3. Januar 2017

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„Das Leben steht der Literatur entgegen“

Iris Wolff gilt als eine prominente siebenbürgische Autorin der jüngeren Generation. Am 23. November las die Schriftstellerin im Rahmen des „Siebenbürger Nachmittags“ in Fürth aus ihrem 2012 erschienenen Roman „Halber Stein“. Unmittelbar nach der Lesung führte Josef Balazs mit der aus Hermannstadt stammenden Pfarrerstochter das nachfolgende Interview.
Wir haben es eben gehört: In deinen Romanen und auch in den Erzählungen malst du mit viel Liebe das Bild der starken Großmutter. Woher nimmst du dieses Bild?
Es ist immer Dichtung und Wahrheit. Meine Figuren schaffen sich zu großen Teilen selbst, entwickeln auf dem Papier ihr Eigenleben und werden lebendig. Aber einiges stammt auch aus meinem Umfeld – ich kenne viele starke siebenbürgische Frauen. Das, was erlebt, gehört, beobachtet wird, verliert sich nicht und findet irgendwann Eingang in einer Erzählung oder in einem Roman.

In einer Mail schriebst du: „Das Leben steht der Literatur entgegen.“ Könntest du diesen Satz näher erläutern?
Wenn ich morgens an der kalten Bushaltestelle warte, ins Büro gehe, wenn ich in einer langen Schlage im Supermarkt stehe, wenn ich sehe, dass meine Wohnung gesaugt werden müsste, dann denke ich: Das Leben steht der Literatur entgegen. Das Leben will ja immer etwas von einem. Zum Glück. Es ist ein großes Glück, dass man Freunde, eine Wohnung, eine Arbeit hat. Aber das Schreiben braucht eine Art von Eingeschlossen-Sein, ein Für-sich-Sein, fast ein Eremitentum; das manchmal nicht kompatibel mit dem Leben ist. Ich muss tätig werden und aus der Welt der Phantasie wieder auftauchen. Das kann schmerzlich sein. Die Schriftstellerin Iris Wolff nach dem ...Die Schriftstellerin Iris Wolff nach dem Interview mit Josef Balazs. Foto: Elena Richard Du bist mittlerweile eine ganz bekannte Persönlichkeit. Zu Pfingsten 2016 beim Treffen der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl warst du eingeladen, aus deinem zweiten Roman zu lesen. Gleichzeitig war auch der Ministerpräsident Rumäniens, Dacian Cioloș zum Heimattag eingeladen. In seiner Rede in Dinkelsbühl, aber auch nachher in Ulm beim Treffen der Banater Schwaben, hat er aus deinem Roman „Halber Stein“ zitiert und dich namentlich erwähnt. Wie fühlt man sich ob so einer Ehre?
Ja (lacht), ich habe mich noch nie so berühmt gefühlt. Es freut mich, dass der „Halbe Stein“ seine Kreise zieht und so prominent erwähnt wurde. Mein zweiter Gedanke war dann: Hat er mein Buch gelesen, oder sein Redenschreiber? Aber ich habe mich sehr darüber gefreut, weil es mir ein Anliegen ist, dass meine Bücher und Erzählungen auch für die rumänischsprachige Bevölkerung zugänglich und erreichbar sind. Es gibt leider noch keine Übersetzung des „Halben Steins“, es gibt nur eine Geschichte, die dank deiner Initiative, lieber Josef, von Emil Cira ins Rumänische übersetzt wurde.

Auf seiner Homepage annonciert der Otto Müller Verlag in Salzburg für März 2017 ein neues Buch von dir: „So tun, als ob es regnet“. Könntest du etwas über dein nächstes Buch verraten? Übrigens, wer rumänisch spricht, hat sicherlich gemerkt, dass der Titel des Buches eine Übersetzung einer rumänischen Redewendung ist: „a se face că plouă“ (Publikum lacht).
Das ist eine so schöne Redewendung, wie ich überhaupt finde, dass das Rumänische sehr bildhafte und schöne Sprüche hat. Diese Redewendung – wir kennen sie alle – finde ich außergewöhnlich treffend: „So tun, als ob es regnet“. Wenn man so tut, als hätte man etwas nicht gehört, wenn man etwas nicht tun will, in sich versunken ist. Dieser Titel ist mir zugefallen, weil eine der Figuren sich durch diese Eigenschaften auszeichnet. Das Buch hat den Untertitel „Roman in vier Erzählungen“. Es sind vier Geschichten, die für sich funktionieren, aber man reist mit ihnen einmal durchs vergangene Jahrhundert und kann während der Lektüre entdecken, wie sie zusammenhängen. Der Roman beginnt in Siebenbürgen und endet woanders.

Wir sind gespannt auf dein neues Buch. Der Verlag kündigt an: „Iris Wolff hat ein poetisches und beglückendes Buch geschrieben, schonungslos, klug und sprachlich brillant.“ Wir danken für das Gespräch und freuen uns jetzt schon auf die Lesung in Nürnberg.

Schlagwörter: Lesung, Interview, Fürth, Iris Wolff, Literatur

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