10. Juli 2016

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Bedeutender Pädagoge, Wissenschaftler, Schriftsteller - zum 120. Geburtstag von Dr. Otto Folberth

Aus heutiger Perspektive wird es vor allem eins sein, was von Dr. Otto Folberth in der nahen und fernen Zukunft bleiben wird: dass er die in seinen politischen Überzeugungen gerade heute bestürzend aktuelle Gestalt Stephan Ludwig Roths aus weitgehender Unerforschtheit und Vergessenheit für alle wieder sichtbar machte.
Otto Folberth wurde am 10. Juli 1896 als ältestes von fünf Kindern des Arztes Dr. Otto Folberth (1865-1943) und dessen Ehefrau Juliane, geborene Carthmann (1867-1956), in Mediasch geboren. 1914 legte er am Evangelischen Gymnasium seiner Heimatstadt die Reifeprüfung ab und meldete sich kurz danach als Kriegsfreiwilliger in die österreichisch-ungarische Armee. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges studierte er Germanistik, Romanistik, Philosophie, Kunstgeschichte und Theologie in Budapest, Berlin, Heidelberg, Klausenburg und Paris. In den Jahren 1921-1922 war er als Supplent für deutsche und französische Sprache und Literatur an seiner ehemaligen Schule tätig, wo er sich gleichzeitig für die pädagogische Prüfung vorbereitete, die er am 20. März 1922 in Klausenburg ablegte und damit die Qualifikation als Lehrer erwarb.

Am 24. Juni 1922 wurde er bei Professor Dr. Gustav Kisch an der Universität Klausenburg mit der Dissertation „Meister Eckehart und Laotse – ein Vergleich zweier Mystiker“ mit „summa cum laude“ zum Doktor der Philosophie promoviert. Im Wintersemester 1922/23 besuchte er die von Nicolae Iorga gegründete „École Roumaine en France“ an der Sorbonne-Universität in Paris, um seine französischen Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Von 1923 bis 1933 war er Professor, von 1933 bis 1938 Rektor und von 1938 bis 1947 wieder Professor am Evangelischen Gymnasium in Mediasch, das kurz vor seinem Eintritt den Namen des ehemaligen Rektors dieser Lehranstalt, Stephan Ludwig Roth, erhalten hatte, wo er deutsche und französische Sprache und Religion unterrichtete. 1923 heiratete er Gertrud Karres (1903-1997), Tochter des Mediascher Lederfabrikanten Samuel Karres (1874-1954), mit der er vier Söhne und eine Tochter hatte.

Neben seiner Berufstätigkeit am Gymnasium stellte Folberth seinen immensen Fleiß und seine Begabung immer wieder kulturellen und wissenschaftlichen Bestrebungen zur Verfügung. So übernahm er 1931 die Leitung des „Mediascher Deutschen Bühnenvereins“, dessen Aufführungen in ganz Siebenbürgen Aufsehen erregten und die Gründung des „Verbandes siebenbürgisch-deutscher Laienbühnen“ auslösten. Jahre hindurch gehörte Folberth auch zu den wesentlichen Mitarbeitern der von Heinrich Zillich 1924 gegründeten Zeitschrift „Klingsor“, die nicht nur den gesamtdeutschen, sondern auch einen völkerverbindenden Dialog mit ungarischen und rumänischen Intellektuellen suchte und fand. Dieser Dialog stützte sich vor allem auf Folberths enge Verbindungen zum ungarischen „Erdély-Helikon“ Kreis und zu dem rumänischen Historiker und Politiker Nikolae Iorga, an dessen Volkshochschule er mit zahlreichen Vorträgen in rumänischer Sprache aufgetreten war.

