzehnte während der kommunistischen Diktatur in Rumänien, befand sich aber in einem kontinuierlichen Zersetzungsprozess.
Nachdem die Mehrheit der deutschen Schriftsteller aus Rumänien in der Bundesrepublik angekommen war, setzten Entwicklungen und Anpassungsprozesse ein, die auf die Besonderheit dieser Grenzüberschreitung hinweisen. Zum einen gehörte die Mehrheit dieser Autoren einem Literaturbetrieb an, der mit Verlagen, Zeitschriften und Zeitungen, Literaturkreisen und -kritikern sowie universitärer Lehre sich als funktionsfähig erwiesen hatte und in Techniken der verschlüsselten Aussage eingeübt war. Zum anderen wurde bei der Ankunft auf dem deutschen Literaturmarkt keine sprachliche, sondern nur eine politische und eine schwer definierbare kulturelle Grenze überschritten. Auch wenn diese Literatur keiner Übersetzung ins Deutsche bedarf, mussten die spezifischen Erfahrungen des europäischen Südostens in eine dem westlichen Leser verständliche Sprache „übersetzt“ werden.

Thematische und formale Umstellungen, die die Ankunft in der Bundesrepublik notwendig machte, standen im Fokus der Sektion „Spielarten der Ankunft. Die deutsche Literatur aus Rumänien nach der Übersiedlung“ beim 4. Kongress des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes mit dem breiten Rahmenthema „Zentren und Peripherien: Deutsch und seine interkulturellen Beziehungen in Mitteleuropa“. Der Kongress wurde vom Präsidenten des Mitteleuropäischen Germanistenverbandes, Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Csaba Földes, und seinem Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft vom 10.-12. April 2014 in Erfurt ausgerichtet. Veranstalter der Sektion zur deutschen Literatur aus Rumänien waren das Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde aus Tübingen und der Fachbereich Germanistik an der Universität Bukarest.

Die Referenten aus Deutschland, Italien, Rumänien und Ungarn fragten nach literarischen Ankunftsmustern und Sonderwegen, nach sich wandelnden Rezeptionskontexten in der Bundesrepublik und nach literarischen Entwicklungen in der Zeit „danach“. Mit einem vergleichenden Blick auf die stetig wachsende Anzahl von deutschsprachigen Migrantenautoren wurde die Poetik der „Zwischenräume“ in Werken von Rolf Bossert, Franz Hodjak, Johann Lippet, Horst Samson und Richard Wagner beleuchtet. Weitere Referate setzten Schwerpunkte auf Rose Ausländer, Andreas Birkner, Herta Müller und Peter Rosenthal.

Für den geplanten Sammelband sollen zusätzliche Beiträge gewonnen werden, die weitere Fallbeispiele aufgreifen, aber auch Fragen zur methodischen Herangehensweise an interkulturelle literarische Zeugnisse sowie zur Vermarktung dieser Literatur beantworten. Wünschenswert wäre auch, wenn Repräsentanten dieser Literatur mit ihren konkreten dichterischen und Alltagserfahrungen nach der Übersiedlung selbst zu Wort kämen.

Olivia Spiridon

Schlagwörter: rumäniendeutsche Literatur, Kongress, Germanistik, Erfurt

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