Es war ebenfalls Iorga, der sehr früh den Anstoß gab, in welcher Richtung sich Folberths wissenschaftliches Lebenswerk entfalten sollte. Die Frucht dieser Lebensarbeit ist die siebenbändige Stephan-Ludwig-Roth-Gesamtausgabe, die von 1927 bis 1964 erschien und den bis dahin verstreuten Nachlass des siebenbürgisch-sächsischen Reformpädagogen und Pfarrers Stephan Ludwig Roth in vier Jahrzehnten intensiven Forschens und Arbeitens zusammenfasste. Die persönliche Freundschaft und enge Zusammenarbeit zwischen Folberth und Iorga hatte auch auf politischer Ebene erhebliche Auswirkungen. So wendete sich Folberth im Frühjahr 1928 an den rumänischen Historiker und Politiker mit der Bitte, die Enteignung des Mediascher Marktplatzes rückgängig zu machen, auf dem die orthodoxe Kirchengemeinde der Stadt aus politischen Gründen eine große Kathedrale errichten wollte. Die Interpellation Iorgas vom 10. April 1928 an das rumänische Parlament, in der der Historiker die Pläne der Mediascher Rumänen als Vandalismus bezeichnete, führten zur Aufgabe dieses Vorhabens und retteten das mittelalterliche Bild der Stadt Mediasch.

In seinen Tagebüchern äußerte sich Folberth über politische Ereignisse nur als Chronist, so dass seine persönlichen Überzeugungen nur selten und eher indirekt sichtbar werden. Schon 1918 bekannte er nach der Veröffentlichung eines politischen Aufrufs an die siebenbürgisch-sächsischen Hochschüler in Budapest: „Auch hierbei sehe ich, dass mir der Stil des Politikers durchaus nicht liegt. Ich brauche zur Verfassung einer administrativen oder politischen Schrift viel mehr Zeit als zur Niederschrift eines Gedichtes.“ Rektor Otto Folberth mit einer Schulklasse des ...Rektor Otto Folberth mit einer Schulklasse des Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasiums in Mediasch, 1935. Foto: Siebenbürgen-Institut Er beteiligte sich am 8. Januar 1919 an den Beratungen des Sachsentages in der Aula seines Gymnasiums in Mediasch und gehörte zu dem kleinen Kreis derjenigen, die in der Resolution, in der sich die Siebenbürger Sachsen uneingeschränkt zum rumänischen Staat bekannten, einen historischen Fehler sahen, weil sie in diesen Staat kein Vertrauen hatten und in Siebenbürgen einen Bürgerkrieg befürchteten.

Die Missachtung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte der deutschen Minderheit durch die rumänischen Regierungen nach 1919 führte zu heftigen Auseinandersetzungen und zur Radikalisierung großer Teile dieser Minderheit. So gehörte auch Folberth zu der hohen Zahl von siebenbürgisch-sächsischen Intellektuellen und Politikern, die in der nationalsozialistischen Ideologie und im Machtaufstieg Hitlers in Europa einen rettenden Ausweg sahen. Voller Stolz berichtete er vom 9. November 1940, dem Tag der Gründung der NSDAP der Deutschen Volksgruppe in Rumänien im Traubesaal seiner Heimatstadt Mediasch. Doch von seinem ehemaligen Schüler, dem „jungen Volksgruppenführer Andreas Schmidt“ und dessen intellektuellen und rhetorischen Fähigkeiten war er überhaupt nicht begeistert. Während die Begründer der neuen NSDAP in der Mediascher Zeitung die Nürnberger Rassengesetze erläuterten, verzeichnete Folberth voller Abscheu die Gewaltakte der rumänischen faschistischen Legionäre gegen die jüdische Bevölkerung in seiner Heimatstadt und setzte sich dafür ein, dass die Häuser und Geschäfte der Juden unter den Schutz der Volksgruppe gestellt werden. In der Nacht vom 28. November 1940 bezog er selber Wache bei den jüdischen Familien Deutsch und Farkas, um sie vor Übergriffen durch die Legionäre zu schützen.

Otto Folberth gehörte vor dem Hintergrund seiner Familiengeschichte zum konservativen Kreis der Siebenbürger Sachsen, der geprägt war durch althergebrachte Traditionen und Werte, durch Erfahrungen einer Jahrhunderte alten Geschichte inmitten anderer Völker und Kulturen. Diese Erfahrungen hat er der nationalsozialistischen Ideologie nicht geopfert. Deshalb empfahl er in seiner Rolle als Kirchenkurator dem neuen Stadtpfarrer Gustav Göckler bei dessen Amtseinführung in Mediasch am 27. September 1941: „Es sei wichtig, dass der Geist seiner Vorgänger in ihn eingehe, um in demselben Geiste das Amt weiter zu führen, im Geist der sächsischen Heimat, dem es zu danken ist, dass der Bestand des Volkes gesichert wurde.“ Die Kritik der Mediascher Führung der NSDAP an der Ansprache Folberths ließ nicht lange auf sich warten, denn am 4. Oktober 1941 war in der Mediascher Zeitung Folgendes zu lesen: „Uns Nationalsozialisten scheinen Tradition und alter Geist nicht die rechten Formen zu sein, in denen der neue Stadtpfarrer das Amt führen soll. Es weht auch in Glaubenssachen ein neuer Wind und ein neuer Geist ist dabei, auch den Glauben der deutschen Menschen mit jenem tiefen Gotterleben zu erfüllen, das der deutsche Mensch ersehnt und braucht, um seine Sendung in der Welt als germanische Edelrasse bis in alle Ewigkeit zu erfüllen.“

Nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 diente Folberth als Kriegsberichterstatter in der mit dem Deutschen Reich verbündeten rumänischen Armee an der Ostfront. Nach dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 wurde er ohne Anklage mit weiteren 14 Sachsen aus Mediasch interniert. So verbrachte er vom 25. April 1945 bis zum 23. Oktober 1945 sechs Monate im Arbeits- und Aushungerungslager von Caracal, wo er jeden Glauben an die Zukunft seiner Volksgemeinschaft im neuen rumänischen Staat verlor. Nachdem er am 19. Februar 1946 erneut verhaftet wurde, setzte er sich im nachfolgenden Jahr mit seiner Familie nach Österreich ab, wo er in Salzburg eine neue Heimat fand. Hier ist er hochverehrt am 5. November 1991 verstorben.

Neben Karl Kurt Klein war Folberth einer der Wiederbegründer des 1842 gegründeten Siebenbürgischen Landeskundevereins, der als „Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde“ 1962 seine Arbeit in Deutschland aufnahm. Im Bemühen um eine wissenschaftliche Edition der Werke Stephan Ludwig Roths gelang es Folberth auch die kommunistischen Machthaber in Rumänien von einer ursprünglich feindlichen Haltung ihm gegenüber zu freundlichem Entgegenkommen umzustimmen. Während er 1958 im Bukarester „Neuen Weg“ mit Anspielung auf seine Aktivitäten in der Deutschen Volksgruppe noch als „faschisierender“ Roth-Forscher bezeichnet wurde, ehrte ihn 1969 dieselbe Tageszeitung als bekanntesten Stephan Ludwig Roth Experten und veröffentlichte mehrfach Interviews, Porträts und Beiträge von ihm.

Für sein umfangreiches Gesamtwerk, das auch seine literarische Vielseitigkeit einschließt, erhielt er 1971 den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis, 1976 den Georg-Dehio-Preis der Künstlergilde Esslingen, 1981 die Mozart-Medaille der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Stiftung zu Basel u.a. Seine Tagebücher, die eine persönliche Chronik aus 80 Jahren mitteleuropäischer Geschichte dokumentieren, wurden dem Siebenbürgen-Institut von dem in Südamerika lebenden Sohn Paul Folberth im Original und in digitaler Transkription übergeben.

Im Rückblick bleibt die tiefe Bewunderung für den unermüdlichen Fleiß, die Disziplin und die Vielseitigkeit dieses siebenbürgisch-sächsischen Forschers, der trotz eines beeindruckenden Gesamtwerkes von über 500 Titeln noch die Zeit aufbrachte, seinen Landsleuten in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland auch in täglichen Belangen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Hans Gerhard Pauer

Schlagwörter: Folberth, Mediasch, Jubilar, Geburtstag, Gundelsheim, Schloss Horneck, Pädagoge, Wissenschaftler, Schriftsteller

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